mini|Ehepaar Weichmann auf dem SPD-Landesparteitag in Hamburg 1982 Elsbeth Freya Weichmann, geborene Greisinger (* 20. Juni 1900Seit 1919 wird das „Geburtsjahr 1902“ Elsbeth Weichmanns in offiziellen und nicht offiziellen Dokumenten verwendet, wie zum Beispiel im Amtlichen Anzeiger der Freien und Hansestadt Hamburg vom 25. Oktober 1957. Der erste falsche Eintrag entstand 1919 beim Ausstellen eines Taufscheines. Das Datum wurde nicht mit dem richtigen Geburtsjahr 1900, sondern mit 1902 angegeben. Es ist nicht bekannt, warum sie das falsche, etwa auch im Wer ist wer? von 1985 eingetragene, Datum weitergeführt hat, vgl. dazu: Ego: Gelebte Geschichte. S. 116 und dazugehörige Fußnote. in Brünn, Markgrafschaft Mähren; † 10. Juli 1988 in Bonn) war eine deutsche Politikerin der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Sie war seit 1928 mit dem späteren Ersten Bürgermeister Hamburgs Herbert Weichmann verheiratet. Um ihr Leben zu retten, emigrierten beide 1933 über Frankreich in die USA. Nach der Rückkehr aus dem Exil im Jahr 1949 widmete sie sich neben der Parteipolitik den Bereichen Verbraucherschutz, Frauenrechte und der Kulturpolitik. Sie war von 1957 bis 1974 Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft.
Von der Monarchie zur Republik mini|Geburtsstadt von Elsbeth Weihmann: Das mährische Brünn (Brno) Elsbeth Greisinger, verheiratete Weichmann, kam aus einer protestantischen Familie in der überwiegend katholischen Markgrafschaft Mähren. Ihr Vater war der Brünner Sparkassendirektor Richard Greisinger und ihre Mutter Theresa Greisinger. Sie wurde als dritte von vier Töchtern geboren. Sie wuchs in dem Bewusstsein auf, einer Minorität anzugehören und wurde dazu erzogen, andere Minderheiten zu achten. Die Familie hatte auch aus diesem Grund gute Kontakte zu den jüdischen Bewohnern Brünns. Im Gegensatz zu ihren Eltern war sie zweisprachig aufgewachsen und sprach neben ihrer deutschen Muttersprache fließend Tschechisch. Das Klima in der Familie war bürgerlich-liberal, aber in keiner Form parteipolitisch geprägt.
Elsbeth Greisinger kam auf das Lyzeum und dort erstmals mit 17 Jahren in Kontakt mit marxistischer Literatur. Sie hatte guten Kontakt zu dem Lateinlehrer, der ihr durch Gespräche und Literatur den Zugang zum sozialistischen Gedankengut ebnete und ihr nach ihren eigenen Angaben den „intellektuellen Background“ für ihre weitere Entwicklung gab. 1918 wurde sie nach ihrem Abitur Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAP) und später in Deutschland der SPD. Der Vorsitzende der Sozialdemokraten in Brünn und zudem ein Freund der Familie Greisinger war Ludwig Czech. Ludwig Czech wurde 1920 ins erste Parlament der neugegründeten Tschechoslowakei gewählt und 1926 wurde er Minister für Soziale Angelegenheiten. Er nahm Elsbeth Greisinger in die Partei auf, versprach aber, die Mitgliedschaft geheim zu halten. Nachdem ihre Mutter von dem Eintritt ihrer Tochter in die Partei erfuhr, gestand sie, dass sie selbst auch Mitglied war.
Am 7. Oktober 1918 schrieb Elsbeth Greisinger sich in der Deutschen Technischen Hochschule Brünn als außerordentliche Hörerin ein. Es ist nicht bekannt, ob sie je eine Vorlesung besucht hat.Ego: Gelebte Geschichte. S. 53–60. Bereits ein Jahr später wechselte sie ihren Studienort, ging nach Frankfurt am Main und erlebte dort den Kapp-Putsch. In Frankfurt war dieser harmloser als an vielen anderen Orten, blieb aber auch für sie wie für viele andere Demokraten ein einschneidendes Erlebnis. Nach nur wenigen Semestern ging sie für ein Semester nach Kiel und dann für ein weiteres nach Köln. Zwischenzeitlich legte sie auch ein Freisemester ein, um im Oktober 1921 zum Wintersemester wieder nach Frankfurt zurückzukehren. Obgleich sie bis März 1923 in Frankfurt eingeschrieben war, lebte sie die meiste Zeit in Wien bei ihrer Schwester, der späteren Widerstandskämpferin Gertrude Greisinger (1895–1992). Durch ihre Schwester lernte Elsbeth Greisinger unter anderem den Abgeordneten des österreichischen Nationalrates Julius Deutsch und andere Mitglieder der sozialistischen Szene kennen.
mini|hochkant|Elsbeth Greisinger um 1923 1923 zog sie nach Graz zu ihrer Großmutter und nahm ihr Studium an der Karl-Franzens-Universität auf. Erstmals stand für sie nun das Studium und nicht die politische Aktivität im Vordergrund. Sie besuchte Vorlesungen unter anderem in den Fächern Wirtschaftsgeschichte, Volkswirtschaft, Allgemeine und vergleichende Statistik, Österreichische Sozialversicherung und Völkerrecht. Die Politiktheorie ließ sie aber nie aus den Augen und sie bildete sich auch außeruniversitär weiter. Ihre großen Leidenschaften waren die Oktoberrevolution und der Leninismus, welche auch ihre Dissertation beeinflussten. 1926 wurde die Diplom-Volkswirtin in Graz im Bereich der Politischen Wissenschaften zum Dr. rer. pol. promoviert.Ego: Gelebte Geschichte. S. 114–117. Das Thema ihrer Dissertationsarbeit ist Der Leninismus als Theorie der sozialen Befreiungsbewegung in seinen historischen Grundlagen.Bahnsen: Die Weichmanns in Hamburg. S. 102. Die Jahresangabe zur Dissertation wird unterschiedlich angegeben, z. B. bei Grole/Bake wird sie 1927 datiert. Die Dissertation wurde nur knapp und gegen die Stimme des Dekans angenommen.Ego: Gelebte Geschichte. S. 117.
Nach dem Studium arbeitete sie als Statistikerin bei der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger. 1928 heiratete sie den Juristen und späteren Ersten Bürgermeister von Hamburg Herbert Weichmann. Die beiden hatten sich während der Studienzeit in Frankfurt kennengelernt. Elsbeth Greisinger war dort von Juni 1919 bis April 1920 immatrikuliert und besuchte wie Herbert Weichmann Seminare der Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät. Zudem trafen sie sich in der „Sozialistischen Studentengruppe“ der Universität und bei den Vorlesungen des von beiden verehrten Franz Oppenheimer. Zu dieser Zeit wurden sie ein Paar, gingen aber weiterhin in ihrer akademischen Laufbahn verschiedene Wege.Ego: Gelebte Geschichte. S. 51.
Elsbeth Weichmann hielt auch Vorträge im Rundfunk, z. B. am 5. und 9. Juni 1931 im Rahmen der Sendereihe „Bilder vom heutigen Russland“.
Emigration (1933–1949) Im Jahr 1933 waren die Eheleute Weichmann durch die Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime zur Emigration gezwungen. Der Sozialdemokrat Herbert Weichmann entstammte einer jüdischen Familie, was Diskriminierungen erwarten ließ. Als SPD-Mitglied war er vom Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums betroffen – er wurde aufgrund von politischer Unzuverlässigkeit aus dem preußischen Staatsdienst entlassen. Wie die Biographin Annelise Ego feststellte, hätte Elsbeth Weichmann die Wahl gehabt, ihren Mann alleine ins Exil gehen zu lassen. Sie selber war „beruflich nicht in exponierter Stellung, als Parteimitglied trotz einiger Engagements unauffällig genug um unbelästigt zu bleiben“. Ein Zurückbleiben in Berlin kam für sie aber nicht in Frage, denn sie vertrat die Auffassung, dass sie viel weniger aufgeben müsse als ihr Mann. Sie würde sich viel leichter als er im Exil einrichten können und so eine Unterstützung für ihn sein.Ego: Gelebte Geschichte. S. 221–224.
Im Sommer 1933 flüchteten sie von Berlin aus Richtung Tschechoslowakei (ČSR). Sie überquerten zu Fuß das Riesengebirge und gingen nach Prag. Von dort aus gelangten sie in den Geburtsort von Elsbeth Weichmann und kamen bei ihren Eltern für mehrere Wochen unter. Nach wenigen Wochen des Ausruhens von Verfolgung und Verstörung über die Zustände in Deutschland, begaben sie sich wieder nach Prag und versuchten, sich eine neue Existenz aufzubauen.Weichmann: Zuflucht. S. 21–23 und 35–37. In der ČSR gab es zu dieser Zeit wie in Deutschland eine starke antisemitische Propaganda. In Prag nahmen Antisemiten vor allem auch Journalisten und Autoren ins Visier. Durch die Behauptung, fast alle deutschsprachigen Zeitungen würden von Juden geschrieben, entstand schnell eine „wenig ermunternde Atmosphäre“ für Elsbeth und vor allem für Herbert Weichmann.Ego: Gelebte Geschichte. S. 209. Durch frühere journalistische Tätigkeiten Herbert Weichmanns (Frankfurter Zeitung, Vossische Zeitung) konnte er trotzdem an alte Kontakte anknüpfen. In der Redaktion des Prager Tagblatts traf er auf frühere Kollegen, die ihm eine Stelle als Wirtschaftskorrespondent in Paris vermittelten. Im Oktober 1933 fuhren sie mit gültigen Visa über die Schweiz (Basel) Richtung Frankreich.
Frankreich mini|Pariser Bahnhof Gare de l’Est Die erste feste Station der Emigration war die französische Hauptstadt Paris. Die Eheleute Weichmann sprachen nur wenig französisch und fühlten sich in der Millionenstadt verloren. Elsbeth Weichmann schrieb in ihren späteren Aufzeichnungen über diesen Moment: „Uns überfiel, kurz nach unserer Ankunft am Gare de l'Est das Gefühl der Verlorenheit vor dieser fremden und befremdenden Umwelt. Farben, Geräusche, Gerüche, Häuser, Straßenbild, die ganze Dynamik dieser Stadt waren neu, ungewohnt – die Fremde.“Weichmann: Zuflucht. S. 42. Bis zur ersten eigenen Bleibe in einem möblierten Zimmer wohnte das Ehepaar in einem kleinen Hotel. In der „Rue Daumier 8“ fanden sie ihren ersten festen Wohnsitz in einer Pension. Durch den Kontakt mit dem Schwiegersohn der Vermieterin, einem aktiven Sozialisten, verbesserte sich das Französisch der Eheleute deutlich und zudem wurden sie in das politische Leben der Seine-Metropole eingeführt. Kurze Zeit später zogen sie weiter in eine Seitengasse an der Porte de Versailles, der Rue Claude Terrasse 33. Dort bewohnten sie eine Wohnung eines Eckhauses mit einem großen und zwei kleinen Zimmern. Dort, wie eigentlich in allen gemeinsamen Wohnungen, war Elsbeth Weichmann für das Mobiliar und die weitere Innenausstattung verantwortlich.Ego: Gelebte Geschichte. S. 215.
Elsbeth Weichmann unterstützte ihren Mann in seiner Tätigkeit als Journalist. Ihr fiel die Aufgabe zu, die aktuelle Presse durchzuarbeiten und ein Archiv aus Zeitungsausschnitten anzulegen. Zu der Arbeit für das Prager Tagblatt kamen lukrative Aufträge für die Wirtschaftszeitung Der Deutsche Volkswirt als Auslandskorrespondent hinzu.Weichmann: Zuflucht. S. 44–46. In der Biographie von Annelise Ego (S. 210–211) wird davon ausgegangen, dass der Auftrag des Deutschen Volkswirts bereits in Prag bzw. sogar schon in Berlin an Herbert Weichmann gegangen war. Dort schrieb Herbert Weichmann unter dem Pseudonym „Ernst Greisinger“, dem Geburtsnamen seiner Frau.Ego: Gelebte Geschichte. S. 250. 1935 suchte die neu gegründete Monatszeitschrift Le Troc einen Redakteur und bot Herbert Weichmann diese Stelle an, Elsbeth Weichmann wurde mit angeworben. Es waren die ersten Tätigkeiten, bei denen die beiden Eheleute auf Französisch schrieben. Aufgrund der Arbeit für Le Troc wurde die liberale Wochenzeitschrift Europe Nouvelle auf das Ehepaar aufmerksam und sie wurden dauerhaft Autoren des Blattes. Es entstand eine Freundschaft zum Chefredakteur der Zeitschrift Pierre Brossolette.Ego: Gelebte Geschichte. S. 217 sowie Weichmann: Zuflucht. S. 63.