mini|hochkant=1.5|Verwaltungsgebäude aus der Eröffnungszeit der Nervenklinik
Die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (KBoN), im Berliner Volksmund als „Bonnies Ranch“ bekannt, war zwischen 1880 und 2006 eine psychiatrische Klinik in Berlin, zuletzt unter der Bezeichnung Vivantes Humboldt-Klinikum, Standort Oranienburger Straße. Ältere Namen sind Krankenhaus Reinickendorf – Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, Karl-Bonhoeffer-Heilstätten, Wittenauer Heilstätten und Irrenanstalt Dalldorf. Ihre Historie ist eng mit der Geschichte der deutschen Psychiatrie verbunden. Auf dem Gelände befindet sich das Krankenhaus des Maßregelvollzugs Berlin, ferner unterhält dort das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten ein Ankunftszentrum.
Der teils denkmalgeschützte Gebäudekomplex liegt an der Oranienburger Straße im Ortsteil Wittenau des Bezirks Reinickendorf. Das weitläufige, 45 Hektar große Gelände mit seinem teilweise waldähnlichen Park mutet trotz seiner Großstadtlage ländlich an. Südlich bzw. südöstlich befindet sich der Bahnhof Berlin Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik.Michael Zaremba: Reinickendorf im Wandel der Geschichte. be.bra verlag, Berlin 1999, ISBN 3-930863-63-4, S. 99.
Seit 2019 fanden Baumaßnahmen auf dem Gelände statt. Es werden Gebäude für die Erstaufnahme von Asylsuchenden erstellt. Die Fertigstellung war für den Sommer 2020 geplant. Ein Wohnungsbau-Vorhaben der Gesobau ruht wegen der Anwesenheit schützenswürdiger Insekten auf dem Baugelände seit dem Frühjahr 2025.Wegen seltener Käfer: Baustart für 600 Berliner Wohnungen steht auf der Kippe. Der Tagesspiegel vom 14. Mai 2025.
Geschichte
1863–1880 mini|Haupteinfahrt Oranienburger Straße mit Pförtnerhaus
Die Anfänge der Berliner Psychiatrie lassen sich auf das Ende des 17. Jahrhunderts datieren, als am östlichen Stadtrand das Große Friedrichs-Hospital gegründet wurde. Der 16. April 1863 markiert den Beginn der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. An diesem Tag beschloss die Berliner Stadtverordnetenversammlung mit Zustimmung des Magistrats den Bau eines Irren- und Siechenhauses für 600 Personen. Maßgeblich daran beteiligt waren Carl Ideler, der spätere erste Ärztliche Direktor der Anstalt, und der damalige Stadtverordnete Rudolf Virchow. Es wurde ein Sachverständigengremium eingesetzt, das im April 1865 der neu eingerichteten gemischten Deputation ein Gutachten zur Beratung vorlegte. Der Magistrat verringerte die Kapazität nun auf 350 bis 400 akut kranke Irre und empfahl Wilhelm Griesinger als irrenärztlichen Sachverständigen und den Königlichen Baumeister Hennecke als Architekt einzusetzen. Die Personalvorschläge lehnten die Stadtverordneten am 11. Januar 1866 ab, stattdessen sollte die gemischte Deputation unter Einbeziehung weiterer Sachverständiger ein Klinikkonzept und das Bauprogramm ausarbeiten.Sabine Damm, Norbert Emmerich: Die Irrenanstalt Dalldorf-Wittenau bis 1933. In: Totgeschwiegen 1933–1945. 3. Auflage. Edition Hentrich, Berlin 2002, ISBN 3-926175-64-8, S. 15 ff.Manfred Stürzbecher: Anfänge einer geregelten Verwahrung von psychisch Kranken. In: Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (Hrsg.): 100 Jahre Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik 1880–1980. Festschrift. Berlin 1980, S. 19 ff.
Es folgte das übliche Verwaltungsprozedere, dazu kam ein polemisch ausgetragener wissenschaftlicher Streit unter den Psychiatern. Im Februar 1866 empfahl die gemischte Deputation eine geschlossene Anstalt und den Standort Dalldorf. Im März 1869 erwarb die Stadt Berlin für 35.000 Taler von Gustav Adolph Ferdinand Seidel das 282 Morgen große landwirtschaftliche Gut, damals im Landkreis Niederbarnim der preußischen Provinz Brandenburg gelegen. In der Rathauspromenade finden sich noch damals gesetzte Grenzsteine mit den eingemeißelten Buchstaben „M z B“ für Magistrat zu Berlin. Nach der Festlegung des Bauprogramms von Dezember 1869 bis Februar 1870 wurde im Mai 1870 ein beschränkter Architekturwettbewerb eröffnet. Der siegreiche Entwurf von Martin Gropius und Heino Schmieden wurde im Juli 1872 mit einigen Veränderungen durch die Stadtverordneten angenommen. Im Sommer 1873 lagen die Baupläne und Kostenvoranschläge vor. Das Projekt wurde rund zweieinhalb mal so teuer wie das von derselben Architektensozietät geplante Krankenhaus Am Friedrichshain. Durch Verhandlungen des Stadtbaurats Hermann BlankensteinUnter Blankenstein wirkte dabei Eugen Deditius mit, der spätere Baudirektor und Baurat der freien und Hansestadt Lübeck. und Änderungen im Bauprogramm konnten die Kosten gesenkt werden, waren aber immer noch so hoch, dass die städtischen Behörden im April 1874 den Vorschlag ablehnten. Gropius und Schmieden baten schließlich aus dem Vertrag entlassen zu werden.Klaus Joosten-Wilke: Spuren. In: Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (Hrsg.): 100 Jahre Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik 1880–1980. Festschrift. Berlin 1980, S. 51 ff.
Nun übernahm Blankenstein die Bauplanung, die Plätze für akut kranke Irre wurden auf 500 erhöht und zusätzlich 500 Plätze für Sieche und Unheilbare genehmigt. Die Anstalt sollte jetzt auf einem städtischen Areal in Rummelsburg errichtet werden, um die Wirtschaftsgebäude des dortigen Waisenhauses nutzen zu können. Der Baugrund wurde aber für den Rangierbahnhof Rummelsburg benötigt. Auch andere ins Auge gefasste Grundstücke erwiesen sich als ungeeignet, und so fiel 1877 die Entscheidung doch zu Gunsten Dalldorfs. Im Mai 1877 begannen die Bauarbeiten.
1880–1914 mini|Küchenhaus, F. Albert Schwartz, 1885
Auf die Bauabnahme am 31. Januar 1880, folgte eine Besichtigung durch die städtischen Behörden am 4. Februar 1880. Einen Tag später besuchte Kaiserin Augusta den Neubau. Zwischen dem 6. und 14. Februar 1880 zogen die Kranken aus den städtischen Einrichtungen nach Dalldorf um, vermutlich mit Hilfe von Pferdewagen. Bald danach begannen auch die Überführungen aus den privaten Anstalten. Mitte Mai wurden 925 Patienten gezählt, im August schon über 1000. Von Anfang an war Platzmangel ein beherrschendes Thema.
Die Irrenanstalt der Stadt Berlin zu Dalldorf bestand anfangs aus zehn Kranken-Pavillons, einer Küche, einem Maschinenhaus, einer Wäscherei, einem Verwaltungsgebäude sowie mehreren Gärten und Werkstätten. Auch die nördlich angrenzenden Äcker und der Wirtschaftshof (heute: Alt-Wittenau 66) gehörten dazu. Noch während der Bauarbeiten kam die Idee einer Erweiterung um ein Erziehungsheim für bis zu 100 geistig unterentwickelte Kinder auf. Außerdem war durch die gesunkenen Baupreise der Kostenrahmen nicht ausgeschöpft. Im September 1880 starteten auf der Nordseite die Bauarbeiten und im November 1881 öffnete die Städtische Idioten-Anstalt mit je elf Jungen und Mädchen. 1888 kam ein zusätzliches Mädchenhaus hinzu, so konnten bis zu 200 Kinder betreut werden.Ingeburg Weger: 100 Jahre Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik – aus ärztlicher Sicht. In: Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (Hrsg.): 100 Jahre Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik 1880–1980. Festschrift. Berlin 1980, S. 27 ff.Wolf-Deneke Weltzien, Fritz Weinthaler: Die bauliche Entwicklung von der Irrenanstalt zur Nervenklinik. In: Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (Hrsg.): 100 Jahre Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik 1880–1980. Festschrift. Berlin 1980, S. 41 ff.Klaus Schlickeiser: Entdecken Sie Reinickendorf. Spaziergänge in Wittenau. Förderkreis für Bildung, Kultur und internationale Beziehungen Reinickendorf e. V., Berlin 2010, ISBN 978-3-927611-33-7, S. 110 f.
Die Irrenanstalt gliederte sich organisatorisch in zwei Abteilungen: eine für die Irren (heute: psychisch Kranke) sowie eine für die Siechen (heute: Menschen mit geistiger Behinderung) und die Epileptiker. Beiden stand ein dirigierender Arzt vor, der für die eigentliche Irrenanstalt war zugleich Direktor der Gesamtanstalt. Zur Belegschaft gehörten neben den Ärzten und dem Verwaltungspersonal ungefähr 140 Wärter. Der Beruf des Krankenpflegers entstand in der Psychiatrie erst um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Viele der Angestellten wohnten in den ersten Jahrzehnten mit ihren Familien auf dem Anstaltsgelände.
Die Erziehungsanstalt wurde relativ selbstständig betrieben und besaß eigenes Personal. Erster Erziehungsinspektor wurde Hermann Piper. Als Aufsichtsbehörde für die Irren- und Idiotenanstalt fungierte ein Kuratorium aus drei Stadträten und fünf Stadtverordneten der Deputation für die öffentliche Gesundheitspflege. Für die Feststellung der Wohnverhältnisse der Kranken sowie das Einziehen der Kur- und Verpflegungskosten war die Armendirektion zuständig, die sanitären Verhältnisse fielen in den Bereich der Deputation für die öffentliche Gesundheitspflege.
Die Dalldorfer Irren- und Idioten-Anstalt steht exemplarisch für einen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstehenden Anstaltstyp, wobei die symmetrische Anordnung der Gebäude der Trennung der Geschlechter und das Pavillonsystem der Klassifizierung der Geisteskranken dient. Die dörfliche Abgeschiedenheit war zugleich Mittel der Therapie und der Unsichtbarmachung der Kranken in der städtischen Öffentlichkeit. Trotzdem waren die Verwahrungsbedingungen in Dalldorf im Vergleich zu den Vorgängeranstalten ein deutlicher Fortschritt: Die arbeitsfähigen Patienten wurden gegen Bezahlung in den Werkstätten und Gartenanlagen der Anstalt beschäftigt, gelegentlich Ausflüge und Feste für die Patienten veranstaltet, auch Besuche durch die Angehörigen waren erlaubt und in bestimmten Fällen sogar die Beurlaubung von Kranken.
mini|Blick auf die Irrenanstalt, F. Albert Schwartz, 1885
Glaubt man den eigenen Verlautbarungen der Anstalt und zeitgenössischen Presseartikeln, wurde kein individueller körperlicher Zwang ausgeübt. Wilhelm Sander, Direktor von 1887 bis 1914, fasste es im Satz „Zwang ist Vernachlässigung.“Karl Bonhoeffer: Unfruchtbarmachung der geistig Minderwertigen. In: Klinische Wochenschrift. 3. Jg. 1924, S. 798. Zitiert nach Arbeitsgruppe zur Erforschung der Geschichte der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (Hrsg.): Totgeschwiegen 1933–1945. 3. Aufl. Edition Hentrich, Berlin 2002, ISBN 3-926175-64-8, S. 21. zusammen. Ob liberaler Ansatz und Realität aber immer übereinstimmten, darf bezweifelt werden. Noch 1980 fanden sich in alten Schränken angeblich genau 100 Jahre zuvor beseitigte Zwangsjacken. Auch sogenannte Zwangshandschuhe wurden in den ersten Jahrzehnten angewandt.
Auch in der Forensischen Psychiatrie wurde zunächst ein liberales Regime gepflegt. Die Anstalt nahm neben polizeilich eingewiesenen Patienten auch während der Haft Erkrankte auf, die heute meist in den Krankenanstalten der Gefängnisse behandelt werden. Die öffentliche Debatte sowie die Berichterstattung der Presse über Entweichungen waren mit Vorurteilen belastet. Der dadurch entstandene Druck erzwang 1883 die Einrichtung eines Festen Hauses. Der Krankenpavillon 5 wurde mit Eisengittern vor den Fenstern und einer hohen Umfassungsmauer gesichert, das Wachpersonal verdreifacht. Allerdings wurden auch die Beschäftigungsmöglichkeiten erweitert und die Anzahl der Personen in den Schlafräumen auf drei bis vier verringert.Norbert Emmerich: Die Forensische Psychiatrie 1933–1945. In: Totgeschwiegen 1933–1945. 3. Aufl. Edition Hentrich, Berlin 2002, ISBN 3-926175-64-8, S. 105 ff.
Die Zahl der straffälligen Kranken wuchs in den ersten Jahren stetig, auch wenn noch nicht zwischen wegen einer Straftat eingewiesenen Kranken – damals „verbrecherische Irre“ – und Kranken mit Straftaten in der Vorgeschichte – damals „irre Verbrecher“ – unterschieden wurde. 1889 öffnete im Gefängnis Moabit eine ärztliche Beobachtungsabteilung für geisteskranke Verbrecher. Statt der erhofften Entlastung für Dalldorf kam es zu einer weiteren Belastung. Da Patienten aus ganz Preußen in die Berliner Gefängnisse eingewiesen wurden, musste die Anstalt schließlich auch Nichtberliner betreuen. Erst 1904 wurde für das Problem eine Lösung gefunden, indem die Häftlinge in die Anstalten ihres Herkunftsortes verlegt wurden.