mini|Schmetterling labt sich an einer blutgetränkten Socke Hämatophagie (altgr. haima ‚Blut‘ und phagein ‚essen‘, ‚fressen‘) bezeichnet die Ernährungsweise einiger Tiere von Blut. Zu diesen Lebewesen gehören Gliederfüßer, vor allem blutsaugende Insekten (z. B. Stechmücken, Bettwanzen), Spinnentiere (z. B. Zecken, Herbstgrasmilben), aber auch Darmparasiten, Blutegel, Fische wie die Neunaugen sowie Säugetiere wie die Vampirfledermäuse.
Nur wenige Tiere sind auf Blut als ausschließliche Nahrungsquelle angewiesen, oft gibt es dieses Erfordernis nur in bestimmten Lebensabschnitten, für einige Arten ist eine „Blutmahlzeit“ nur während der Eireifung obligat, dann betrifft es die Weibchen mit befruchteten Eiern. Bei den Stechmücken haben nur die Weibchen zum Blutsaugen geeignete Mundwerkzeuge.
Die Hämatophagie wird von einigen primär herbivoren Tierarten nur selten praktiziert, um ihre Ernährung durch hochwertiges Protein oder andere Nahrungsbestandteile zu bereichern. mini|Eingefärbte rasterelektronenmikroskopische Aufnahme eines Hundeflohs (Ctenocephalides canis)
Organismen Mensch
In einigen Kulturkreisen ist oder war die Verwendung von Blut als Nahrungsbestandteil oder für Riten (Blutopfer) erforderlich. Das Trinken von Rinderblut, teilweise vermischt mit Milch, gehört zum Leben und den Zeremonien der Massai.Bekure: Maasai Herding: An analysis of the livestock production system of Maasai pastoralists in Eastern Kajiado District, Kenya. ILRI, Solomon Bekure (Herausgeber), Band 4, 1991 Die Eskimos verzehren Seehund- und Walrossblut,Jan Borm, Jean Malaurie: Walroßsuppe, Seehundblut. In: Lettre International, 2002, S. 80. aber auch in Europa werden Blutprodukte wie Blutwurst als Lebensmittel akzeptiert.Leitsätze Fleisch Nr.2.232 (PDF) Deutsches Lebensmittelbuch Blutwurst gilt als eine der ältesten Wurstarten, da sie bereits in Homers Odyssee erwähnt wird.Text der Odyssee, 18.Gesang, Zeilen 44-47. Gutenberg-DE
Außerdem ist Hämatophagie ein stetig wiederkehrendes Thema der Literatur (Bram Stoker: Dracula, 1897), des Horrorfilms und auch Fernsehserien (Liste von Vampirfilmen und -serien).
Endoparasiten Im Blut lebende Parasiten wie Plasmodien (der Haemospororida) ernähren sich vom Blut ihres Wirtes (Reptilien, Vögel, Säugetiere und Mensch) mit hoher Wirtsspezifität.
Vandelliinae wie Vandellia cirrhosa (aus der Familie Schmerlenwelse im Amazonasbecken) schwimmen in die Kiemenöffnungen größerer Fische, dringen zur Kiemenaorta vor, perforieren sie mit ihren spitzen Zähnen und nehmen das austretende Blut ohne Saugakt auf.
Ektoparasiten Etwa 14.000 Arten der Insekten aus 5 Ordnungen sind Hämatophagen, daneben viele Vertreter weiterer Stämme und Klassen, auch der Chordatiere wie Fische, Vögel und Säugetiere. Die Evolution auch der hämatophagen Insekten verlief mehrmals parallel (konvergent).
+ blutsaugende Tiere Stamm / Klasse Ordnung / Tiergruppe Beispiel Mundwerkzeuge Gerinnungshemmer im Speichel Schmerzhemmer im Speichel Opfer (Wirt) Ringelwürmer Egel Medizinischer Blutegel bezahnter Saugmund Hirudin ja Säugetiere, Mensch Gliederfüßer / Krebstiere Asseln / Gnathiidae Paragnathia formica u. a. Anti-Thrombin, drei Trypsin Inhibitoren (18 kDa, 21 kDa und 22 kDa) ? Fische Gliederfüßer / Spinnentiere Milben / Zecken Schildzecken: Gemeiner Holzbock Stechrüssel ja ja Vögel, Säugetiere, Mensch Lederzecken Stechrüssel ja ja Milben / Prostigmata Herbstgrasmilbe Stechrüssel ja ja Säugetiere Gliederfüßer / Insekten Zweiflügler / Stechmücken Aedes, Anopheles, Stegomyia, Kriebelmücken, Gnitzen, Sandmücken Stechrüssel Anti-Faktor X (Xa) (Trypsin Inhibitor vom Kazal-Typ) ? Amphibien, Reptilien, Vögel, Säugetiere, Mensch Uranotaenia lateralis Stechrüssel wahrscheinlich ? Schlammspringer Zweiflügler / Fliegen Bremsen, Stechfliegen, Zungenfliegen, Tsetsefliegen, Lausfliegen (Hirschlausfliege), Wadenstecher Beißwerkzeuge + Saugrüssel ja ? Vögel, Säugetiere, Mensch Flöhe Rattenfloh, Hundefloh, Katzenfloh, Kaninchenfloh, Menschenfloh Stechrüssel ja ? Säugetiere, Mensch Tierläuse (nur Anoplura) Menschenläuse, Filzlaus, Seehundlaus, Schweinelaus Stechrüssel ja ? bestimmte Säugetiere, Mensch Schnabelkerfe blutsaugende Wanzen Stechrüssel ja ? Vögel, Säugetiere, Mensch Schmetterlinge / Eulenfalter Calyptra stechender Saugrüssel ? ? Säugetiere, Mensch Chordatiere / Petromyzontida Neunauge Saugmaul mit Raspelzähnen ja ? Fische Chordatiere / Vögel Sperlingsvögel / Tangaren Vampirgrundfink Schnabel vermutlich nein vermutlich nein Blaufußtölpel, Nazcatölpel Chordatiere / Säugetiere Fledertiere / Blattnasen / Vampirfledermäuse Gemeiner Vampir (Desmodus rotundus) bezahnter Mund, Zunge mit Rillen Desmoteplase als Faktor X (Xa)- und Faktor IX-Inhibitor ja Säugetiere (bes. große Herbivoren), Mensch Kammzahnvampir (Diphylla ecaudata) bezahnter Mund, Zunge mit Rillen ja ja Vögel mini|Das Maul eines Meerneunauges
Blutaufnahme Mundwerkzeuge Hämatophage Tiere müssen mit entsprechenden Mundwerkzeugen bzw. Zahnbildungen ausgestattet sein, die ein Überwinden der Oberhaut des Wirtes und Erschließen von Gefäßen ermöglichen.
Auf verschiedene Weise wird dann das Blut aufgenommen. Viele der Stechrüssel, besonders blutsaugender Insekten, sind sehr dünne Röhren (Kapillarsauger, Solenophagen), die aufgrund Kapillarwirkung die Blutflüssigkeit aufnehmen, ohne Erfordernis einer Pumpleistung oder eines erzeugten Unterdrucks, z. B. Zweiflügler (Diptera).R. Lucius, B. Loos-Frank: Biologie von Parasiten, Berlin, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-37707-8Peter Wenk, Alfons Renz: Parasitologie: Die Biologie der Humanparasiten, Thieme-Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-13-149901-1 Andere Hämatophagen saugen aktiv die Blutmahlzeit auf, z. B. Schildzecken (Ixodidae) oder Vampirfledermäuse (Desmodontinae).
Spinnentiere mini|links|Hypostom und Cheliceren des Gemeinen Holzbocks (Ixodes ricinus) mini|Alfred Brehm (1869): Mundwerkzeuge des Gemeinen Holzbocks (Ixodes ricinus)A. E. Brehm: Illustriertes Tierleben Band 6, 1869, Hildburghausen. Der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) verfügt über einen hochausgebildeten Stech- und Saugapparat. Der Mundbereich ist ein vom sonstigen Körper abgegliederter Teil (Gnathosoma oder auch Capitulum), der die Saugwerkzeuge enthält. Diese Werkzeuge setzen sich aus mehreren Komponenten zusammen. Zum ersten Teil gehören die keulenförmigen Pedipalpen, sie dienen als Tastorgan (wie auch bei vielen anderen Spinnentieren), um die Beschaffenheit der Wirtshaut genau zu erfassen. Bevorzugt werden dünne Hautstellen mit warmer Temperatur und hoher Feuchte. Ein Stück weiter innen an der Oberseite befinden sich die beiden Cheliceren. Sie besitzen an der Spitze mehrere scharfe Zähne, mit denen der Holzbock ein Loch in die Haut schneiden kann. Nach dem Schnitt des Lochs kommt das sogenannte Hypostom zum Einsatz. Es ist ein zapfenartiger Körperteil in der Mitte des Capitulum, welches auf der Unterseite Reihen grober Zähne trägt, während die Oberseite flexibel und in der Mitte etwas rinnenförmig eingesenkt ist. In etwa drei Stufen dringen die teleskopartigen Strukturen ein, indem sie abwechselnd, voneinander unabhängig, in die Körperöffnung des Opfers geschoben werden.Dania Richter: Stechvorgang gefilmt, Schema-Animation des Stechvorganges und räumliche rasterelektronenmikroskopische Aufnahme des Stechapparates (Skripte von lifescience.com und brightcove.com müssen gestattet werden), abgerufen am 1. November 2013.Dania Richter, Franz-Rainer Matuschka, Andrew Spielman, L. Mahadevan: How ticks get under your skin: insertion mechanisms of the feeding apparatus of Ixodes ricinus ticks. In: Proc. R. Soc. B, Band 280, Nr. 1773, 22. Dezember 2013. doi:10.1098/rspb.2013.1758. Durch das Hypostom und (bei den Schildzecken) zementartig erhärtenden Speichel verankert sich das Tier in der Haut, das Blut wird durch den Pharynx, der als Pumpe wirkt, in die Nahrungsrinne und dann in die an der Basis des Hypostoms liegende Mundöffnung eingesaugt.Daniel E. Sonenshine, Jennifer M. Anderson: Mouthparts and digestive system. In: Daniel E. Sonenshine, R. Michael Roe (Hrsg.): Biology of Ticks. 2. Auflage. Volume 1. Oxford University Press, 2013, ISBN 0-19-974405-X
Zweiflügler mini|350px|Blutsaugende Stechmücke mit gut erkennbarer Führung des Stechrüssels (vom Blut des Menschen rötlich gefärbt) durch die nach hinten weggekrümmte Unterlippe (Labium) Stechmücken (Culicidae) benützen einen Stechapparat, welcher durch Kombination mehrerer Mundwerkzeuge gebildet wird. Zwei Teile sind äußerlich unterscheidbar: der dünne starre Stechrüssel und eine flexible Scheide, die bei der Blutmahlzeit als Führung dient. Der Stechrüssel setzt sich zusammen aus den Stechborsten: Oberlippe (Labrum), paarige Oberkiefer (Mandibel) und Unterkiefer (Maxille) sowie Schlundrohr (Hypopharynx). Dieses zum Stechrüssel vereinigte Bündel kann die Haut des Wirtes durchdringen. Im Inneren bildet es zwei Kanäle. Durch den Hypopharynx kann das Blut durch Kapillarwirkung aufgenommen, durch die mittels anderer Stechborsten gebildete Röhre Speichel injiziert werden. In Ruhestellung liegt der Stechrüssel in einer von der Unterlippe (Labium) gebildeten Scheide geschützt. Beim Stich dringt die Unterlippe selbst nicht in den Wirt ein, sie wird nach hinten weggekrümmt und hilft, den Stechrüssel an der Einstichstelle zu fixieren, ohne selbst dort einzudringen.
Am Ende des Labrums (Stechborste aus Oberlippe) befinden sich drei Gruppen von Sensillen, von denen die apikalen und subapikalen zum Auffinden der blutführenden Stelle, die campaniformen zur Kontrolle des Blutflusses erforderlich sind.Robert M. K. W. Lee, D. A. Craig: The labrum and labral sensilla of mosquitoes (Diptera: Culicidae): a scanning electron microscope study. In: Canadian Journal of Zoology, Band 61, Nr. 7, 1983, S. 1568–1579, doi:10.1139/z83-211 mit vielen SEM-Abbildungen.
Die entsprechenden Mundwerkzeuge sind beim Männchen verkümmert und erlauben nur die Aufnahme von Flüssigkeiten ohne Einstich und an ihrem Labrum ist nur eine Sensillengruppe (campaniforme) entwickelt.
Knochenfische Der im Süßwasser vorkommende Schmerlenwels Vandellia cirrhosa lebt über Sandbänken, leicht mit Sand bedeckt und wartet auf vorbeischwimmende Großfische. Vandellia cirrhosa ist ein Parasit. Er kann die Harnstoffe aus den über die Kiemenatmung ausgetauschten Stoffwechselprodukten großer Fische wahrnehmen und schwimmt, der Konzentration folgend, in die Kiemenöffnungen der Fische. Seine eigenen Kiemenstacheln benutzt er, um bis zur Kiemenaorta hochzuklettern und zum Festhalten. Mit nadelförmigen Zähnen perforiert er die Arterie und nimmt das Blut des Wirtsfisches auf, was ihm den Beinamen „Brasilianischer Vampirfisch“ einbrachte. Vandellia cirrhosa ist jedoch kein Blutsauger, denn die Art verfügt über keine Saugorgane. Der Druck des aus der Arterie ausströmenden Blutes reicht aus, um den Fisch innerhalb von 30 bis 145 Sekunden mit Blut zu füllen. Danach lässt er vom Wirtstier ab.
Säugetiere Vampirfledermäuse (Desmodontinae) besitzen sichelförmige Schneide- und Eckzähne zum lochförmigen Aufschneiden der Haut ihrer Opfer, neben zurückgebildeten Backenzähnen ohne Kauflächen. Das austretende Blut wird mit der Zunge aufgeleckt oder mit eingefalteter Zunge über Rillen an ihrer Unterseite aufgesaugt. Eine kurze Speiseröhre und der schlauchförmige Magen sind weitere anatomische Anpassungen an die Ernährungsweise.
Speichel Der Speichel hämatophager Ektoparasiten hat weniger die Aufgabe, den Schluckvorgang wie bei anderen Ernährungsweisen zu unterstützen, denn die Blutmahlzeit ist sehr wasserreich. Primär dient der Speichel dazu, die Blutaufnahme zu erleichtern, indem der Blutgerinnung entgegengewirkt wird und die Wunde während der Blutmahlzeit möglichst nicht vom Opfer wahrgenommen werden kann. Stoffe, die die Blutgerinnung hemmen, sowie schmerzunterdrückende Substanzen werden daher oft mit dem Speichel bei der Blutentnahme in die Wunde abgegeben.