Die Gambino-Familie (Gambino Crime Family), einstmals bekannt als Mangano-Familie, ist eine italo-amerikanische Mafiafamilie der amerikanischen Cosa Nostra und eine der sogenannten Fünf Familien von New York City, die dort die organisierte Kriminalität in weiten Teilen beherrschen.
Geschichte Von der Camorra zur Mafia Die Vorläufer der Familie lassen sich bis zurück auf Enrico Alfano, der 1907 nach Italien abgeschoben wurde, und seinem Nachfolger Pellegrino Morano verfolgen. Morano begann als Anführer der Camorra in Brooklyn 1914 einen Krieg mit der sizilianischen Mafia, den sogenannten Mafia-Camorra-Krieg. So legte er sich insbesondere mit der Morello-Familie an, die als Vorläufer der Genovese-Familie gelten kann. Diese stellte mit Giuseppe Morello so etwas wie den ersten „Capo di tutti i capi“ (italienisch: Boss aller Bosse) in New York City. Allerdings musste dieser 1910 mit seinem Schwager Ignazio Saietta von der Black Hand Gang eine Gefängnisstrafe wegen der Verbreitung von Falschgeld antreten.
Offenbar hoffte Morano, mit der Beseitigung von Nicholas Morello, der die Nachfolge seines einsitzenden Bruders übernommen hatte, die Auseinandersetzung mit den Sizilianern zu gewinnen: Als Morello und sein Bodyguard Charles Ubriaco am 6. November 1916 auf dem Weg zu einer friedlichen Einigung im Navy Street Cafe waren, wurden sie vor dem Straßencafé von fünf Personen angegriffen und getötet. Die Gegend wurde von der Navy Street Gang beherrscht, deren Boss Alessandro Vollero ein wichtiger Unterführer von Morano war. Das Navy Street Cafe war zugleich Hauptquartier der Navy Street Gang. Morano und Vollero fühlten sich vollständig sicher, wurden dann aber für diese Tat tagelang in Haft genommen, da einer der fünf Schützen offenbar bei der Polizei ausgesagt hatte. 1917 wurde Morano verurteilt und 1919 nach Italien abgeschoben. Dadurch schwand der Einfluss der Camorra, und die Gruppe von Morano wurde von dem Sizilianer Salvatore „Toto D’Aquila“ übernommen, der damit als erstes eigentliches Oberhaupt des später als Gambino-Familie bezeichneten Mafia-Clans gelten kann.
Die Auseinandersetzung zwischen Sizilianern und Nichtsizilianern sollte später immer wieder eine Rolle in den internen Auseinandersetzungen spielen (siehe insbesondere die spätere Öffnung der Unione Siciliana für italienische Nicht-Sizilianer). Andererseits waren die US-amerikanische Mafia und andere italienische Gruppen nicht, wie in der alten Heimat, die einzigen, die illegale Gewalt ausübten, sondern sie standen in Konkurrenz zu anderen ethnischen Gruppen, insbesondere irischer und aschkenasisch-jüdischer Herkunft (Kosher Nostra); aus diesem Grund wurde die Mitgliedschaft nicht nur nach Herkunft geprägt, wie etwa in Italien oder auf Sizilien, sondern war taktisch bestimmt.
Toto D’Aquila war bereits auf Sizilien Mitglied der ursprünglichen Mafia gewesen, bevor er in die USA ausgewandert war, und galt damit als ein so genannter Mustache Pete, da er neben italienischem Käse, Olivenöl etc. eben auch die Methoden der sizilianischen Mafia in die USA einführte. Bereits aus den Jahren 1906 und 1909 existierten polizeiliche Erkenntnisse über seine Aktivitäten. Am 28. Oktober 1928 wurde er von den Killern Joe Masserias erschossen.
Alfred Mineo und der „Krieg von Castellammare“ Joe Masseria hatte sich in der Morello-Familie durchgesetzt, der 1919 entlassene Peter Morello (alias Giuseppe Morello) galt als sein Capo und auch andere Mitglieder des Morello-Terranova Clans wie zum Beispiel Ciro Terranova ordneten sich unter, so dass Masseria durchaus als Oberboss der gesamten US-amerikanischen Cosa Nostra in New York City zum damaligen Zeitpunkt angesehen werden kann.
Nachfolger von D’Aquila wurde zunächst Alfred Mineo; aber D’Aquila sollte nicht der einzige Tote bleiben. Durch den Faschismus in Italien hatte die Mafia auf Sizilien Probleme bekommen. Das stillschweigende Bündnis mit dem Staat, das von Duldung bis Korruption reichte, funktionierte nicht mehr ohne weiteres. Denn das Unrechtssystem des Faschismus stand der Skrupellosigkeit und Brutalität der Mafia in nichts nach. So wurde zum Beispiel später der Mafioso Don Vito Cascio Ferro 1943 einfach in seiner Zelle zurückgelassen, als die Alliierten ihre Landung auf Sizilien durchführten, in der er verhungerte.Arrigo Petacco: Joe Petrosino. L'uomo che sfidò per primo la mafia. Mondadori 2001, ISBN 88-04-49390-9 Don Ferro mit erstklassigen Kontakten zum Beispiel zur Morello-Familie und zur Black Hand Gang war vermutlich für die Entsendung von Salvatore Maranzano nach New York City verantwortlich gewesen.
Der Druck durch die faschistische Diktatur führte Ende der 1920er Jahre geradezu eine Flucht von Mafia-Mitgliedern herbei, unter anderem nach New York City (US-amerikanische Quellen beziffern eine Zahl von 500)John Dickie: Cosa Nostra. Die Geschichte der Mafia. Fischer Verlag Frankfurt a. M. 2006; ISBN 978-3-596-17106-4; S. 236 und möglicherweise plante Don Ferro selbst seine erneute Emigration, die 1909 durch seine Ausweisung nach Italien gescheitert war. Maranazano, ob nun im Auftrag für seinen Don oder im eigenen Interesse, begann nun den Kampf gegen Joe Masseria, der als Krieg von Castellammare bezeichnet wird, da Maranzano gebürtige Sizilianer aus Castellammare del Golfo um sich sammelte. In dieser Auseinandersetzung versuchte er sich 1930–1931 als „Boss aller Bosse“ in New York durchzusetzen, was ihnen allerdings letztendlich – trotz der Ermordung von Joe Masseria am 15. April 1931 – misslang, was zur Bildung des National Crime Syndicate führte.
Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurde Mineo am 5. November 1930 erschossen. Diese Ermordung gilt als einer der Auftakte im „Krieg von Castellammare“, der faktisch mit der Ermordung von Peter „the Clutch Hand“ Morello am 15. August 1930 begonnen hatte. Der Nachfolger von Mineo wurde nun der mit Maranzano verbündete Frank Scalise. Da allerdings Maranzano selbst am 10. September 1931 ermordet wurde, musste er abtreten, und Vincent Mangano übernahm die Gruppe, da er zur nun siegreichen Gruppe um Lucky Luciano gehörte.
Konflikt zwischen Vincent Mangano und Albert Anastasia Manganos Geschäftsidee bezog sich auf die Kontrolle von Docks und Häfen. Er erhob im Prinzip Schutzgeld auf Waren von Speditionen und Schifffahrtsgesellschaften, die diese verschiffen oder anlanden wollten. Außerdem verlangten sie eine Tagesgebühr von jedem Hafenarbeiter, der in den Docks arbeitete; dadurch wusste Mangano immer, wann welche Ladung mit welchem Schiff eintraf und konnte entscheiden, ob es nicht sogar lohnend war, sie zu stehlen. Auf diese Weise wurde auch erheblicher Einfluss auf die Gewerkschaften der Dockarbeiter ausgeübt. Hierin lag auch eine der Wurzeln, die direkt in die Gewerkschaftskorruption der Teamsters unter Jimmy Hoffa führte, denn als Gegenleistung der Dienste durch die Gewerkschafter wurde im Prinzip nur noch die Beschäftigung von Gewerkschaftsmitgliedern geduldet.
Zusammen mit dem Vizepräsidenten der International Longshoremen’s Association Emil Camarda gründete Mangano als vordergründiges Aushängeschild den City Democratic Club, der amerikanischen Interessen dienen sollte. Im Hintergrund gingen sie dann allerdings ihren illegalen Aktivitäten nach; insbesondere fanden regelmäßige Treffen der Mitglieder der Murder, Inc. statt, einer speziellen Gruppierung die von 1931 bis etwa 1941 gegen Bezahlung die Mordaufträge der Mafia erledigte. Philip Mangano, der Bruder von Mangano, war ebenso häufig anwesend in diesem ‚Club‘ wie sein Bruder oder der Unterboss Albert Anastasia.
Die Zusammenarbeit zwischen Mangano mit Anastasia war nicht konfliktfrei, da diesem der ‚Arbeitsstil‘ anderer Größen wie Lucky Luciano, Frank Costello und Louis Buchalter näher lag, als die ‚Old School‘ des Vincent Mangano, der noch den klassischen Mafiaregeln anhing. Anastasias Zusammenarbeit mit den anderen Familien hätte eigentlich der Erlaubnis von Mangano bedurft und dieser Umstand legte den Grundstein für einen jahrelangen schwelenden Konflikt zwischen den beiden.
Am 19. April 1951 wurde Manganos Bruder Philip nahe Sheepshead Bay in Brooklyn ermordet aufgefunden. Vincent Mangano selbst verschwand spurlos. Die Motivlage ist etwas unklar; Anastasia überzeugte jedenfalls (laut Frank Costello) die Oberhäupter der anderen Fünf Familien von New York City davon, dass er nur seiner eigenen Ermordung zuvorgekommen sei.
Neuordnung der Familien Albert Anastasia war verbündet mit Frank Costello, dem Boss des später als Genovese-Familie bekannt gewordenen Mafia-Clans, der zugleich als Nachfolger Lucky Lucianos als Oberhaupt der Kommission des National Crime Syndicate fungierte, da Luciano 1945 nach Italien abgeschoben worden war. Vito Genovese schickte sich nun an, diesen zu verdrängen. Insgeheim war Genovese mit dem Stellvertreter Anastasias, Carlo Gambino und Joe Profaci, dem Boss der als Colombo-Familie bekannt gewordenen Mafia-Familie, verbündet. Am 2. Mai 1957 erfolgte ein Attentat auf Costello, in dessen Folge Costello zurücktrat und Genovese seine Funktionen übernahm. Am 25. Oktober 1957 wurde Anastasia während eines Friseurbesuches vermutlich von Mitgliedern von Profacis Gruppe ermordet und Gambino übernahm die Leitung der Familie, die heute nach ihm benannt ist.
mini|Gambino-Organigramm unter Carlo Gambino. Carlo Gambino ernannte nach seiner Machtübernahme Aniello Dellacroce zu seinem Unterboss. Dieser war lange ein enger Mitarbeiter Anastasias in der Nachfolgeorganisation von Murder Inc. gewesen und konnte so einer Opposition von Anhängern Anastasias entgegenwirken. Gambino und Dellacroce bauten das Geschäft der Familie erheblich aus und konnten ihren Einfluss durch politisch geschickte Schachzüge schließlich auch auf zwei der anderen Mafia-Familien ausdehnen.
Ausgehend vom traditionellen Einfluss auf die Docks engagierte sich die Familie im Rauschgiftschmuggel. Ausgebaut wurde dieser Einfluss durch den Capo Anthony Scotto der Familie, der erheblichen Einfluss in der International Longshoremen’s Association aufbauen konnte. Gemeinsam mit der Lucchese-Familie verdrängten sie andere Gruppen illegaler Akteure um den John F. Kennedy International Airport und dehnten ihren Einfluss auf die Müllabfuhr New Yorks und im Garment District aus. Die Unterwanderung wurde von James Squillante, der zu den Killern von Albert Anastasia gehört hatte, betrieben. Er wurde als „king of the garbage collection racket“ (englisch: Schlägerkönig der Müllwerker) bekannt. Die Infiltration der Müllwerker durch die Mafia in New York City verlief parallel zu der Entwicklung bei der Teamsters-Gewerkschaft insgesamt – zu der die Müllwerker gehörten – und begann bereits 1955, als sich die Müllwerker über das „Local 813“ der Gewerkschaft organisierten.
Neben den illegalen Aktivitäten beteiligte sich Carlo Gambino an Pizzerien, Nachtclubs, Textil-, Bau- und Transportunternehmen. Das gute Verhältnis zur Lucchese-Familie wurde untermauert, indem Gambinos Sohn Thomas Gambino 1962 Franca Lucchese heiratete, die Tochter des Bosses Tommy Lucchese.
Als Joseph Bonanno und der Boss der späteren Colombo-Familie Joseph Magliocco in den frühen 1960er-Jahren mit dem Versuch scheiterten, die Macht in der Kommission zu übernehmen, indem sie die Beseitigung Carlo Gambinos, Tommy Luccheses und der Mafia-Bosse von Buffalo (Stefano Magaddino) und Los Angeles (Frank DeSimone) planten, wurde die Angelegenheit vor die Kommission der amerikanischen Mafia gebracht.
Die Kommission setzte Bonanno und Magliocco ab. Maglioccos Nachfolger Joe Colombo war weitestgehend abhängig von Gambino, da er aus eigener Kraft seine Familie nicht in den Griff bekam. Nachdem Lucchese sich 1967 zurückzog, unterstützte Gambino auch dessen Nachfolger Carmine Tramunti, der allerdings im Wesentlichen nur formell das Oberhaupt der Lucchese-Familie war.
Die Spaltung der Familie unter Paul Castellano und Aniello Dellacroce