Gerhard von Mende (* Eintrag im (lettisch: Rīgas Doms) in Riga; † 16. Dezember 1963 in Düsseldorf) war ein deutschbaltischer Turkologe. Als Russlandforscher hatte er sich während der Zeit des Nationalsozialismus rassenideologisch auf die „turko-tatarischen (sowjetasiatischen) Völker“ spezialisiert und in der frühen Nachkriegszeit sein Wissen in den Dienst der Bundesrepublik gestellt.

Frühe Jahre Gerhard von Mende wurde 1904 als Sohn eines Rigaer Bankiers geboren. Während des Lettischen Unabhängigkeitskriegs wurde sein Vater 1919 mit anderen Angehörigen der bürgerlichen Elite von sowjetischen Truppen gefangen genommen, auf einen Zwangsmarsch geschickt und umgebracht.Ian Johnson: How a Mosque for Ex-Nazis Became Center of Radical Islam. In: The Wall Street Journal, 12. Juli 2005. Seine Mutter und die sechs Geschwister flohen in der Folge nach Deutschland. Der Heranwachsende entwickelte ein besonderes Interesse an den unterdrückten Minderheiten Russlands. 1920–1923 studierte er in Schulpforta,Handbuch der Orientalistik: The Near and Middle East. Wolfgang Behn. Brill, 2006. p. 566, ISBN 90-04-15037-4, ISBN 978-90-04-15037-9. 1927–1932 an der Berliner Universität Russistik und Turkologie. von Mende besuchte die École nationale des langues orientales vivantes in Paris. Im Februar 1933 wurde Mende an der Universität Breslau von der Philosophischen Fakultät mit einer volkswirtschaftlichen Arbeit zum Thema ‚Studien zur Kolonisation der Sowjetunion‘, die in der Schriftenreihe des Osteuropa-Instituts in Breslau erschienen, zum Dr. phil. promoviert. Im Dezember 1934 habilitierte Mende dann an der Wirtschaftshochschule in Berlin mit der Arbeit ‚Der nationale Kampf der Russlandtürken‘. Parallel dazu betrieb Mende Sprachstudien am Seminar für orientalische Sprachen in Berlin.Von Gerhard von Mende selbst verfasster Lebenslauf aus der Nachkriegszeit, abgedruckt bei: Gerhard von Mende (1904–1963) Ein Bürokrat der mittleren Ebene - Der Versuch einer Quellenkritik, verfasst von Erling von Mende und Bergljot von Mende Østring, S. 23–25. Von Mende sprach fließend Russisch, Lettisch und Französisch und hatte Kenntnisse des Türkischen und Arabischen.

Universitäre Laufbahn Im Jahr 1933 war von Mende Mitglied der SA geworden, die er allerdings drei Jahre später wieder verließ. Trotzdem hatte er in dieser Zeit die nationalsozialistische Ideologie bereits verinnerlicht. Er publizierte Buchrezensionen für nationalsozialistische Publikationen und wurde Berater der Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen. 1935 wurde Gerhard von Mende Dozent an der Wirtschaftshochschule in Berlin.H. D. Heilmann: Aus dem Kriegstagebuch des Diplomaten Otto Bräutigam. In: Götz Aly u. a. (Hrsg.): Biedermann und Schreibtischtäter. Materialien zur deutschen Täter-Biographie. Institut für Sozialforschung in Hamburg: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik 4, Berlin 1987, S. 187, ISBN 978-3-88022-953-2 1934 wurde von Mende in das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) und deren Auslandsabteilung berufen, um als Referent dabei zu helfen, die Auslandshochschule (AHS) in Berlin aufzubauen. Der Plan, das Seminar für orientalische Sprachen zur AHS auszubauen, lag im Interesse Joachim von Ribbentrops, der hier die künftigen Diplomaten ausbilden lassen wollte. Die Umsetzung lag bei Mendes Förderer Anton Palme und des Abteilungsleiters Otto von Kursell im REM. 1936 erfolgte schließlich die verzögerte Gründung der Auslandshochschule in Berlin. Von Mende erhielt zunächst kommissarisch die vakante Professur für russische Nationenkunde. Ende 1936 war Mende mit der Personalauswahl und dem Aufbau des Russland-Instituts der AHS befasst und sollte selbst außerordentlicher Professor für Russlandkunde an der AHS werden.

Der SS-Obersturmbannführer Otto von Kursell, Mendes Chef in der Auslandsabteilung im REM, gehörte ebenso wie Anton Palme und Gerhard von Mende der „Baltischen Brüderschaft“ an, einer Art baltischer Ritterorden mit Geheimbundcharakter.Die Baltische Brüderschaft wird eingehend von Bastian Filaretow, Die Baltische Brüderschaft im Buch von Michael Garleff, Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich, Band 1 beschrieben (Böhlau, 2008), S. 11–50. Kursells Baltische Brüderschaft stand jedoch Heinrich Himmlers Volkstumspolitik im Weg. Die Baltische Brüderschaft konkurrierte mit Himmlers Zögling Erhard Kroeger, der die baltendeutsche NS-Bewegung in Lettland anführte. Kroeger hatte 1936 mit SD-Chef Reinhard Heydrich den Aufbau einer geheimen Stelle vereinbart, die Material für einen möglichen deutschen Eingriff im Baltikum sammeln sollte.Unveröffentlichtes Manuskript von Erhard Kroeger: Rußlandfeldzug. Memoiren, Saarbrücken, S. 7. Himmler wollte u. a. zu diesem Zweck an der Auslandshochschule ein Russland-Institut für den SD einrichten und bevorzugte dafür Gerhard von Mendes Konkurrenten, den Georgier Michael Achmeteli.

Der SD der SS beobachtete deshalb die Baltische Brüderschaft argwöhnisch und schrieb dazu Berichte: „Professor Palme erklärt offen, dass niemand an der Auslandshochschule etwas werden könne, wenn er nicht Baltischer Bruder sei. Der B.B. [Baltische Bruder] Mende macht sich über den Führer lustig.“Auszüge aus einem undatierten SD-Bericht zur Dienststelle Ribbentrop und zur Baltischen Brüderschaft aus der 2. Jahreshälfte 1937, siehe CIA, Freedom of Information Act, Kleist, Bruno Peter 0022, Blatt 45–46. Himmler entließ darauf Kursell aus der SS und verbot die Baltische Brüderschaft. Anton Palme wurde 1937 von seinen Aufgaben entbunden und in den Ruhestand verabschiedet. Palmes Protegé Gerhard von Mende bekam den vorgesehenen Lehrstuhl nicht wegen Bedenken diverser Stellen zur politischen Einstellung des Gerhard von Mende. Gerhard von Mende wurde gar als „Kulturbolschewist“ bezeichnet, damals ein gerne verwendetes NS-Vokabular zur Kennzeichnung linksgerichteter Tendenzen. Von Mende mutmaßte hinter dieser Einschätzung stünde Michael Achmeteli, der von Mende als mögliche Konkurrenz sah und ihn so vom SD fernhielt.Gerhard von Mende (1904–1963) Ein Bürokrat der mittleren Ebene - Der Versuch einer Quellenkritik, verfasst von Erling von Mende und Bergljot von Mende Østring, S. 228, S. 371–372, Fußnote 701. Durch die Nähe zu Kursell fiel auch ein Schatten auf Gerhard von Mende. Mit Billigung des REM gelang es Franz-Alfred Six vom SD den von ihm geförderten Michael Achmeteli anstelle des von Kursell geförderten Gerhard von Mende an der Auslandshochschule zu installieren. Achmeteli wurde nach Einbürgerung und Habilitation 1937 ordentlicher Professor für russische Nationenwissenschaft an der AHS und baute parallel das geheime „Wannsee-Institut“ des SD in Berlin-Wannsee auf, womit u. a. Kroegers und Heydrichs Absprache umgesetzt wurde. Bereits 1937 kamen mit Friedrich Buchardt und Hans-Adolf Handrack zwei baltendeutsche Kroeger-Vertraute in das Institut von Achmeteli.

Gerhard von Mende blieb trotz der Querelen um die Baltische Brüderschaft als Privatdozent auf seinem Posten an der AHS Berlin (ab September 1939 Auslandswissenschaftliche Fakultät der Universität Berlin unter Leitung von Franz-Alfred Six), musste aber auf seine ordentliche Professur noch bis 1940 warten.

Neben seiner Hochschultätigkeit arbeitete Gerhard von Mende an seiner weiteren politischen Karriere mit Hilfe einer anderen Baltenverbindung. Das von Baltendeutschen dominierte Außenpolitischen Amt (ApA) der NSDAP unter dem NS-Chefideologen Alfred Rosenberg besaß eine Ostabteilung, die von Georg Leibbrandt geleitet wurde. Das ApA unterhielt enge Kontakte zu pro-deutschen Ausländern unter den nichtrussischen Vertretern der Völker der Sowjetunion. Letztere waren das Spezialgebiet des Gerhard von Mende. Gerhard von Mende schrieb Berichte an Leibbrandt und dessen Abteilung. 1939 erschien Mendes 124-seitiges Werk Die Völker der Sowjetunion. Mende argumentierte darin höchst politisch und sah den Konflikt der nichtrussischen Völker mit dem Sowjetsystem als „eine der stärksten inneren Sprengungskräfte des bolschewistischen Herrschaftsbereichs“.Gerhard von Mende, Die Völker der Sowjetunion, Geopolitische Schriftenreihe, Band 8 (Verlag Schneider, Reichenau, 1939), S. 7.

Dieses Buch ist geprägt von rassistischem Antisemitismus, der auf Verschwörungstheorien basiert. Neben einer Serie von kruden Charakterbeschreibungen verschiedener ethnischer Gruppen aus der Sowjetunion beschreibt Mende im Kapitel Die Juden diese als Gefahr für den Zusammenhalt anderer Volksgruppen.Ian Johnson, A Mosque in Munich. Nazis, the CIA and the Rise of the Muslim Brotherhood in the West, Boston/New York 2010, S. 20. Wie bei Alfred Rosenberg gründete das Denken von Mendes auf rassenideologischer Basis. 1942 wurde im Rahmen des Generalplans Ost sein Anliegen deutlich, dass es ihm u. a. um ein psychologisches Verständnis für gesamte Völker in den besetzten Ostgebieten ging, vor allem, um die jeweils als Volk definierten Menschengruppen unter Kontrolle des NS-Staates zu bekommen.Rüdiger vom Bruch, Christoph Jahr, Rebecca Schaarschmidt: Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Stuttgart 2005, S. 64. Das ist auch als politische bzw. psychologische Kriegsführung zu sehen. Die Methodik zur Zerstörung der Sowjetunion in Mendes Buch, die Mendes Lebensaufgabe widerspiegeln, mussten unweigerlich den an der Zersetzung der Sowjetunion interessierten deutschen Geheimdienst Abwehr II auf ihn aufmerksam machen. Für die Abwehr II waren zu dieser Zeit schon etliche Kollegen Mendes tätig, darunter die Ost-Professoren Hans Koch, Theodor Oberländer, Werner Markert und Georg Gerullis.

Bereits 1937 und 1938 war Mende gemeinsam mit seiner Frau nach Warschau und Wilna (Vilnius) gereist und kontaktierte national gesinnte Weißrussen und Polen wie Stefan Władysław Kozłowski.Gerhard von Mende (1904–1963) Ein Bürokrat der mittleren Ebene - Der Versuch einer Quellenkritik, verfasst von Erling von Mende und Bergljot von Mende Østring, S. 473–474. In beiden Städten befanden sich auch größere Exil-Kolonien von Turkestanern, Kaukasiern und Krim-Tataren, also Mendes Zielgruppen. Zumindest die Reise 1938 erfolgte im Verbund mit zwei weiteren baltendeutschen Wissenschaftlern, die Geheimaufträge der Abwehr im Vorfeld des Überfalls auf Polen hatten. Es handelte sich um Eugen von Engelhardt vom Institut für Judenfragen und Georg Gerullis vom Lehrstuhl für Baltische Philologie in Berlin. Ziel war es, Kontakte zu führenden und pro-deutschen Weißrussen herzustellen und sie für Vertrauenspositionen zu gewinnen.Arvydas Piepalius, Jurgio Gerulio biografijos 1933–1945. m. dokumentavimo klausimu (Universität Klaipeda, 2009) S. 165. Diese sollten bei einer kommenden Auseinandersetzung mit Polen und der Sowjetunion genutzt werden. Gerullis hat dann auch später Kozłowski und etliche Weißrussen im Auftrag der Abwehr II militärisch für Sabotageakte ausgebildet.

Mendes Fachwissen und seine Kontakte zu den Volksvertretern pro-deutscher Nationalbewegungen der nichtrussischen Völker der Sowjetunion machten ihn zu einem unentbehrlichen Berater für Abwehr II und ApA der NSDAP und beförderten seine weitere politische Karriere. Nachdem der SD in gewisser Weise auf Distanz zu Mende gegangen war, begann in dieser Zeit der militärischen Geheimdienst Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) die Erfahrungen des Gerhard von Mende zu nutzen. Spätestens ab 1940 erhielt er selbst Reiseaufträge vom OKW. Ab 1941 war er Verbindungsmann des aus dem ApA hervorgegangenen sogenannten Ostministeriums (RMfdbO) zum OKW, Abwehr II.CIA, Freedom of Information Act, Mende, Gerhard von, 0029, Blatt 3.

Im Mai 1942 beauftragte ihn das Erziehungsministerium, Lehrveranstaltungen zum Themenkomplex „Volks- und Nationalitätenkunde der Sowjetasiatischen Völker“ zu halten.Rüdiger vom Bruch, Christoph Jahr, Rebecca Schaarschmidt: Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Stuttgart 2005, S. 65.