mini|Slogan „Klimapolitik ist Friedenspolitik – Klimagerechtigkeit jetzt!“ mini|Slogan „Kids want climate justice“ („Kinder wollen Klimagerechtigkeit“)
Klimagerechtigkeit, englisch Climate Justice, ist ein normatives Konzept und Teil der Umweltgerechtigkeit, das den gegenwärtigen menschengemachten Klimawandel als ein ethisches und politisches Problem betrachtet, anstatt lediglich als eine Umwelt- und technische Herausforderung. Klimagerechtigkeit hat mehrere Dimensionen, sie kann global, zwischen Generationen und innerhalb von Gesellschaften betrachtet werden.
Globale Klimagerechtigkeit soll dafür sorgen, dass die heute ungleiche Verteilung der Folgen der globalen Erwärmung unter Berücksichtigung des Verursacherprinzips ausgeglichen wird, da jene Bevölkerungsgruppen (mehrheitlich im globalen Süden), die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, oftmals am stärksten und ungeschütztesten unter seinen Folgen zu leiden haben.Siehe z. B. Theodor Rathgeber, Hrsg. Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2009, boell.de: Klimawandel verletzt Menschenrechte, S. 32: „An mehreren Stellen war bereits von „besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen“ die Rede. Es gibt dazu keine abschließende Definition, aber im Kontext Klimawandel zählen dazu u. a. Nomaden, familienwirtschaftende Fischer, Regen- und Wanderfeldbauern, Subsistenzbauern, Slumbewohner, marginalisierte Bewohner in Flussregionen und an Küsten, Angehörige indigener Völker und ethnischer Minderheiten, Menschen mit Behinderungen, Frauen, Kinder und Senioren, soweit sie unmittelbar dem Wetterrisiko ausgesetzt sind und nur geringe eigene Mittel zur Verfügung haben, sich an das veränderte Klima anzupassen.“ Ziel dieses Ansatzes ist es unter anderem, den zur globalen Erwärmung führenden Ausstoß von Treibhausgasen nicht nur unter Berücksichtigung historischer Emissionen auf alle Menschen weltweit anteilig aufzuteilen, sondern die Auswirkungen des Klimawandels mit Konzepten der Gerechtigkeit in Verbindung zu bringen, insbesondere mit sozialer Gerechtigkeit, indem Themen wie Gleichheit, Menschenrechte und kollektive Rechte für den Klimawandel untersucht werden.
Auf innergesellschaftlicher Ebene spielt die unterschiedliche Lebenswirklichkeit von Menschen eine Rolle, die es zu berücksichtigen gilt. Beispiele sind hier das Vorhandensein von klimafreundlichen Alternativen oder die unterschiedlichen finanziellen Auswirkung von umfangreichen CO2-Bepreisungen auf unterschiedliche Bevölkerungsschichten, welche bspw. durch einen CO2-Preis mit Klimaprämie ausgeglichen werden können. Der Deutsche Ethikrat veröffentlichte 2024 eine Stellungnahme zur Klimagerechtigkeit. Eine weitere Dimension betrifft die gesundheitliche Chancengerechtigkeit, da die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels auch innerhalb von Ländern wie Deutschland sozial ungleich verteilt und eine zusätzliche Herausforderung für die Öffentliche Gesundheit sind.
Die Klimagerechtigkeitsbewegung betrachtet den Klimawandel dabei als Folge sozialer Ungleichheit und eines globalen Wirtschaftssystems, das dauerndes Wachstum als unabdingbar ansieht. Ein besonderer Fokus wird dabei auf das Konzept der MAPA (Most Affected People and Areas) gelegt, denn es wird angenommen, dass auf globaler Ebene bestimmte Gruppen wie Frauen, BIPOC, junge, ältere und ärmere Menschen überproportional vom Klimawandel betroffenen sind. Insbesondere durch den Aufstieg von Graswurzelbewegungen wie Fridays for Future, Ende Gelände oder Extinction Rebellion gewann die Verbindung dieser Gruppen im Rahmen der Klimagerechtigkeit an Bedeutung. Darüber hinaus wird argumentiert, dass eine unzureichende Berücksichtigung der sozialen Auswirkungen der Strukturwandel zu tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Spannungen führen und die notwendigen Veränderungen verzögern könnte, während Wege, die die Treibhausgasemissionen auf sozial gerechte Weise reduzieren – ein so genannter 'gerechter Übergang' – möglich und vorzuziehen sind, besser mit gegenwärtigen Menschenrechten übereinstimmen, fairer und ethischer und möglicherweise effektiver sind.
Hintergrund Hinter dem Begriff Klimagerechtigkeit verbirgt sich zum Teil die Idee der Kontraktion und Konvergenz, die nach verschiedenen Vorarbeiten 1995 vom Global Commons Institute entwickelt wurde. Im deutschsprachigen Raum wurde Klimagerechtigkeit einer breiteren Öffentlichkeit erst 2007 über den verwandten Begriff der „Kohlenstoffgerechtigkeit“ bekannt, als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ihn zum potenziellen Grundpfeiler einer zukünftigen, weltweiten Klimaschutzpolitik erklärte.Bundeskanzlerin Merkel startet eine neue Klima-Initiative. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 30. August 2007. Sie griff damit auch eine Forderung der Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai nach einem gerechten Ausgleich zwischen reichen und armen Ländern auf. Weite Teile Afrikas etwa tragen nur wenig zum Ausstoß an Treibhausgasen pro Kopf bei., BundesregierungONLINE vom 9. Oktober 2007. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat mit dem Konzept der Greenhouse Development Rights einen der Klimagerechtigkeit verwandten Ansatz vorgelegt.
Unter der Annahme einer globalen Obergrenze von CO2-Emissionen (siehe CO2-Budget) könnte eine gerechte Verteilungslösung darin bestehen, die Emissionsrechte zu gleichen Teilen auf jeden einzelnen Menschen der Erde bzw. nach der jeweiligen Einwohnerzahl auf die einzelnen Staaten zu verteilen. Andere Ansätze gehen davon aus, dass weniger wohlhabenden Menschen ein größerer Anteil an Emissionsrechten zugestanden werden sollte, da sie durch den Klimawandel stärker beeinträchtigt werden. Es wird auch empfohlen, dass ein Mindeststandard an Wohlstand gewährleistet sein sollte. Allerdings ist umstritten, ob die bestehende Wohlstandsverteilung überhaupt bei der Verteilung von CO2-Emissionsrechten berücksichtigt werden sollte. Im Einzelnen umstritten ist außerdem, wie sehr die historischen Emissionen der Industrieländer bei dieser Rechnung berücksichtigt werden müssen und sollen.Stephen Leonard: Die Umweltverschmutzer sollen für die Folgen des Klimawandels zahlen Dort heißt es z. B.: „Laut Angaben einer von dem Wissenschaftler Rick Heede im Jahr 2013 durchgeführten Studie können beinahe zwei Drittel der seit den 1750er Jahren ausgestoßenen Kohlendioxid-Emissionen auf nur 90 der größten Produzenten von fossilen Brennstoffen und Zement zurückgeführt werden, von denen sich die meisten immer noch im Geschäft befinden.“Siehe z. B. die moralphilosophischen Überlegungen von Anton Leist in Anton Leist: Klimagerechtigkeit. Dort heißt es auf S. 1: „Für viele, die sich dem ethischen Problem des Klimawandels zum ersten Mal nähern, steht das historische Verantwortungsprinzip im Vordergrund. Dabei wird allerdings leicht übersehen, welche ungewöhnlichen Hindernisse der Moral gegenüberstehen, wenn sie auf Kollektive und auf generationenübergreifende Zeiträume angewandt wird.“ Eine klimagerechte Emissionspolitik würde es vielen Entwicklungsländern (theoretisch) erlauben, ihren Treibhausgas-Ausstoß zum Teil erheblich zu steigern. Für die Hauptverursacher des Klimawandels, die industrialisierten Nationen, würde dies hingegen einer Reduktion um bis zu 95 Prozent gleichkommen.
Ein solcher Ansatz wurde auf dem Symposium Global Sustainability – A Nobel Cause vom 8. bis 10. Oktober 2007 in Potsdam erörtert. In dem dort erarbeiteten Potsdam Memorandum wird eine Entwicklung hin zu gleichen Pro-Kopf-Emissionsrechten gefordert, kombiniert mit einer gleichzeitigen Senkung des Gesamtausstoßes an Treibhausgasen. „Carbon justice“ ist dem Memorandum zufolge eines von acht Schlüsselelementen, um das Weltklima zu stabilisieren. vom 8. bis 10. Oktober 2007 in Potsdam.
Auch Umweltethiker wie Felix Ekardt und Klimaphilosophen wie Darrel Moellendorf befassen sich mit Klimagerechtigkeit. Einige vertreten eine Pro-Kopf-Rückverteilung der Einnahmen (Ökobonus bzw. Klimadividende, engl. auch lump-sum-bonus-payments, Green Check oder Fee and dividend) aus Emissions-Zertifikaten, Ökosteuern oder einer Carbon tax, so wie dies bei den Lenkungsabgaben in der Schweiz in kleinem Maßstab bereits umgesetzt wird.
Klimagerechtigkeit wird in der Wissenschaft in drei unterschiedliche Dimensionen eingeteilt. Zum einen die Verteilungsgerechtigkeit, welche erreicht ist, wenn der Zugang zu Ressourcen nicht mehr sozial differenziert wird und marginalisierte Gruppen nicht länger Risiken ausgesetzt sind. Zudem wird unter diesem Gesichtspunkt verhandelt, wer die Kosten der durch den Klimawandel erzeugten Kosten trägt. Des Weiteren wird die Wiedergutmachende Gerechtigkeit diskutiert. Hierbei wird Fragen zu den Konsequenzen aus der Klimakrise geforscht, beispielsweise, ob diese gerecht verteilt und besonders vulnerable Regionen und Bevölkerungsgruppen geschützt sind. Solche Gerechtigkeitsprozesse können auch erreicht werden, wenn kulturelle Unterschiede, marginalisierte Stimmen und nicht-westliche Epistemologien in der öffentlichen Debatte anerkannt werden und Gehör finden. Dies geht auch einher in der dritten Dimension, dies ist die prozedurale Gerechtigkeit. Hierbei geht es um die Teilhabe und Partizipation in klimapolitischen Entscheidungen. Vor allem besonders betroffene Bevölkerungsgruppen sind hierbei zu beachten und die uneingeschränkte Teilhabe zu gewährleisten.
Obwohl das Konzept der Klimagerechtigkeit seit Jahrzehnten in politischen und akademischen Kreisen diskutiert wird, ist es in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt: Eine Studie aus dem Jahr 2024 ergab, dass zwei Drittel der Befragten aus 11 Ländern noch nie von Klimagerechtigkeit gehört hatten, obwohl die zugrunde liegenden Gerechtigkeitsüberzeugungen weit verbreitet sind. Das Vorhandensein dieser Gerechtigkeitsüberzeugungen war positiv korreliert mit Engagement für Klimaschutz und der Unterstützung für Push-Instrumente der Klimapolitik (Verbote, Abgaben).
Gesundheitliche Chancengerechtigkeit in Deutschland Klimagerechtigkeit hat auch eine gesundheitsbezogene Dimension, da die gesundheitlichen Folgen der globalen Erwärmung innerhalb der Gesellschaft sozial ungleich verteilt sind. Unterschieden werden Ungleichheiten in der Exposition gegenüber Klimafolgen, in der Empfindlichkeit gegenüber diesen Belastungen sowie in der Anpassungskapazität. Bevölkerungsgruppen mit niedrigerer sozioökonomischer Position haben oftmals ein höheres Risiko für hitzebedingte Morbidität und Mortalität. Denn sie leben häufiger in dicht bebauten, stark versiegelten Wohnanlagen mit geringerem Zugang zu Grünflächen und höherer Belastung durch Luftschadstoffe. Auch sind sie gesundheitlich häufiger vorbelastet und verfügen seltener über die Mittel und Möglichkeiten, ihre Wohnsituation anzupassen, etwa durch Wärmedämmung, Beschattung (z. B. durch Bäume) oder Kühlung. Gerade in innerstädtischen Gebieten, mit hohen Umweltbelastungen und sozialen Problemlagen, spielt so die Frage der Klima- und Umweltgerechtigkeit in einem immer stärker sozial polarisierten Deutschland eine wachsende Rolle.
Verschiedene Dimensionen der Ungleichheit können sich dabei gegenseitig verstärken, etwa bei Zusammentreffen von Alter, chronischer Erkrankung, Behinderung, Erwerbstätigkeit im Freien oder Migrationshintergrund.
Hitze und Hitzeaktionspläne Siehe auch: Hitzeaktionsplan
Hitzewellen gelten in Deutschland als bedeutendstes klimabedingtes Gesundheitsrisiko. In den heißen Sommermonaten 2022 kam es in Deutschland zu über 8.100 Todesfällen. Eine Untersuchung für das Jahr 2023 kommt zum Ergebnis, dass Schutz- und Anpassungsmaßnahmen wirken. Ohne sie wäre die hitzebedingte Sterblichkeit in Europa um etwa 80 % höher ausgefallen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung berechnete im Jahr 2007, dass die Kosten im Gesundheitsbereich, verursacht durch den Klimawandel selbst plus die notwendigen Anpassungsmaßnahmen, bis zum Jahr 2050 rund 60 Milliarden Euro kosten werden.