Der Begriff Ökonomismus wird primär wissenschaftlich, gelegentlich auch politisch verwendet. Je nach Verwendungsbereich bedeutet er:

eine Überbetonung ökonomischer Faktoren in gesellschaftlichen Entwicklungstheorien, einen von der Wirtschaftsethik kritisierten „umfassenden Erklärungs- und Bewertungsanspruch ökonomischer Theoriebildung“, kurz: die „Dominanz der Ökonomie“,Niels Gottschalk-Mazouz (Institut für Philosophie der Universität Stuttgart, Vorlesung Wirtschaftsethik und Ökonomismus, 2006) in der Geschichte des Marxismus einen Gegenbegriff zur „politischen“ Strömung, wobei die erstere den politischen Kampf auf bloß ökonomische Reformen beschränken wolle, die zweitere die Notwendigkeit einer breiteren politischen Aktivität der Arbeiterklasse in Form einer Partei betone, in der Methodologie die Anwendung ökonomischer Modelle auf andere Bereiche der Sozialwissenschaften.

Ökonomismus als Gesellschaftskritik Eine aktuelle Verwendung des Begriffs „Ökonomismus“ findet sich in der Berliner Rede von Bundespräsident Johannes Rau am 12. Mai 2004:

Der Begriff Ökonomismus im Sinne eines „Wertfreiheitsanspruches in der Ökonomik“ wurde in den 1930er Jahren – so vermutet Peter Ulrich – von dem Sozialwissenschaftler Gerhard Weisser geprägt.Peter Ulrich: Republikanischer Liberalismus und Corporate Citizenship. Von der ökonomistischen Gemeinwohl-fiktion zur republikanisch-ethischen Selbstbindung wirtschaftlicher Akteure. In: Münkler, Bluhm (Hrsg.): Zwischen Normativität und Faktizität. Berlin, Akademie-Verlag, 2002, S. 273–291, hier S. 274, der auf die Schriften: Gerhard Weisser: Wirtschaftspolitik als Wissenschaft. Grundfragen der Nationalökonomie, Stuttgart 1934, S. 49ff sowie Gerhard Weisser: Die Überwindung des Ökonomismus in der Wirtschaftswissenschaft , abgedruckt in: Beiträge zur Gesellschaftspolitik, Göttingen 1978, S. 573–601, verweist. Siehe auch Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, Haupt, 4. Aufl. Bern 2008, S. 137. Mitte der 1950er Jahre kritisierte Weisser damit die mit der neoklassischen Wende einhergehende wirtschaftssystematische Konsequenz der Gegenüberstellung einer sich als wertfrei verstehenden reinen Ökonomik auf der einen Seite und einer als sachfremd angesehenen Ethik auf der anderen. Weisser sah in dieser Zwei-Welten-Konzeption die Ursache für eine Übersteigerung der ökonomischen Logik zu einem „ideologischen Ökonomismus“.Peter Ulrich: Lebensdienliche Marktwirtschaft und die Zukunftsverantwortung mündiger Wirtschaftsbürger. In: Böhler et al.: Zukunftsverantwortung in der Marktwirtschaft. Münster u. a., LIT-Verlag, 2000, S. 70–84, hier S. 75. Eine selbständige Sphäre des ‚Wirtschaftlichen‘ neben der Sphäre des ‚Sozialen‘ und ‚Kulturellen‘ kann es nach Weisser nicht geben.Gerhard Weisser: Wirtschaft. In: W. Ziegenfuß (Hrsg.): Handbuch der Soziologie. Stuttgart, 1956, S. 970–1098, hier S. 974.

Ökonomismus als Gesellschaftstheorie Karl Popper beschreibt den „Historizismus“ marxistischer Prägung im Gegensatz zu Hegels Idealismus oder Mills Psychologismus als einen „Ökonomismus“. Denn Marx behaupte in Gegensatz zu Hegel, dass der Schlüssel zur Geschichte, sogar zur Ideengeschichte, in der Entwicklung der Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner natürlichen Umgebung, seiner materiellen Welt, gefunden werden müsse, das heißt in seinem ökonomischen und nicht in seinem geistigen Leben.Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. II: Falsche Propheten – Hegel, Marx und die Folgen. 6. Aufl. München 1980 (zuerst: 1944). S. 123.

Max Weber wandte sich gegen den ausschließlichen Ökonomismus bei Marx,Dirk Wieland: Die Grenzen der Individualisierung: Sozialstrukturanalyse zwischen objektivem Sein und subjektivem Bewusstsein. VS Verlag, 2004. ISBN 3-8100-3997-7, S. 51ff. wenngleich „die Ökonomie (...) für ihn erheblich mehr als nur ein Faktor unter anderen“ war.Joachim Radkau: Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens. Hanser, München 205, S. 164.

Karl Polanyi war der Auffassung, dass sich nicht nur bei Marx, sondern auch in Ludwig Mises’ Marktliberalismus „ökonomistische Vorurteile“ finden.Allan Carlson: "The Problem of Karl Polanyi." (PDF; 55 kB) In: The Intercollegiate Review 2006, S. 32.

Marxistische Kritik am Ökonomismus In der Geschichte der revolutionären Bewegung Russlands kam in der Parteipolemik der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands um 1900 die Bezeichnung „Ökonomismus“ auf für die überhöhte Konzentration auf konkrete ökonomische Forderungen des Augenblicks von Seiten der Arbeiter, zum Nachteil dessen, was als eigentliche Aufgabe zu betrachten sei, nämlich die politische Freiheit durch den Sturz der autokratischen Zarenherrschaft zu gewinnen.Leonard Schapiro: Die Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. S. Fischer Verlag 1962. (engl.: The Communist Party of the Soviet Union. Eyre & Spottiswoode : London.), S. 47 ff.

Im April 1899 entstand eine neue Zeitschrift, Rabotscheje Djelo (dt.: Arbeitersache), um die sich Männer versammelten, die man darauf „Ökonomisten“ nannte: V. P. Akimow (Machnowetz), B. Kritschewski und A. Martynow (Pikker). Diese wurden von Plechanow, Axelrod und Lenin des Ökonomismus beschuldigt. Lenin warf den Ökonomisten insbesondere auf den Seiten der „Iskra“ vor, den Marxismus als rein ökonomische Theorie misszuverstehen.Charles Bettelheim et al.: Schriften zum Klassenkampf, 1970.Charles Bettelheim: Les luttes de classes en URSS (1ère période 1917–1923). 1974, ISBN 2-02-002206-0, S. 31.

In seiner Schrift Was tun? kritisiert Lenin vor allem die Ignoranz der „Ökomomisten“ einerseits gegenüber der Theorie des Marxismus und andererseits gegenüber anderen Formen der Unterdrückung der zaristischen Autokratie, etwa gegenüber den Semstwo-Bauern und oppositionellen Studenten. Lenin unterschied zwischen dem ökonomischen und dem politischen Kampf der Arbeiter, was er auf die Organisationsformen der Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei übertrug:

Aus diesem Grund müsse die Sozialdemokratie sich auch in „liberalen“ Fragen bürgerlicher Rechte „einmischen“, was die „Ökonomisten“ als Kompromiss mit dem Liberalismus werteten.

In ähnlicher Weise richtete sich später Mao Zedong mit dem Begriff des Ökonomismus (jīngjìzhǔyì, 经济主义) gegen seine Gegner.Joachim Glaubitz: Ökonomismus, nicht nur ein Schlagwort im Kampf mit den Feinden Mao Tse-tungs. Berichte des Bundesinstituts für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien, Nr. 8, 1967.

Von ökonomistischen Interpretationen des Marxismus grenzen sich in der Gegenwart die Neomarxisten ab.

„Ökonomischer Imperialismus“ als wissenschaftlicher Ansatz Als „Ökonomismus“ wird mitunter auch die interdisziplinäre Anwendung ökonomischer Modelle auf andere Bereiche der Sozialwissenschaften bezeichnet. Dabei handelt es sich nach Karl Homann „um einen methodologischen Ökonomismus, nicht um einen Ökonomismus in der Sache“Karl Homann: S. 13.. Damit wird Ökonomik nicht mehr durch einen spezifischen Gegenstandsbereich, also die Wirtschaft bestimmt, sondern formal als Anwendung der ökonomischen (genauer: mikroökonomischen) Methodik auf jedes beliebige Handeln.Hendrik Hansen: Politik und wirtschaftlicher Wettbewerb in der Globalisierung. VS Verlag 2008. ISBN 3-531-15722-1. S. 30 Dieses „Eindringen“ der Wirtschaftswissenschaft in die Bereiche anderer Sozialwissenschaften wird zum Teil auch als ökonomischer Imperialismus empfunden.Gebhard Kirchgässner: Homo Oeconomicus. Mohr Siebeck : Tübingen 1991, S. 139.

Als Hauptvertreter dieser Richtung gilt der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Gary S. Becker.Martin Leschke, Ingo Pies (Hrsg.): Mohr Siebeck : Tübingen 1998. ISBN 3-16-146965-8 Er sucht mit Hilfe einer in der Mikroökonomie üblichen Handlungstheorie politische Prozesse, gesellschaftliche Verhältnisse und soziales Handeln, beispielsweise Eheschließungen, Erziehung, Wahlverhalten, überhaupt jedwede Entscheidungsfindung auch im außerökonomischen Bereich mit Kosten-Nutzen-Erwägungen des handelnden Individuums zu erklären.

Unter dem Titel „Economic Imperialism“ fanden am 7.–10. Juni 1984 in Wien ein Workshop und ein Kolloquium statt; die entsprechenden Beiträge sind veröffentlicht.Gerard Radnitzky, Peter Bernholz (Hrsg.): Economic Imperialism. The Economic Approach Applied Outside the Field of Economics. Paragon House Publishers, New York 1987, ISBN 0-943852-11-0. Die Thematik spannt sich von der Untersuchung des Beckerschen Erklärungsansatzes bis hin zur WissenschaftstheorieGerard Radnitzky: Cost-Benefit Thinking in the Methodology of Research: The 'Economic Approach' Applied to Key Problems of the Philosophy of Science. S. 283 ff., GeschichteRoger E. Meiners: Economic Considerations in History: Theory and a Little Practice. S. 79 ff., SoziologieJames S. Coleman: Norms as Social Capital. S. 133 ff., PolitikwissenschaftAnthony F. Heath: The Economic Theory of Democracy: The Rise of the Liberals in Britain. S. 105 ff., RechtswissenschaftWalter Block: Trading Money for Silence. S. 157 ff. und BiologieMichael T. Ghiselin: Principles and Prospects for General Economy. S. 21 ff..

Gary Beckers Handlungstheorie umfasst explizit dreierlei Komponenten: (1) eine Maximierungsstrategie (etwa von Nutzen oder Profit), (2) ein Marktgleichgewicht, (3) stabile Präferenzen.John H. Gray: The Economic Approach to Human Behavior: Its Prospects and Limitations. In: Gerard Radnitzky, Peter Bernholz (Hrsg.): Economic Imperialism. The Economic Approach Applied Outside the Field of Economics. A Professors World Peace Academy Book. Paragon House Publishers New York. 1987. ISBN 0-943852-11-0. S. 34. Vgl. Gary Becker: The Economic Approach to Human Behaviour. University of Chicago Press 1976. S. 5.; Gary Becker: Irrational Behaviour and Economic Theory. Journal of Political Economy 1962.

Beckers handlungstheoretische Postulate sind demnach weitaus enger als etwa diejenigen, die von Karl Popper in seiner Situationslogik gemacht werden. So lehnt zum Beispiel auch Ludwig von Mises die Annahme von geordneten Präferenzen als völlig unrealistisch ab. Auch die Annahme einer Tendenz zum Marktgleichgewicht wird von vielen Ökonomen bestritten. Dennoch kann man argumentieren, dass Beckers Ansatz auch unter weniger strikten Annahmen interessante theoretische Einsichten erlaubt, indem er außerwirtschaftliche Bereiche wie einen (impliziten) Markt mit (impliziten) Preisen betrachtet.John H. Gray: The Economic Approach to Human Behavior: Its Prospects and Limitations. In: Gerard Radnitzky, Peter Bernholz (Hrsg.): Economic Imperialism. The Economic Approach Applied Outside the Field of Economics. A Professors World Peace Academy Book. Paragon House Publishers New York. 1987. ISBN 0-943852-11-0. S. 34 ff.

Literatur Alexander Dietz: Der homo oeconomicus, Gütersloh 2005 Wolfgang Kersting: Wem gehört die Moral?, Cicero 04/2005 Gebhard Kirchgässner: Auf der Suche nach dem Gespenst des Ökonomismus (PDF; 3,7 MB)

Einzelnachweise

Siehe auch Primat der Ökonomie

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