Entgrenzung der Arbeit beschreibt in der Arbeits-, Wirtschafts- und Industriesoziologie die zunehmende Auflösung von zeitlichen, räumlichen und sachlichen Strukturen der Erwerbsarbeit. Im engeren Sinne ist damit oft die Auflösung von Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben gemeint.

Die Entgrenzung wird auch im Zusammenhang mit dem Begriff Arbeitskraftunternehmer als Leittypus des globalen Kapitalismus diskutiert. Der Soziologe Gerd-Günter Voß geht davon aus, dass neue betriebliche Rationalisierungsstrategien verstärkt auf die Nutzung der Fähigkeit der Arbeitskräfte zur Eigenmotivierung und selbständigen Sinnsetzung abzielen und Entgrenzung damit auch bei der Motivation des Menschen zu beobachten ist. Ein entscheidender Aspekt bei der Entgrenzung von Arbeit ist die Flexibilisierung.Georg Vobruba: Grundlagen der Soziologie der Arbeitsflexibilität, Berliner Journal für Soziologie, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Band 16, Nr. 1, Januar 2006, S. 1. Teilweise werden dabei die jeweiligen geltenden gesetzlichen Bestimmungen zum Beispiel hinsichtlich der Arbeitszeit missachtet.

Begriffe Grenzen bestehen in der Arbeitswelt durch teilweise gesetzliche Regelungen zur Arbeitszeit, aber auch durch gesellschaftlich und kulturell geprägtes Verständnis hinsichtlich Wohnung und Arbeitsplatz, Freizeit und Beruf. In der englischen Sprache werden die Begriffe Work-Life-Blending und Work–life interface verwendet. Meist wird das fließende Ineinander-Übergehen von Berufs- und Privatleben beschrieben. Die traditionelle Trennung dieser beiden Bereiche wird seit dem 19. Jahrhundert untersucht. Dabei wird ein unterschiedliches Rollenverständnis beobachtet, wobei die Familie immer als privat gilt. Der Begriff Work-Life-Balance steht dagegen für den Versuch, Arbeits- und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen.

Das Wort Erwerbsarbeit ist dabei nicht als Synonym für Lohnarbeit in einem Abhängigkeitsverhältnis zu verstehen, sondern das Begriffsverständnis umfasst auch die selbständig Tätigen sowie mithelfende Familienangehörige., Website des Statistischen Bundesamtes, abgerufen am 29. März 2019. Bereits 2002 hieß es in einer Forschungsarbeit: „Die Zukunft der Arbeit scheint im Zeichen der Entgrenzung zu stehen.“Wolf/Mayer-Ahuja: „Grenzen der Entgrenzung von Arbeit“ - Perspektiven der Arbeitsforschung. In: SOFI-Mitteilungen, Göttingen 2002, Nr. 30, Seite 197.

Thematische Aspekte mini|Der private Raum im 20. Jahrhundert: US-amerikanische Familie beim Fernsehen, um 1958 Entgrenzungsprozesse werden in der Regel als Wandel der Erwerbsarbeit in betrieblichen Organisationen untersucht. Referenzpunkt für den Wandel ist dabei meist ein Idealtypus des Normalarbeitsverhältnisses in industriellen Großbetrieben. Da sich die übliche Arbeitszeit eines Vollzeit-Erwerbstätigen von beispielsweise 40 Stunden je Woche in einigen Wirtschaftszweigen verändert hat und zum Beispiel in Deutschland seit 1995 nur noch 35 Stunden in der Druck-, Metall- und Elektroindustrie beträgt, ist bei allen Untersuchungen zu berücksichtigen, welche Datengrundlage verwendet wurde. Seit Mitte der 1990er Jahre ist die Wochenarbeitszeit in vielen Branchen – meist unter dem Stichwort „Rücknahme der Arbeitszeitverkürzung“ – wieder deutlich angestiegen. Ein traditionelles Untersuchungsthema ist die Teilzeitarbeit, welche bisher noch eine wesentliche Rolle bei der Flexibilisierung spielt.

Einige Wirtschaftszweige sind geprägt durch extensive oder atypische Arbeitszeiten und ein besonders hohes Maß an Flexibilität, mit der Erwerbstätige ihre Arbeitszeiten an die wechselnden Erfordernisse der Arbeit anpassen. Das Forschungsprojekt „Entgrenzte Arbeit – entgrenzte Familie“ des Deutschen Jugendinstituts und der TU Chemnitz zeigte auf, dass in den zwei untersuchten Branchen dieser Art – dem Einzelhandel und der Film- und Fernsehbranche – berufstätige Eltern einen „hohen, äußerst differenzierten und komplexen Bedarf an Kinderbetreuung“ haben. Durch die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten infolge der Föderalismusreform hat sich in Deutschland seit 2006 eine neue Entwicklung ergeben, weil zum Beispiel Ladengeschäfte an Wochentagen bis 24 Uhr geöffnet haben.

Ein besonderer Themenkomplex ist die Schichtarbeit, die nach verschiedenen Studien als gesundheitlich belastend gilt.Internationale Agentur für Krebsforschung: vom 5. Dezember 2007 (englisch) Schichtarbeit war in Deutschland um das Jahr 2000 bei 14 % der arbeitenden Männer zu finden., Institut für Allgemeine Pädagogik, Braunschweig 2002, Seite 20. Zu berücksichtigen ist dabei zwar, dass es unterschiedliche Modelle gibt, aber sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungsbereich (z. B. Krankenhäuser) eine 40-Stunden-Woche zunächst auf fünf Tage verteilt wird, so dass sich ein Achtstundentag ergibt, der in einem 24-Stunden-Betrieb zu drei Schichten führt. Arbeit an Sonn- und Feiertagen sind eher die Ausnahme und unterliegen in Deutschland starken gesetzlichen Einschränkungen.

Bei der funktionalen Flexibilisierung wird einerseits eine breitere Qualifikation der Arbeitnehmer verlangt, andererseits kann in einigen Berufen auf die herkömmliche Spezialisierung verzichtet werden, so dass sich auch das jeweilige Berufsbild im Laufe der Zeit verändert.

Eine sehr weitgehende räumliche und zeitliche Entgrenzung und zugleich neuste Entwicklung ist der digitale Nomade – eine moderne Form des Wanderarbeiters. Solchen Trends versuchen einige Staaten mit gesetzlichen Bestimmungen entgegenzuwirken, da sich Auswirkungen auf das Steuerkommen ergeben können. Als ein neuer Trend in diesem Zusammenhang gilt das Co-Living, eine Mischung aus Wohngemeinschaft und Co-Working-Spaces, die zunächst in den 2000ern in Kalifornien entstand. Als Vorteil wird hervorgehoben, dass durch die geringen Ansprüche an die Wohnverhältnisse und durch kurze Wege Kosten, Energie und Zeit gespart würden und dass die Nähe beim Wohnen und Arbeiten Kontakte und gegenseitige Unterstützung erleichtere. Andererseits wird das Co-Living dahingehend kritisiert, dass es die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben verschiebe, da die gewonnene Zeit angesichts der prekären Wohn- und Lebenssituation wiederum in Arbeit und Networking investiert werde.

Hintergründe und Entstehung mini|Leben und Arbeiten unter einem Dach, Handwerkerbude um 1700 in Schwerin mini|Die Siedlung Eisenheim im Ruhrgebiet gilt als eine der ältesten Arbeitersiedlungen in Deutschland. mini|Erfassung der Arbeitszeit in einem Industriebetrieb der 1970er Jahre

Das fließende Ineinander-Übergehen von Berufs- und Privatleben ist kein neues Phänomen. Die heutige Vorstellung einer besonderen Privatsphäre entstand erst mit dem Aufkommen des Bürgertums in der Neuzeit. Der US-amerikanische Publizist Vance Packard beschrieb 1964 in seinem Buch The Naked Society, dass Arbeitgeber sich aus verschiedenen Gründen für das Privatleben ihrer Angestellten interessieren, und sah darin eine Einmischung in das Privatleben.Vance Packard: Die wehrlose Gesellschaft, deutsche Taschenbuchausgabe, Droemer Knaur 1968, Seite 46.

Andererseits werden Entgrenzungstendenzen in der Sozialorganisation von Arbeit durch betriebsinterne Umstrukturierungen und die Ausdünnung betrieblicher Steuerungsvorgaben ausgemacht. Daneben wird eine Entgrenzung der Betriebsorganisation im Sinne der Auflösung der Unternehmensgrenzen gegenüber dem Markt sowie die Entstehung neuer Betriebstypen und Organisationsformen als Analysedimension benannt. Dabei spielen die verschiedenen Formen des Outsourcing bis hin zur Scheinselbständigkeit eine zunehmende Rolle bei der Entgrenzung. Die Informations- und Kommunikationstechnologie und die Digitalisierung führen zu neuen Entwicklungen in der Entgrenzung und Flexibilisierung der Arbeit. Laut einer Studie der Warwick Business School aus dem Jahr 2009 hatte jedoch weniger als die Hälfte der befragten CIOs versucht, die Wirtschaftlichkeit von IT-Outsourcing zu quantifizieren., Pressemitteilung vom 12. August 2009 (englisch)

Räumliche Aspekte Der Lehrling früherer Zeiten wanderte durch mehrere Länder, um verschiedene Handwerkstechniken zu erlernen, und wohnte jeweils in der Familie seines Meisters.Wolfram Fischer: Das Handwerk im Umbruch am Beginn des Industriezeitalters. Themenportal Europäische Geschichte, 2006. Seit Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert entstanden neuartige Strukturen der Wohnung: Werkswohnungen bis hin zu Arbeitersiedlungen.

Die wirtschaftliche Expansion zum Beispiel im Ruhrgebiet machte die Anwerbung neuer Arbeitskräfte erforderlich, die Bevölkerung stieg teilweise explosionsartig. Der jeweilige Arbeitgeber bestimmte dabei weitgehend über die Form und Ausgestaltung der Wohnung,dtv-Atlas zur Baukunst, Band 2, Seite 527 und 537, 7. Auflage 1987. die nach heutigem Verständnis zur Privatsphäre gehört. Dies hatte einen beträchtlichen Einfluss auf das Umfeld und die Lebensgewohnheiten der Arbeiterschaft, vor allem durch die Standardisierung der Gebäude, und brachte die Bewohner in immer stärkere Abhängigkeit. Die räumliche Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung hat sich seitdem weiter entwickelt und fand durch die Charta von Athen (CIAM) 1933 ihren formalen Höhepunkt. Im Städtebau entstanden Wohnsiedlungen getrennt von Gewerbegebieten, die Wege zur Arbeit wurden wesentlich länger. Durch die massenweise Verbreitung von Mietwohnungen hält diese Entwicklung bis heute an. Erst durch die Idee von einer „Stadt der kurzen Wege“ zeichnet sich eine Trendwende ab.Frank M. Rauch: Die Baunutzungsverordnung als Maßstab für den Lärmschutz: Entwicklungsgeschichte und Diskussionsstand, Zeitschrift für Immissionsschutz 1/2017. Beschäftigte ziehen vielfach an den Ort ihrer Arbeit und sind bei einer Verlagerung des Betriebes auch oft zum Umzug gezwungen.

Die Einführung von Melderegistern zwang die Menschen zu einer gewissen Sesshaftigkeitso in Österreich durch die Ministerialverordnung vom 15. Februar 1857 RGBl. Nr. 33. und setzte damit weitere räumliche Grenzen. In der Zeit des Nationalsozialismus erfuhr der Einfluss auf die Lebensgewohnheiten einen nochmaligen politischen Schub durch eine Weiterentwicklung der MeldepflichtAm 6. Januar 1938 erließen die Nationalsozialisten eine „Reichsmeldeordnung“, die das Meldewesen innerhalb des Deutschen Reiches erstmals standardisiert einführte. und den Blockwart.

Die heutige, teilweise sehr individuelle Vorstellung von der eigenen Wohnung entstand erst in der Neuzeit. Zunächst verbreitete sich seit dem Mittelalter die Form des Ackerbürgerhauses, bei dem Vorratshaltung, Arbeit und Leben in einer räumlichen Einheit zu finden waren.dtv-Atlas zur Baukunst, Band 1, Seite 59, 7. Auflage 1987. Eine Trennung der Begriffe Arbeitgeber und Arbeitnehmer fand noch nicht statt. Es gab jedoch schon im 16. Jahrhundert den Begriff „arbeytsherren“.Benno Schmidt, Frankfurter Zunfturkunden bis zum Jahre 1612, Band I, 1914, S. 157. Ein neues Verständnis der Begriffe entstand mit dem Klassenbewusstsein, das vorübergehend das Gefühl der Individualität auflöste und zugleich neue Grenzen zwischen Arbeiterklasse und den Eigentümern der Produktionsmittel zog. Eine extreme Vorstellung war dabei das Proletariat nach Marx, das angeblich frei über seine Arbeitskraft verfügt, aber tatsächlich den Gesetzen des Arbeitsmarktes unterworfen ist.

mini|Reisepass und Visum sind ein wichtiger Schritt für die internationale Mobilität. mini|Unternehmen wie McDonald’s sind zum Sinnbild der weltweiten Flexibilisierung geworden.