mini|Rudolf Höß als Angeklagter beim Gerichtsprozess in Polen (1947)
Rudolf Franz Ferdinand Höß [hœs] (* 25. November 1901Das Geburtsjahr 1901 geht nicht nur aus der Geburtsurkunde des Standesamts Baden-Baden oder der Heiratsbescheinigung im Familienstammbuch vom 17. August 1929 hervor. Es findet sich zudem auch in allen Schülerlisten sowie den Meldedaten in Mannheim. Bei einer Razzia in Schwerin 1923 und im Parchimer Prozess 1924 sowie in allen späteren Lebensläufen, darunter auch in Höß’ handschriftlichem Lebenslauf von 1936, behauptet er, 1900 geboren zu sein. Als „weißer Jahrgang“ wäre er nicht mehr zum Militärdienst herangezogen worden, weswegen er 1900 als Geburtsjahr angab, um seine Beteiligung am Ersten Weltkrieg glaubhafter machen zu können. Der Nachweis bei Wilhelm Kreutz, Karen Strobel: Der Kommandant und die Bibelforscherin: Rudolf Höß und Sophie Stippel. Zwei Wege nach Auschwitz (= Schriftenreihe MARCHIVUM 1). Mannheim 2018, S. 27 ff. in Baden-Baden; † 16. April 1947 in Auschwitz) war ein deutscher Nationalsozialist, SS-Obersturmbannführer und von Mai 1940 bis November 1943 Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz. Er war verantwortlich für den Tod von weit mehr als einer Million Menschen und wurde 1947 in Polen als Kriegsverbrecher zum Tode durch den Strang verurteilt und am Ort des ehemaligen Stammlagers hingerichtet.
Biografie Leben bis 1933 mini|Windeckstraße 29 in Mannheim
Rudolf Höß wurde am 25. November 1901 als Sohn katholischer Eltern in Baden-Baden geboren. Seine Vorfahren waren überwiegend Landwirte und Handwerker in Baden. Höß schilderte hingegen in seiner Autobiografie, dass er einer alten Offiziersfamilie entstamme. Der Großvater sei Oberst im Deutsch-Französischen Krieg gewesen, sein Vater zeitweise Soldat der Kolonialtruppe in Deutsch-Ostafrika. Diese Aussagen gelten mittlerweile als widerlegt.Wilfried Lienhard: Von Baden-Baden über Mannheim nach Auschwitz: KZ-Kommandant Rudolf Höß In: Badische Neueste Nachrichten, 27. Januar 2020
Ab dem Umzug nach Mannheim besuchte er dort das Karl-Friedrich-Gymnasium. Sein Vater, der Kaufmann Franz Xaver Höß, wollte, so behauptet Höß in seiner Autobiografie, dass er katholischer Priester werde. Nach dem Tod des Vaters am 3. Mai 1914 blieb Höß in der Schule sitzen und meldete sich angeblich während des Ersten Weltkrieges freiwillig zur Armee. Höß wollte danach in der Türkei, an der Front in Mesopotamien sowie später an der Palästinafront gedient haben sowie an Kampfhandlungen gegen die Britische Armee beteiligt gewesen sein. Bereits im Alter von 17 Jahren wollte er als Unteroffizier mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse sowie dem Eisernen Halbmond ausgezeichnet worden sein. Seine diesbezüglichen, sehr ausgeschmückten Darstellungen in seiner Autobiografie sind inzwischen widerlegt. Er ist in keiner der infrage kommenden Stammrollen nachweisbar und war durchgehend im Raum Mannheim gemeldet. Nachdem ihn die Realschule in Bühl nicht aufgenommen hatte, kehrte er im Herbst 1915 nach Mannheim zurück. Dort wohnte er mit seiner Mutter Lina Höß und seinen Geschwistern im dritten Obergeschoss der Windeckstraße 29 und besuchte die Volksschule (Lindenhofschule), die er 1916 mit guten Noten abschloss. Die Lebensverhältnisse der Familie sollen nach dem Tod des Vaters prekär gewesen sein. Im Anschluss an die Schule begann er eine Lehre. Nach dem Tod seiner Mutter am 8. April 1917 und drei Wohnungswechseln meldete er sich am 31. Dezember 1917 ins benachbarte Friedrichsfeld (heute Stadtteil von Mannheim) ab.
Höß wurde 1918 Soldat und schloss sich 1919 dem Freikorps Roßbach an, in dem er mit den Baltikumern, beim Ruhraufstand und in Oberschlesien kämpfte. Nach dem Verbot des Freikorps gehörte er auch der Nachfolgeorganisation, der „Arbeitsgemeinschaft Roßbach“, an und arbeitete in landwirtschaftlichen Betrieben in Schlesien und Mecklenburg. Hier kam er mit der nationalsozialistischen Ideologie in Berührung. Mit der katholischen Kirche brach er 1922 endgültig. Als Roßbach mit seinen Anhängern Ende 1922 zur NSDAP übertrat, meinte Höß auch Mitglied geworden zu sein, wie er in der Selbstdarstellung angab.Volker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie. Böhlau, Köln 2014, S. 24 f.Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien. Wallstein, Göttingen 2000, S. 109. Als Mitgliedsnummer nannte er später immer die niedrige Nr. 3240.Volker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie. Böhlau, Köln 2014, S. 54 f. Über den Zeitpunkt seines Parteieintritts kam es später allerdings zu Differenzen zwischen verschiedenen Parteidienststellen. Nachdem die NSDAP 1922 in manchen deutschen Ländern verboten worden war – in Mecklenburg etwa am 30. November –, wechselten die Roßbacher zur Deutsch-Völkischen Freiheitspartei. Höß wurde im Januar 1923 Mitglied dieser Partei.Volker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie. Böhlau, Köln 2014, S. 27.
Auf Gut Neuhof bei Parchim führte Höß 1923 einen Arbeitstrupp der Roßbacher. Geschäftsführer auf dem benachbarten Rittergut in Herzberg, Abschnittsleiter der Deutsch-Völkischen Freiheitspartei im Bereich Herzberg sowie der Organisation Roßbach in Mecklenburg war zu dieser Zeit Martin Bormann.Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien. Wallstein, Göttingen 2000, S. 110. Auf dem Gut Herzberg arbeitete auch Walter Kadow, der nach dem Besuch eines Lehrerseminars aus Geldnöten im Herbst 1922 zur Arbeitsgemeinschaft Roßbach gestoßen war. Bormann und Höß wollten den unbeliebten Kadow wegen verschiedener Geldunterschlagungen abstrafen und verdächtigten ihn möglicherweise als kommunistischen Spitzel. Am 31. Mai 1923 verschleppten Höß und einige andere Roßbacher Kadow in einen Wald außerhalb Parchims, misshandelten ihn schwer, brachten ihn schließlich um und begruben seinen Leichnam am Folgetag im Wald. Die als Parchimer Fememord bekannt gewordene Tat wurde durch einen der Beteiligten dem sozialdemokratischen Vorwärts gegenüber aufgedeckt. Vom Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik wurde Höß am 15. März 1924 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein späterer Förderer Bormann erhielt für seine Rolle beim „Parchimer Fememord“ eine einjährige Gefängnisstrafe. Bereits am 14. Juli 1928 kam Höß infolge der Koch-Amnestie wieder frei.Volker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie. Böhlau, Köln 2014, S. 25–29.Mario Niemann: Der Prozess gegen Martin Bormann und Rudolf Höß, Deutschland 1923. In: Lexikon der Politischen Strafprozesse, März 2016, abgerufen am 26. Februar 2024.
mini|Ausgabe des Deutschen Fahndungsblatts vom 30. Juni 1923 mit Fahndungsmeldung für Rudolf Höß Unmittelbar nach seiner Haftentlassung schloss sich Höß dem Bund der Artamanen an, einer völkisch-nationalistischen Siedlungsbewegung, die Großgüter im Osten aufkaufte und in Gruppensiedlungen umwandelte. Er trennte sich von seinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis, arbeitete in verschiedenen „Landdienstgruppen“ in Brandenburg und Pommern und lernte bald darauf Hedwig Hensel kennen, die er 1929 heiratete. Nach eigenen Angaben hatte er schon 1933 auf Gut Sallentin in Pommern eine Gruppe Reiter-SS aufgestellt. Laut seinen Personalunterlagen gehörte er vom 2. September 1933 bis zum 10. Juni 1934 dem „Sturm 2/R/5“ in Stargard an. Belegt ist andererseits sein Eintritt in die SS (SS-Nummer 193.616) am 1. April 1934 als Anwärter und die Beförderung zum SS-Sturmmann am 20. April 1934. Nach eigenen Angaben wiederum traf Höß anlässlich einer Besichtigung des Gutes auf Heinrich Himmler, den er von den Artamanen her kannte und der ihn für die Verwaltung eines Konzentrationslagers anwarb. Im November 1934 sei er deshalb nach Dachau gekommen. Im Melderegister Dachaus ist der Zuzug der Familie Höß am 1. Januar 1935 verzeichnet.Volker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie. Böhlau, Köln 2014, S. 46–51; Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien. Wallstein, Göttingen 2001, S. 113–115.
Aufstieg in der Konzentrationslager-SS Am 20. November 1934 zum SS-Unterscharführer befördert, absolvierte Höß von Dezember 1934 bis Januar 1935 eine infanteristische Sonderausbildung bei den Wachmannschaften des KZ Dachau. Am 1. März 1935 wurde er in Dachau zur Abteilung II versetzt und am 1. Juli zum SS-Oberscharführer befördert. Am 1. März 1936 wurde er SS-UntersturmführerLeMO: Rudolf Höß, Biografie; abgerufen am: 5. November 2024. und einen Monat später Rapportführer der Abteilung II. Damit oblag ihm die Überprüfung des Häftlingsbestands, die Leitung der Häftlingsschreibstube und als Vorgesetztem die Einteilung der Blockführer. Er vollstreckte außerdem Lagerstrafen bzw. überwachte deren Vollstreckung. Seine Vorgesetzten beurteilten ihn hervorragend.Volker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie. Böhlau, Köln 2014, S. 51.
Da er während des Verbots der NSDAP und zum Zeitpunkt ihrer Neugründung im Februar 1925 seine Zuchthausstrafe verbüßte, konnte Höß seinerzeit keinen Neuantrag auf Parteimitgliedschaft stellen und verfügte auch zum Zeitpunkt seines SS-Eintritts nicht über einen Mitgliedsausweis. Die Reichsleitung der NSDAP teilte dem örtlichen Totenkopfverband auf Anfrage im November 1936 mit, dass Höß nicht unter der Mitgliedernummer 3240 geführt werde, sondern ein anderer Parteigenosse. Höß war bis auf weiteres der Bestandsführung der Ortsgruppe zugehörig.Volker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie. Böhlau, Köln 2014, S. 55. Am 2. August 1937 beantragte er die Aufnahme in die Partei.Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/16190649 Da er auch aufgrund der 1933 verhängten Aufnahmesperre bis 1939 noch keinen Mitgliedsausweis erhalten hatte, intervenierte Bormann bei der Reichsleitung der NSDAP, und Höß wurde am 3. April 1939 rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.357.166). Höß gab freilich nie seine eigentliche, hohe Mitgliedsnummer an, sondern stets die niedrige Nr. 3240. Er bemühte sich auch um die Verleihung des Blutordens, den er aber nicht erhielt.Volker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie. Böhlau, Köln 2014, S. 54–58.
Im August 1938 wurde Höß Adjutant des Lagerkommandanten im KZ SachsenhausenVolker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie. Böhlau, Köln 2014, S. 52. und im November 1939 dort Schutzhaftlagerführer im Rang eines SS-Hauptsturmführers.Volker Koop: Rudolf Höß. Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie. Böhlau, Köln 2014, S. 76. Dort war er im März 1940 für die Ermordung der dorthin überführten Brüder Sass verantwortlich.Manfred Riepe: Zwei Arbeiter aus Moabit wurden Virtuosen des Bankeinbruchs In: tagesspiegel.de, 8. Januar 2018 Außerdem leitete Höß in seiner Position in Sachsenhausen Hinrichtungskommandos, u. a. bei der Erschießung sogenannter Bibelforscher.Biografie Höß’ auf tenhumbergreinhard.de Im Mai 1940 erfolgte seine Versetzung als Lagerkommandant ins KZ Auschwitz.