mini|Das Zülfikar, Schwert des Ali ibn Abi Talib, gilt als Identifikationssymbol der Alawiten. Die Alawiten (; ) bzw. Nusairier (, ) sind eine religiöse Sondergemeinschaft in Vorderasien, die im späten 9. Jahrhundert im Irak entstanden ist und zum schiitischen Spektrum des Islams gehört. Sie sind nicht zu verwechseln mit den türkischen und kurdischen Aleviten, die früher Kizilbasch genannt wurden.

Bezeichnungen Der Name „Alawiten“ () wird erst seit dem späten 19. Jahrhundert für diese Gruppe verwendet.Vgl. Alkan 2012, 49. Vor dieser Zeit war „Nusairier“ der allgemein übliche Name für sie, obwohl Alawiten diesen Begriff häufig als „diskriminierend“Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020). In: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient. Band 19. Münster 2024, ISBN 978-3-643-25119-0, S. 136 ff. ablehnten. Er leitet sich von Muhammad ibn Nusair an-Numairī (gestorben um ca. 864) ab, der als Gründer der Nusairier gilt. Dieser trat um 860 für den zehnten Imam der Schiiten, ʿAlī al-Hādī an-Naqī, in Erscheinung.Claude Cahen: Der Islam I. Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches (= Fischer Weltgeschichte, 14). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main, 2003, ISBN 3-596-50733-2, Kapitel 10: „Die Entwicklung der politisch-religiösen Bewegungen“, S. 212.

mini|Siedlungsgebiete der Alawiten und anderer schiitischer Gruppen in Türkei, Syrien und Libanon Um den Ruch des Sektiererischen ihrer Vorfahren abzulegen und um sich selbst als Teil der großen schiitischen Gemeinde zu präsentieren, begannen die Nusairier Ende des 19. Jahrhunderts, sich als „Ali-Anhänger“ (ʿAlawīyūn) zu bezeichnen. In der Türkei werden die Alawiten heute als Arap Alevileri („arabische Aleviten“) oder auch als Güney Alevileri („südliche Aleviten“) bezeichnet, um die Unterscheidung von den Aleviten bzw. anderen „Anhängern Alis“ eher herunterzuspielen.Ali Duran Gülcicek: Heinz Halm: Art. „Nuṣayriyya“ Der Begriff Nusairier wird heutzutage vor allem von Islamisten bevorzugt, um die islamische Natur der Glaubensgemeinschaft in Frage zu stellen.Nikolaos van Dam: The Struggle for Power in Syria – Politics and Society under Asad and the Ba’th Party. I.B. Tauris, New York / London, 2011, ISBN 1-86064-024-9, S. 108 f.

In den eigenen Quellen der Nusairier tauchen noch andere Selbstbezeichnungen auf, insbesondere die unverfänglichen Ausdrücke muwahhidūn („Einheitsbekenner“) und ahl al-tauhīd, die die Gruppe als monotheistisch kennzeichnen.Vgl. Friedman 11 Ein weiterer Name, den die Alawiten für ihre Religion verwenden, ist „Pfad der Dschunbulāner“ (Tarīqat al-Ǧunbulānīya), benannt nach dem dritten Scheich Abū Muhammad ʿAbdallāh al-Dschannān al-Dschunbulānī (gest. 900), der als einer der ältesten Autoren der nusairischen Religion gilt.Massignon

Geschichte siehe auch: Alawiten oder Nusairier Die Anfänge im Irak Die Nusairīya entstand im späten 9. Jahrhundert im Milieu der irakischen Ghulat-Sekten. Die Mythologie und Terminologie dieser Sekten findet sich in der nusairischen Literatur fast unverändert wieder.Heinz Halm: Das Buch der Schatten. Die Mufaddal-Tradition der Ghulat und die Ursprünge des Nusairiertums. In: Der Islam 55, 1978. In der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts trat in diesem Milieu der Araber Abū Schuʿaib Muhammad ibn Nuṣayr aus dem Stamm der Banū Numair mit dem Anspruch auf, der bāb („das Tor“) des elften schiitischen Imams Hasan al-ʿAskarī (gest. 873) zu sein. Die von ihm geführte Gemeinschaft wurde von der Familie der Banū l-Furāt unterstützt, die als Sekretäre und Wesire im Dienst der Abbasiden standen. Ein Rivale um die Führung der Gemeinschaft war Isḥāq ibn Muḥammad al-Aḥmar. Auf ihn geht die mit der Nusairīya rivalisierende Schwestersekte der Isḥāqīya zurück. Nach dem Tod Ibn Nuṣairs, der zu unbekanntem Zeitpunkt erfolgte, übernahmen nacheinander Muhammad Ibn Dschuundub und al-Dschannān al-Dschunbulānī die Führung der Nuṣairīya, die offenbar aber nur geringe Führungsqualitäten hatten, so dass die Gemeinschaft viele Anhänger verlor.Vgl. Friedman 6–16.

Verbreitung nach Harran und Syrien Wesentlich erfolgreicher war al-Husain ibn Hamdān al-Chasībī, der offenbar von al-Dschunbulānī in die nusairische Lehre eingewiesen wurde, der aber auch mit einem anderen Anhänger Ibn Nuṣairs, ʿAlī ibn Ahmad aus Turbāʾ, einem Dorf bei Karbalāʾ, in Verbindung stand. Al-Chasībī predigte ab 926 öffentlich in Bagdad, wurde inhaftiert, floh aus der Haft und verbreitete anschließend die nusairischen Lehren in Syrien und in Harran, wo eine erste Gemeinde mit 51 Anhängern entstand. Nach der buyidischen Machtübernahme in Bagdad (945) kehrte er in den Irak zurück und verfasste dort sein Sendschreiben ar-Risāla ar-rāstbāschīya für den buyidischen Emir ʿIzz ad-Daula Bachtiyār (gest. 368/976), der, wie sich aus den zahlreichen panegyrischen Äußerungen über ihn in den nusairischen Schriften erschließen lässt, die Nusairier im Irak unterstützte. Die Führung der irakischen Gemeinde legte al-Chasībī in die Hände von ʿAlī ibn ʿĪsā al-Dschisrī, während er selbst schon bald wieder nach Syrien reiste, wo er am Hof des schiitischen Hamdaniden-Herrschers Saif ad-Daula die nusairischen Lehren verbreitete.Vgl. Friedman 17–34.

Verlagerung des Zentrums der Nusairīya nach Nordsyrien Mit al-Chasībī verlagerte sich das Zentrum der Nusairīya nach Nord-Syrien. Nach seinem Tod übernahm Muhammad ibn ʿAlī al-Dschillī, einer seiner Schüler aus dem Kreis in Harrān, die Führung der Gemeinschaft. Von Aleppo aus steuerte er ein Netz von nusairischen Gemeinden, das neben Harrān jetzt auch Städte wie Beirut und Tiberias und Tripolis umfasste. Für sie schrieb er nicht nur Werke, die die esoterischen Lehren der Sekte erklärten, sondern auch Sammlungen von religiösen Gutachten, die besonders der Frage der Initiation in die Gemeinschaft viel Aufmerksamkeit schenkten.Vgl. Friedman 34–40. Nach alawitischer Überlieferung wanderte at-Tabarani 1032 wegen der unaufhörlichen Kriege von Aleppo nach Latakia (al-Ladhiqiya) aus, um sich dort niederzulassen.

Die byzantinische Rückeroberung von weiten Teilen Westsyriens in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts führte dazu, dass die nusairischen Missionare jetzt zum großen Teil auf christlichem Territorium operierten. Dies spiegelt sich auch in der Entwicklung der nusairischen Literatur wider, die die eigene Lehre nun vor allem vor dem Hintergrund christlicher Vorstellungen darlegt. Am stärksten zeigt sich diese Tendenz bei Maimūn at-Tabarānī, der in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts die Führung der nusairischen Gemeinschaft übernahm. Er entwickelte einen neuen nusairischen Festkalender, in den auch christliche Feste integriert waren. Neue religiöse Konkurrenz erhielt die Nusairīya durch das in dieser Zeit aufkommende Drusentum, das Syrien als eines seiner wichtigsten Missionsgebiete betrachtete. Hamza ibn ʿAlī, der Gründer des Drusentums, fasste mehrere Schriften gegen die Nuṣairīya ab, in denen er deren Lehren zu widerlegen versuchte.Vgl. Friedman 40–45.

Etablierung im syrischen Küstengebirge Für die weitere Geschichte der Nusairīya war es von großer Bedeutung, dass im 11. Jahrhundert zwei Familien im syrischen Küstengebirge, die Banū Muhriz und die Banū l-Ahmar, ihre Lehre übernahmen. Während die nuṣairischen Gemeinden des Irak sowie die von Harran, Aleppo und Tiberias zu jener Zeit einen Niedergang erlebten, wurde der Dschabal, das syrische Küstengebirge, zum wichtigsten nuṣairischen Einwanderungsgebiet. Die Herrschaft der Kreuzfahrer in Antiochien (seit 1098) und Latakia (seit 1103) scheint die Ausbreitung der Sekte über das unzugängliche Gebirge im Hinterland nicht beeinträchtigt zu haben.C. Cahen

Im frühen 13. Jahrhundert gerieten die Nusairier im syrischen Küstengebirge allerdings in eine immer schärfere Konkurrenz zu den nizāritischen Ismāʿīliten, die hier eine Kette von Festungen unterhielten, sowie zu neu eingewanderten Kurden. Als es nach 1218 in der Festung von Sahyun zu einem Massaker an Nusairiern kam, erhielten diese von einem schiitischen Emir, al-Hasan al-Makzūn as-Sindschārī, Hilfe aus dem Sindschar-Gebiet. Der Emir rückte 1222 mit 50.000 Kämpfern in das Küstengebiet vor, schlug Nizārīten und Kurden in die Flucht und vernichtete auch die mit der Nusairīya rivalisierende Isḥāqīya, die im Küstengebiet noch einige Anhänger hatte. Damit erhielt nun das syrische Küstengebirge einen eindeutig nusairischen Charakter.Vgl. Friedman 47–56. Nach alawitischer Überlieferung fand in der Stadt ‘Āna am mittleren Euphrat im 13. Jahrhundert eine Art Konzil statt, zu dem Vertreter aus Bagdad, Aleppo, Latakia und dem Dschebel Ansariye kamen, um eine Lösung im Glaubensstreit mit den Ismāʿīliten zu finden. Diese und eine weitere Versammlung 1291 in Safita endeten erfolglos.Halm, EI2, Band 8, S. 147a

Bekehrungsversuche unter Mamluken und Osmanen Nachdem 1260 der Mamluke az-Zāhir Baibars Syrien erobert hatte, gab es von staatlicher Seite Versuche, die Nusairier zum Sunnitentum zu konvertieren. 1317 kam es daraufhin zu einem nusairischen Aufstand, bei dem sich der Anführer selbst zum Mahdi erklärte.Vgl. Friedman 57–61. Der hanbalitische Gelehrte Ibn Taimiyya erklärte wenig später in einer Fatwa, dass Nusairier dem Islam mehr schadeten als Christen und Juden und getötet werden müssten. Er konnte sich mit seiner Auffassung allerdings nicht durchsetzen. Die Nusairier wurden im mamlukischen Staat schließlich den anderen nicht-muslimischen Minderheiten gleichgestellt und mussten wie sie die Dschizya entrichten.Vgl. Friedman 56–64.

mini|Der Alawitenstaat als Teil des Völkerbundmandats für Syrien und Libanon Über die Geschichte der Nusairier vom 16. bis zum 18. Jahrhundert ist nicht viel bekannt. In spätosmanischer Zeit wurden die Nusairier zur Zielgruppe protestantischer Missionare, die sie davon zu überzeugen versuchten, dass ihre Religion christliche Ursprünge habe. Ausgelöst durch diese Missionsaktivitäten, begann sich unter Sultan Abdülhamid II. auch die osmanische Verwaltung für die Nusairier zu interessieren und versuchte, sie dem herrschenden sunnitisch-hanafitischen Islam anzunähern. In diesem Rahmen wurden im syrischen Küstengebirge eine Anzahl von Schulen und Moscheen errichtet.Vgl. Alkan 46.

Französisches Mandat und Alawitenstaat Am Ende des Ersten Weltkrieges begannen die Franzosen, Syrien zu besetzen. Schon bald nach der Besetzung teilten sie das Gebiet in Kleinstaaten auf. Nachdem sie auf der Konferenz von San Remo vom Völkerbund das Mandat für Syrien erhalten hatten, richteten sie am 31. August 1920 das „Autonome Territorium der Alawiten“ ein, das sich aus dem früheren osmanischen Sandschak Tripolis und einem Teil des Bezirks Masyaf zusammensetzte. Am 12. Juli 1922 erhoben sie dieses Gebiet zum eigenständigen Alawitenstaat, der eine eigene Fahne hatte und zusammen mit den Staaten Damaskus und Aleppo die „Föderation der Staaten Syriens“ bildete. Diese Föderation wurde allerdings im Dezember 1924 schon wieder aufgelöst und durch einen syrischen Staat ersetzt, der Aleppo, Damaskus und den Sandschak Alexandrette umfasste. Der Alawitenstaat dagegen wurde als „Unabhängiger Staat der Alawiten“ (französisch Etat indépendent des Alaouites) von einem französischen Gouverneur getrennt verwaltet.Vgl. dazu Weulersse 1940, I 121. 1937 wurde das Alawitengebiet mit dem übrigen Syrien wiedervereinigt.Vgl. Halm 1982, 289.

Die Alawiten im syrischen Staat mini|Die Assad-Familie