Sprechende Medizin wird als Sammelbegriff für alle ärztlichen Interventionen verwendet, welche die Kommunikation zwischen Arzt und Patient als Wirkfaktor nutzen. Damit wird eine Vielzahl von unterschiedlichen und zum Teil sich stark überschneidenden Themen zu umfassen versucht, wie z. B. Arzt-Patient-Beziehung, Arzt-Patient-Kommunikation, Ärztliches Gespräch, Psychoedukation im Rahmen von Patienten- und Angehörigen-Information (Erarbeiten adäquater Vorstellungen zu den beklagten Beschwerden bzw. gesundheitlichen Störungen, Erwartungen zur Behandlung und Prognose), breaking bad news (Übermitteln schwerwiegender diagnostischer Fakten), Erteilen von medizinischen Ratschlägen, Fragen der Therapietreue (Einwilligung und Befolgung von diagnostischen und therapeutischen Prozeduren; compliance, adherence).

Überschneidungen ergeben sich auch mit dem Konzept der Narrativen Medizin (Erzählende Medizin, englisch narrative medicine oder narrative based medicineTrisha Greenhalgh, Brian Hurwitz: Narrative-based Medicine - Sprechende Medizin. Dialog und Diskurs im klinischen Alltag. Huber, Bern 2005, ISBN 3-456-84110-8.) und der Balint-Gruppen (inklusive interaktionsbezogene Fallarbeit und „Beziehungsmedizin“Wulf Rössler (Hrsg.): Die therapeutische Beziehung. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-21670-7.Friedrich Schulz von Thun: Miteinander reden. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Band 1–3. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006.).

Im Rahmen der medizinischen Ausbildung und Patientenversorgung ergeben sich darüber hinaus enge Überschneidungen zu den Begriffen psychosoziale Medizin, psychosomatische Medizin und psychotherapeutische Medizin (als Anwendung psychotherapeutischer Interventionen im ärztlichen Setting) und Psychotherapie.

In ihrer Gesamtheit versteht sich die sprechende Medizin als Gegenpol und zugleich Erweiterung der Apparatemedizin (oder Gerätemedizin), welche auf dem strikt naturwissenschaftlich orientierten biomedizinischen Modell der Humanmedizin fußt. In dieser bis heute dominierenden Denkhaltung erscheint der Mensch nicht primär als (denkendes, fühlendes und gestaltendes) Subjekt, sondern als Objekt: der menschliche Organismus als komplexe Maschine, die im Schadensfall pharmakologisch oder chirurgisch-technisch zu reparieren ist (zur Kritik siehe zum Beispiel Ivan Illich und Paul Watzlawick (1991),Ivan Illich, Paul Watzlawick: Was macht den Menschen krank? 18 kritische Analysen. 1991, ISBN 3-7643-2583-6. Thure v. Uexküll und Wolfgang Wesiack (2003),Thure v. Uexküll, Wolfgang Wesiack: Integrierte Medizin als Gesamtkonzept der Heilkunde: ein biopsychosoziales Modell. In: Thure v. Uexküll: Psychosomatische Medizin. Modelle ärztlichen Denkens und Handelns. Urban & Fischer, München 2003, S. 3–42. George L. Engel (1976)George L. Engel: Psychisches Verhalten in Gesundheit und Krankheit. Huber, Bern 1976.Klaus Grawe: Neuropsychotherapie. Hogrefe, Göttingen 2004. Josef W. Egger (2010)Josef W. Egger: Gesundheit - Aspekte eines komplexen biopsychosozialen Konstrukts und seine Korrelation zu Optimismus und Glückserleben. In: Psychologische Medizin. 21(1), 2010, S. 38–48.).

Das Wort als Wirkfaktor Die Wirkelemente der sprechenden Medizin werden oft vereinfacht mit dem Symbol „Wort“ als Summe aller kommunikativen Wirkfaktoren gekennzeichnet. „Heilende Worte“ bilden neben den zwei Säulen „Arznei“ (Summe aller medikamentösen Wirkfaktoren) und „Messer“ (Summe aller technisch/chirurgischen Interventionen) das dritte Fundament der wissenschaftlichen Medizin. Die Vernetzung dieser drei Wirkbereiche wird über das sogenannte biopsychosoziale Modell von Krankheit bzw. Gesundheit erklärt. Die empirischen Belege für diese wissenschaftlich begründete „Ganzheitlichkeit“ kommen aus vielen interdisziplinären medizinischen Forschungsbereichen, überwiegend aber aus der „Neurobiologie“ (s. z. B. Wolf Singer, Gerhard Roth), „Psychoimmunologie“ (vgl. Christian Schubert) und „Neuropsychologie“ (s. z. B. Klaus Grawe). Hier wird deutlich, dass alles Leben auf Kommunikation, Austausch und Vernetzung basiert. Auch im menschlichen Organismus gibt es einen ständigen Informationsaustausch z. B. zwischen den Steuerungssystemen „Zentralnervensystem“, „vegetatives Nervensystem“, „Hormonsystem“ und „Immunsystem“. Sobald Worte – genau genommen die Schallwellen – im Innenohr in physiko-chemische Signale umgewandelt werden, handelt es sich bereits um einen physiologischen Prozess. Die zusammen mit der szenischen Einbettung (d. h. mit den gleichzeitig vorhandenen anderen Sinnesinformationen) in das Gehirn weitergeleiteten Impulse werden dort „verarbeitet“ (integriert) und mit spezifischer Bedeutung versehen, die den Organismus zu entsprechenden „Bereitstellungsreaktionen“ bzw. Handlungsimpulsen veranlassen. So wird ersichtlich, wie das Gesprochene eine physiologische Wirkung zu erzeugen imstande ist. Worte, die im Patienten eine positive Aktivierung hervorrufen (im Wesentlichen also positiv aktivierende Emotionen, die wiederum zur Erhöhung der Selbstwirksamkeit, Ressourcenaktivierung oder Beruhigung etc. beitragen), können prinzipiell als heilwirksam bezeichnet werden. Allerdings: Wie man mit Worten „heilen“ kann, lässt sich mit ihnen auch „verletzen“. – Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse wird eine biopsychosoziale Ganzheitlichkeit für das medizinische Vorgehen begründet, welche die immerwährende Verschränkung von körperlichen, seelischen und ökosozialen Vorgängen innerhalb eines Prozesses betont. Eine strikte Trennung von „Körper“ und „Seele“ bzw. von Materie und Geist wird damit überflüssig, wenngleich unser Sprachsystem dies bis heute nicht berücksichtigt.

Neurowissenschaftliche Aspekte Erkenntnisse der Neurowissenschaft können die Wirkungsweise der Worte auf neurobiologischem Hintergrund verdeutlichen. Ausgehend von der individuellen genetischen Matrix prägen die Lebenserfahrungen eines Menschen seine Hirnstruktur, indem sie Synapsen und neuronale Netzwerke auf unterschiedliche Weise im Wachstum formen. Das Gehirn befindet sich lebenslang in einem (allerdings zunehmend langsameren) Wachstumsprozess neuronaler Verschaltungen und ermöglicht Veränderung durch Lernprozesse.E. R. Kandel: Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006.Johann Caspar Rüegg: Gehirn, Psyche und Körper. Neurobiologie von Psychosomatik und Psychotherapie. 1. korr. Nachdruck der 5., aktualisierten u. erw. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-7945-2652-9. Neurobiologische Vorgänge im Gehirn wirken sich wegen der Vernetzung der Steuerungssysteme auf den gesamten Organismus des Menschen aus. Eingehende Wahrnehmungsimpulse (z. B.: Sehen, Hören, Riechen, Tasten) werden mit inneren Konzepten/Schemata abgeglichen, entsprechend bewertet und das Ergebnis in Form von Nervensignalen weitergeleitet. In einem vielfältig verschalteten physiologischen Prozess (s. Stressforschung und StressmedizinHans Selye: Streß beherrscht unser Leben. Heyne 1991.J. W. Egger: Von der psychobiologischen Stressforschung zur Neuropsychoimmunologie. In: Pädiatrie und Pädologie. 27, 1992, S. 91–96.) bewirken diese Nervenimpulse in bedrohlich interpretierten Situationen (Gefahrensituationen, Stress-Situationen) beispielsweise die Ausschüttung von Aktivierungs- und Stresshormonen wie z. B. Adrenalin und Cortisol. Diese versetzen den Organismus in einen Erregungszustand, der Energie zum Angriff oder zur Flucht (Fight-or-flight) bereitstellt. Nur für den Fall, dass damit die Bedrohung als gänzlich unbewältigbar erlebt wird, wird – primär über Corticosteroide – der Totstellreflex (Erstarren, Ohnmacht) aktiviert. Dagegen werden in freundlich bewerteten Situationen beispielsweise die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin vermehrt ausgeschüttet – aber auch Oxytocin, was neben einigen anderen (weniger erwünschten) Wirkungen Bindungsverhalten und Vertrauen fördert, Angst und Stress reduziert und Ausgeglichenheit fördert.Christian Schubert: Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie. Schattauer, Stuttgart 2015.

Die Fähigkeit des Gehirns, sich lebenslang – wenngleich mit dem Alter einhergehender abnehmender Fähigkeit – zu verändern („neuronale Plastizität“) ist von wesentlicher Bedeutung für alle Lernprozesse.G. Hüther: Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Vandenhoeck, 2012.M. Spitzer: Lernen - vernetztes Denken. Müllheim: auditorium 2005. Worte, ein therapeutisches Gespräch, Gedanken, Autosuggestion bzw. die Kommunikation eines Menschen mit sich selbst (Selbstkommunikation, „Inneres Kind“J. E. Young, J. S. Klosko, M. E. Weishaar: Schematherapie. Junfermann, Paderborn 2005.) können synaptische Strukturen verändern und so Einfluss nehmen auf gesundheitliche Prozesse. Sind es anfangs meist funktionelle Störungen (wie beispielsweise schmerzhafte chronische Muskelverspannungen, Herz-Kreislauf-Störungen, Beschwerden im Magen-Darm-Trakt oder Immunschwäche u. v. m.) können sich im weiteren Verlauf auch manifeste Krankheiten entwickeln. Wie Ergebnisse der Neuropsychoimmunologie belegen, lässt sich durch eine passgenaue „Sprechkur“ (also durch „heilende Worte“) eine günstigere Emotionsregulation aufbauen, welche eingefahrene (gebahnte) neuronale Verknüpfungen auch wieder abschwächen kann.

Am Prozess beteiligt ist immer der gesamte Organismus, insbesondere Gehirn, neuronale Vernetzung, Neurotransmitter, Hormone, Immunsystem, mit ihren Wechselwirkungen im Erleben, Denken und Verhalten.G. Roth: Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003.W. Singer: Der Beobachter im Gehirn - Essays zur Hirnforschung. Suhrkamp, Frankfurt 2005.H. Weiner: Der Organismus als leib-seelische Funktionseinheit - Folgerungen für eine psychosomatische Medizin. In: Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie. 41, 1991, S. 465–481. So wird erkennbar, dass der Mensch durch gesprochene Worte, Gedanken oder Vorstellungskraft und den damit ausgelösten Emotionen (die selbst im Kern physiologische Vorgänge darstellen) ständig auf das Funktionieren und in der Folge auch auf die materielle Struktur der neuronalen Netzwerke im Positiven wie im Negativen Einfluss nimmt.Josef W. Egger: Integrative Verhaltenstherapie und Psychotherapeutische Medizin. Ein biopsychosoziales Modell. Springer, Berlin 2015, ISBN 978-3-658-06802-8.

In einem besonderen Maße wird Kommunikation von der Psychotherapie genutzt (vgl. Gerhard Roth zu den neurobiologischen Aspekten von psychologischer Behandlung). Es scheint neurobiologisch gesichert, dass psychische Konflikte oder belastende frühkindliche Erfahrungen mit dem Entstehen bestimmter dysfunktionaler („falscher“) Verknüpfungen in neuronalen Netzwerken des Limbischen Systems einhergehen.J. E. LeDoux: Das Netz der Gefühle. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001. Solche unerwünschten Verknüpfungen sind durch psychotherapeutische Interventionen (wenigstens teilweise) korrigierbar, indem sich durch positive (Problem bewältigende) Erfahrungen in der Therapie „Ersatzschaltungen“ im Mandelkern und in anderen Regionen des Gehirns herausbilden. Sprechende Medizin kann also das Gehirn (und wegen der parallelen Verschaltung mit den anderen Organsystemen den gesamten Organismus) verändern, ebenso wie Psychopharmaka – oft braucht es beides und noch mehr, um erfolgreich zu sein.H.-P. Kapfhammer: Der Zusammenhang von Depression, Angst und Herzerkrankung – eine psychosomatische Herausforderung. In: Psychiatria Danubia. 23, 4, 2011, S. 412–424.J. W. Egger: Zuerst heile mit dem Wort … ? Zur Bedeutung der Kommunikation in der Humanmedizin. In: Psychologische Medizin. 23(1), 2012, S. 38–49.

Geschichtliche Aspekte