Prophetie (zu ) ist im Tanach, der hebräischen Bibel, ein wesentlicher Bestandteil der Offenbarung JHWHs (dessen vokalisierte Aussprache heute nicht zu 100 % gesichert ist) für Israel und die Völker. Dort bilden die Nevi'im (Propheten) den zweiten Hauptteil nach der Tora. Ihre mündlich ergangene Botschaft umfasst zum geringeren Teil Zukunftsverheißung, zum größeren Kritik an der Gegenwart und Vergangenheit ihrer Adressaten und aktive Auseinandersetzung damit, die zugleich bleibende Aktualität beansprucht. Darum wurde sie später gesammelt, schriftlich überliefert und ständig neu auf die je eigene Zeit bezogen.Alfons Deissler: Dann wirst du Gott erkennen. Die Grundbotschaft der Propheten. Herder, Freiburg 1990, ISBN 3-451-20914-4, S. 11.
Israelitische Propheten traten seit Beginn der Königszeit (um 1000 v. Chr.) bis zum Abschluss des Tanach (etwa 200 n. Chr.) immer wieder auf. Auch einige Apokryphen (Apokryphe jüdische Schriften) erheben prophetische Ansprüche. Zudem wurden später auch Figuren in den biblischen Erzählungen der Zeit vor der Staatsbildung als Propheten dargestellt. Man unterscheidet inhaltlich vor allem Gerichts- und Heilsprophetie für Israel (wobei Sprüche gegen Fremdvölker meist Heil für Israel bedeuteten), zeitlich vor allem vorexilische, exilische und nachexilische Prophetie. Innerhalb der vorexilischen Epoche unterscheidet man zudem vorschriftliche Prophetie und Schriftprophetie.Claus Westermann: Abriß der Bibelkunde, Calwer, Stuttgart 1979, ISBN 3-7668-0620-3, S. 78.
Einteilung, Zuordnung und zeitlicher Rahmen (Übersicht, Auswahl)
Insgesamt werden im Tanach 48 Propheten und 7 Prophetinnen i. w. S. beschrieben.Nosson Scherman: The Stone Edition Tanach. Mesorah Publications, Limited. 2001, S. 2038.William Branham: (Hypothetische) Zeitleiste einiger Propheten des Tanachs, auf william-branham.org Vor-exilische Propheten (6. Jh. v. Chr.Israel Finkelstein: Das vergessene Königreich. Israel und die verborgenen Ursprünge der Bibel. dtv, München 2017, ISBN 978-3-423-34916-1, S. 16; Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. dtv, München 2004, ISBN 3-423-34151-3, S. 31; Hiernach ist die Spätbronzezeit (Bronzezeit) III bis 1098; Frühe Eisenzeit (Eisenzeit) I 1109–1047; Mittlere Eisenzeit I 1055–1028; Späte Eisenzeit I 1037–918; Frühe Eisenzeit IIA 920–883; Späte Eisenzeit IIA 886–760; Übergang von Eisenzeit IIA zu IIB ab 757–586; Babylonische Zeit 586–538; Persische Zeit 539–333 v. Chr.): Amos (), Hoschea ben Beeri (), Jesaja ben Amoz (), Micha aus Moreschet (), Zephanja ben Kuschi (), Nahum aus Elkosch (), Habakuk () Exilische Propheten (6. Jh. v. Chr.): Jeremiah ben Hilkijahu (), Hesekiel ben Busi (), Obadja (), Deuterojesaja Nach-exilische Propheten (6. Jh. bis 3. Jh. v. Chr.): Tritojesaja, Haggai (), Secharja ben-Berechja ben-ʿiddo hanNawi (), Maleachi (), Joel ben Petuel (), Jona ben Amittai (), Deuterosacharja, Tritosacharja, Jesaja .
Gliederung im Tanach (Masoretischen Text) Die Einteilung in „vordere“ und „hintere Propheten“ stammt aus der masoretischen Textausgabe der hebräischen Bibel, die die Grundlage für den jüdischen Kanon bildet. Die Gestaltung wurde von den Masoreten (), in dem Zeitraum von 780 n. Chr. bis 930 n. Chr. durchgeführt. Die Septuaginta (LXX), die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel, folgt nicht ganz derselben Einteilung wie die masoretische Textausgabe. In der Septuaginta gibt es keine genaue Entsprechung der Unterscheidung zwischen vorderen und hinteren Propheten, wie sie im hebräischen Tanach üblich ist.Melanie Köhlmoos: Altes Testament. (= UTB 3460), A. Francke, Tübingen/Basel 2011, ISBN 978-3-7720-8390-7, S. 10–12. Der Tanach gliedert die Propheten Nevi'im () wie folgt:
Vordere Propheten (נְבִיאִים רִאשׁוֹנִים) Die vorderen Propheten () umfassen die Bücher, die die Geschichte des Volkes Israel erzählen und in denen die Propheten auftreten. Sie beinhalten: Josua (הוֹשֻׁעַ, Hoshua) Richter (שֹׁפְטִים, Shoftim) Samuel (שמואל, Shmuel) – das Buch Samuel wird in der hebräischen Bibel als ein einziges Buch betrachtet. Könige (מַלְכִּים, Melachim) – auch hier gibt es zwei Bücher (1. und 2. Könige), die als ein einziges Werk in der hebräischen Bibel betrachtet werden. Diese Bücher berichten über die Geschichte des Volkes Israel von der Einnahme des Landes Kanaan bis zum Exil in Babylon. Obwohl sie prophetische Elemente enthalten, da sie oft Ereignisse mit göttlichen Deutungen und Warnungen verbinden, sind sie vor allem als Geschichtsbücher zu betrachten. Sie erzählen die politischen, militärischen und sozialen Entwicklungen Israels und die Rolle, die die Propheten dabei spielten. Die Propheten in diesen Büchern treten als Führer auf, die das Volk zu göttlichem Gehorsam mahnen und vor den Konsequenzen von Ungehorsam warnen.Martin Rösel: 3. Die vorderen Propheten/Das Deuteronomistische Geschichtswerk. Bibelkunde Altes Testament AT, auf die-bibel.de
Hintere Propheten (נְבִיאִים אַחֲרוֹנִים) Die hinteren Propheten () beinhalten die Bücher der prophetischen Schriften, die nach der Zeit der Richter und der Könige verfasst wurden. Sie beinhalten die großen und kleinen Propheten und sind:
Jesaja (יְשַׁעְיָהוּ, Yeshayahu) Jeremia (יִרְמְיָהוּ, Yirmiyahu) Ezechiel (יְחֶזְקֵאל, Yehezkel) Die zwölf kleinen Propheten (), zu denen gehören: Hosea (הוֹשֵעַ, Hoshea) Joel (יוֹאֵל, Yoel) Amos (עָמוֹס, Amos) Abdias (עֹבַדְיָה, Ovadiah) Jona (יוֹנָה, Yonah) Micha (מִיכָה, Mikha) Nahum (נַחוּם, Nachum) Habakuk (חֲבַקּוּק, Habakkuk) Zephania (צְפַנְיָה, Tsefanyah) Haggai (חַגַּי, Chaggai) Sacharja (זְכַרְיָה, Zekharyah) Maleachi (מַלְאָכִי, Malakhi)Joseph Blenkinsopp: Geschichte der Prophetie in Israel. Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln 1998, ISBN 3-17-011774-2, S. 17–44.Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel. 4. völlig neu überarbeitete Auflage, (= Band 8 Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg) Winter, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-8253-6850-0, S. 257–412.
Bezeichnungen Die Septuaginta (entstanden ab 250 v. Chr.) übersetzt mit prophetes das hebräische Wort נָבִיא – nābi, das mit dem akkadischen nabū für „benennen, rufen“ und dem arabischen نبأ nabbāʔa für „mitteilen“ verwandt ist. Es bezeichnet im Tanach immer einen passiv von JHWH „Berufenen“, nicht sein aktives „Rufen“. Damit grenzt es das Verkünden des Gotteswillens gegen die altorientalische Mantik ab: Ein Prophet erhielt seine Botschaft nicht aus eigener Beobachtung und Analyse bestimmter Zeichen (induktiv), sondern aus Visionen, Träumen und Hörerlebnissen, die ihn ohne sein Zutun überkamen (intuitiv).
In u. a. und beschreibt hier der Prophet Samuel, dass er in Gibea einer Gruppe Nevi´im (zu Plural ) träfe, die musizierend, in Ekstase sprechend einen veränderten Bewusstseinszustand aufwiesen; in „prophetischer Verzückung“.Außersinnliche Wahrnehmung ASW, (ESP), in unterschiedlichen Termini technici erfasstes Phänomen, so oft auch Übersinnliche Wahrnehmung; siehe hierzu Stanislav Grof, Christina Grof (Hrsg.): Spirituelle Krisen. Chancen der Selbstfindung. Kösel, München 1990, ISBN 3-466-34251-1, S. 12 oder als Aspekt des erweiterten Bewusstseinszustands, (ASC), manchmal auch veränderter Wachbewusstseinszustand (VWB) oder außergewöhnliche Erfahrung (AgE) zugeordnet, siehe hierzu Liane Hofmann, Patrizia Heise: Spiritualität und spirituelle Krisen. Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis. Schattauer, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-7945-6861-1, S. 3.Léon Wurmser: Gedanken eines Psychoanalytikers zur jüdischen Mystik. Nürnberger Symposium, 1. März 2003. Berlin, 8./9. März 2003: engl. Fassung vom 9. April, Baltimore, auf lptw.de S. 3. Wobei sich das, mit dem griechischen Begriff der „Ekstase“Rainer Neu: Ekstase / Besessenheit. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: Mai 2006, „5.4. Besessenheit im Alten Testament“, auf die-bibel.de , dem im wörtlichen Sinne des „Aus-sich-Heraustretens“ oder auch „Außer-sich-Seins“, beschriebene Phänomen, im hebräischen Kontext, durch die verwendete Wortwurzel 5012. naba. Bible Hub, auf biblehub.com , eher auf ein, durch das göttliche Ruach, das Eindringen, die Intrusion in den Geist der Person verursachten Zustand beschreiben lässt. Für Wurmser geben die Beschreibungen Hinweise auf mystische oder mysterienähnliche Erlebniszustände, die er mit Folgendem aufzählt: „Initiation“, „Bewusstseinsveränderung“, „innere Verwandlung“, in Verbindung mit „Musik“ und „Tanz“.Léon Wurmser: Gedanken eines Psychoanalytikers zur jüdischen Mystik. Nürnberger Symposium, 1. März 2003. Berlin, 8./9. März 2003: engl. Fassung vom 9. April, Baltimore, auf lptw.de S. 3.
Vielfach werden Empfänger und Übermittler göttlicher Botschaften in der Bibel auch „Seher“ (hebräisch רֹאֶה ro’ӕh oder חֹזֶה ḥozӕh) oder „Gottesmann“ (אִישׁ־הָאֱלֹהִים ’îš ha’älohîm) genannt. Die ersten Schriftpropheten bezeichneten sich nicht als nāvīʔ; Amos wies dies sogar zurück (Am 7,12). Dies erklärt man aus ihrem Gegensatz zu besoldeten Hof- und Kultpropheten, die sich damals nāvīʔ nannten. Erst Jeremia übernahm diesen Titel für sich, kritisierte dafür aber seine Gegenspieler, die Kultpropheten, umso schärfer.
Προφήτης Prophetes (altgriechisch: „Fürsprecher“, Sendbote) hieß im Altertum jemand, der im Auftrag eines Gottes dessen Botschaften öffentlich mitzuteilen beanspruchte. Da manche dieser Personen Orakel mitteilten, erhielt der Ausdruck den Nebensinn des „Vorhersagers“. Ihr Selbstverständnis, eine persönliche göttliche Berufung erhalten zu haben, unterschied sie jedoch von Wahrsagern.H. Krämer: Huldigung. In: Gerhard J. Botterweck, Helmer Ringgren, Heinz-Josef Fabry u. a. (Hrsg.): Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament (ThWAT). (= Band VI), Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1989, S. 795.
Herkunft und Quellen Biblische Angaben und altorientalische Parallelen dazu lassen verschiedene Wurzeln der israelitischen Prophetie erkennen: das nomadische Sehertum, das Ekstatikertum nach der Landnahme, das charismatische Richteramt in der vorstaatlichen Zeit.Otto Kaiser: Einleitung in das Alte Testament – Eine Einführung in ihre Ergebnisse und Probleme, 4. Auflage 1978, S. 188.
Orakel und Mantik spielen dagegen kaum eine Rolle. Der Losentscheid taucht als Priesteramt (Urim und Tummim, ) oder bei einer Königswahl () auf; beide Male bestätigt das Los nur Gottes schon feststehende Wahl. Mit einem Ephod sucht David sich einige Male Gottes Beistand für eine Schlacht zu sichern (; ). Jedoch ist nie ein Prophet der Befragte. Nach waren derartige Praktiken in Israel streng verboten, weil sie Gottes Freiheit verkannten. Das kann die Geschichtsdarstellung beeinflusst haben.
Von den Propheten vor dem 8. Jahrhundert sind keine gesammelten Sprüche und Bücher, nur verstreute Einzelaussagen, Erzählungen oder Sagenkränze erhalten, die längere Zeit mündlich überliefert und später in das Deuteronomistische Geschichtswerk (DtrG) eingebaut wurden.siehe hierzu die Einteilung in der Archäologie durch Israel Finkelstein: Das vergessene Königreich. Israel und die verborgenen Ursprünge der Bibel. dtv, München 2017, ISBN 978-3-423-34916-1, S. 16; Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. dtv, München 2004, ISBN 3-423-34151-3, S. 31; Hiernach ist die Spätbronzezeit (Bronzezeit) III bis 1098; Frühe Eisenzeit (Eisenzeit) I 1109–1047; Mittlere Eisenzeit I 1055–1028; Späte Eisenzeit I 1037–918; Frühe Eisenzeit IIA 920–883; Späte Eisenzeit IIA 886–760; Übergang von Eisenzeit IIA zu IIB ab 757–586; Babylonische Zeit 586–538; Persische Zeit 539–333 v. Chr.