rechts|230px|Logo des MDR Sinfonieorchester Das MDR-Sinfonieorchester (ehemals Leipziger Sinfonie-Orchester (LSO) und Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig (RSO)) ist eines der weltweit ältesten Rundfunkorchester und gleichzeitig das älteste der zwölf Orchester der ARD.Jörg Clemen, Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 9. Ohne eine Beteiligung des Rundfunks wurde esUnd damit neun Monate früher als das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin am 6. Januar 1923 in Leipzig gegründet.
Abgesehen von der Sendepause im Zweiten Weltkrieg, ist es seit 1924 größter Klangkörper und ständiger Repräsentant des Mitteldeutschen Rundfunks bzw. des Senders Leipzig des Rundfunks der DDR. Derzeit sind 120 Berufsmusiker beschäftigt; damit handelt es sich um ein A-Orchester. Jährlich gibt das Orchester mehr als 100 Konzerte im In- und Ausland. Eine enge Kooperation besteht mit dem MDR-Rundfunkchor. Es veranstaltet Konzertreihen im Leipziger Gewandhaus und anderen Spielstätten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Der seit 1992 bestehende MDR-Musiksommer wurde zu einer festen Größe. Für seine Tonträger wurde das Sinfonieorchester mehrmals mit anerkannten Musikpreisen wie dem Grand Prix du Disque, ECHO Klassik und dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.
Es hat sich als bedeutendes Aufführungsorgan für Neue Musik hervorgetan, so wurden unter anderem 1972 Udo Zimmermanns L’homme und 1995 Krzysztof Pendereckis 2. Violinkonzert „Metamorphosen“ uraufgeführt. Darüber hinaus war es von 1970 bis 1993 musikalische Heimat des Kammermusikensembles Gruppe Neue Musik Hanns Eisler. Das Orchester widmet sich weiterhin auch der modernen Filmmusik, so spielte es beispielsweise die Tykwer-Soundtracks zu den preisgekrönten Literaturverfilmungen Cloud Atlas (2011/12), Ein Hologramm für den König (2016) und Babylon Berlin (2016/17) ein.
Das Sinfonieorchester zählt zu den wenigen Klangkörpern, die vor dem Papst im Vatikan spielen durften.Jörg Clemen, Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 151. Im Jahr 2011 nahm es gemeinsam mit den weltweit führenden Mahler-Interpreten am Internationalen Mahler-Festival in Leipzig teil.
Zu den Chefdirigenten gehörten unter anderem Carl Schuricht (1931–1933), Hermann Abendroth (1949–1956), Herbert Kegel (1960–1978, Ehrendirigent) und Fabio Luisi (1996–2007). Von 2012 bis zum Ende der Spielzeit 2017/18 war Kristjan Järvi Chefdirigent. Chefdirigent seit der Saison 2020/21 ist Dennis Russell Davies. mini|MDR-Kubus am Augustusplatz
Geschichte Vorgeschichte und Gründung Ende des 19. Jahrhunderts beherbergte die Musikstadt Leipzig kleinere Ensembles wie das Winderstein-Orchester unter Hans Winderstein und das Willy-Wolf-Orchester unter Willy Wolf. Die genannten und das bereits berühmte Gewandhausorchester konnten allerdings nicht den gesamten Kulturbedarf der Stadt abdecken. Vorschläge, eine Städtische Philharmonie zu gründen, wurden jedoch aus wirtschaftlichen Gründen nicht weiterverfolgt. Einzelne Orchestergründungen, u. a. das Philharmonische Orchester unter Hans L’Hermet und das Grotrian-Steinweg-Orchester unter Hermann Scherchen, verzeichneten mäßige Erfolge und scheiterten schlussendlich in der Zeit der Weimarer Republik. Auch diverse Gastorchester mochten die Gunst der Leipziger Bürger nicht gewinnen. Dennoch sträubten sich weiterhin bis zum Ende des Ersten Weltkriegs die etablierten Thomaskantoren (Künstlerische Leiter des Thomanerchores) und Gewandhauskapellmeister mit Protestbriefen gegen die sich anbahnende Konkurrenz.Jörg Clemen, Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 13.
Schließlich kam es am 6. Januar 1923 zur Gründung der Leipziger Orchester-Gesellschaft m.b.H. Durch die Unterstützung namhafter Firmen wie Julius Blüthner Pianofortefabrik, Feurich Klavier- und Flügelfabrikation, Irmler Piano, Breitkopf & Härtel und Konzertdirektion Schubert, riefen vierundvierzig Musiker das Leipziger Sinfonie-Orchester (LSO) ins Leben. Das existierende Orchester des Konzertvereins (gegründet 1915), in die die eigentlichen Ursprünge des heutigen Orchesters reichen,Gerhard Mertens: In the beginning was music. The importance of public broadcasting for the German orchestral and musical culture. In: Das Orchester 11/2008, S. 26. wurde in die neuen Strukturen integriert.Jörg Clemen, Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 14. Ausschlaggebend für die Gründung des Sinfonieorchesters war Pragmatik der Verantwortlichen und Zuneigung der Bürger zur eigenen Stadt. Der Organisations- und Kostenaufwand für das Engagement von Honorarorchestern wie dem Dresdner Philharmonischen Orchester wurde zu groß.
Der Gastdirigent Emil Bohnke verzeichnete in den 1920er Jahren erste Aufführungen in der Leipziger Oper, die bisher vom Gewandhausorchester dominiert wurde. Die Nachwirkungen der Deutschen Inflation 1914 bis 1923 stellten jedoch die GmbH vor erhebliche finanzielle Herausforderungen. Der erste Chefdirigent Alfred Szendrei, charakterisiert als eigenwillig und fast autokratisch,Das Neue Leipzig (1931), Heft 9, S. 196. verfasste einen Sechs-Punkte-Plan, um das Orchester vor dem schnellen Ende zu retten.
Rundfunkorchester mini|MIRAG mini|Alte Handelsbörse Mit der Gründung der ersten Rundfunkanstalten in Europa verbesserte sich die Lage zunehmend. Leipzig wurde im Januar 1924 Standort der Mitteldeutschen Rundfunk AG (MIRAG). Das Leipziger Sinfonie-Orchester erhielt die Alte Handelsbörse als feste Dienststelle.Jörg Clemen, Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 20. Am 17. Oktober trat schließlich die MIRAG der Orchestergesellschaft bei, um die Orchestermusiker erstmals regelmäßig zu vergüten.Jörg Clemen, Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 22.Die Musik 17 (1924), S. 237.
Das erste musikalische Rundfunkprogramm, unter anderem mit dem Geiger Walther Davisson, wurde am 23. November übertragen. Sinfonische Unterhaltungsmusik fand ab 1924 Eingang in den Leipziger Rundfunk. 1925 konnte Mozarts Zauberflöte als erste Oper ausgestrahlt werden. Ein Jahr später wurde Leipziger Musik in das Programm des Deutschlandsenders übernommen. Das große Interesse am LSO führte zum ganzjährigen Engagement der Musiker. Regelmäßig traten sie in der Alberthalle des Krystallpalastes und im Central-Theater auf. Die Dirigenten Hermann Scherchen, Heinrich Laber, Max Ludwig und Günther Ramin standen Szendrei zur Seite.Musik und Gesellschaft (1965), Band 15, S. 177.
Von 1928 bis 1929 war das LSO das primäre deutsche Orchester, welches als Innovation Konzerte ohne Dirigenten abhielt.Jörg Clemen, Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 42. Der amtierende Chefdirigent Szendrei förderte zeitgenössische Werke. Mehrere Uraufführungen (darunter Auftragskompositionen) wurden verzeichnet. Bekannte Musikgrößen konzertierten mit dem Orchester, so traten Yehudi Menuhin als Geiger 1930 und Paul Hindemith als Bratschist 1931 auf. Der Komponist Arnold Schönberg erschien 1929 persönlich zu seinem Werk Gurre-Lieder in der Alberthalle. Im selben Jahr war Richard Strauss Gastdirigent beim LSO. Ab 1931 trat das Orchester im Neuen Gewandhaus auf. Der Musiker Fred Malige würdigte Szendrei später in seiner Orchesterbiografie. Er attestierte ihm Gewandtheit und Weitblick.Vgl. „Mit Szendrei hatte das Orchester einen gewandten Dirigenten und ausgezeichneten Musiker als Kapellmeister erhalten, bei dem sich pädagogische Fähigkeiten mit musikalischem Weitblick vereinten. Ihm gelang es in verhältnismäßig kurzer Zeit, aus dem neu zusammengesetzten Ensemble einen elastischen Klangkörper zu schaffen.“ (Thomas Schinköth: Jüdische Musiker in Leipzig 1855–1945. Altenburg 1994, S. 195.)
Auch die MIRAG und deren Sinfonieorchester blieben von Säuberungsaktionen vor und in der Zeit des Nationalsozialismus nicht verschont. Szendrei wurde von nationalsozialistisch gesinnten Kollegen denunziert und in der Parteipresse verhöhnt. Er wurde im November 1931 vom Vorstand beurlaubt. (29. Februar 1884 – 3. März 1976). Website des Freundeskreises des MDR Chores Leipzig. Abgerufen am 19. Oktober 2011.
Interimsdirigat mini|Neues Gewandhaus Zwischen dem späteren Thomaskantor Günther Ramin und dem Generalmusikdirektor der Stadt Wiesbaden Carl Schuricht entwickelte sich ein Kampf um die Nachfolge.Jörg Clemen, Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 49. Schuricht konnte sich am Ende durchsetzen. Programmatisch genoss Neue Musik weiterhin die Förderung des Senders. Beispielsweise wurde Franz Schrekers Kantate Vom ewigen Leben uraufgeführt. Noch vor Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Kurt Weills Oper Der Silbersee vom LSO erstmals aufgeführt. Nach einem Konzert 1931 lobte der Musikkritiker Heinrich Werlé den Dirigenten Schuricht und sein Orchester in der Neuen Leipziger Zeitung als „Kulturfaktor ersten Ranges“. - Vgl. „Er stellte Igor Strawinskys ‚Feuervogel-Suite‘ so zwingend ursprünglich hin, daß ihn lauter Beifall verdient lohnte... Das Orchester bewies auch in diesem Konzert höchste Leistungsfähigkeit; es ist durch Schuricht (Szendreis Verdienste sollen dadurch nicht geschmälert werden!) zu einem Kulturfaktor ersten Ranges geworden.“
Musik im Nationalsozialismus Hans Weisbach, ein NationalkonservativerCarmen Ottner (Hrsg.): Musik in Wien 1938–1945. Symposion 2004 (= Studien zu Franz Schmidt, 15), Doblinger, Wien 2006, S. 293. und nach den Musikwissenschaftlern Jörg Clemen und Steffen Lieberwirth ein „Dirigent der zweiten Reihe“,Jörg Clemen, Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 68. ersetzte schließlich 1934 den Interimsdirigenten. Konservatives musikideologisches Umdenken begann jedoch bereits 1929, als die Zahl der Rundfunkhörer stetig zunahm. Der neue Programmchef Ludwig Neubeck forderte mehr „Volksnähe“ des Orchesters, was sich später in einer Vorliebe des Klangkörpers für den Leipziger Richard Wagner ausdrückte.Vgl. „Der Rundfunk besitzt heute eine so große Hörerschaft, daß er nur das in sein Programm aufnehmen kann, was entweder auf breiteste Teilnahme rechnen kann oder was an sich bedeutungsvoll genug ist, um über den Augenblick und einen engen Kreis hinaus zu interessieren.“ (Die Mirag (1932), Nr. 8, S. 6.)
Zur Grundsteinlegung des Richard-Wagner-Nationaldenkmals des Deutschen Volkes im Jahr 1934 spielte das Leipziger Rundfunkorchester vor Kanzler Adolf Hitler. Das Sinfonieorchester wendete sich immer mehr deutschen Komponisten zu. 1935 wurde Wagners Ring des Nibelungen über mehrere Rundfunkanstalten in Europa ausgestrahlt. Weisbach, selbst ein gefragter Interpret der Musik von Johann Sebastian Bach, veranstaltete 1935 Sonderkonzerte anlässlich der Reichs-Bach-Feier in Leipzig.Jörg Clemen, Steffen Lieberwirth: Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Altenburg 1999, S. 71. Der vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda gesteuerte Rundfunk ließ sich kulturpolitisch instrumentalisieren. Spielorte wurden auf die Landmaschinenfabrik Rudolph Sack, den Leipziger Hauptbahnhof und das Reichsbahn-Ausbesserungswerk Leipzig-Engelsdorf ausgeweitet. Darüber hinaus wurden 1937 unter Beteiligung des Orchesters die freizeitorientierten Leipziger Musiktage, organisiert von Nationalsozialistischer Kulturgemeinde und Kraft durch Freude, ins Leben gerufen.