The White Angel ist ein US-amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 1936 über das Wirken von Florence Nightingale während des Krimkrieges mit Kay Francis in der Hauptrolle. Die Regie führte William Dieterle. Der Film ist ein typisches Beispiel für das Genre des biografischen Films, das insbesondere seit dem Aufkommen des Tonfilms einen großen Aufschwung erfuhr. Gleichzeitig steht der Film mit seinem Fokus auf die Kämpfe und Auseinandersetzungen von Florence Nightingale gegen männliche Vorurteile und gesellschaftliche Beschränkungen gegenüber Frauen ganz in der erzählerischen Tradition des sog. „woman’s picture“.Für den Ausdruck „woman’s picture“ gibt es keine wirklich passende deutsche Übersetzung. Weder sind sie nicht gleichzusetzen mit dem deutschen Ausdruck Frauenfilm. Noch ist der Begriff Filmmelodrama zutreffend, da dieser nur auf ein Genre umfasst. Woman’s pictures sind ausdrücklich nicht genregebunden, sondern definieren sich über ihre einheitliche Erzählweise. Vergl. dazu die nachstehenden Ausführungen sowie grundlegend Jeanine Basinger A Woman’s View: How Hollywood Spoke to Women Für die Hauptdarstellerin Kay Francis war The White Angel eine Abkehr von den sonst für sie typischen Filmsujets, die sich in der Regel mit emotionalen Problemen und romantischen Verwicklungen der Heldin beschäftigen.
Handlung Im England der 1850er leidet die junge Florence Nightingale darunter, als Frau aus der besseren Gesellschaft keine sinnvolle Aufgabe zu finden, außer auf einen Ehemann zu warten. Eines Tages erfährt sie über ihren Vater, der Mitglied eines Komitees zur Verbesserung der Krankenpflege ist, erschütternde Fakten über die pflegerischen und hygienischen Zustände in den englischen Hospitälern und Krankenhäusern. Tief bewegt entschließt sich Florence Nightingale, den Heiratsantrag ihres Verehrers Charles Cooper, dessen Rolle gewisse Übereinstimmungen mit Richard Monckton Milnes aufweist, abzulehnen und stattdessen Krankenschwester zu werden. Sie absolviert ihre Ausbildung unter anderem in der Kaiserswerther Diakonie, wo sie die Bedeutung von unbedingter Pflichterfüllung, harter Arbeit, peinlich genauer Hygiene und strikter Disziplin für den dauerhaften Erfolg in der pflegerischen Tätigkeit kennenlernt. Zurück in England gelingt es ihr gegen schwersten Widerstand der männlichen Leitung, eine verantwortungsvolle Position in einem Krankenhaus zu übernehmen.
mini|Historische Persönlichkeit Florence Nightingale gegen 1860 Mit dem Ausbruch des Krimkrieges erlangt Nightingale durch Unterstützung des Staatssekretärs im Kriegsministerium, Sidney Herbert, die Erlaubnis, die verwundeten Soldaten zu versorgen. Im Oktober 1854 reist Florence in Begleitung von 38 Mitschwestern, die sie persönlich aufgrund ihrer Eignung und Befähigung ausgewählt hat, in Richtung Krim. Ihr erster Einsatzort ist das Militärhospital von Scutari (heute Selimiye-Kaserne in Üsküdar). Dort herrschen unhaltbare, menschenunwürdige hygienische Zustände. Schwerverletzte, Sterbende und leicht Verwundete liegen ohne jede Ordnung teilweise auf dem nackten Boden. Innerhalb von drei Wochen nach ihrer Ankunft sind bereits 2300 neue Fälle eingeliefert worden und die Sterblichkeit nimmt mit jedem Tag zu. Gegen den erbitterten Widerstand von Dr. Hunt, dem Leiter des Hospitals, reorganisiert Nightingale die Abläufe und schafft die Grundlagen für eine effektive Versorgung. Jeden Abend besucht Florence Nightingale die Kranken und ihr Anblick mit einer Lampe in der Hand wird zum Symbol der Hoffnung und der Menschlichkeit für die verwundeten Soldaten.
Trotz der Erfolge – so sinkt die Sterblichkeit von 420 pro 1000 auf nur noch 22 von 1000 – versucht Dr. Hunt alles, Florence Nightingale zu sabotieren. Unterstützung erfährt sie durch den Kriegsreporter der Times, Robert Fuller. Die Figur ist im Wesentlichen William Howard Russell nachempfunden, dem Begründer der modernen Kriegsberichtserstattung. Er berichtet regelmäßig über die Erfolge der Lady with the Lamp in die Heimat.
Gestützt auf die Erfahrungen in Scutari organisiert Florence Nightingale auf ausdrücklichen Wunsch von Königin Victoria schließlich die Krankenpflege im Hospital von Balaklawa auf der Krim, wo die Zustände noch fürchterlicher sind. Sie erkrankt schwer an Cholera, erholt sich jedoch und muss erfahren, dass Dr. Hunt während ihrer Abwesenheit alle Reformen rückgängig gemacht hat und ihr den Zutritt zum Hospital verweigert. Sie harrt tagelang vor dem Gebäude im Regen aus, ehe sie endlich die Unterstützung des Oberbefehlshabers der englischen Truppen Lord Raglan bekommt. Sofort entlässt sie die von Dr. Hunt eingesetzte leitende Oberschwester, nachdem sie diese betrunken im Bett findet. Schließlich gewinnt Nightingale ihren Kampf gegen Dr. Hunt, der unehrenhaft entlassen wird. Mit dem Ende des Krieges kehrt Nightingale im Triumph wieder in die Heimat zurück. Königin Victoria verleiht ihr in Anerkennung der Verdienste für das Vaterland eine diamantenbesetzte Brosche, die das englische St. Georgskreuz mit der Inschrift Blessed are the Merciful ziert.
Hintergrund Besetzung mini|Kay Francis, 1930er Jahre, Fotograf: Elmer Fryer (1898–1944) Warner Brothers waren Mitte 1935, unmittelbar nach Beendigung der Dreharbeiten zu Louis Pasteur, auf der Suche nach einem geeigneten Sujet für einen weiteren biografischen Film, idealerweise aus dem Bereich der Gesundheitsvorsorge. Die Entscheidung fiel schließlich auf Florence Nightingale, die Begründerin der modernen Krankenpflege. Die Hauptrolle war zunächst für Josephine Hutchinson vorgesehenO’Brien, S. 159, der ausführt, Hutchinson hätte die Rolle bereits während der Dreharbeiten zu Louis Pasteur angeboten bekommen, wo Hutchinson Madame Pasteur spielte. Siehe auch die Ausführungen bei Turner Classic Movies mit Bezug auf Hal B. Wallis’ Freund und Koproduzent bei einigen Filmen, Robert Lord sowie hier: , ehe im Dezember 1935 Kay Francis den Zuschlag erhielt. Die Schauspielerin war damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und 1936 mit einem Jahresverdienst von 227.500 US-Dollar der höchstbezahlte weibliche Star des Studios.u. a. Kear und Rossmann, S. 98, sowie weiterführend Fußnote 39; auch O’Brien, S. 176, der Francis sogar den höchstbezahlten Star des Studios nennt. Dem hohen Einkommen stand zu diesem Zeitpunkt noch eine entsprechende Popularität an der Kinokasse gegenüber. Variety, das führende Branchenfachblatt, listete Francis auf Platz sechs der zehn beliebtesten weiblichen Filmstars, noch vor Joan Crawford und Jeanette MacDonald.O’Brien, S. 176 f.; Kear und Rossmann, S. 98, sowie weiterführend Fußnote 39. Die Schauspielerin hatte zuletzt mit I Found Stella Parrish einen großen Erfolg an der Kinokasse, woraufhin das Studio ihren bestehenden Vertrag anpasste und Francis eine Wochengage von 5.250 US-Dollar zahlte.O’Brien, S. 153 f.; Kear und Rossmann, S. 98. Offiziell zeigte sich Kay Francis zuversichtlich, den Herausforderungen der Rolle gerecht zu werden, und verwies im Interview darauf, bereits zweimal Ärztinnen auf der Leinwand dargestellt zu habenKear und Rossmann, S. 92 sowie Fußnote 7 mit Hinweis auf das Interview. (1933 in Mary Stevens, M. D. und ein Jahr später in Dr. Monica). Gleichzeitig bekundete sie ihre Freude, endlich eine Charakterrolle spielen zu können, nachdem ihr bisheriges Image eher auf Glamour und Fashion aufgebaut war. 1936 wurde Francis zur bestgekleideten Frau in Hollywood gewählt, vor bekannten Stilikonen wie Marlene Dietrich und Joan Crawford. In einem Interview machte Francis deutlich, wo ihrer Meinung nach die Schwerpunkte der Rolle lagen:
Privat war Kay Francis weit weniger angetan an dem Unterfangen und fand keinen Gefallen am Drehbuch.O’Brien, S. 169 mit dem Verweis auf den entsprechenden Kommentar in Francis Tagebuch vom 2. Januar 1936: „Read my new script. Dear God“, grob übersetzt „Habe mein neues Drehbuch gelesen. Um Himmels Willen.“ Ihre abfällige Meinung nahm die zahlreichen Probleme mit den Zensurbehörden, welche die gesamten Dreharbeiten plagen sollten, vorweg.
Drehbuch und Dreharbeiten Das Studio sah sich durch enge Vorgaben von Seiten der Zensurbehörden gezwungen, das Drehbuch immer wieder zu ändern und sogar ganze Szenen im Endschnitt komplett zu verwerfen. Zum einen wurde Warners unter Berufung auf entsprechende Vorgaben des Production Code untersagt, explizite ausführliche Herausstellungen von Szenen mit menschlichem Leid und Brutalität auf der Leinwand darzustellen. Angesichts der Tatsache, dass die Handlung zum großen Teil während eines der bis dahin blutigsten Kriege der Geschichte spielte und in den Militärlazaretten praktisch keinerlei medizinische Versorgung stattfand, war diese Vorgabe kontraproduktiv in Bezug auf eine realistische Darstellung der Herausforderungen, vor denen Nightingale bei ihrer Ankunft in Scutari und später im Hospital von Balaklawa stand.vergl. dazu die Ausführungen von Hal B. Wallis, The Starmaker, S. 57, zitiert bei O’Brien, S. 167. So berichtete Kay Francis in einem Interview, dass eine bereits abgedrehte Szene, die drastisch die Qualen eines Verwundeten schilderte, dem ohne Narkose beide Beine amputiert werden mussten, komplett aus dem Endschnitt genommen wurde, da die Zensurbehörde ihr Veto einlegte.Kay Francis im Interview mit dem LA Evening Herald Express vom 28. März 1936, zitiert bei O’Brien, S. 167. Dazu kam das ausdrückliche Veto durch den Lord Chamberlain of the Household, der es dem Studio untersagte, eine Schlussszene zu drehen, in der Florence Nightingale direkt mit Königin Victoria einige Dialogzeilen hat.Hal B. Wallis, zitiert bei O’Brien, S. 167. Statt der ursprünglich von den Produzenten als Höhepunkt vorgesehene persönlichen Ansprache und Ehrung durch die Königin endet der Film jetzt relativ banal mit einer Kamerafahrt auf die Brosche und einer Nahaufnahme der Inschrift „Blessed are the Merciful“.
Gleichzeitig musste auf den leichten Sprachfehler von Kay Francis Rücksicht genommen werden. Die Schauspielerin hatte Probleme, den Buchstaben „R“ korrekt auszusprechen. Aus dem Grunde vermied das Drehbuch bei ihren Dialogen wo immer es ging „R“-lastige Ausdrücke. Die Schauspielerin bestand jedoch ausdrücklich darauf, das sog. Florence-Nightingale-Gelübde (engl. Florence Nightingale Pledge)die englische Fassung des Nightingale Pledge ist hier: Nightingale Pledge, die deutsche Fassung siehe hier: trotz der zahlreichen „R“s im Original zu sprechen, auch wenn ihre erfolgreichen Bemühungen am Ende nicht die erhoffte Würdigung von Seiten der Kritiker erhielt.Kay Francis berichtet über die Anstrengungen, den Eid korrekt auszusprechen und ihre Enttäuschung, dafür keine Anerkennung zu erfahren in einem späteren Interview, abgedruckt bei O’Brien, S. 160.