Das Hamburger Verständlichkeitskonzept wurde Anfang der 1970er Jahre an der Universität Hamburg von den Psychologen Reinhard Tausch, Inghard Langer und Friedemann Schulz von Thun entwickelt. Danach hängt die Verständlichkeit eines Sachtexts von vier Textmerkmalen ab: Einfachheit, Gliederung/Ordnung, Kürze/Prägnanz und zusätzliche Anregungen. Die Autoren führten mehrere empirische Untersuchungen durch, um diese Behauptung zu untermauern. Bei Sprachberatern ist das Konzept seit den 1980er Jahren im deutschsprachigen Raum zu so etwas wie einem Standard geworden. Kognitionswissenschaftler und Linguisten äußern jedoch Vorbehalte. Das zugrundeliegende Buch Sich verständlich ausdrücken ist 2015 in 10. Auflage erschienen.
Beschreibung Das Konzept geht von folgender Vorstellung aus: Wenn Leser einen Text nicht verstehen, liegt es weniger daran, dass die beschriebenen Sachverhalte zu kompliziert sind. Schuld ist vielmehr die Art der Formulierung. Hätte der Autor anders formuliert, hätte der Leser ihn besser verstanden. Dargestellt wird, wie vier Textmerkmale das Ausmaß der Verständlichkeit bestimmen (im Folgenden „Verständlichkeitsmodell“ genannt), ferner werden ein Training in verständlichem Schreiben, förderliche persönliche Einstellungen des Schreibenden und die wissenschaftlichen Studien, auf denen das Konzept beruht, vorgestellt.
Die vier Merkmale der Verständlichkeit Leicht und schwer verständliche Texte unterscheiden sich in einer Fülle von Einzelmerkmalen. Das Hamburger Modell fasst sie in vier Gruppen zusammen. Sie werden „Merkmale der Verständlichkeit“ genannt. Sie heißen Einfachheit, Gliederung/Ordnung, Kürze/Prägnanz und anregende Zusätze.
Einfachheit Einfachheit bedeutet: Der Autor benutzt geläufige Wörter, die jeder Leser kennt, vorzugsweise konkrete, anschauliche, „lebendige“ Wörter. Falls sich ungewöhnliche Ausdrücke nicht vermeiden lassen, werden sie erklärt. Die Sätze sind kurz. Nebensätze stehen vor oder nach Hauptsätzen, nicht mittendrin.
Gliederung/Ordnung Am Anfang stellt der Autor klar, worum es geht. Er bringt die einzelnen Gesichtspunkte in eine sinnvolle Reihenfolge und verdeutlicht, wie die Sätze sich aufeinander beziehen. Diese innere Ordnung des Textes spiegelt sich in der äußeren Gliederung wider – durch Absätze, Zwischenüberschriften, Hervorhebungen, Zusammenfassungen.
Kürze/Prägnanz Bei extremer Kürze/Prägnanz ist jedes Wort notwendig. Das Gegenteil ist Weitschweifigkeit. Für die Verständlichkeit am besten: kurz, aber nicht extrem kurz. Ein wenig Redundanz, also dasselbe noch einmal anders gesagt, ist willkommen.
Anregende Zusätze Der Autor verwendet kleine Zutaten, die den Sachverhalt lebendig werden lassen, die Lust am Lesen fördern, den Leser bei der Stange halten – auch wenn der Inhalt vielleicht gar nicht so spannend ist. Aber das geschieht sparsam, damit sich das Wesentliche nicht im Beiwerk verliert.
Diese Beschreibungen werden durch zahlreiche kommentierte Beispieltexte verdeutlicht, die einen großen Teil des Buches Sich verständlich ausdrücken ausmachen. Die Autoren sind der Auffassung, dass man erst durch diese Beispiele ein Gespür dafür bekommt, was die vier Merkmale wirklich bedeuten. Nicht nur die Beschreibung, sondern vor allem die Erfahrung von Einfachheit, Gliederung/Ordnung usw. soll den Leser verstehen lassen, was damit gemeint ist.
Beurteilung der Verständlichkeitsmerkmale Zwischen „extrem leicht verständlich“ und „völlig unverständlich“ gibt es Abstufungen. Im Hamburger Verständlichkeitsmodell wird jedes Merkmal der Verständlichkeit auf einer Skala von +2 bis −2 beurteilt. +2 bedeutet: Der Text ist in sehr starkem Maße durch das Merkmal gekennzeichnet. Er ist zum Beispiel sehr einfach. −2 bedeutet das extreme Gegenteil, der Text ist sehr kompliziert. +1, 0 und −1 sind Zwischenstufen.
Für die Verständlichkeit sind nicht alle Merkmale gleich wichtig. Am wichtigsten: Einfachheit und Gliederung/Ordnung. Das Optimum liegt bei +2. Bei Kürze/Prägnanz sind beide Extreme verständnishemmend, das Optimum liegt mehr in der Mitte, etwa zwischen +1 und 0. Am wenigsten wichtig sind anregende Zusätze. Sie können sogar schaden, wenn sie zu Lasten von Kürze/Prägnanz gehen oder bei schwacher Gliederung/Ordnung das Durcheinander noch erhöhen. Das Optimum liegt meist zwischen +1 und 0.
Training Im Buch zum Hamburger Modell nimmt ein systematisches Trainingsprogramm einen größeren Raum ein. Es soll zum verständlichen Schreiben im Sinne des Modells befähigen. Man kann es allein für sich durchführen (Dauer etwa 10 Stunden). Größeren Erfolg bringt es vermutlich in einem Seminar unter Anleitung. Es umfasst drei Schritte:
1. Schritt – die Merkmale der Verständlichkeit kennenlernen Die vier Merkmale werden vorgestellt und durch Beispiele erfahrbar gemacht. Geübt wird die Zuordnung von einzelnen Eigenschaften (z. B. „viele Nebensätze“) zu den komplexen Merkmalen („Einfachheit“).
2. Schritt – die Merkmale wahrnehmen Der Trainingsteilnehmer beurteilt vorgegebene Texte zunächst nach einzelnen, dann nach allen vier Merkmalen der Verständlichkeit. Dabei benutzt er die oben beschriebenen Beurteilungen von +2 bis −2. Als Rückmeldung erhält er die Urteile von Verständlichkeitsexperten. Dieser Trainingsteil soll die Wahrnehmung verfeinern und den diagnostischen Blick für Stärken und Schwächen eines Textes schulen. Der Teilnehmer soll ein Gespür dafür bekommen, woran es liegt, dass ein Text mehr oder weniger verständlich ist.
3. Schritt – die Merkmale verwirklichen Der Teilnehmer versucht, vorgegebene Texte zu verbessern – zunächst in einem, dann in allen Merkmalen. Die letzte Aufgabe besteht darin, Texte zu einem vorgegebenen Thema selbst zu verfassen. Als Rückmeldung gibt es Beispiellösungen, die von Verständlichkeitsexperten erstellt wurden.
Lernen durch Erfolg Charakteristisch für das Programm: Nach Ansicht der Autoren lernt man verständliches Schreiben am besten durch Nachahmung von Vorbildern (Modelllernen) und Rückmeldungen (Lernen am Erfolg).
Es besteht nicht aus einer Vielzahl detaillierter Regeln, die man beachten soll – Regeln wie „vermeide substantivierte Verben“, „benutze keine doppelten Genitive“, „Vorsicht bei verneinenden Ausdrücken“ usw.
Untersuchung des Erfolgs Der Nutzen dieses Trainings wurde in drei Studien untersucht. Unter wissenschaftlicher Beobachtung wurden Lehrer, Schüler (9./10. Klasse) und Gewerkschafter trainiert. Dabei wurden Programme eingesetzt, die auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten worden waren. Ohne Training brachten nur 20 Prozent der Teilnehmer leicht verständliche Texte zustande, nach dem Übungsprogramm waren es bis zu 70 Prozent. Die verbesserten Texte erhöhten auch die Leistungen der Leser: Die Schüler mit Texten von trainierten Verfassern erreichten 67 Prozent der möglichen Punktzahl des Lehrziels. Schüler mit Texten von untrainierten Verfassern erreichten dagegen nur 11 Prozent.
Förderliche Haltungen Die Hamburger Psychologen vertreten die Auffassung, dass das Training mehr Erfolg hat, wenn bei den Autoren bestimmte innere Haltungen vorliegen. Dazu gehören:
Achtung – Wertschätzung – Rücksichtnahme Der Schreiber achtet den Leser als Person, bemüht sich um eine persönliche Beziehung zum Leser, möchte dem Leser helfen, nimmt die Schwierigkeiten und Bedürfnisse des Lesers ernst.
Einfühlung und Verstehen der Gedanken und Gefühle Der Autor ist bemüht, sich in die Situation des Lesers hineinzuversetzen, die Gedanken, Gefühle und Schwierigkeiten zu verstehen.
Aufrichtigkeit – Klärung eigener Gedanken – Selbstöffnung Der Autor verzichtet auf professionelles Gehabe, ist persönlich, natürlich, zugewandt. Was er schreibt, entspricht dem, was er denkt. Er versteckt persönliche Stellungnahmen nicht hinter angeblicher Sachlichkeit. Er zeigt sich, wo es angemessen ist, als Person.
Diese Haltungen sollen den Wunsch und das Bemühen stärken, sich leichtverständlich auszudrücken. Sie fördern die Zielgruppenorientierung und die Berücksichtigung von Lesererwartungen bei verschiedenen Textsorten. Selbstöffnung des Autors kann als zusätzliche Anregung das Lesen interessant machen sowie über das bloße Verstehen hinaus die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Text fördern (natürlich nicht bei Gebrauchsanweisungen, Behördentexten usw., bei denen die Person des Autors ohne Bedeutung ist).Diese drei so genannten personzentrierten Haltungen wurden in ähnlicher Form zuerst vom amerikanischen Psychologen Carl Rogers im Rahmen der Psychotherapie beschrieben. Sie erwiesen sich später auch in der Beziehung von Eltern-Erziehern-Lehrern und Kindern-Jugendlichen als wirksam, ferner in Ehe und Partnerschaft und ganz generell im Zusammenleben von Menschen. Reinhard Tausch hat sein Forscherleben weitgehend diesem Thema gewidmet.
Eine Studie zum personzentrierten Schreiben ergab: Der überwiegende Teil der Leser (über 800 Erwachsene verschiedener Berufe, Schüler der 9. und 10. Realschulklasse und Lehrer) von acht Texten in zwei Versionen bevorzugte insgesamt die deutlich personzentrierte Fassung beim direkten Vergleich. Diese Form führte häufig zu bedeutsam höheren Wissens- und Verständnisleistungen. Sie förderte besonders die gedankliche und gefühlsmäßige Auseinandersetzung des Lesers mit dem Text.
Entstehung des Hamburger Modells Im Rahmen seiner Unterrichtsforschung hatte Reinhard Tausch den Eindruck gewonnen, dass Schulbücher und sprachliche Äußerungen von Lehrern häufig nicht verständlich genug waren – nicht wegen der Schwierigkeit der Inhalte, sondern wegen der Art der Formulierung. Das gab 1969 den Anstoß zu einer Reihe von Forschungsarbeiten. Sie verfolgten ein ganz praktisches Ziel: Autoren und Lehrern wissenschaftlich begründete Hinweise zu geben, wie sie sich verständlicher ausdrücken und damit größere Lernerfolge bei Schülern erzielen können. In einem zweiten Schritt wurde das Modell dann an Texten für die allgemeine Bevölkerung geprüft – Texte, mit denen jeder Mensch im Laufe seines Lebens zu tun bekommt, z. B. Schreiben von Behörden, Gebrauchsanweisungen usw.
Studien mit Merkmalslisten und Faktorenanalysen Die ersten drei Studien bezogen insgesamt 162 verschiedene Texte zu acht Themen ein. 380 Beurteiler und knapp 1500 Schüler waren beteiligt. Die Studien liefen mit gewissen Variationen im Prinzip so ab:
Texte schreiben: Lehrer, angehende Lehrer (Studienreferendare), Psychologen oder Studenten (Pädagogik, Psychologie) erstellten Texte. Sie sollten für zehn- bis zwölfjährige Schüler geeignet sein. Die Themen waren vorgegeben. Beispiele: Anfertigen einer Zeichnung von geometrischen Figuren, Identifizieren von Straftatbeständen in kurzen Fallbeispielen, Durchführung einer Winkelhalbierung mit Zirkel und Lineal.
Merkmalspaare auflisten: Es wurden Listen von Merkmalspaaren zusammengestellt, die sich auf die Verständlichkeit von Texten beziehen. Beispiele: weitschweifig – aufs Wesentliche beschränkt, anschaulich – unanschaulich, für Schüler geläufige Wörter – ungeläufige Wörter. Es gab verschiedene Listen mit 12 bis 19 solcher Merkmalspaare. Die Auswahl berücksichtigte Anregungen aus der früheren Forschungsliteratur, teilweise auch Hinweise aus qualitativen Interviews mit der Zielgruppe, den Schülern.
Texte beurteilen: Alle Merkmalspaare wurden in Skalenform gebracht, z. B: so: anschaulich + + + + + + 0 - - - - - - unanschaulich Beurteilergruppen (Studenten) kreuzten für jeden Text einen Wert an. Aus diesen Werten wurde pro Text und Merkmal der Mittelwert der Beurteilergruppe gebildet.
Merkmale zusammenfassen: Bei den Beurteilungen zeigten sich bestimmte Muster: Manche Merkmale traten häufig gemeinsam auf. Beispiel: Wurden Texte als besonders „folgerichtig“ eingeschätzt, waren sie oft auch „stark gegliedert“ und „übersichtlich“. Mit einer besonderen statistischen Methode, der Faktorenanalyse, ließen sich vier solcher Muster von gemeinsam auftretenden Merkmalen aufspüren. Sie wurden „die vier Dimensionen der Verständlichkeit“ genannt.