Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen ist ein Buch der politischen Theoretikerin Hannah Arendt, das sie anlässlich des 1961 vor dem Bezirksgericht Jerusalem geführten Prozesses gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann verfasste. Das Buch erschien erstmals 1963 und rief mehrere langanhaltende Kontroversen hervor.
Auflagen mini|Arendt während des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem Arendt verfolgte im April und im Juni 1961 als Prozessbeobachterin für das Magazin The New Yorker beim Eichmann-Prozess die Einvernahme verschiedener Zeugen zu Beginn der Beweisaufnahme. Den weiteren Prozessverlauf bis August 1961, insbesondere das Kreuzverhör Eichmanns durch Generalstaatsanwalt Gideon Hausner und seine Befragung durch das Gericht, entnahm sie den ihr vom Jerusalemer Bezirksgericht zugesandten Verhandlungsmitschriften sowie Zeitungs- und Fernsehberichten. Ihre Eindrücke veröffentlichte Arendt fast zwei Jahre später in fünf aufeinanderfolgenden Ausgaben des New Yorker unter dem Titel „A Reporter at Large: Eichmann in Jerusalem“.
Das 1963 erschienene Buch Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil war eine leicht erweiterte und leicht veränderte Version des Textes im New Yorker. Zwischen 1963 und 1965 erschien das Buch in vier verschiedenen Versionen in fünf Druckfassungen.Ahlrich Meyer: «Die ganze Wahrheit». Hannah Arendt und ihre Kritiker – ein Streit um Opferzahlen und Verantwortungsethik. In: NZZ, 5. Dezember 2015, S. 25f. Gegenüber der ersten englischen Auflage erfolgten in der deutschen Übersetzung 1964 weitgehende Eingriffe, die man auch in der amerikanischen Taschenbuchausgabe 1965 übernahm. Der Wichtigste war die Änderung ihrer These, dass die Zahl der Opfer hätte geringer sein können.
Bei dieser ersten deutschen Ausgabe im Piper Verlag war dort Hans Rößner Verlagsleiter. Von dessen Karriere als SS-Obersturmbannführer und Kulturreferatsleiter im Reichssicherheitshauptamt erfuhr Hannah Arendt zeitlebens nichts. Die zweiten Auflagen (in beiden Sprachen: 1965) wurden von der Autorin ergänzt, sowohl inhaltlich als auch mit einer zusätzlichen Vorrede über die Kontroverse, die das Buch hervorgerufen hatte.
Seit 1986, nach dem Tod der Autorin im Jahr 1975, erscheint die deutsche Fassung mit einem Text des Historikers Hans Mommsen, welcher als „einleitender Essay“ bezeichnet wird, 39 Seiten lang ist, mit 64 eigenen, ausführlichen Anmerkungen. Dieser Text übt harsche Kritik am folgenden Text Arendts. Die deutschen Auflagen seit 1986 tragen den Vermerk „erweiterte Ausgabe“. Es wurden ein Stichwortverzeichnis und Anmerkungen hinzugefügt, ohne dass deren Autor bzw. Autoren namentlich genannt werden. Sie behandeln Personen, Vorgänge und die Literatur bis zum Juli 1984.
Inhalt und Wirkung Arendt bezeichnet Eichmann als „normalen Menschen“. Abgesehen davon, dass er eine Karriere im SS-Apparat machen wollte, habe er kein Motiv gehabt, vor allem sei er nicht übermäßig antisemitisch gewesen. Er sei psychisch normal, kein „Dämon oder Ungeheuer“ gewesen und habe nur seine „Pflicht“ erfüllt. Eichmann habe nicht nur Befehlen, sondern „dem Gesetz“ gehorcht.S. 231. Der Gesetzgeber sei Adolf Hitler mit seinem Führerwillen und Eichmann nicht länger „Herr über [s]ich selbst“ gewesen; „ändern konnte [er] nichts“. Eichmanns Unfähigkeit, selbst zu denken, habe sich vor allem an der Verwendung klischeehafter Phrasen, einem Verstecken hinter der Amtssprache, gezeigt. Als auf der Wannseekonferenz die Spitzenvertreter von Ministerien der „Endlösung“ unwidersprochen zustimmten, habe Eichmann sich jeder Verantwortung enthoben gefühlt: Die „gute Gesellschaft“ stimmte zu – was sollte er als kleiner Mann da machen? Nach der Wannseekonferenz, als er im Kreis der „Großen“ fachsimpeln durfte, seien minimale Zweifel, eventuelle Gewissensbisse verschwunden: „In diesem Augenblick fühlte ich mich wie Pontius Pilatus, bar jeder Schuld.“Übersetzung entsprechender Stelle auf S. 112 der englischen Ausgabe, vergleichbar deutsche Ausgabe S. 205. Im Gegensatz dazu betont Arendt, dass es auch unter der totalitären Herrschaft Wahlmöglichkeiten, eine Moral gibt.
Das Buch beruht auf Prozessunterlagen, die Arendt wie allen anderen Berichterstattern vom Gericht zur Verfügung gestellt wurden, sowie geringfügig auf Eichmanns Interview mit Willem Sassen in der gereinigten Life-Fassung. In der Einleitung der deutschen Ausgabe gibt Arendt an, sie habe für ihren Bericht „durchgängig »Die Endlösung« von Reitlinger herangezogen“, sich aber vor allem „auf das Werk von Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, die ausführlichste und auch fundierteste quellenmäßige Darstellung der Judenpolitik des Dritten Reiches“, verlassen. Zeitweise nahm Arendt an den Sitzungen des Gerichts teil. Das Buch enthält Arendts persönlichen Eindruck vom Gerichtshof, einen Lebenslauf des Angeklagten und seine Tätigkeit als Vertreiber von Juden, als Deportationsfachmann in die Lager und als Verwaltungsmassenmörder. Nach einem Bericht über die Wannseekonferenz folgen abschnittsweise Länderberichte, da Eichmann wechselnde regionale Schwerpunkte bei seinen Verbrechen hatte: das von den Nazis zum „Reich“ gezählte Gebiet, den Westen Europas, die Balkanstaaten, Südostmitteleuropa (Ungarn, Slowakei), den Osten (mit den Schwerpunkten Auschwitz und Theresienstadt, dessen oberster Leiter Eichmann zum Schluss war). Eingefügt sind Reflexionen Arendts über diesen modernen Typ des internationalen Massenverbrechers („Von den Pflichten eines gesetzestreuen Bürgers“), der Abschlussbericht über das Urteil und schließlich seine Einordnung in die internationale Rechtsentwicklung (das „Verbrechen gegen die Menschheit“) im Epilog. Arendt endet mit einer fiktiven Richter-Rede, in der sie wiederum selbst reflektiert, also einen Bericht überschreitet. Sie begründet ihr Plädoyer für Eichmanns Todesstrafe, trotz ihrer formalen Bedenken, sowie die Berechtigung eines israelischen Gerichts zu einem solchen Urteil. Im Anhang folgt eine ausführliche Bibliographie.
Arendt betont das Neue an den von Eichmann und den übrigen Nazi-Deutschen verübten Verbrechen, dieses Neue stellte auch das Jerusalemer Gericht vor besondere Herausforderungen. Am Beispiel der verschiedenen Verfolgungsgrade in den besetzten Ländern stellt sie dar, wie ein Widerstand der Bevölkerung und der einheimischen Administration Juden das Leben rettete (in Bulgarien, Italien, Dänemark: Rettung der dänischen Juden), während die bedingungslose und z. T. vorauseilende Zusammenarbeit, z. B. durch die Kollaboration in Frankreich (1940–1944), den Nazis das Morden erleichterte.
Wird Eichmanns Tätigkeit und damit Arendts Bericht in den Gesamtkomplex Holocaust eingeordnet, so berichtet dieses Buch vor allem über die administrativen Massenmorde, weniger über jene an der Ostfront und im Süden, bei denen Juden ohne großen Verwaltungsaufwand direkt vor Ort ermordet wurden, insbesondere durch die Einsatzgruppen und die ihnen zuarbeitende Wehrmacht. Das Ausmaß dieser Morde war seit dem Einsatzgruppen-Prozess 1947–1948 im Westen zwar bekannt, aber schwierig zu belegen; heute ist bekannt, dass den direkten Morden eine etwa gleich große Anzahl von Zivilisten zum Opfer fiel wie den von Berlin aus organisierten. Durch die vorherigen Beratungen sowie die vorliegenden Anordnungen, Pläne und Briefwechsel sind bei den von Eichmann organisierten Morden mehr Quellen verfügbar als bei den direkten Massenmorden, die meistens nur indirekt belegt werden können, wie z. B. durch den „Reichenau-Erlass“ vom 10. Oktober 1941, der im Wesentlichen einen Mordaufruf darstellt. Häufig wurden die Juden in Eichmanns Einflussbereich tagelang in Zügen durch Europa gefahren. Ebenso wurde ihr Todeszeitpunkt administrativ festgelegt, abhängig von Faktoren wie ihrem Gesundheitszustand, Alter und Geschlecht, der aktuellen Kapazität von Zügen und Gaskammern, der Überfüllung von Lagern. Daher nennt Arendt Eichmann einen „Verwaltungsmassenmörder“.
Die ihrem Buch folgende heftige Kontroverse der 1960er Jahre, vorrangig in den Vereinigten Staaten, der Bundesrepublik Deutschland und in Israel, hält abgeschwächt bis heute an, besonders in Hinsicht auf den Begriff der „Banalität des Bösen“. Die Angriffe bedeuteten für Arendt einen weiteren biographischen Wendepunkt, vergleichbar mit ihrer Flucht 1933 aus Deutschland und 1941 aus Europa. Dutzende von Bekannten und Freunden distanzierten sich. Zum Verständnis der Radikalität dieser Wende und des gesamten Kontexts des Eichmann-Buchs dienen zahlreiche Stellen in ihren Briefen und vielen späteren Texten mit Bezug auf Eichmann, zu finden u. a. bei Elisabeth Young-Bruehl und Julia Schulze Wessel.
In ihrem 1964 erstmals in den USA erschienenen und 1969 in einer Neubearbeitung auf Deutsch veröffentlichten Essay Wahrheit und Politik geht Arendt auf diese Kontroverse ein.
Heinar Kipphardts nachgelassenes Theaterstück Bruder Eichmann verwendet zahlreiche Zitate aus Arendts Buch. In Leslie Kaplans Roman Fever spielt Eichmann eine Identifikationsfigur für zwei jugendliche Mörder, als sie nach der Tat ihr Gewissen spüren; die Figur verknüpft die Generationen von Großvätern und Enkeln.
Erste Kontroverse: Die Banalität des Bösen Das Wort „banal“ hat im Deutschen und Französischen u. a. einen diminutiven (verkleinernden) Beiklang; zusammen mit dem „Bösen“ kam es zur Missinterpretation, Arendt rede die Naziverbrechen klein. Im Englischen bedeutet es dagegen „allgemeingültig“, eine „Selbstverständlichkeit“, was ihre Meinung eher trifft. Eichmann ist ein Typus der arbeitsteiligen Moderne, das Böse in der von ihm verübten Form ist potentiell weitverbreitet. Andererseits betont Arendt durchgehend die Möglichkeit, dass er sich anders hätte entscheiden können; das ist ihre an Kant geschulte Auffassung von Willensfreiheit. Als Beispiele für ein Verhalten im Gegensatz zum Üblichen der Zeit nennt sie als Individuen den Unteroffizier Anton Schmid,von Arendt falsch geschrieben: „Schmidt“, der Fehler zieht sich durch sämtliche Ausgaben und die Sekundärliteratur. der Juden rettete und dafür hingerichtet wurde, und als Staaten Dänemark, Italien und Bulgarien, deren Völker und Regierungen das deutsche Vernichtungsprogramm sabotierten.
Arendts Bestimmung des Bösen an Eichmann als allgegenwärtige Gefahr folgt aus einer existentialistisch gefärbten Kulturkritik, die mit den Begriffen Verlassenheit („Weltlosigkeit“), Bindungslosigkeit, Arbeitsteilung und bürokratische Anonymität bezeichnet wird. Das Nazitum verwirklichte diese zuvor nur latente Gefahr, und seine Wirkung auf die Menschen der meisten Länder schätzt Arendt hoch ein. Der Vorwurf, sie habe Eichmann entlastet, geht jedoch in die Irre, da sie das Todesurteil ausdrücklich begrüßt und ihm, trotz formaler Bedenken allein wegen der Zuständigkeit des Gerichts, auch zustimmt. Eichmann war, durch seine Taten belegt, dazu entschlossen, die Welt nicht mit einem bestimmten Teil der Völkerfamilie, den Juden, zu teilen; seine Hinrichtung war die einzig sinnvolle Folge daraus.