mini|hochkant|Das Wappen der LSE zeigt als Wappentier einen Biber
Die London School of Economics and Political Science (auch bekannt als London School of Economics; kurz: LSE) ist eine staatliche Universität in London, Vereinigtes Königreich. Sie wurde 1895 gegründet und ist seit 1900 Teil der University of London. In ihren Kernbereichen – den Sozial-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften sowie der Philosophie – gehört die LSE neben Harvard, Oxford und Cambridge zur Weltspitze. Ein Viertel aller bisher vergebenen Nobelpreise in den Wirtschaftswissenschaften ging an Preisträger, die mit der LSE verbunden sind. Zu den Alumni der LSE zählen außerdem 55 Staats- und Regierungsoberhäupter.
Gemeinsam mit den Universitäten Oxford, Cambridge, dem Imperial College London, dem King’s College London und dem University College London bildet sie das sogenannte Golden Triangle von Eliteuniversitäten in England. Sie ist Mitglied der Russell-Gruppe, der Association of Commonwealth Universities, der European University Association, der Community of European Management Schools, der Association of Professional Schools of International Affairs und des Verbundes Universities UK. Sie ist außerdem eine der reichsten Universitäten von London nach Stiftungsvermögen.
Es gibt 28 Fachbereiche und 20 Forschungseinrichtungen. Zu ihrem Fächerspektrum gehören u. a. Volkswirtschaftslehre, Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen, Geschichtswissenschaften, Rechtswissenschaften, Philosophie und Soziologie. Die London School of Economics befindet sich im Zentrum Londons im Stadtteil City of Westminster an der Grenze zwischen Covent Garden und Holborn. Der an die Universität angegliederte Think-Tank LSE IDEAS gilt als eines der wichtigsten britischen Forschungsinstitute im Bereich der internationalen Politik. Weiter ist die zentrale Universitätsbibliothek, offiziell British Library of Political and Economic Science, die weltweit größte Fachbibliothek für Politik- und Wirtschaftswissenschaften.
Geschichte Gründung mini|Beatrice und Sidney Webb Hervorgegangen ist die London School of Economics 1894 aus einem Übereinkommen diverser Mitglieder der Fabian Society, darunter Beatrice Webb, Sidney Webb, George Bernard Shaw und Graham Wallas. Die Gründung zu diesem Zeitpunkt ging einher mit lebhaft geführten gesellschaftlichen Diskussionen um Klassenunterschiede und neue Wege sozialen Fortschrittes. Dem Selbstverständnis der Fabian Society nach sollte die Forschung an der neu geschaffenen Institution der reformistischen und graduellen Aufklärung einer modernen Wirtschafts- und Politikelite dienen, explizit auch aus der Arbeiterklasse. Als Vorbild diente hierbei unter anderem der Vorgänger der heutigen Pariser Sciences Po (Institut d’études politiques de Paris). Zur Finanzierung diente eine der Fabian Society gewidmete Hinterlassenschaft von 20.000 Pfund des Anwalts Henry Hunt Hutchinson, ebenfalls Mitglied der Gesellschaft. Die Treuhänder autorisierten die Verwendung im folgenden Jahr, und so konnten die ersten Vorlesungen im Oktober 1895 in Unterrichtsräumen in der John Street, City of Westminster, abgehalten werden.
20. Jahrhundert 1900 wurde die London School of Economics formal Teil der University of London und repräsentierte ab sofort deren volkswirtschaftliche Fakultät. Nach einer schnellen Expansion zog die Fakultät mehrfach um, bis sie sich 1920 an der heutigen Adresse, der Houghton Street, niederließ. Nachdem durch King George V. der Grundstein des Hauptgebäudes gelegt worden war, öffnete 1922 das Old Building seine Türen. Das Fächerspektrum wurde unter anderem um Geografie, Internationale Beziehungen, Philosophie und Recht erweitert. Das Wappen der Universität wurde im Februar 1922 übernommen. Der lateinische Spruch Rerum cognoscere causas, von Vergil inspiriert, wurde auf Vorschlag von Edwin Cannan zugefügt.
Mit Friedrich A. Hayek wurde die London School of Economics spätestens seit den 1930er Jahren zu einem Zentrum des wirtschaftstheoretischen Diskurses. Berühmt ist in der akademischen Welt insbesondere die Auseinandersetzung zwischen Hayek als Befürworter der Österreichischen Schule einerseits und seinem Gegenüber John Maynard Keynes, damals an der University of Cambridge, als Advokat des staatlich beeinflussten Wohlfahrtsstaates andererseits.D. H. MacGregor, A. C. Pigou, J. M. Keynes, Walter Layton, Arthur Salter, J.C. Stamp: Private spending. Money for productive investment. A comment by economists, The Times, 17. Oktober 1932, S. 13, und T. E. Gregory, F. A. von Hayek, Arnold Plant, Lionel Robbins: Spending and saving. Public works from rates, The Times, 19. Oktober 1932, S. 10 (Leserbriefe; englisch; Datei „Cambridge vs. LSE, 1932.pdf“). Der akademische Diskurs zwischen beiden Institutionen berührte allerdings schon vorher im Kern die grundlegende Frage, ob Volkswirtschaftslehre einem eher praktisch ausgerichteten, anwendbaren Wissen dienen solle, oder vielmehr der theoretisch-holistische Ansatz wünschenswerter sei. So befürwortete die London School of Economics in den 1920er Jahren unter Lionel Robbins die Einrichtung eines separaten Fachbereichs für Wirtschaftsgeschichte, während die Ökonomen der „Cambridger Schule“ auf einem integrativen Ansatz bestanden.Lionel Robbins: An essay on the nature and significance of economic science (Website enthält Link auf PDF-Datei, 11,0 MB; 2. Auflage 1935), Macmillan and Co., London 1945 (englisch).
Auch in der Philosophie hat die London School of Economics traditionell erheblichen Einfluss. Mit Karl Popper (1902–1994) unterrichtete hier lange Jahre einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Zu seinen Schülern zählten hier unter anderem Paul Feyerabend und Imre Lakatos, welcher anschließend für 14 Jahre eine Professur an der London School of Economics innehatte. Das Department of Philosophy, Logic and Scientific Method gilt entsprechend unter Fachkollegen als das weltweit führende in der Entscheidungstheorie und der Wissenschaftstheorie, insbesondere in den Schwerpunkten Philosophy of Social Sciences.Brian Leiter: , The Philosophical Gourmet Report, 2009.
Während der Bombardierung Londons im Zweiten Weltkrieg war die Fakultät im Peterhouse College der University of Cambridge untergebracht.
Ende der 1960er Jahre wurde die LSE zu einer KeimzelleMarc Spitz: Jagger. Rebel, Rock Star, Ramble, Rogue. 2011 (Gewidmet Brendan Mullen); deutsch: Mick Jagger. Rebell und Rockstar. Aus dem Amerikanischen von Sonja Kerkhoffs. Edel Germany, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8419-0122-4, S. 37. der britischen Studentenbewegung.
21. Jahrhundert mini|Das Old Building, Hauptgebäude der Universität In der jüngeren Vergangenheit trat die London School of Economics unter anderem durch die Aktivitäten des Soziologen Anthony Giddens als moderner Ausgangspunkt des von Tony Blair und Bill Clinton vertretenen „Dritten Weges“ in Erscheinung. Der Ökonom und Klimaforscher Nicholas Stern, Verfasser des Stern-Reports, lehrt am 2008 gegründeten Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment. Im 21. Jahrhundert wurde der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften drei Mal an Forscher der London School of Economics vergeben, zuletzt 2010 an Christopher A. Pissarides.
Kontroversen: Im Februar 2011 gab der amerikanische Hedge-Fonds-Manager John Paulson bekannt, über 2,5 Millionen Pfund für die Einrichtung eines Lehrstuhls an der London School of Economics über die Zukunft des europäischen Finanzwesens bereitzustellen.Paulson Donation to Finance Research on the Euro Zone, The New York Times/Dealbook, 9. Februar 2011. Und im selben Monat geriet die London School of Economics außerdem in die Schlagzeilen deutscherStudenten protestieren gegen Sarrazin, Spiegel Online, 15. Februar 2011 (abgerufen am 25. Februar 2011).Thomas Kielinger: Londoner protestieren gegen "Faschisten" Sarrazin, Welt Online, 15. Februar 2011 (abgerufen am 25. Februar 2011).Gina Thomas: Thilo Sarrazin in London, FAZ.net, 15. Februar 2011 (abgerufen am 25. Februar 2011).Monika Kennedy: , Bild.de, 15. Februar 2011 (abgerufen am 25. Februar 2011). und internationaler Medien,Jeevan Vasagar: Students on frontline in fight against hate preachers, guardian.co.uk, 18. Februar 2011 (englisch; abgerufen am 25. Februar 2011).Jonny Paul: LSE cancels event with German critics of radical Islam, Jerusalem Post, 15. Februar 2011 (englisch; abgerufen am 25. Februar 2011).Kevin Rawlinson: Fury as 'anti-Semitic' banker is invited to speak at LSE, The Independent, 14. Februar 2011 (englisch; abgerufen am 25. Februar 2011). nachdem die Hochschulleitung kurzfristig eine Diskussionsrunde der LSE German Society mit Thilo Sarrazin abgesagt hatte.
Ebenfalls im Februar 2011 – während des Aufstands in Libyen – geriet die London School of Economics wegen ihres 2008 an Saif al-Islam al-Gaddafi verliehenen Doktorgrades in die Kritik. Es gab Hinweise auf Plagiate in der Dissertation (Titel „The role of civil society in the democratisation of global governance institutions. From ‘soft power’ to collective decision-making?“, Betreuer Meghnad Desai) und Zweifel an der Autorschaft, außerdem wurde eine 2009 angenommene Spende der Gaddafi International Charity and Development Foundation (GICDF) über 1,5 Millionen Pfund an die London School of Economics für ein Forschungsprogramm im Zusammenhang mit Nordafrika bekannt, von der das LSE-Institut Centre for the Study of Global Governance, an dem Gaddafi studiert hatte, profitierte und bis dahin 300.000 Pfund erhalten hatte.Jonathan Owen: LSE embroiled in row over authorship of Gaddafi’s son’s PhD thesis and a £1.5m gift to university’s coffers, The Independent, 27. Februar 2011 (englisch).Juliane Frisse: Dr. Strange und die 350.000-Euro-Spende, Spiegel Online, 3. März 2011. Am 3. März 2011 trat der Direktor Howard Davies wegen der Affäre zurück.Libyen-Affäre zwingt Unichef zum Abgang, Spiegel Online, 4. März 2011. Die für die Verleihung des Doktorgrades an Gaddafi verantwortliche Universität London kam im November 2011 zu dem Ergebnis, den Grad nicht zu entziehen.The Woolf Inquiry: An inquiry into the LSE's links with Libya and lessons to be learned, www2.lse.ac.uk, LSE website/News and media, 5. Dezember 2011. mini|32 Lincoln’s Inn Fields, Sitz des Department of Economics mini|Das New Academic Building, Sitz des Department of Management
Lage und Campus mini|Der Old Curiosity Shop, gegenüber dem Students’ Union Building Im Jahre 1920 weihte König George V. das älteste Universitätsgebäude ein, welches heute den Namen Old Building trägt. Dieses Gebäude fungiert immer noch als zentrales Universitätsgebäude, auch wenn sich der Campus im 20. Jahrhundert um ein Vielfaches erweitert hat. Gegenwärtig gehören ungefähr 30 Gebäude zur Universität selbst, welche hauptsächlich zwischen Kingsway und Aldwych liegen. Neben Lehr- und Forschungseinrichtungen gehören elf Studentenwohnheime zur Universität, welche sich auf das Stadtgebiet Londons verteilen. Zum Universitätsgelände gehören Sportflächen in Berrylands im Süden Londons. Der Universitätscampus beherbergt einzelne Installationen und Werke bekannter Künstler, unter anderem Richard Wilsons Square the Block,Annual Accounts for the year ended 31 July 2009 (PDF-Datei, 3,0 MB), The London School of Economics and Political Science, London. Michael Browns Blue Rain, Christopher Le Bruns Desert Window.
Die Universität beherbergt die British Library of Political and Economic Science. Sie ist die weltweit größte Fachbibliothek für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie nach der British Library bei Kings Cross die größte zusammenhängende Bibliothek Großbritanniens.Annual Accounts for the year ended 31 July 2009 (PDF-Datei, 3,0 MB), The London School of Economics and Political Science, London. Die gegenwärtige British Library of Political and Economic Science wurde vom Architekten Sir Norman Foster gestaltet.