mini|Michael Lüders (2017) Michael Andreas Lüders (* 8. Mai 1959 in Bremen) ist ein deutscher Politik- und Islamwissenschaftler, der als Publizist sowie Politik- und Wirtschaftsberater tätig ist. Lüders war von 2015 bis 2022 Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Außerdem war er Beiratsmitglied des Nah- und Mittelost-Vereins (NuMOV) und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Orient-Stiftung. Er gehört seit Januar 2024 dem Parteivorstand des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) an, seit Dezember 2025 als einer von sieben stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Er war Spitzenkandidat des BSW Sachsen-Anhalt zur Bundestagswahl 2025.Das BSW erhielt dort 11,2 % der Stimmen, siehe Bundestagswahl 2025/Wahlergebnisse nach Bundesländern#Sachsen-Anhalt
Leben Lüders besuchte das Gymnasium in Bremen-Vegesack. Nach dem Abitur kam er während seines Zivildienstes über die Aktion Sühnezeichen nach Israel. Er studierte arabische Literatur im syrischen Damaskus sowie Islamwissenschaften, Politologie und Publizistik in Berlin. Mit einer Arbeit über das ägyptische Kino wurde er 1988 zum Dr. phil. promoviert.
Anschließend arbeitete Lüders zunächst als Dokumentarfilmer und Hörspielautor für den SWR und WDR und war von 1993 bis 2002 Nahost-Redakteur bei der ZEIT. Von 2002 bis 2003 war er als Berater für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) tätig.
Lüders ist freiberuflicher Politik- und Wirtschaftsberater sowie Publizist und Autor. Auf seiner Website hält er Vorträge über „das Spannungsverhältnis zwischen dem Westen und der arabisch-islamischen Welt“ und „Investitionsmöglichkeiten in der arabischen Welt“ und veröffentlicht „Expertisen zur Ursachenforschung islamistischer Gewalt“.Lebenslauf, michael-lueders.de, abgerufen am 29. Dezember 2015. Er beriet unter anderem das Auswärtige Amt (AA) und erstellte Fachgutachten für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Zudem unterrichtete er 2008/09 im Lehrauftrag am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Philipps-Universität Marburg und war 2015/16 Gastdozent am Middle East Center der Sakarya Üniversitesi in der Türkei. 2017 hielt er drei Einzelvorlesungen im Rahmen einer Gastprofessur an der Universität Trier. Dagegen protestierten u. a. der örtliche AStA und die Trierer Deutsch-Israelische Gesellschaft.Rolf Seydewitz: Wieder Proteste gegen Gastprofessur an der Uni Trier, Trierischer Volksfreund vom 10. Juni 2016
Lüders lebt in Berlin.
Parteipolitisches Engagement Seit Januar 2024 ist Lüders Mitglied der Partei Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Beim ersten Parteitag des BSW wurde er mit 97,6 % in den erweiterten Parteivorstand gewählt. Zudem wurde er von den stimmberechtigten Mitgliedern auf Platz 9 der BSW-Liste für die Europawahl 2024 gesetzt. Lüders gehört im BSW dem Landesverband Sachsen-Anhalt an, für den er als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2025 kandidierte.BSW wählt den Nahost-Experten Michael Lüders zum Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt. In: Deutschlandfunk, 8. Dezember 2024. Das BSW erzielte in Sachsen-Anhalt mit 11,2 % das beste Ergebnis bundesweit. Am 6. Dezember 2025 wurde er zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Partei gewählt. Lüders kandidiert auf Platz 2 der BSW-Liste bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2026.
Positionen Lüders lastet die Verschärfung der Konflikte im Nahen Osten den USA an: „… eine Politik der militärischen Intervention, wie sie die USA seit 2001, seit den Terroranschlägen des 11. September vollzogen haben, sei es in Afghanistan, im Irak, in Syrien, in Libyen und im Jemen, [hat] in allen genannten Ländern lediglich Staatsverfall gebracht …, zu Anarchie und Chaos geführt … Und das Erstarken von terroristischen Bewegungen wie dem Islamischen Staat ist ursächlich auf diese Interventionspolitik zurückzuführen.“
Zur Lösung des Syrienkrieges und Reduzierung der Zahl der Flüchtlinge plädierte Lüders für eine Kooperation mit Baschar al-Assad sowie Russland und Iran. Der Berliner Zeitung sagte er: „Es gibt doch bereits eine Schutzzone für Flüchtlinge in Syrien. In dem Küstenstreifen am Mittelmeer, den Assads Armee noch kontrolliert, befinden sich vier Millionen Menschen, die vor dem IS geflohen sind.“
Im Interview zu seinem Buch Wer den Wind sät… führte Lüders seine These aus, wonach „westliche Politik“ nur „vermeintlich“ für Demokratie und Gerechtigkeit stehe.Interview von Georgios Chatzoudis 17. November 2015
Lüders hielt einen kurdischen Hintergrund des Terroranschlags in Istanbul am 12. Januar 2016 für nicht ausgeschlossen.„Der Nahost-Experte Michael Lüders hegt Zweifel, dass das Selbstmordattentat in Istanbul tatsächlich von einem IS-Kämpfer verübt worden ist. Es sei weitaus plausibler, von einem kurdischen Hintergrund auszugehen. Angesichts des erbarmungslosen Kampfes gegen die kurdische Zivilbevölkerung liege ein Racheakt nahe, sagte er im DLF.“ Türkische Regierungsstellen gingen von einer Urheberschaft des IS aus.
Zum Luftangriff auf den Militärflugplatz asch-Schaʿirat, den die US-Regierung 2017 als Reaktion auf den Giftgasangriff ausführte, sagte Lüders, die USA öffneten damit die Büchse der Pandora. In Syrien bestehe die Gefahr einer baldigen ernsthaften Konfrontation zwischen den beiden Nuklearmächten USA und Russland.Lüders: Trump öffnet die Büchse der Pandora, NDR, 7. April 2017 Als Lüders kurz darauf in der Talkshow von Anne Will diese These vortrug, widersprach ihm der Historiker Michael Wolffsohn und führte an, dass die russische Seite von den USA vorgewarnt gewesen sei, jedoch die US-Marschflugkörper nicht abgeschossen habe, obwohl sie dies hätte tun können.Gerd Appenzeller: In Syrien gibt es nicht nur eine Wahrheit, Der Tagesspiegel vom 10. April 2017
Im Zusammenhang mit dem Krieg in Afghanistan kritisierte er eine fehlende Bereitschaft in der westlichen Politik, sich bezüglich der Rolle des Westens in Afghanistan einer kritischen Selbstbefragung zu unterziehen; der russische Überfall auf die Ukraine habe stattdessen die Aufmerksamkeit in eine andere Richtung gelenkt. Die US-Regierung habe „hinter den Kulissen dafür Sorge getragen, dass alle anhängigen Verfahren gegen die USA wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in Afghanistan vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eingestellt worden sind“.
Publikationen und Rezeption Wir hungern nach dem Tode (2001) Alexandra Senfft bezeichnet Lüders zweites Sachbuch in der Süddeutschen Zeitung als Mischung aus „Analyse, Basisinformation und Erlebnisbericht“. Der Autor werfe Samuel P. Huntington mit seiner These vom Kampf der Kulturen vor, den Taliban innerlich nahezustehen. Er skizziere die westliche Sicht des Nahostkonflikts als „hier das friedliebende Israel, dort der palästinensische Terror“ und weise darauf hin, dass diese von einem Drittel der Weltbevölkerung nicht geteilt werde. Lüders mache aus seiner Kritik an der Nahostpolitik der USA und Europas kein Hehl, so dass sie sich frage, ob sich Die Zeit deshalb von ihm als Nahost-Redakteur getrennt habe.
Tee im Garten Timurs (2003) Senfft, diesmal für die Frankfurter Rundschau, bezeichnete Lüders’ nächstes Buch als „politischen Reiseführer“, der zwar den Vorteil rascher Orientierung biete, aber den Nachteil habe, dass die einzelnen Kapitel eines solchen Buches, je nach entsprechender Spezialisierung des Autors, zwangsläufig jeweils stärker oder schwächer ausfielen. Zentralasien scheine Lüders sprachlich und kulturell ein wenig fremd zu sein. Er stelle die Verzahnung zwischen den Verhältnissen in der Region mit den geostrategischen Interessen der USA dar und stelle die These auf, dass ohne eine Lösung des Nahostkonfliktes auch die übrige Region nicht zu befrieden sei. Bedauerlich fand sie, dass Lüders dabei nicht auf eigene Quellen, sondern auf Informationen aus zweiter Hand zurückgreife. Umso packender fand die Rezensentin die Analysen der komplizierten Gesellschaftsstrukturen im Irak und Afghanistan.
Lutz C. Kleveman bescheinigte in der Zeit Lüders’ „politische[m] Parforce-Ritt“ durch den Nahen und Mittleren Osten bezüglich des Teils über die postsowjetischen Republiken Zentralasiens einen „kühlen, unaufgeregten Stil“, bemängelt aber das Fehlen „anschaulichere[r] Beschreibungen und Erlebnisberichte, die analytische Inhalte gerade aus so unbekannten Ländern viel eindrücklicher vermitteln“. Stärker sei der Teil über den Irak und Afghanistan, der „auf profunder Kenntnis der Region“ basiere.
Im Herzen Arabiens (2004) Für Hartmut Wagner (Eurasisches Magazin) bemühte sich Lüders in seinem „angenehm lesbare[n] Buch“, die Rolle der USA im Nahen Osten nicht zu dämonisieren. Lüders gewährt dem Leser einen farbigen Einblick in das arabische Alltagsleben jenseits der großen Weltpolitik. Sympathie gewinne das sehr persönliche Buch „besonders durch die Ehrlichkeit des Autors“. Lüders sehe seine langjährige Beschäftigung mit der fremden Welt Arabiens, die schon als Kind mit den Abenteuern des Kara Ben Nemsi aus den Orient-Romanen Karl Mays begonnen habe, als einen Prozess der Selbsterforschung, der immer auch von tiefen Selbstzweifeln begleitet werde. Als „streitbarer Analytiker“ vertrete er auch weniger populäre Standpunkte: Lüders sehe die Ursachen des Islamismus u. a. in der „vorbehaltslosen Unterstützung des Westens für Israel“ und mache dessen „völkerrechtswidrige, auf Vorherrschaft ausgerichtete Politik“ für das Erstarken der Terrororganisationen Hamas oder Hisbollah verantwortlich.
Edith Kresta wies hingegen in der taz darauf hin, dass für Lüders auch ohne Israel „die Misere der arabischen Welt, ihre Stagnation und fehlende Kreativität, ihre Repression und Gewalttätigkeit dieselbe“ wäre. Lüders’ Buch, so die Rezensentin, sei eine „kenntnisreiche Beschreibung einer politisch und sozial desolaten Welt“, die von „der eigenen Unfähigkeit“ durch Schuldzuschreibungen an Israel ablenke. Lediglich Lüders’ Pauschalurteil „Wir sind reich an materiellen Werten, doch arm an Menschlichkeit. Im Orient ist es genau umgedreht“ passe nicht zur ansonsten differenzierten Darstellung.
Aminas Restaurant (2006)
Der dritte Roman Lüders’ thematisiert die Geschichte einer aus Marokko nach Bremen eingewanderten Familie, die in der Hansestadt ein Restaurant eröffnet. Lüders verarbeitete darin seine neu gewonnenen Erfahrungen aus dem Orient, indem er sie auf seine Bremer Heimat übertrug und beide miteinander verknüpfte. Der Roman wurde von nationalen und internationalen Rezensenten überwiegend positiv besprochen.
Tage des Zorns (2011) Lüders’ Werk über die „Arabellion“ wurde in die Shortlist für „Das beste Wissenschaftsbuch 2011“ in Österreich aufgenommen. In der Neuen Zürcher Zeitung bescheinigte Beat Staufer dem Autor, er schaffe es ausgezeichnet, auf jeweils wenigen Seiten alles Notwendige zum Verständnis der politischen und sozialen Verhältnisse darzulegen, die vor Ausbruch der Aufstände in den einzelnen Ländern geherrscht hatten. Er sei zu kritisch gegenüber Islamkritikern und sehe in Tunesien und Ägypten das größte Demokratiepotential mit Ausstrahlungswirkung. Pessimistisch sei er gegenüber Libyen und dem Irak.Beat Staufer: Protokolle einer Zeitenwende. NZZ am Sonntag, 25. September 2011
Iran: Der falsche Krieg (2012) Das Werk stand auf der Bestenliste der SZ/NDR „Sachbücher des Monats Juni 2012“.