mini|Jeanne Weber im Jahr 1908, flankiert von zwei Polizisten im Gerichtsgebäude von Saint-Mihiel. Jeanne Weber (geb. Moulinet; * 7. Oktober 1874 oder 1875Michael Newton: Die große Enzyklopädie der Serienmörder, Stocker, Graz, 2002, ISBN 3-85365-189-5, S. 418. in Kérity, Frankreich; † 1910 in Maréville, Frankreich), bekannt als die Menschenfresserin aus der Goutte d’Or (L'Ogresse de la Goutte d’Or), war eine französische Serienmörderin. Weber tötete zehn Kinder, darunter auch ihre eigenen. Nachdem Weber einmal vor Gericht stand, einmal monatelang gegen sie ermittelt wurde und es beide Male nicht zu einer Verurteilung kam, wurde sie nach dem zehnten Mord für unheilbar geisteskrank erklärt und in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Die Motive für die Taten blieben ungeklärt, Weber äußerte sich nicht dazu. Der Fall Weber ging durch die internationale Presse und brachte der damals als nahezu unfehlbar gefeierten Gerichtsmedizin einen großen Ansehensverlust.Woman thrice held as child slayer, Artikel in der New York Times vom 17. Mai 1908 (pdf), abgerufen am 28. Dezember 2009.

Leben Die Morde in der Goutte d’Or Jeanne Moulinet stammte aus dem Fischerdorf Kérity in der Bretagne und kam im Alter von 14 Jahren nach Paris. 1893 heiratete sie Jean Weber und lebte seitdem in der Passage de la Goutte d’Or im 18. Arrondissement. Das Ehepaar Weber hatte insgesamt drei Kinder. Zwei Mädchen starben bereits früh, der Sohn Marcel war 1905 sieben Jahre alt. Jean Weber war, ebenso wie seine Frau Jeanne, schwer alkoholabhängig., abgerufen am 1. August 2009. In der Nachbarschaft lebten die Brüder ihres Mannes (Pierre, Léon, Charles und Marcel) mit ihren Familien.

Am Vormittag des 2. März 1905 starb die 18 Monate alte Georgette Weber, die jüngere Tochter ihres Schwagers Pierre, während Jeanne Weber auf Georgette und ihre ältere Schwester Suzanne aufpasste. Die Mutter der Kinder war in ein öffentliches Waschhaus gegangen. Dort suchte sie eine Nachbarin auf und berichtete, Georgette müsse plötzlich krank geworden sein, sie habe das Kind röcheln und schreien gehört. Georgettes Mutter lief unverzüglich nach Hause und fand dort Georgette auf dem Schoß Jeanne Webers vor, die dem Kind scheinbar die Brust massierte. Das Mädchen war blau angelaufen und hatte Schaum vor dem Mund. Die Mutter nahm das Mädchen auf den Arm und klopfte ihm den Rücken. Kurze Zeit später hatte sich das Kind wieder erholt und atmete normal. Die Mutter kehrte daraufhin in das Waschhaus zurück. Eine Stunde später war Georgette tot.

Neun Tage später, am 11. März 1905, bat Madame Pierre WeberDie gesichteten Quellen nennen die Vornamen der Mütter der ermordeten Kinder nicht, es ist jeweils nur von Madame Pierre Weber, Madame Charles Weber usw. die Rede. die Frau ihres Schwagers erneut, auf ihre ältere Tochter Suzanne aufzupassen. Die Eltern kehrten am späten Abend von der Arbeit heim und fanden die knapp dreijährige Suzanne tot auf. Auch sie war blau angelaufen und hatte Schaum vor dem Mund. Der Armenarzt des Viertels konnte keinerlei Anzeichen für einen unnatürlichen Tod feststellen und notierte bei beiden Kindern als Todesursache „Krämpfe“.Jürgen Thorwald: Das Jahrhundert der Detektive, Band 2. Report der Toten, Knaur Verlag, 1971, S. 70.

Zwei Wochen nach Suzannes Tod, am 25. März, hütete Weber die sieben Monate alte Germaine, das jüngste Kind von Léon Weber und dessen Frau. Am Vormittag erlitt Germaine einen Erstickungsanfall. Die Großmutter des Kindes, die im selben Haus wohnte, hörte den Säugling schreien und fand das Mädchen mit geschwollenem Gesicht, herausgequollenen Augen und roten Flecken auf dem Hals auf dem Schoß Jeanne Webers vor. Während der folgenden Nacht erholte sich Germaine vollständig. Am nächsten Tag wurde das Kind Jeanne Weber erneut anvertraut und starb im Laufe des Nachmittags. Durch das laut schreiende Baby alarmierte Nachbarn fanden Germaine in ihrem Kinderwagen vor, Webers Hände fest unter das Hemd des Säuglings gepresst. Alle Rettungsversuche blieben erfolglos, der informierte Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Bereits am nächsten Tag wurde Germaine beerdigt. Kurze Zeit darauf (Thorwald schreibt, in der Nacht nach Germaines Beerdigung,Jürgen Thorwald: Das Jahrhundert der Detektive, Band 2. Report der Toten, Knaur Verlag, 1971, S. 71. anderen Quellen zufolge vier Tage später) starb Webers eigener Sohn, der siebenjährige Marcel, auf die gleiche Weise wie die anderen Kinder. Bei Germaine und Marcel diagnostizierte der Arzt als Todesursache Diphtherie.

Am 5. April ging die Frau von Charles Weber nur kurz zum Einkaufen und ließ ihren wenige Monate alten Sohn Maurice mit Jeanne Weber zurück. Bei ihrer Rückkehr fand sie den Säugling blau angelaufen mit Schaum vor dem Mund auf dem Bett liegen, die Hände Jeanne Webers fest unter das Hemdchen des Kindes gepresst. Madame Charles Weber rannte mit dem Kind zum Hospital Brétonneau, wo Maurice von Saillant untersucht wurde, der sofort den Verdacht äußerte, das Kind sei gewürgt worden. Saillant unterhielt sich mit der Mutter und erfuhr so, dass in der Familie Weber innerhalb des letzten Monats vier Kinder gestorben waren, alle mit den gleichen Erstickungssymptomen und alle im Beisein von Jeanne Weber. Saillant untersuchte Maurice am 6. April nochmals, die violette Färbung des Gesichts war verschwunden, dafür traten die Würgemale am Hals umso deutlicher hervor. Nachdem der leitende Arzt der Abteilung, Sevestre, Maurice nochmals untersucht hatte und zu den gleichen Schlüssen gekommen war, informierte Saillant die Polizei.

Die Ermittlungen und der Gerichtsprozess Ein Inspektor nahm sich des Falles an und brachte schnell in Erfahrung, dass bereits 1902 zwei von Jeanne Weber gehütete Kinder, Lucie Alexandre und Marcel Poyatos, in den Armen der Babysitterin verstorben waren. Bei beiden Kindern befanden sich nur äußerst vage Angaben zur Todesursache auf den ausgestellten Totenscheinen.

Der Untersuchungsrichter Leydet beauftragte am 9. April Léon Henri Thoinot mit der Untersuchung Maurice Webers, zwei Tage später ordnete er die Exhumierung und die Obduktion der verstorbenen Weber-Kinder an. Thoinot war ein enger Mitarbeiter des gefeierten Rechtsmediziners und Hochschullehrers Paul Brouardel und sollte die Nachfolge Brouardels antreten. Der damals 47-jährige Thoinot sollte am 10. April Maurice Weber untersuchen, konnte aber keine Würgemale mehr finden. Diese seien am Tag zuvor verschwunden, berichtete Madame Charles Weber. Thoinot überflog daraufhin die Berichte von Saillant und Sevestre, während sein Assistent das Kind untersuchte. In seinem Gutachten schrieb Thoinot, er könne keinerlei Gewaltanwendung feststellen, das Kind könne ebenso einen Stimmritzenkrampf gehabt haben.Jürgen Thorwald: Das Jahrhundert der Detektive, Band 2. Report der Toten, Knaur Verlag, 1971, S. 78.

Am 14. April wurden Georgette, Suzanne, Germaine und Marcel exhumiert. Georgettes Leiche war gut erhalten, Thoinot konnte keine Spuren pathologischer Veränderungen am Hals feststellen. Es gab keine Quetschung, die Halsschlagadern waren unversehrt, ebenso das Zungenbein. Auch am Leichnam von Suzanne Weber fanden sich keine Anzeichen, die für eine Strangulation gesprochen hätten. Ebenso wies Germaines Körper keine verdächtigen Zeichen auf, Thoinot fand nur eine „unbedeutende Blutstauung in der Lunge“.Jürgen Thorwald: Das Jahrhundert der Detektive, Band 2. Report der Toten, Knaur Verlag, 1971, S. 79.

Im Juli bat der Untersuchungsrichter Leydet Thoinot erneut um ein Gutachten, diesmal die Zeugenaussagen betreffend. Thoinot bezeichnete in diesem Gutachten die Beobachtungen über Würgemale, verfärbte Gesichter und herausgequollene Augen als „unwissenschaftlich“.Jürgen Thorwald: Das Jahrhundert der Detektive, Band 2. Report der Toten, Knaur Verlag, 1971, S. 81. Daraufhin übergab Leydet die Akten der Staatsanwaltschaft. Am 29. Januar 1906 begann vor den Seine-Assisen der Prozess gegen Jeanne Weber. Sie wurde angeklagt, ihre drei Kinder, außerdem Georgette, Suzanne und Germaine Weber, sowie Lucie Alexandre und Marcel Poyatos ermordet zu haben (die verwendeten Quellen sagen über Geburts- und Todesjahr, sowie die Todesumstände und die Namen der beiden Töchter Jeanne Webers nichts aus. Offenbar gab es aber genügend Hinweise darauf, dass Weber auch ihre beiden Töchter ermordet hatte. Sie werden offiziell in die Zahl ihrer Opfer mit eingerechnet. Ebenso ist nichts Näheres über die Todesumstände, das Alter und die Herkunft von Lucie Alexandre und Marcel Poyatos bekannt).

Vor dem Gerichtsgebäude hatte sich eine Menschenmenge versammelt, die Rache an der Ogresse de la Goutte d’Or forderte. Der Rechtsanwalt Henri Robert, der durch die Affaire Gouffé über Frankreich hinaus berühmt war, hatte sich als Verteidiger Webers angeboten. Der redegewandte Robert schüchterte die ihm größtenteils intellektuell weit unterlegenen Zeugen der Anklage ein und verwickelte sie in Widersprüche, so dass sich der Staatsanwalt Seeligman nach der Zeugenaussage Thoinots dazu gezwungen sah, Freispruch zu beantragen.Jürgen Thorwald: Das Jahrhundert der Detektive, Band 2. Report der Toten, Knaur Verlag, 1971, S. 83. Am 30. Januar wurde Weber freigesprochen und von der Menschenmenge, die am Tag zuvor noch Rache gefordert hatte, als unschuldig Verfolgte gefeiert.

Der Mord in Villedieu-sur-Indre Jeanne Weber verließ ihren Mann Jean und die Goutte d’Or im Juni 1906, da ihr trotz des Freispruches niemand mehr vertraute. Sie schlug sich als Landstreicherin bis nach Chambon bei Villedieu-sur-Indre, einer Gemeinde im Département Indre durch, wo sie – unter dem Namen Jeanne Moulinet – im Haushalt des verwitweten Sylvain Bavouzet Aufnahme fand. Bavouzet hatte drei Kinder, Germaine, Louise und den neunjährigen Auguste. Am Abend des 16. April 1907 suchte Louise Bavouzet den Arzt des Dorfes, Papazoglou, auf. Sie bat den Arzt, nach ihrem Bruder Auguste zu sehen, der sehr krank sei. Papazoglou erkundigte sich nach den Symptomen und erfuhr, dass der Junge am frühen Abend bei einer Hochzeitseinladung sehr viel gegessen hatte und schon ein paar Tage kränkelte. Der Arzt gab Louise Bavouzet eine Magenmedizin und schickte das Kind nach Hause.

Am frühen Morgen des nächsten Tages bat Sylvain Bavouzet den Arzt persönlich um einen Hausbesuch, da es dem Kind sehr schlecht gehe. Papazoglou begleitete den Vater zurück auf den kleinen Bauernhof und konnte dort nur noch den Tod des Jungen feststellen. Am Bett des Jungen fand er Weber vor, die das Kind bereits gewaschen und frisch angekleidet hatte. Auguste trug ein Hemd, dessen Kragen sich sehr eng um den Hals schloss. Papazoglou bestand jedoch darauf, das Kind gründlich zu untersuchen und zog das Hemd aus. Unter dem Kragen entdeckte er eine rötliche Verfärbung der Haut, die sich um den ganzen Hals zog. Das kam dem Arzt so merkwürdig vor, dass er sich weigerte, einen Totenschein auszustellen und die Polizei informierte.

Erneute Ermittlungen und zweite Verhaftung mini|Titelblatt des Le Petit Journal vom 12. Mai 1907, nach der neuerlichen Verhaftung Jeanne Webers. Der zuständige Untersuchungsrichter Belleau beauftragte Charles Audiat eine Obduktion vorzunehmen. Auch Audiat bemerkte die Strangulationslinie, war sich aber ob des fest geschlossenen Hemdkragens unsicher, ob diese Veränderung nicht post mortem durch den Kragen entstanden sein könnte. Audiat erfuhr, dass Auguste in den Tagen vor seinem Tod über Kopfschmerzen geklagt hatte und attestierte einen natürlichen Tod, verursacht durch eine Reizung der Hirnhaut. Am 19. April wurde Auguste beerdigt. Wenige Tage später fand seine ältere Schwester Germaine, die Moulinet zutiefst misstraute, im Gepäck der Haushälterin ein Bündel Zeitungsausschnitte über die Serienmörderin Jeanne Weber. Einer der Artikel war mit Webers Bild illustriert.