mini|Gay-Pride-Parade in Istanbul 2008 mini|Türkische Miniatur von 1773: Zehn Männer bei einer Orgie mit Analverkehr im Osmanischen Reich Homosexualität ist in der Türkei ein gesellschaftlich kontrovers wahrgenommenes und diskutiertes Thema, welches aber nach wie vor in weiten Teilen der Gesellschaft tabuisiert ist. Die Türkei gehört innerhalb der islamischen Welt zu den toleranteren Staaten und ist im Vergleich zu anderen islamischen Ländern säkular geprägt. Rechtlich gesehen ist Homosexualität seit 1852 kein Strafbestand mehr, trotzdem ist bei Öffentlichmachung der eigenen Homosexualität mit gravierenden Schwierigkeiten im gesellschaftlichen und beruflichen Leben zu rechnen.

Geschichte Kulturhistoriker wie Bernard Lewis und Marshall Ludgon gehen davon aus, dass trotz des angeführten koranischen Verbots homosexuelle Handlungen im Osmanischen Reich öffentlich praktiziert wurden. Khaled El-Rouayheb schränkt diese These ein, denn der Vorwurf der Sodomie sei als eine der schlimmsten Anschuldigungen betrachtet worden. Jedoch galt der Begriff Sodomie im osmanischen Verständnis primär nur für Analverkehr. Da das leidenschaftliche Anwerben und das Gefallen an jungen Männern nicht als Sodomie galt, sei dieses Verhalten durchaus auch öffentlich erfolgt.Khaled El-Rouayheb: Before homosexuality in the Arab-Islamic world, 1500–1800. S. 3.

So gibt es eine Menge osmanischer Liebesgedichte homoerotischen Inhalts, in denen vielfach sanfte, junge Männer gepriesen werden. Bei einigen Poeten ist die Bartlosigkeit ein wichtiges Kriterium, schließlich war unter ihrem osmanischen Verständnis ein Heranwachsender ohne Bart kein richtiger Mann, das Gefallen an ihm somit keine Unzucht.Walter G. Andrews, Najaat Black, Mehmet Kalpaklı: Ottoman lyric poetry: an anthology. S. 16.

Gesellschaftliche Situation In der türkischen Gesellschaft gilt Homosexualität als Abweichung des sexuellen Normverhaltens, welches meist über die Beziehung zwischen Mann und Frau definiert wird. Das Ausleben der Homosexualität in der türkischen Gesellschaft wird weitgehend nicht akzeptiert. In einer weltweiten Studie der PEW im Jahre 2007 über die Akzeptanz von gleichgeschlechtlicher Liebe wurden Türken befragt, ob Homosexuelle in ihrer Lebensweise von der Gesellschaft akzeptiert werden sollten. Eine Mehrheit von 57 % antworteten mit Nein, lediglich 14 % der Gruppe befürworteten diese Aussage, während 29 % sich enthielten.

Im kollektiven Bewusstsein der türkischen Gesellschaft gelten Schwule als stark effeminierte Männer, die die passive Rolle beim Analverkehr bevorzugen. Diese Definition wird z. B. bei den türkischen Streitkräften (siehe unten) verwendet. Mit dieser Definition geht eine starke Ächtung einher, da sie nach gesellschaftlicher Meinung das Rollenbild des traditionellen türkischen Mannes verletzt. Maskulin wirkende, in der aktiven Position verkehrende Schwule werden üblicherweise nicht als homosexuell betrachtet. Sie werden mit in die Kategorie heterosexueller Menschen gepackt, die homoerotische Erfahrungen gesammelt haben.

Lesben sind in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich weniger präsent.

Gesetze Homosexualität ist in der Türkei legal. Es existieren keine Gesetze zu diesem Thema. Schon im Osmanischen Reich standen gleichgeschlechtliche Handlungen seit 1852 nicht mehr unter Strafe. Für Ausländer, die unter der Gerichtsbarkeit der Konsulate standen, galt das Strafrecht des Heimatlandes.Magnus Hirschfeld: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes. Berlin 1914, S. 852 – Vergleichende Übersicht der antihomosexuellen Strafgesetze (). Da nach der Gründung der Türkischen Republik der Codice penale italiano von 1889 übernommen wurde, blieb es dabei.Constanze Letsch: Post aus Istanbul – Regenbogen überm Taksimplatz. perlentaucher.de, 30. August 2007. Das Schutzalter ist einheitlich auf 18 Jahre für Vaginal- und hetero- wie homosexuellen Analverkehr festgesetzt, sowie auf 15 Jahre für alle anderen Kontakte.

Im Jahr 2006 versuchte der Gouverneur von Istanbul erfolglos, den Schwulen- und Lesbenverein Lambda zu schließen. Er berief sich dabei auf Artikel 56 des Türkischen Zivilrechts, der die Gründung von unmoralischen Vereinen verbietet.

Es bestehen keine Antidiskriminierungsgesetze. Homosexuelle Partnerschaften werden nicht staatlich anerkannt. Die „Erklärung der Vereinten Nationen über die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität“ wurde von der Türkei immer noch nicht unterzeichnet.Erklärungen und Resolutionen der Vereinten Nationen über die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität

Türkische Streitkräfte Das türkische Militär betrachtet Homosexualität als „psychosexuelle Störung“, homosexuelle Männer werden theoretisch nicht zum Militärdienst zugelassen oder bei Bekanntwerden davon ausgeschlossen. Faktisch ist aber der Nachweis oft nur unter erschwerten Umständen möglich. In vielen Fällen etwa fordern die Militärärzte Fotos oder Videoaufnahmen des Bewerbers beim Sexualverkehr, wobei aber dann nur der „passive“ Sexualpartner als homosexuell gilt. Auch zieht so ein Attest Folgen im weiteren Leben nach sich, etwa bei der Einstellung in den Staatsdienst.Türkei: Pornos für den General. Spiegel Online, 30. Oktober 2010Johanna Lühr: Dann bist du draußen. Tagesspiegel, 4. Mai 2008. mini|„Jemand hat den Wein verschüttet“ - Zwei Männer beim Analverkehr im homoerotischen osmanischen Werk Sawaqub al-Manaquib (19. Jahrhundert)

LGBTT-Bewegung in der Türkei Zivilgesellschaft In der Türkei sind die zwei bedeutendsten LGBTT-Organisationen (lezbiyen, gey, biseksuel, travesti ve transseksueller) Lambda Istanbul, die sich 1993 in Istanbul und KAOS GL, die sich 1994 in Ankara gründeten. Weitere LGBTT-Organisationen entstanden in den folgenden Jahren wie Pink Triangle Group in Izmir, Legato in Ankara und die Rainbow Group in Antalya. 2003 fand die erste Demonstration für die Rechte homosexueller Menschen in der Geschichte der Türkei auf der İstiklal Caddesi in Istanbul statt, die von der Organisation Lambda Istanbul organisiert wurde. Eine LGBTT-Community findet sich vorrangig in Istanbul sowie in geringerem Umfang in Ankara, Antalya und Izmir. Insbesondere in ländlichen Regionen in der Türkei gilt Homosexualität als Tabuthema.Dorte Huneke: Schwul in Istanbul – Homosexuelle führen ein Doppelleben In: Der Spiegel – Unispiegel, 26. Oktober 2007.

2005 verhinderte ein Gericht das Verbot der Gruppe Kaos GL mit der Begründung, dass Homosexualität nicht gegen die Moralgesetze verstoße. Der Bürgermeister von Istanbul, Kadir Topbaş, wollte die Gruppe Lambda Istanbul schließen lassen, da der Verein weder mit der „allgemeinen Moral“ noch mit „türkischen familiären Werten“ vereinbar sei.Gewalt gegen Homosexuelle in der Türkei, Deutschlandfunk, 29. Mai 2008 Im Mai 2008 verbot ein Gericht in Ankara die Gruppe.Der rosa Halbmond. In: Die Zeit, Nr. 27/2008 Begründet wurde dies unter anderem damit, dass die Gruppe gegen Artikel 41 der türkischen Verfassung verstoße, der „den Frieden und das Wohlergehen der Familie“ als Staatsziel festschreibe.Türkei verbietet Homo-Gruppe, queer.de, 30. Mai 2008 Das Verbot der Organisation Lambda Istanbul wurde Ende 2008 vom Revisionsgericht in Ankara aufgehoben.Verbot von Lambda Istanbul aufgehoben. Queer.de, 1. Dezember 2008

Politik Bis 2008 war der Abgeordnete Zafer Üskül von der AKP der Erste, der eine Einladung zu einem LGBT-Kongress annahm. Er wurde danach von der islamistischen Presse als „Anwalt der Perversen“ dargestellt.Jürgen Gottschlich: Homosexualität in der Türkei – Der lange Weg zur Toleranz, taz.de, 28. Mai 2008 Seit 2008 arbeitet LISTAG, eine Gruppe der Eltern von LGBTT gegen die Diskriminierung und für mehr Akzeptanz ihrer Kinder. An der Pride-Parade 2011 nahmen auch von der BDP unterstützte Parlamentsabgeordnete teil.Homosexuals demand rights at Istanbul’s Gay Pride March. Hürriyet Daily News, 27. Juni 2011; abgerufen am 6. Juli 2011.

Die Istanbuler Stadträtin Sedef Çakmak war 2014 die erste offen homosexuelle Person, die in ein politisches Amt gewählt wurde. Ihre NGO SPoD LGBTI versucht mit politischen Akademien und Kooperationen mit Gemeinden und Parteien, mehr offen homosexuelle Menschen in die Politik zu bringen.

Seit vielen Jahren wird der Gay Pride Istanbul regelmäßig von der Politik verboten. Im September 2026 gingen die türkischen Behördene landesweit gegen Bars, Clubs und Unternehmen sowie gegen Initiativen und Vereine vor, die sich für die Rechte von homosexuellen, trans, inter, bi und nichtbinären Menschen einsetzen.

Übergriffe Gewalttätige transphobe und homophobe Übergriffe sowie Erpressungen durch die Polizei oder durch Bürger gegenüber Homosexuellen sind nicht selten. In einer bisher nicht veröffentlichten Untersuchung des Justizministeriums aus der Zeit vor 2003 berichteten 37 Prozent aller befragten Schwulen und Lesben und 89 Prozent aller befragten Transvestiten und Transsexuellen von physischer Gewalt gegen sie. Teilweise werden Treffpunkte von Schwulen durch organisierte Banden regelrecht observiert. Diese gehören vor allem drei Gruppen an. Erstens gibt es islamische Fundamentalisten, die das für eine gottgefällige Tat halten, zweitens jugendliche Nationalisten, denen von Organisationen erzählt wird, dass Schwule reich und dekadent seien und drittens professionelle Kriminelle, denen es um eine leichte Beute geht. Besonders bei Lesben beginnt der Druck in der Familie, wenn sie sich weigern zu heiraten. Das geht von psychischem Druck bis hin zu massiven Drohungen und Ehrenmorden. Unterstützung durch die Staatsmacht ist in diesen Fällen selten zu erwarten.

2009 wurde die Bürgerrechtlerin Ebru Soykan ermordet. Zuvor hatte sie sich bei den Behörden über einen Mann beschwert, der sie bedroht hatte. Soykan hatte sich für die Homosexuellengruppe Lambda Istanbul engagiert. Die Ermordung Soykans stellt bereits den zweiten Mord eines Mitglieds von Lambda binnen Jahresfrist dar.Türkei soll Homosexuelle besser schützen, diestandard.at, abgerufen am 14. März 2009. Es ist sowohl davor als auch danach zu Übergriffen gegen Personen aus dem LGBT-Spektrum gekommen. Der Mord an dem 26-jährigen Studenten Ahmet Yıldız am 15. Juli 2008 in Istanbul wurde in der englischsprachigen Presse als vermutlich erster „Ehrenmord“ an einem Mann bezeichnet.Das Demokratische Türkeiforum hat diesen Fall detailliert in Englisch geschildert unter The Killing of Ahmet Yildiz. Abgerufen am 31. März 2011. (auf Deutsch: Ein Film auf RTL und Artikel und Film von NTV vom 15. Mai 2010 zu diesem Fall.)

Das Demokratische Türkeiforum hat für die Jahre 2007 bis 2009 Studien zu Hassmorden an Homosexuellen in der Türkei erstellt und dabei 13 Morde 2007, 5 im Jahre 2008 und mindestens 4 Morde im Jahr 2009 aufgelistet.Die Serie ist in Englisch unter der Überschrift "Hate Crimes in Turkey" zu finden; abgerufen am 31. März 2011. Am 21. Mai 2008 publizierte die Organisation Human Rights Watch unter dem Titel „Wir brauchen ein neues Gesetz zur Befreiung“.Der Bericht in Englisch kann unter dieser Adresse von HRW gefunden werden; abgerufen am 31. März 2011. Der Bericht basiert auf 70 Interviews, die dokumentieren, wie Homosexuelle und Transgender-Individuen geschlagen, ausgeraubt, polizeilich belangt und mit Mord bedroht werden. Human Rights Watch kam zu dem Schluss, dass es keine adäquate offizielle Reaktion gibt. In Verfahren wegen Mord an Homosexuellen gehen die Gerichte von „schwerer Provokation“ aus und reduzieren die Strafen.Aus dem Bericht einer Kommission von Kaos GL vom 27. Oktober 2007, den das DTF zusammenfassend ins Englisch mit dem Titel Hate Killings übersetzt hat; abgerufen am 31. März 2001.

Szene und Kultur mini|Gay-Pride in Ankara, 2012