La cabina ist ein spanischer Kurzfilm aus dem Jahr 1972. Er wurde für das spanische Fernsehen produziert, vielfach ausgezeichnet und ist der international erfolgreichste spanische Fernsehfilm aller Zeiten.Juan Carlos Ortega: La cabina-Mercero (RTVE-Reihe: La mitad invisible), gesendet am 8. Oktober 2011 (auch ).

Der Film beschreibt ein surreales Szenario im franquistischen Spanien, in dem sich aus einer scheinbar harmlosen Alltagspanne ein für den Protagonisten immer bedrohlicher wirkendes, letztlich auswegloses Schicksal entwickelt.

Handlung An einem Morgen im Hochsommer bringt ein offener Pritschen-Lkw eine Telefonzelle zu einem leeren Platz in einer Neubaugegend. Arbeiter stellen die Kabine in der Mitte des Platzes auf, verankern sie am Boden und fahren weg. Ein Mann kommt mit seinem etwa zehnjährigen Sohn vorbei und bringt ihn zum Schulbus. Auf dem Rückweg betritt er die Telefonzelle und stellt fest, dass das Telefon noch nicht funktioniert. Da sich die Tür nicht mehr öffnen lässt, kann er das Häuschen nicht verlassen. Passanten werden aufmerksam und versuchen ihm herauszuhelfen. Es bildet sich eine Menschenansammlung, die das Geschehen belustigt verfolgt. Doch keinem der Umstehenden gelingt es, die Tür der Telefonzelle zu öffnen oder aufzubrechen. Zwei Polizisten tauchen auf. Sie fordern den Mann barsch auf, die Telefonkabine zu verlassen, können ihm dabei aber auch nicht helfen und werden von der Menge ausgelacht. Schließlich trifft die Feuerwehr ein. Gerade will ein Feuerwehrmann das gläserne Dach der Kabine mit einem Vorschlaghammer zertrümmern, als der Lkw der Telefongesellschaft zurückkehrt. Die Arbeiter montieren die Telefonzelle wieder ab und laden sie mitsamt dem darin gefangenen Mann auf ihr Fahrzeug. Die anfängliche Erleichterung des Eingeschlossenen weicht, als der Wagen zu einer längeren Fahrt durch die Stadt aufbricht, in deren Verlauf dem gefangenen Mann immer mulmiger zumute wird. Er versucht, sich bemerkbar zu machen, wird jedoch nicht beachtet. An einer Ampel sieht er einen anderen Lkw, der ebenfalls eine besetzte Telefonzelle abtransportiert. Der Lastwagen fährt nun aus der Hauptstadt hinaus durch die Vororte und das Umland bis ins Zentralgebirge. Auf dem Weg über eine Passstraße beobachtet ein mysteriöser Hubschrauber den Transport. Schließlich fährt der Lkw in ein unterirdisches Tunnelsystem, in dem Telefonzellen gereinigt und gelagert werden. Hinter einem Tor in einer Kaverne hebt ein automatischer Magnetkran die Kabine mit dem verzweifelten Mann von der Ladefläche und setzt sie auf ein Förderband. Der Protagonist bricht entsetzt zusammen, als er in einer Halle voller Telefonzellen abgestellt wird, in denen sich Leichen in unterschiedlichen Stadien der Verwesung befinden. Am Schluss des Films sieht man, wie die Arbeiter auf dem Platz in der Stadt erneut ein Telefonhäuschen aufbauen und die Tür genau wie beim ersten Mal halb offen stehen lassen.

Hintergrund Drehbuch, Autoren Das Drehbuch entstand Anfang der 1970er Jahre im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen Antonio Mercero (1936–2018), José Luis Garci und Horacio Valcárcel (1932–2018), die unter dem Arbeitstitel Trece pasos por lo insólito eine 13-teilige Reihe von Mittellangfilmen mit phantastischen Inhalten planten, die aber nicht realisiert wurde. Die Idee zu La cabina basierte auf einer Kurzgeschichte des asturischen Schriftstellers Juan José Plans (1943–2014), der als Radio- und Fernsehautor für seine Gruselgeschichten bekannt war.Isabel Ibáñez: El hombre que aterrorizó con una mancha. In: El Correo, 19. März 2015 (spanisch), abgerufen am 5. August 2018.Toni de la Torre: Historia de las series. Roca Editorial, Barcelona 2016, ISBN 978-8-4164-9851-2 (Kap. 6). Das Drehbuch dazu sollen Garci und Mercero binnen 15 Tagen geschrieben haben.

Erst nach dem erfolgreichen Ausstrahlungsbeginn seiner Heimatserie Crónicas de un pueblo (1971–1974), die Episoden aus dem Alltagsleben eines fiktiven kastilischen Dorfes schildert und vom Regime als propagandistisch wertvoll erkannt wurde, konnte Mercero die Verantwortlichen des spanischen Rundfunks, an dessen Spitze damals Adolfo Suárez stand, überzeugen, das Projekt zu verwirklichen. Nach dem Erfolg von La cabina wurden aus derselben Reihe auch Los pajaritos („Die Vögelchen“, ausgestrahlt im Januar 1974), Don Juan (Juli 1974) und La Gioconda está triste (1977).Wörtlich „Mona Lisa ist traurig“. Deutsche Erstausstrahlung am 30. Mai 1979 im BR unter dem Titel Das verlorene Lächeln – aus der Datenbank Fernsehspiele 1952–1995 des DRA. von Mercero für das Fernsehen umgesetzt. Später folgten Merceros bekannte TV-Serien Verano azul (1981), Turno de oficio (1986) und Farmacia de guardia (1991–1995).

Darsteller Eine schwierige Aufgabe bestand in der Auswahl des Hauptdarstellers. Da in dem Film kaum gesprochen wird und der Protagonist fast ununterbrochen im Fokus steht, wurde ein Darsteller mit hohem gestischen und mimischen Vermögen gesucht, der überdies den tragikomödiantischen Anforderungen der Handlung gerecht werden konnte. Die Wahl fiel während einer New-York-Reise von Garci und Mercero im April 1972 auf den spanischen Schauspieler José Luis López Vázquez, der bis dahin vor allem komische Rollen verkörpert hatte und von dem Projekt sofort begeistert war. Nach Ansicht vieler Mitwirkender und Kritiker basiert die Größe des Films entscheidend auf der ausdrucksstarken dramatischen Interpretation der Rolle durch López Vázquez. Die Mitwirkung an La cabina markierte seinen Einstieg in das ernsthafte Charakterfach. Auch einige Nebendarsteller des Films waren sehr bekannte und renommierte spanische Schauspieler.

Produktion mini|Madrid in den 1970er Jahren Der Film wurde mit dem für einen 34-minütigen Fernsehfilm außergewöhnlich hohen Budget von vier Millionen Peseten produziert (damals etwa 200.000 DM;Bernd Sprenger: 50 Jahre Währungsreform. 1948 und die wirtschaftspolitischen Folgen. In: Historisch-Politische Mitteilungen 5 (1998), Heft 1, S. 201–218 (doi:10.7788/hpm.1998.5.1.201), Wechselkurstabelle S. 216 (online). kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund  Euro). Gedreht wurde er im Kinoformat mit Filmkameras. Die Dreharbeiten begannen am 17. Juli 1972 auf der Plaza de Arapiles, einem erst wenige Jahre alten, recht versteckt im Zentrum von Madrid liegenden privaten Zentralplatz einer Hochhaussiedlung im Stadtteil Chamberí, wo das Team sieben Tage lang arbeitete.Borja Alonso Terán: La escondida y olvidada plaza en el centro de Madrid donde Antonio Mercero rodó 'La Cabina'. In: La Información, 14. Mai 2018 (spanisch), abgerufen am 28. August 2019. Der Platz ist heute eine private Grünanlage. Die unerträgliche Sommerhitze setzte besonders López Vázquez in seiner Kabine zu. Die lange Autofahrt durch Madrid führte an viele bekannte Orte des Stadtzentrums, darunter die erst kürzlich fertiggestellte, nach dem zeitgenössischen Leitbild der „autofreundlichen Stadt“ geplante Stadtautobahnkreuzung am Bahnhof Atocha mit ihren eindrucksvollen Straßenbrücken, Rampen und Unterführungen, die heute nicht mehr existieren. Die Szenen im Gebirge wurden an der portugiesischen Grenze nahe der Talsperre von Aldeadávila gedreht, unter anderem in den kilometerlangen Tunneln des modernen Wasserkraftwerks Aldeadávila I, einem Vorzeigeprojekt Franco-Spaniens. Der Magnetkran in der unterirdischen Anlage, der im Drehbuch nicht vorgesehen war, wurde spontan in die Handlung eingebaut. Die über 10 Meter hohe Kranfahrt bedeutete für López Vázquez eine wirkliche Nervenprobe. Die Schlusssequenz des Films, in der die Telefonzelle mit dem Protagonisten von einem mechanischen Fördersystem zu ihrem Abstellort bugsiert wird, entstand im Frachtterminal des Madrider Flughafens Barajas.

Die rote Farbe der Telefonzelle sollte furchteinflößend wirken. Wiewohl für den Film mehrere Dutzend gleichartige Telefonzellen gebaut wurden, befand sich López Vázquez immer in derselben Zelle. Sie wurde 1976 in dem von William S. Paley gegründeten Museum of Broadcasting in Manhattan ausgestellt, wo sie bis heute verwahrt ist. Die Scheiben bestanden aus Acrylglas und ließen sich teilweise öffnen, um dem Insassen in den Drehpausen Frischluft zu verschaffen.

Musik Die Filmmusik ist wegen der fehlenden Dialoge von großer Bedeutung und prägt das Zuschauererleben sehr stark. Mercero wählte vor allem klassische Stücke dramatischer Instrumentalmusik aus, um die Stimmung des Protagonisten auf den verschiedenen Abschnitten seiner Reise ins Ungewisse widerzuspiegeln. Die ungefragte Benutzung von Carl Orffs Kantate Trionfo di Afrodite (1953), die die Schlusssequenz des Films untermalt, führte zu einem Rechtsstreit, weil Orff hohe Schadenersatzforderungen stellte. Letztlich gefiel ihm der Film jedoch so gut, dass der Rechtsstreit glimpflich beendet werden konnte, weil Orff einem außergerichtlichen Vergleich zustimmte.

Zensur Der Film entstand in einer Phase, in der die Filmzensur des spanischen Regimes im Vergleich zu früheren Phasen von größerer Permissivität geprägt war, nachdem gewichtige spanische Regisseure wie Luis Buñuel oder Carlos Saura im Ausland sehr erfolgreiche avantgardistische Werke vorgelegt hatten und auch innerhalb Spaniens die Filme von Luis García Berlanga und anderen Regisseuren trotz gewisser regimekritischer Akzente bei Publikum und Kritik gut ankamen.

Aus Angst vor einer Involvierung des spanischen Staatsapparats verlangte die Zensur die Entfernung einer Szene, „in der ein Ministerium zu sehen ist“. In Wirklichkeit ist im ganzen Film kein Ministerium zu sehen, allerdings fährt der Lkw an einer Stelle an dem bekannten Madrider Untergrundbahnhof Nuevos Ministerios vorbei. Trotz seines gegenüber dem Sender geäußerten Unverständnisses musste Mercero diese Szene herausschneiden. Keinen Anstoß nahm die Zensur hingegen an den tatsächlich autoritätskritischen Stellen des Films, die beispielsweise die Inkompetenz der Behörden vorführen und Polizei und Feuerwehr der Lächerlichkeit preisgeben.

Rezeption Resonanz Der Film wurde am 13. Dezember 1972 im spanischen Fernsehen ausgestrahlt und hatte ein ungeheures Echo. Zu dieser Zeit gab es in Spanien etwa 7,5 Millionen Fernsehgeräte,Luis Lorente: ¿Para qué te cuento? Madrid 2010, S. 172. Spanien hatte 1970 rund 34 Millionen Einwohner. die oft gemeinsam mit Nachbarn und Freunden genutzt wurden oder öffentlich in Bars und Kneipen standen. Ganz Spanien sprach über den Film, die Zuschauer waren perplex und erschreckt. Wie Garci und andere Zeitzeugen berichten, wurden in den Tagen nach der Ausstrahlung immer wieder Menschen beobachtet, die aus Sorge, eingeschlossen zu werden, die Türe beim Telefonieren an öffentlichen Apparaten offen stehen ließen.

Der Fernsehfilm wurde in zahlreichen Ländern ausgestrahlt und weltweit beachtet. Da er fast ohne Worte auskommt, ist er auch ohne Spanischkenntnisse sofort zu verstehen. Er wurde auch auf Kanälen der BBC gesendet, damals das unangefochtene Leitbild des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Europa, was für eine fiktionale spanische Fernsehproduktion aus den 1970er Jahren die absolute Ausnahme darstellt.

Knapp ein Jahr nach der Erstausstrahlung im ersten Programm wurde der Kurzfilm am 24. November 1973 im zweiten Programm des spanischen Fernsehens erneut gezeigt.Mercero tendrá su cabina roja en Chamberí. In: Chamberí 30 días, 15. September 2018 (spanisch), abgerufen am 10. November 2018. Im deutschsprachigen Raum war La cabina am 7. Oktober 1974 im Schweizer Fernsehen DRS zu sehen.Deutsches Rundfunkarchiv (Hrsg.): Die Fernsehspiele 1973–1977. Zusammengestellt und bearbeitet von Achim Klünder (= Bild- und Tonträger-Verzeichnisse des Deutschen Rundfunkarchivs, Band 15). Frankfurt am Main 1984, S. 52.

Deutung mini|hochkant|Antonio Mercero beim Filmfestival San Sebastián (2007) Politische Botschaft, Science-Fiction-Thema oder psychologische Metapher