Tuttul, auch Tultul, arabisch Tell Bi'a; ist ein Siedlungshügel am Euphrat im Osten von Syrien. Die Blütezeit der bedeutenden antiken Stadt im ehemaligen Nordmesopotamien dauerte von der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends bis zum 17. Jahrhundert v. Chr., als sie zuletzt während des altbabylonischen Reiches unter der Vorherrschaft von Mari stand.
Lage Der Siedlungshügel von Tuttul liegt zwei Kilometer östlich der während der Abbasiden-Zeit befestigten Altstadt von ar-Raqqa nahe an der Einmündung des Belich in den Euphrat auf einer Flussterrasse. Er ist heute vom Euphrat drei Kilometer und vom Belich 2,5 Kilometer entfernt. Die Euphrataue innerhalb des an dieser Stelle fünf bis sechs Kilometer breiten Euphrattals liegt auf 240 bis 242 Meter Höhe. Von dieser ist Tuttul durch eine wenige Meter tiefere Senke (Senke von Mišlab), die nach den Winterregen mit Wasser gefüllt ist, und durch eine leichte Geländeerhöhung von 248 Metern Höhe getrennt. Am Fuß des Siedlungshügels werden 246 Meter gemessen, seine höchste Erhebung beträgt 266 Meter. Das am Unterlauf ein Kilometer breite und 20 Meter tief in die Ebene eingeschnittene Flussbett des Belich weitet sich wenig nördlich der antiken Stadt auf vier Kilometer. Der Belich floss zur damaligen Zeit bis zur Einmündung mehrere Kilometer parallel entlang des Euphrats flussab. Heute ist der Nebenfluss begradigt und wird auf direktem Weg in den Euphrat gelenkt.
Die Siedlungen der antiken Zeit um Tell Bi'a befanden sich zum Schutz vor Überflutungen auf mindestens 15 Meter hohen Terrassen. Die Felder wurden überwiegend oder ausschließlich aus dem Belich bewässert, da der Euphrat seit der frühesten Siedlungszeit südlich der Senke von Mišlab vorbeifloss. Dies geht auch aus Keilschrift-Texten hervor. In einem Schreiben aus dem Anfang des 2. Jahrtausends an den assyrischen König Šamši-Adad I. beschweren sich Einwohner Tuttuls, dass von dem am Oberlauf des Belich gelegenen Ort Zalpah (wohl identisch mit Tell Hammam al-Turkaman) zu viel Flusswasser entnommen worden sei, das nun für die eigene Feldbewässerung fehle.Arne Wossink: Challenging climate change: competition and cooperation among pastoralists and agriculturalists in northern Mesopotamia (c. 3000-1600 BC). (PDF; 4,5 MB) Sidestone Press, Leiden 2009, S. 141. Die Umgebung bot gute Bedingungen für den Anbau von Gerste, Weizen und Sesam. In Texten, die in Mari gefunden wurden, ist darüber hinaus Viehzucht und Holzgewinnung für den Bootsbau in den Wäldern der Euphratauen belegt.Krebernik: Tall Bi'a / Tuttul–II, 2001, S. 12
Tuttul lag damals so wenig wie heute am Belich. Dennoch dürfte es für den größten Ort am Unterlauf des Belich eine Schifffahrtsverbindung zum Euphrat oder einen Hafenplatz am Flussufer gegeben haben. An der steilen Böschung am Nordrand des Hügels mit einem Höhenunterschied von 35 bis 40 Meter ließ sich eine künstliche Rinne erkennen, die 4 Meter unter das heutige Niveau hinabreicht und früher mit stehendem Grundwasser gefüllt war. Ihre Funktion ist unklar.Wolfgang Schirmer: Landschaftsgeschichte um Tall Bi’a am syrischen Euphrat. In: Peter Miglus, Eva Strommenger: Tall Bi'a / Tuttul–VIII. Stadtbefestigungen, Häuser und Tempel. Saarbrücker Druckerei und Verlag, Saarbrücken 2002, S. 4–7
Die Stadt besaß strategische Bedeutung an einer Kreuzung zweier Verkehrsverbindungen. Eine Route vom südöstlich gelegenen Mari führte über Tuttul euphrataufwärts über Emar und weiter nach Westen bis Haleb oder nordwärts nach Karkemiš. Nach Südwesten zweigte eine Straße nach Qatna ab, nach Norden führte entlang des Belich eine Route 29 Kilometer weit (eine Tagesreise) bis Tell es-Seman, dann über Subat-Samas am Oberlauf des Flusses und weiter bis ins obere Chabur-Tal.
Geschichte Die Siedlungsgeschichte im Mündungsdreieck der beiden Flüsse verläuft über die Etappen von vier Stadtgründungen in wenigen Kilometern Entfernung voneinander. Der älteste Ort war Tell Zaidan, einer von drei bis zu 10 Hektar großen Siedlungshügeln von insgesamt 14 Siedlungen im Belich-Tal, die ansonsten weniger als ein bis vier Hektar groß waren.Peter M. M. G. Akkermans, Glann M. Schwartz: The Archaeology of Syria. From Complex Hunter-Gatherers to Early Urban Societies. (c. 16,000-300 BC). Cambridge University Press, Cambridge 2003, S. 165 Tell Zaidan liegt etwa fünf Kilometer östlich von Tuttul am Rand des Belich-Tals und war während der Halaf-Zeit (um 6000 bis 5300 v. Chr., benannt nach Tell Halaf) und der Obed-Zeit (5900–4300) besiedelt.
Die ältesten Siedlungsspuren auf dem Tell Bi'a stammen aus der Mitte des 4. Jahrtausends (Uruk-Zeit). Die nächste Stadtgründung war das seleukidische Nikephorion um 300 v. Chr. zwei Kilometer südlich von Tell Bi'a am damaligen Euphratufer. Zur römischen Zeit hieß der Ort Callinicum (Kallinikos), unter dem römischen Kaiser Justinian wurde er im 6. Jahrhundert n. Chr. neu befestigt. Seine Lage entspricht dem heutigen Dorf oder Stadtteil Mišlab. Das heutige ar-Raqqa hat seinen Stadtkern zwei Kilometer westlich an der Stelle einer abbasidischen Neugründung am Anfang des 8. Jahrhunderts.
3. Jahrtausend Die spärlichen Funde aus der Uruk-Zeit lassen weder auf die Dauer, noch auf die Größe der Siedlung Rückschlüsse zu. Die ersten Siedlungsschichten stammen aus der frühen Bronzezeit nach der Mitte des 3. Jahrtausends. Am westlichen Südhang des Zentralhügels ließen sich mindestens fünf über- und teilweise nebeneinanderliegende Bauphasen mit Wohngebäuden, öffentlichen Bauten und sechs oberirdischen Lehmziegelgräbern aus dieser Zeit unterscheiden. Die Gräber sind vergleichbar mit den Königsgräbern von Ur und waren für lokale Herrscher angelegt.
König Sargon von Akkad (um 2300 v. Chr.) soll laut Inschriften im dritten und elften Regierungsjahr von seinem südmesopotamischen Reich euphrataufwärts über Tuttul bis zu den „Zedernbergen“ (Nurgebirge) und „Silberbergen“ (Taurusgebirge) vorgedrungen sein. Die namentliche Erwähnung von Zedern und Silber verweist auf den wirtschaftlichen Charakter dieser Legende. An Holz und Metallen fehlte es den Sumern.M. V. Seton-Williams: Babylonien. Kunstschätze zwischen Euphrat und Tigris. Hoffmann und Campe, Hamburg 1981, S. 26 Sargon habe in Tuttul zu Dagān gebetet, worauf der Gott ihm diese Gebiete (das „obere Land“) einschließlich Mari, Tuttul, Jarmuti und Ebla gegeben habe.Krebernik: Tall Bi'a / Tuttul–II, 2001, S. 7 Sein Enkel Naram-Sin will ebenfalls die „Zedernberge“ erreicht haben; bei dem von ihm erwähnten Tuttul könnte es sich auch um ein anderes Tuttul (Hit) im heutigen nördlichen Irak handeln.Arne Wossink 2009, S. 31
In der folgenden Ur-III-Zeit (2112–2004) wurde Tuttul nur gelegentlich in historischen Texten erwähnt und muss von geringerer Bedeutung gewesen sein. Im Gegensatz zu Sargon und Naram-Sin orientierten sich nun die sumerischen Herrscher mit ihrer militärischen Macht überwiegend Richtung Osten. Dennoch gab es politische Kontrakte nach Westen in Form von Heiratsverbindungen; erwähnt werden neben anderen Orten Mari, Ebla, Shimanum (Nordirak oder Osttürkei), Urkeš und Habua Kabira (Tell Qannas, euphrataufwärts von Tuttul). In Wirtschaftstexten des Amar-Suena (reg. 2046–2039) wird ein als En-Si bezeichneter Herrscher von Tuttul mit dem Namen Jašši-Lim genannt.
Hauptgott Dagān Tuttul ist am besten bekannt während der altbabylonischen Zeit ab der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. als Hauptkultort des altsyrischen Wettergottes Dagān. Neben Terqa (Tell Ashara am Euphrat, 80 Kilometer westlich der irakischen Grenze) wurde in Tuttul der „Vater der Götter“ des nordmesopotamisch-syrischen Pantheons verehrt. Derselbe Titel war für den südmesopotamischen Hauptgott Enlil reserviert. Herrscher entfernter Kleinstaaten kamen nach Tuttul, um an Kultfesten teilzunehmen. Über die aus Babylon bekannte Kultpraxis der Götterreise, die Prozession eines Götterbildes meist auf dem Fluss, wird auch aus Tuttul berichtet.Krebernik: Tall Bi'a / Tuttul–II, 2001, S. 11 Die Kultstatue des „Dagan von Tuttul“ reiste euphrataufwärts nach Emar und zu einigen anderen Orten, aber wohl nicht abwärts nach Mari.Adelheid Otto: Die Entstehung und Entwicklung der Klassisch-Syrischen Glyptik. De Gruyter, Berlin/New York 2000, S. 15 In zwei Keilschrifttexten aus Ugarit wird der in dem Kleinstaat am Mittelmeer ebenfalls verehrte Dagan mit Tuttul zusammen erwähnt.Izak Cornelius, Herbert Niehr: Götter und Kulte in Ugarit. Kultur und Religion einer nordsyrischen Königsstadt in der Spätbronzezeit. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2004, S. 48, 55
In Archiven des von Sargon oder Naram-Sin zerstörten Palastes G in Ebla wird „Tuttul“ über hundertmal erwähnt, häufig im Zusammenhang mit Dagan, dem „Herrn von Tuttul“, der auch in Ebla verehrt wurde. Weltliche Herrscher von Tuttul werden hier nicht genannt, vermutlich weil die Stadt zu der Zeit unter dem Einfluss von Mari stand.
Die ungefähre Lage von Tuttul geht aus zwei altbabylonischen Itineraren und einem lexikalischen Text hervor. Nach Briefen aus Mari muss der Ort sowohl am Belich, als auch am Euphrat gelegen haben. Ferner wird die Lage in den genannten Texten aus Ebla und in mythologischen Erzählungen aus der hethitischen Hauptstadt Ḫattuša erkennbar, wo Dagan dem hurritischen Gott Kumarbi gleichgestellt wird.Krebernik: Tall Bi'a / Tuttul–II, 2001, S. 3, 7
Oberherrschaft von Mari miniatur|Herrschergräber am Südrand des Zentralhügels E (3. Jahrtausend v. Chr.) Die bis dahin unabhängige Stadt geriet kurz nach 1800 v. Chr. wie das gesamte Euphrattal einschließlich Mari in den Einflussbereich des assyrischen Königs Šamši-Adad I.Adelheid Otto: Die Entstehung und Entwicklung der Klassisch-Syrischen Glyptik. De Gruyter, Berlin/New York 2000, S. 174 König Jaḫdun-Lim von Mari (1751–1735) erwähnt einen „König von Tuttul und dem Land der Arwānum“, dessen Name Ba'lu-Kullim aus Quellen von Tuttul nicht hervorgeht. Die Stadt unterstand dem jüngeren Sohn Šamši-Adads I., Jasmah-Adad (1732–1714), dem assyrischen Herrscher mit Sitz in Mari während des altassyrischen Reiches. Durch Briefe aus seiner Regierungszeit (Mari-Briefe) sind die Namen einiger Statthalter aus dem Verwaltungszentrum Tuttul bekannt. Darin werden auch Tributzahlungen an Mari erwähnt. Anschließend erhielt Tuttul seine Unabhängigkeit zurück. Jasmah Addad, sein Vater Šamši-Adad I. und Zimri-Lim dürften mehrfach nach Tuttul gereist sein. Der König führte entsprechend seinem Vorgänger wieder den Titel „Zimri Lim, König von Mari, (Tuttul) und dem Land (Hana)“.Krebernik: Tall Bi'a / Tuttul–II, 2001, S. 9 f. Laut drei analog zu Jaḫdun-Lim ergänzten Keilschriftfragmenten Die Herrschaft von Šamši-Adad und Jasmah Addad ist laut Eponymenlisten belegt. In zwei Texten wird ein ansonsten unbekannter Jahresname genannt: „das Jahr, in dem Zimri-Lim bzw. Zikri-Lim Tuttul betrat.“ Damit könnte das Jahr der Rückeroberung der Gebiete westlich von Mari gemeint sein. Möglicherweise hat Zimri-Lim den Palast von Tuttul in seinem zweiten Regierungsjahr zerstört (1714 nach der kurzen Chronologie). Einen archäologischen Nachweis für die Anwesenheit Zimri-Lims in Tuttul gibt es nicht.Adelheid Otto: Die Entstehung und Entwicklung der Klassisch-Syrischen Glyptik. De Gruyter, Berlin/New York 2000, S. 19 Aus Tuttul sind praktisch keine altbabylonischen Texte mehr bekannt, die nach 1700 v. Chr. datiert sind. Der Niedergang der Stadt begann mit der Regierungszeit Zimri-Lims.