Die Kriegsziele im Ersten Weltkrieg ergaben sich aus den hegemonialen und imperialistischen Bestrebungen der damaligen Großmächte und den oft entgegengesetzten Wünschen nach Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Sie bestanden überwiegend aus konkreten territorialen, politischen und wirtschaftlichen Ansprüchen. Besondere Bedeutung erlangten die Kriegsziele im Ersten Weltkrieg in der Diskussion um die Kriegsschuldfrage nach 1918 bis zur Fischer-Kontroverse. Als entscheidendes Dokument in diesem Streit gilt das geheime „Septemberprogramm“ des deutschen Kanzlers, das erst Ende der 1950er Jahre wiederentdeckt wurde. Kurz nach Beginn des Krieges hatte die Reichsregierung hier ihre Ziele dafür formuliert, „wie Europa nach diesem Kriege aussehen sollte“.Kriegsziele. In: Helmut M. Müller: Schlaglichter der deutschen Geschichte. 3. Auflage, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1996, ISBN 3-89331-264-1, S. 214f.
mini|hochkant=2|Erster Weltkrieg – beteiligte Staaten:*Nicht eingezeichnet: Abessinien, Darfur, der Senussi-Staat und Persien kämpften teilweise auf Seiten der Mittelmächte. Zentralarabien und der Hedschas standen auf Seiten der Entente.
Ausgangsproblematik Die Formulierung der Kriegsziele war für die meisten kriegführenden Staaten eine delikate Angelegenheit. Viele bezeichneten es als gefährlich und unnötig, denn die Verkündung konkreter Kriegsziele konnte unangenehme Verpflichtungen nach sich ziehen, die man lieber vermeiden wollte. Öffentlich verkündete Kriegsziele nicht zu erreichen, hätte als Niederlage erscheinen können. Daher sprach man in der ersten Phase des Krieges vielerorts nur in sehr allgemeiner Form öffentlich von Kriegszielen und konzentrierte die Gedanken der Öffentlichkeit auf den Sieg an sich. Detaillierte Kriegsziele waren zweitrangig, denn eine „Einkaufsliste“ über zu gewinnende Territorien oder Zugeständnisse hätte den „heroischen Charakter“ gestört, den der Krieg in den Augen vieler Zeitgenossen – besonders zu Anfang (→Augusterlebnis) – hatte. Andererseits hätten öffentlich verkündete Expansionsbestrebungen negativen Einfluss auf die vielleicht kriegsentscheidende Haltung der neutralen Staaten haben können. Später wurde die öffentliche Formulierung der Kriegsziele aber oft nötig, um Kosten-Nutzen-Analysen aufzustellen, ob es denn wert sei, für dies oder jenes Kriegsziel weiter zu kämpfen.Keith Robbins: The First World War. Oxford University Press, Oxford/New York 1984, ISBN 0-19-289149-9, S. 103f.
Pufferzonen und Grenzverbesserungen spielten noch eine vorrangige Rolle in den Überlegungen, obwohl durch den technischen Fortschritt Entfernungen nicht mehr so bedeutsam waren wie noch im 19. Jahrhundert. „Die Tatsache, dass Grenzverschiebungen im Zeitalter der Massenkriege, der modernen Transportmittel und der Flugzeuge nur noch begrenzte militärische Bedeutung haben, war“, laut Gerhard Ritter, „nicht einmal den Fachmilitärs geläufig“ – daher auch Politikern und Publizisten unbekannt. Der Nationalismus hatte die politischen Akteure empfindlich für Gebietsverluste und Grenzverschiebungen gemacht, so dass „solche Verschiebungen durch ihre politische Wirkung einen künftigen Dauerfrieden mehr bedrohen als militärisch sichern würden“. Im Zeitalter des Nationalismus und Imperialismus erkannte fast niemand, dass Annexionen den Gegner nicht schwächen würden und so der Frieden nicht gesichert werden könnte, sondern im Gegenteil erneut gefährdet würde.Gerhard Ritter: Staatskunst und Kriegshandwerk. Das Problem des „Militarismus“ in Deutschland. Band 3: Die Tragödie der Staatskunst. Bethmann Hollweg als Kriegskanzler (1914–1917). München 1964, ISBN 3-486-47041-8, S. 35; und Karl-Heinz Janßen: Gerhard Ritter: A Patriotic Historian’s Justification. In: Hannsjoachim W. Koch (Hrsg.): The Origins of the First World War. Great Power Rivalry and German War Aims. London 1985, S. 292–318, hier S. 302f.
Die Mittelmächte benutzten wie die Alliierten die Kriegsziele auch als Kriegsmittel, zur Ermutigung ihrer Bevölkerung, ihrer Verbündeten oder der Neutralen, oder als Entmutigung, als Drohung wie zur Zersetzung des Gegners.Ernst Rudolf Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Band 5: Weltkrieg, Revolution und Reichserneuerung 1914–1919. Stuttgart 1978, ISBN 3-17-001055-7, S. 218. Sogar als „Kriegswaffen“ wurden die Kriegsziele im Ersten Weltkrieg schon bezeichnet; vgl. Erwin Hölzle: Die Selbstentmachtung Europas. Das Experiment des Friedens vor und im Ersten Weltkrieg. Göttingen/Frankfurt am Main/Zürich 1975, ISBN 3-7881-1681-1, S. 484.
Die Kriegszielpolitik beider Seiten war auch auf wirtschaftliche Macht ausgerichtet, einerseits durch Okkupation oder Einflussnahme in Absatzgebieten für die eigenen Exporte, andererseits durch Eroberung neuer Rohstoffquellen. Dennoch waren die Kriegsziele „notwendigerweise hypothetische und vergängliche Optionen, die wenigsten hatten einen bedingungslosen Charakter“.David Stevenson: 1914–1918. Der Erste Weltkrieg. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006, ISBN 3-538-07214-0, S. 187.
Begriffsklärung Der Terminus „Kriegsziele“ wurde schon während des Krieges von den Kriegsgegnern verwendet. Der Sieg selbst war dabei kein Kriegsziel, sondern Voraussetzung für die Verwirklichung der Kriegsziele. Diese Kriegsziele bestanden faktisch aus den Bedingungen – Gebietsabtretungen, Entschädigungen, Entwaffnung – die nach einem Sieg dem Unterlegenen auferlegt werden sollten.David Stevenson: 1914–1918. Der Erste Weltkrieg. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006, ISBN 3-538-07214-0, S. 161. Die Begriffe Kriegsziel, Kriegsgrund und Kriegsursache wurden oft nicht voneinander unterschieden. Obwohl die veröffentlichten oder geheim gehaltenen Kriegsziele teilweise extreme Forderungen – etwa nach Annexionen – umfassten, kann der Kriegseintritt nicht ausschließlich mit diesen Zielen erklärt werden. Es gab jedoch auch Fälle, in denen sich Kriegsgrund und Kriegsziele deckten, wie es bei Italien, Rumänien und Bulgarien der Fall war. Bei den meisten anderen Staaten ist nach dem Kriegsausbruch das ursprüngliche Kriegsmotiv durch Kriegsansprüche überlagert worden, die erst im Kriegsverlauf entstanden und sich im Kriegsverlauf wandelten. „Aus annexionistischen Kriegszielen kann weder für die eine noch für die andere Seite der Vorwurf abgeleitet werden, daß sie den Krieg, von seinem Grund her geurteilt, als Eroberungskrieg begonnen hätte“, argumentierte Ernst Rudolf Huber.Ernst Rudolf Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Band 5: Weltkrieg, Revolution und Reichserneuerung 1914–1919. Stuttgart 1978, ISBN 3-17-001055-7, S. 218. Im Verlauf und nach Ende des Krieges wurden Kriegsschuld und Kriegsziele oft nur als zwei Seiten einer Medaille betrachtet, obwohl die Verbindung zwischen beiden nur scheinbar derart eng ist.Gifford D. Malone: War Aims toward Germany. In: Alexander Dallin u. a.: Russian Diplomacy and Eastern Europe 1914–1917. New York 1963, S. 124–161, hier S. 124. Kriegsziele, Strategie und Friedensverhandlungen waren eng miteinander verbunden, die Grenzen fließend.David Stevenson: 1914–1918. Der Erste Weltkrieg. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006, ISBN 3-538-07214-0, S. 162.
Kriegsziele der Mittelmächte Deutsches Reich Kriegsziele zu Beginn des Krieges mini|Deutschland und seine Kolonien 1914 (blau) Beim Ausbruch des Weltkrieges überwog im Deutschen Reich noch die Auffassung, der Krieg habe bloßen Verteidigungscharakter. Ausgelöst durch die raschen Erfolge der Armee an der Westfront wurden schon bald zum Teil fantastische Annexionsprojekte formuliert.Vgl. Salomon Grumbach: Das annexionistische Deutschland: Eine Sammlung von Dokumenten 1914–1918. (=Schriftenreihe Geschichte & Frieden, Hrsg. Helmut Donat), Donat Verlag, Bremen 2017, ISBN 978-3-943425-34-5 oder auch Peter Graf Kielmansegg: Deutschland und der Erste Weltkrieg. Frankfurt am Main 1968, S. 213. Insgesamt trat das überwiegend kommerziell dominierte Vorkriegsziel des deutschen Imperialismus, nämlich die koloniale Expansion des Deutschen Reiches in Afrika und Vorderasien, zugunsten einer allgemeinen Machterweiterung in Europa zurück, denn durch die „Mittellage“ und „Einkreisung“ in Europa fühlten sich verschiedene Fraktionen im Deutschen Reich bedroht. Durch Annexionen in Ost und West in zum Teil extremer Größenordnung wollte man die gewünschte Hegemonialstellung des Deutschen Reiches auf dem europäischen Festland für alle Zukunft sichern. Erst danach habe ein Kampf um einen „Platz an der Sonne“ gute Erfolgsaussichten.Fritz Fischer: Deutsche Kriegsziele. Revolutionierung und Separatfrieden im Osten 1914–18. In: Fritz Fischer: Der Erste Weltkrieg und das deutsche Geschichtsbild. Beiträge zur Bewältigung eines historischen Tabus. Düsseldorf 1977, ISBN 3-7700-0478-7, S. 151–206, hier S. 153 (zuerst veröffentlicht in: Historische Zeitschrift 188, 1959, S. 473–518); und Wolfgang J. Mommsen: Das Zeitalter des Imperialismus. Frankfurt am Main 1969 (= Fischer Weltgeschichte. Band 28), S. 302f. mini|Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg Am 9. September 1914 legte Kanzler Bethmann Hollweg in seinem „Septemberprogramm“ die Kriegsziele fest. Deutschland wollte seine seit der Reichsgründung stark gewachsene Machtstellung sichern und seine Ansprüche auf eine Weltpolitik geltend machen.
mini|Kriegsziele im Westen Das Septemberprogramm entsprach den Ideen und Wünschen der führenden deutschen Kreise in Politik, Wirtschaft und Militär. Namentlich die Industrie erhoffte sich von friedensvertraglichen Regelungen weitgehende Wettbewerbsprivilegien durch Eingriffe in die Autonomie der betroffenen Staaten. Das Programm ist das Ergebnis der Zusammenfassung vieler Programme und Konzepte über das zukünftige Europa. Bethmann Hollweg und sein Berater Kurt Riezler, der eigentliche Verfasser des Septemberprogrammes, waren Rezipienten unzähliger Kriegszielprogramme vieler Interessengruppen, welche sie als politisch erreichbare Ziele formulierten und in eine praktikable Form brachten.John A. Moses: The Politics of Illusion. The Fischer Controversy in German historiography. London 1975, ISBN 0-904000-07-9, S. 97ff; und Peter Graf Kielmansegg: Deutschland und der Erste Weltkrieg. Frankfurt am Main 1968, S. 224.
Die Kriegszielmehrheit im Reichstag erstreckte sich von den konservativen über liberale Parteien bis ins sozialdemokratische Lager hinein. Ab 1915 sind allerdings wachsende Gegensätze in dieser Frage festzustellen.Peter Graf Kielmansegg: Deutschland und der Erste Weltkrieg. Frankfurt am Main 1968, S. 224. Nachdem in der Euphorie der ersten Kriegswochen weitgehende – meist unrealistische – Kriegsziele aufgestellt worden waren, verbot Bethmann Hollweg Ende 1914 aus Rücksicht auf das neutrale Ausland und die deutsche Arbeiterschaft die öffentliche Kriegszieldebatte. Diese Beschränkung wirkte allerdings nur in sehr geringem Maße und wurde später auf Betreiben der Dritten Obersten Heeresleitung (OHL), auch wegen der psychologischen Mobilisierung der kriegsmüden Bevölkerung, aufgehoben. Die OHL erblickte in der Freigabe der Kriegszieldiskussion ein entscheidendes Mittel zur Totalisierung des Krieges und zur ideologischen Kriegsführung.Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Droste, Düsseldorf 1964, S. 112.