Lucrezia Borgia ist eine Opera seria (Originalbezeichnung: „Melodramma“) in einem Prolog und zwei Akten (fünf Bildern) von Gaetano Donizetti mit einem Libretto von Felice Romani nach dem Drama Lucrèce Borgia von Victor Hugo. Die Uraufführung fand am 26. Dezember 1833 im Teatro alla Scala in Mailand statt.
Handlung Der Inhalt der Oper ist eine im Sinne der Schauerromantik frei erfundene Version der Lebensgeschichte von Lucrezia Borgia (1480–1519), der berühmt-berüchtigten Tochter von Papst Alexander VI., und ihres dritten Gemahls Alfonso I. d’Este, Herzog von Ferrara. Dabei wird Lucrezia von Donizetti keineswegs plakativ als unsympathisch abgeurteilt. Die oft betörend schöne Musik, die sie in der Oper zu singen hat, macht sie dem Publikum automatisch sympathisch, sie erscheint als eine extrem schillernde, unberechenbare, eigentlich unglückliche, bemitleidenswerte und sensible Frau, die in einem gefährlichen Umfeld aufgewachsen und mit einem mordlustigen Mann verheiratet ist. Frühere Untaten scheint Lucrezia zu bereuen, trotzdem ist sie rachsüchtig und begeht am Ende neue Verbrechen, mit denen sie sich selber schadet.
Prolog Der junge Hauptmann Gennaro und seine Freunde vergnügen sich im Karneval von Venedig. Maffio Orsini tritt hervor und erzählt allen Anwesenden, wie Gennaro ihn einst nach einer Schlacht in Rimini rettete und wie ein seltsamer alter Mann sie vor der von allen gehassten Lucrezia Borgia warnte, die ihnen den Tod bringen würde. Gennaro schläft währenddessen ein und bleibt zurück.
Nachdem sich die anderen entfernt haben, entsteigt eine maskierte Dame einer Gondel und entdeckt entzückt den Schlafenden, während im Hintergrund finstere Gestalten tuscheln. Gennaro erwacht und ist sogleich von der schönen Unbekannten fasziniert. Er erzählt ihr von seiner Kindheit in Neapel und von seiner Mutter, die er nie kennengelernt hat, die er dennoch sehr liebt und von der er einen Brief besitzt, den er immer bei sich trägt. Die Unbekannte ist gerührt und beginnt zu weinen. Doch werden die beiden von Gennaros Freunden unterbrochen, die der um Gnade flehenden Dame zu Gennaros Schrecken alle möglichen Morde und Gräueltaten vorwerfen. Schließlich reißen sie ihr die Maske vom Gesicht und rufen ihren Namen: „Es ist die Borgia“.
Erster Akt mini|hochkant=1.2|Szene aus Lucrezia Borgia (Akt I,2), Boston, ca. 1851–1855 Szene 1 Ferrara, vor dem herzoglichen Palast. Don Alfonso verdächtigt Gennaro, der Geliebte seiner Gattin Lucrezia zu sein, und plant dessen Ermordung.
Als Gennaro, der noch immer auf die Borgia-Familie wütend ist, zusammen mit seinen Freunden vorbeikommt, bricht er aus dem Familienwappen den Anfangsbuchstaben „B“ heraus, so dass nur noch „ORGIA“ übrigbleibt. Die anderen sind über das Wortspiel nicht amüsiert, sondern fürchten schlimme Konsequenzen.
Rustighello und Alfonsos Häscher begegnen vor Gennaros Haus Lucrezias Agent Astolfo und schlagen ihn in die Flucht. Gennaro wird verhaftet.
Szene 2 Lucrezia ist empört wegen der Verstümmelung ihres Wappens und verlangt von ihrem Mann, dass der Täter vor ihren Augen mit dem Tode bestraft wird. Alfonso verspricht es ihr und lässt zu Lucrezias Entsetzen Gennaro als Täter vorführen. Lucrezia behauptet zuerst, Gennaro könne es nicht gewesen sein, doch dieser gesteht seine Schuld. Lucrezia versucht, unter vier Augen Alfonso zur Milde zu bewegen, aber dieser bleibt hart und wirft ihr vor, dass sie Gennaro liebe, was sie abstreitet. Als Gennaro wieder hineingeführt wird, heuchelt der Herzog, er werde ihn auf Bitten seiner Gemahlin freigeben und erfährt, dass Gennaro einst Alfonsos Vater in einer Schlacht das Leben rettete. Gennaro lehnt jede Belohnung dafür ab und Lucrezia schöpft Hoffnung, doch Alfonso zwingt sie, eigenhändig Gennaro den vergifteten „Borgia-Wein“ einzuschenken. Doch nachdem der Herzog sich entfernt hat, reicht sie Gennaro ein Gegengift und fleht ihn an, die Stadt zu verlassen.
Zweiter Akt
Szene 1 Gennaro bereitet seine Abreise vor und sinnt seinen Gefühlen für Lucrezia nach, beobachtet von Rustighello und den Häschern Alfonsos. Als Orsini kommt und versucht, Gennaro zu einem abendlichen Fest der Fürstin Negroni zu locken, lehnt Gennaro zuerst ab, weil er in Lebensgefahr schwebe. Orsini nimmt das gar nicht ernst und vermutet einen Trick Lucrezias. Gennaro ist hin- und hergerissen und geht am Ende doch mit Orsini.
Szene 2 Im Palazzo der Negroni artet das Fest in ein wahres Trinkgelage aus. Nachdem es zu einem Streit zwischen Orsini und Lucrezias Geheimagenten Gubetta gekommen ist, flüchten die Damen und es wird neuer Wein aus Syrakus gebracht. Gennaro bemerkt, dass Gubetta seinen eigenen Wein wegschüttet, aber Orsini schenkt dem keine Beachtung und singt ein ausgelassenes Trinklied, das jedoch von dem Klang einer Totenglocke und unheimlichem Gesang von draußen unterbrochen wird. Plötzlich gehen die Fackeln aus und die Freunde müssen feststellen, dass sie gefangen sind.
Da erscheint Lucrezia und erklärt triumphierend, dass sie aus Rache für die in Venedig erfahrenen Beleidigungen den Wein vergiftet habe. Zu spät erkennt sie, dass Gennaro entgegen ihrem Wunsch nicht geflohen ist, sondern sich ebenfalls unter den Vergifteten befindet. Sie lässt die anderen wegbringen und bittet ihn, das Gegengift zu trinken, doch da nicht genügend davon vorhanden ist, um sowohl ihn als auch seine fünf Freunde zu retten, weigert er sich. Stattdessen droht er, auch Lucrezia umzubringen. Angesichts der Vorstellung, dass er kurz davor ist, unwissentlich einen Muttermord – und damit eine Todsünde – zu begehen, offenbart sie ihm endlich, dass er in Wahrheit selber ein Borgia und ihr Sohn ist. Doch nun ist jede Rettung zu spät: Gennaro stirbt in den Armen seiner Mutter, die auch dem eintretenden Alfonso in einem Ausbruch heftigster Verzweiflung und Trauer die Wahrheit entgegenschleudert und dann selber entseelt zusammenbricht.
Instrumentation Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:Norbert Miller: Lucrezia Borgia. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 1: Werke. Abbatini – Donizetti. Piper, München / Zürich 1986, ISBN 3-492-02411-4, S. 755.
Holzbläser: zwei Flöten (2. auch Piccolo), zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Tuba Pauken, Schlagzeug: Trommel, Triangel, Große Trommel, Becken, Glocke Harfe Streicher Bühnenmusik: Glocke, Banda (Trommel, Große Trommel, Ottavino, Tuba, Flöten, Klarinetten, Hörner, Trompeten)
Nummern Preludio Prolog Nr. 1 – Introduktion: Bella Venezia! – Nella fatal di Rimini (Gazzella, Petrucci, Orsini, Gubetta, Vitellozzo, Liverotto, Gennaro, Chor) Nr. 2 – Romanze Lucrezia, Duett Lucrezia und Gennaro und Finale I: Come è bello!...Quale incanto – Di pescatore ignobile – Maffio Orsini, signora, son io (Lucrezia, Alfonso, Rustighello, Gennaro, Orsini, Vitellozzo, Liverotto, Petrucci, Gazzella, Gennaro)
Erster Akt Nr. 3 – Cavatine Alfonso: Vieni: la mia vendetta (Alfonso, Rustighello) Nr. 4 – Rezitativ und Chor: Addio, Gennaro – Non far motto: parti, sgombra (Orsini, Liverotto, Petrucci, Gazzella, Vitellozzo, Gubetta, Gennaro, Rustighello, Chor, Astolfo) Nr. 5 – Rezitativ und Finale II: Tutto eseguisti? – Soli noi siamo – Della duchessa ai preghi (Alfonso, Rustighello, Usciere, Lucrezia, Gennaro)
Zweiter Akt Nr. 6 – Introduktion: Rischiarata è la finestra (Chor) Nr. 7 – Rezitativ und Duett Gennaro und Orsini: Sei tu? – Minacciata è la mia vita (Gennaro, Orsini, Chor, Rustighello) Nr. 8 – Pezzo Concertato: Viva il Madera! – Il segreto per esser felici (Liverotto, Negroni, Orsini, Vitellozzo, Gazzella, Petrucci, Gubetta, Gennaro, Chor, Lucrezia) Nr. 9 – Rondo Lucrezia: Tu pur qui?...Né sei fuggito?... – Era desso il figlio mio (Lucrezia, Gennaro, Alfonso, Rustighello, Chor)
Musikalische Gestaltung mini|hochkant=0.8|Gaetano Donizetti Lucrezia Borgia gehört zu den besten Werken Donizettis, die zwischen seinen beiden Meilensteinen Anna Bolena (1830) und Lucia di Lammermoor (1835) entstanden. William Ashbrook wies darauf hin, wie geschickt Donizetti in dieser Oper die dramatischen Situationen aufbaut, und sah in dieser Hinsicht eine deutliche Weiterentwicklung des Komponisten.William Ashbrook: Donizetti and his Operas, Cambridge University Press, 1983, S. 82 Die Oper stehe außerdem in der Fantasie, mit der Donizetti die traditionellen formalen Schemata verwendet und oft durchbricht, sowie in der Ausdruckskraft und Charakterisierungskunst vieler Passagen „weit über der Norm des romantischen Melodramas“ der 1830er Jahre.Im englischen Original: „It is not only its relative unconventionality that raises Lucrezia Borgia far above the norm of Romantic melodrama of its decade, but also the musical distinction and expressive power of many of its pages.“ William Ashbrook: Donizetti and his Operas, Cambridge University Press, 1983, S. 350–351
Im Vergleich zu den beiden oben genannten Werken ist Lucrezia Borgia stilistisch auffällig ambivalent oder abwechslungsreich: Es gibt Passagen, die sich durch einen lebhaften, leichten, quirligen Stil auszeichnen, der aber keine Ähnlichkeit mehr mit Rossini aufweist und in einem tragischen Drama von merkwürdiger Wirkung ist – ein Stil, der fast „operettenhaft“ wirkt (wobei zu bedenken ist, dass es die Operette im eigentlichen Sinne noch gar nicht gab). Mit diesem Stil kennzeichnet Donizetti alle Szenen, an denen Gennaros vergnügungssüchtige Freunde beteiligt sind, u. a. die Festszenen zu Beginn des Prologs, und gegen Ende des zweiten Akts, sowie die ironische und dramatisch gesehen besonders wirkungsvolle Demaskierung der Lucrezia im Prolog,William Ashbrook: Donizetti and his Operas, Cambridge University Press, 1983, S. 348 oder auch die Auseinandersetzung von Astolfo und Rustighello (Akt I,1), die laut Ashbrook auf Verdis Rigoletto vorausweist.William Ashbrook: Donizetti and his Operas, Cambridge University Press, 1983, S. 350 In allen übrigen Passagen der Oper, an denen essentiell Lucrezia und Gennaro beteiligt sind, ist die Musik voll von romantischem Pathos, Drama und echter Tragik. Dadurch kommt es innerhalb der Partitur zu ungewöhnlich starken Kontrasten, die auch dramatisch genutzt werden. Besonders eindrücklich in der letzten Szene, beim Fest der Fürstin Negroni, wo die Strophen von Maffio Orsinis berühmtem schmissigem Brindisi „Il segreto per esser felici“ hart von einer Totenglocke und düsteren Gesängen aus dem Hintergrund unterbrochen werden.
Über all der Dramatik wird jedoch der Belcanto nicht vergessen und feiert hier sogar einige seiner größten Höhepunkte, wie die schmelzenden Kantilenen von schierer Schönheit beim Auftritt der Lucrezia im Prolog und dem nachfolgenden Duett mit Gennaro, oder im Finale mit dem Tod des Gennaro im 1840 nachkomponierten Arioso „Madre, se ognor lontano“. Lucrezias Arie am Ende des zweiten Akts „M'odi, ah m'odi“ und die hochanspruchsvolle Cabaletta „Era desso il figlio mio“ zählte schon Ashbrook zu den bedeutendsten Leistungen Donizettis bezüglich ausdrucksvollen, ja dramatischen Koloraturgesangs.William Ashbrook: Donizetti and his Operas, Cambridge University Press, 1983, S. 351–352
Ein unkonventioneller Zug der Oper ist die relativ große Besetzung mit ungewöhnlich vielen kleinen Nebenrollen, wie die vier Freunde Gennaros oder die Spitzel der Borgias.William Ashbrook: Donizetti and his Operas, Cambridge University Press, 1983, S. 350 Damit scheint Donizetti von der französischen Grand opéra (vor allem Rossinis Guillaume Tell) inspiriert oder sie sogar vorwegzunehmen (z. B. Meyerbeers Les Huguenots).
Der junge Verdi sah Lucrezia Borgia während seiner Studienzeit in Mailand und verarbeitete einige Anregungen daraus in seinen späteren Werken , u. a. in Rigoletto oder La Traviata.William Ashbrook: Donizetti and his Operas, Cambridge University Press, 1983, S. 350 und 351
Werkgeschichte Entstehung und Uraufführung