Sothis-Zyklus (auch Sothis-PeriodeGriechische Schreiber nannten den Zeitraum von einer Apokatastasis bis zur nächsten Apokatastasis Sothis-Periode; gemäß Rita Gautschy: Der Stern Sirius im Alten Ägypten und in Babylon.) ist der Zeitraum von etwa 1424 Jahren, den Sirius (der hellste Stern des Himmels) mit seinem heliakischen („zur aufgehenden Sonne gehörend“) Aufgang benötigt, um einmal den im Alten Ägypten gebrauchten 365-Tage-Kalender zu durchlaufen. Damit wurde der im Alten Ägypten noch unbekannten Tatsache Rechnung getragen, dass das angewendete 365-Tage-Kalenderjahr (ohne Schalttage) als ein die Jahreszeiten bestimmendes Jahr etwas zu kurz war, bzw. umgekehrt dieses Kalenderjahr damals in etwa 1460 Jahren einmal ein Sternenjahr (siderisches Jahr) durchlief.
Im selben Tempo und im Prinzip genauso wie ein siderisches Jahr durchläuft auch der Frühlingspunkt den 365-Tage-Kalender unter der Annahme, dass die Sonne den Frühlingspunkt nach je genau 365,25 Tagen passiert (richtiger Wert: 365,2422 Tage) in 1460 Jahren.
Übersicht Der heliakische Aufgang eines Sterns findet nur einmal jährlich statt. Die Altägypter feierten den Tag des Morgenerstes von Sirius über dem östlichen Morgenhorizont nach einer zuvor etwa 65 bis 70 Tage andauernden Unsichtbarkeit ausgelassen mit dem Sothis-Fest. In ihrem leicht zu kurzen Kalenderjahr verspätete sich dieser Anlass in etwa vier Jahren um einen Tag. Die zahlreichen, teilweise exakten Datumsangaben für den heliakischen Sirius-Aufgang in altägyptischen Quellen, wie beispielsweise Papyri und Inschriften, stellen daher einen wichtigen Stützpfeiler der altägyptischen Königs-Chronologie dar.
Auch schon die frühmesopotamischen Priesterastronomen beobachteten heliakische Aufgänge heller Sterne und der Venus, allerdings vornehmlich für religiös-kultische Zwecke.
Ob sich die Altägypter schon in der Frühzeit oder überhaupt selbst bewusst waren, dass ihr (späterer) 365-Tage-Kalender zum sogenannten Sothis-Zyklus führte, und ob sie dessen Periodenlänge kannten, bleibt unklar. Zweifelsfrei belegt ist jedoch die zentrale Rolle der den Sirius verkörpernden Göttin Sopdet in kalendarischen Fragen seit dem Alten Reich, ja sogar in Verbindung mit dem Jahresanfang (erster Monat des neuen Jahres: Wepet-renpet).
Der heliakische Aufgang von Sirius wanderte dabei nicht mit dem „Sothis-Jahr“, sondern fand mit astronomischer Regelmäßigkeit genau nach einem siderischen Jahr statt – aber aufgrund der Präzession der Erdachse verschob sich allmählich auch dieser, so dass der heliakische Aufgang von Sirius de facto bereits in der Antike ungefähr einen Monat später war als in der Frühdynastischen Periode Ägyptens. Ursprünglich fiel der heliakische Aufgang des Sirius aber mit dem Beginn des ägyptischen Jahres und der Nilschwemme zum Sommeranfang zusammen – weswegen das Erscheinen von Sirius bzw. Sopdet auch später als Fest der Wiederkehr des Lebens gefeiert wurde.
Hintergrund Siderisches, tropisches und 365-Tage-Kalender-Jahr Zwischen zwei heliakischen Aufgängen eines Fixsterns (keine Eigenbewegung) vergeht im Mittel ein Sternenjahr oder ein siderisches Jahr, das 365,2564 Tage lang ist. Um diesen Wert findet eine kleine Schwankung mit der Periodendauer der Präzession der Erde von etwa 26.000 Jahren statt, weil sich durch die Präzession die Deklination des Sterns und damit die Zeit seiner Horizontpassage ändert. Der Tag des heliakischen Sirius-Aufgangs durchläuft das ohne Schalttage berechnete 365-Tage-Kalenderjahr der Alten Ägypter im Mittel in etwa 1424 Jahren (365 ÷ (365,2564 − 365) = 1424). Durch langzeitige Beobachtung ermittelte man damals 1460 Jahre, ein Wert der durch moderne astronomische Rechnungen bestätigt wird.Friedrich Karl Ginzel: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Leipzig 1906, § 39A. B. Chace: The Rhind Mathematical Papyrus. Band 1, Mathematical Association of America, Oberlin, Ohio 1927, S. 44 ff.M. F. Ingham: The Length of the Sothic Cycle. In: The Journal of Egyptian Archaeology. Band 55, 1969, S. 36.
Der zur Zeit der Alten Ägypter gültige Wert von 1460 Jahren für die Periodendauer des Sothis-Zyklus ist zufällig gleich groß wie die Dauer, die der Frühlingspunkt braucht, das von den Alten Ägyptern schließlich als „richtig“ erkannte – aber nicht angewendete – 365,25 Tage lange Kalenderjahr einmal zu durchlaufen (365 ÷ (365,25 − 365) = 1460). „Richtig“ bedeutet, das Kalenderjahr jeweils nach der erneuten Passage der Sonne durch den Frühlingspunkt am Himmel, einem 365,2422 Tage langen tropischen Jahr beginnen zu lassen. Die Annäherung des Kalenderjahres mit durchschnittlich 365,25 Tagen Länge wurde erst im anschließenden julianischen Kalender wirksam. Mit dem genaueren Wert von 365,2422 Tagen für das tropische Jahr lässt sich ein Zyklus mit einer Periode von 1507 Jahren für das einmalige Durchwandern des Frühlingspunktes durch das ägyptische Kalenderjahr angeben.
Das tropische Jahr ist das für einen Sonnenkalender „natürliche“ Kalenderjahr. Es beginnt jeweils, wenn die Sonne den Himmelsäquator im Frühlingspunkt überschreitet. Dieser fiktive Stern (Widderpunkt) ist aber kein fixer Punkt am Himmel. Er wandert infolge der Präzession der Erde langsam rückwärts (ein Umlauf auf dem Himmelsäquator in etwa 26.000 Jahren), weshalb das tropische Jahr der Sonne leicht kürzer als das siderische Jahr der Fixsterne ist.
Abhängigkeit des Tages des heliakischen Aufgangs des Sirius von der geographischen Breite Die scheinbare Position von Sirius am Himmel ist abhängig vom Beobachtungsort auf der Erde und wird von der Erdpräzession sowie der Eigenbewegung des Sirius zusätzlich beeinflusst. So ist beispielsweise in der heutigen Zeit Sirius vom Nordpol bis zum 74. nördlichen Breitengrad nicht zu sehen, während Sirius vom Südpol bis zum südlichen 73. Breitengrad ständig am Himmel steht und nicht untergeht. Damit verbunden nimmt vom 73. nördlichen Breitengrad ausgehend die maximal sichtbare Höhe über dem Horizont bis in die Region des Äquators je Breitengrad um einen Höhengrad auf etwa 83° zu, um sich bis zum Südpol wieder auf etwa 30° zu reduzieren. Zusätzlich ändert sich je Breitengrad der Aufgangsort von Sirius. Am 73. nördlichen Breitengrad taucht Sirius am Horizont in südöstlicher Lage (161°) auf, am Äquator dagegen fast im Osten (106°). Die unterschiedlichen Sichtbarkeitsverhältnisse wirken sich auf die Beobachtungsdauer am Himmel aus, die zwischen etwa 140 Minuten am 73. nördlichen Breitengrad und der ständigen Präsenz am Südpol je nach Ortslage veränderliche Werte aufweist. Ähnliche Bedingungen gelten hinsichtlich des Breitengrads für den Sonnenaufgang, der gegenüber dem Vor- und Folgetag zeitlich variiert.Southern Stars Systems SkyChart III, Saratoga, California 95070, United States of America.
Die geographischen Abweichungen haben für den Bereich vom nördlichen 73. bis zum südlichen 73. Breitengrad im Ergebnis jeweils einen individuellen „breitengradabhängigen Sothis-Zyklus“, der zudem ständige Veränderungen in der Vergangenheit vorweist beziehungsweise zukünftigen Abweichungen unterliegt. Das Alte Ägypten umfasste die Region vom 24. bis zum 31. nördlichen Breitengrad. Unter Berücksichtigung der genannten Gegebenheiten ist und war die Möglichkeit eines konstanten und zeitgleichen Sothis-Zyklus auch im Alten Ägypten zu keiner Zeit gegeben.Rolf Krauss: Sothis- und Monddaten. Hildesheim 1985, S. 201–203.
Datierungen der weltweiten heliakischen Aufgänge von Sirius und maximale Beobachtungsdauer Beobachtungsort Heliakischer Aufgang Aufgangsazimut Maximale Horizonthöhe BeobachtungsdauerMaximale Beobachtungsdauer am Nachthimmel bei Abendaufgang Wellington 9. Juni 113° 65° 12 h Rio de Janeiro 29. Juli 108° 50° 10 h Kairo 4. August 109° 43° 9 h Berlin 26. August 118° 20° 7 h Oslo 4. September 125° 13° 6 h
Historische Erklärungsversuche mini|hochkant|Ägyptologe Karl Richard Lepsius
Die antiken Historiker hatten nicht die technischen Voraussetzungen der heutigen Astronomie, weshalb deren Berechnungen im Ergebnis zu leichten Abweichungen führten. Unter der Annahme, dass Sirius alle vier Jahre um einen Tag im ägyptischen Kalender wanderte, ergab sich bei 365,25 Tagen im julianischen Kalender der so angesetzte Sothis-Zyklus von 1461 Jahren (365,25 × 4). Die Beobachtungsmöglichkeiten der modernen Astronomie zeigen genaue Werte, die daher Ungenauigkeiten der früheren Ansetzungen korrigieren.
Seit der wissenschaftlichen Entdeckung des Sothis-Zyklus, in Verbindung mit dem ägyptischen Kalender im Alten Ägypten, wurden bis in die heutige Zeit heftige Diskussionen unter Ägyptologen und Historikern hinsichtlich seiner Bedeutung für die Ägypter geführt. Die geschichtliche Entwicklung, die von persönlichen Eitelkeiten, Meinungen und Fakten beherrscht wurde, führte immer wieder zu neuen Betrachtungsperspektiven des Sothis-Zyklus. Eine neue Studie wurde 2017 publiziert.
Einige Historiker nahmen an, dass Sirius zwar die Grundlage des ägyptischen Kalenders bildete, aber nicht ausschlaggebend für die Einführung des ägyptischen Kalenders war und zudem in diesem Zusammenhang als Sothis-Zyklus im Voraus berechnet wurde. Ein anderer Teil der Forscher vertrat die Auffassung, dass Sirius zunächst keine gewichtige Rolle bei der Einführung des ägyptischen Kalenders einnahm und der Sothis-Zyklus erst später bemerkt wurde. Als Begründung für die zweite Annahme wurde die Verbindung von Sirius mit Osiris gesehen. Die Ägypter nahmen deshalb ursprünglich eine andere Zuordnung in der Frühzeit der ägyptischen Geschichte für Sirius vor. Außerdem wird der Umstand angeführt, dass, auf Grund der langen Zeitdauer des Sothis-Zyklus, zum Zeitpunkt der uns bekannten Dynastiegründungen die gesamte Zyklusdauer nicht bekannt gewesen sein konnte.
Von einigen Forschern wird die Meinung vertreten, dass Sirius erst mit der gemeinsam erfolgenden Nilschwemme ein wichtiger Bestandteil im ägyptischen Kalender wurde und deshalb erst später die Integration erfolgt sei. Im Mittelpunkt der Forschung standen daher die Versuche, genügend Beweise und Hinweise zu finden, welche Auswirkungen der Sothis-Zyklus auf den ägyptischen Kalender hatte. Die Betrachtung der verschiedenen Ansatzpunkte antike Berechnung des Sothis-Zyklus, archäologische Funde von Aufzeichnungen der heliakischen Aufgänge des Sirius und mathematische Berechnungen des Sothis-Zyklus, zeichnen den geschichtlichen Weg.
Herkunft des Namens und Datierungsangaben mini|hochkant=0.35|Göttin Sopdet
Ob die Bedeutung „die Spitze“ mit dem ursprünglichen altägyptischen Sternbild Sopdet in Verbindung gebracht wurde, das in der Frühzeit Sirius und zwei weitere Sterne beinhaltete, bleibt dabei unklar. Die entsprechende gräzisierte Schreibung Σωτις für Sothis und Benennung Σείριος als „Seirios“ für Sirius erfolgte später über Plutarch.
Sowohl die Daten des julianischen als auch des gregorianischen Kalenders lassen sich nicht exakt mit den im ägyptischen Kalender verwendeten Sothis-Angaben vergleichen. Der altägyptische Tag begann mit dem Sonnenaufgang, der ersten Sichtbarkeit der Sonne. Der heliakische Aufgang des Sirius erfolgt jedoch bereits in der Morgendämmerung vor den ersten Sonnenstrahlen. Entsprechend ist für eine Deckungsgleichheit die Korrektur um einen Tag zu berücksichtigen. Gleiches gilt für den proleptischen Kalender.
Die Erforschung des Sothis-Zyklus in der Antike Censorinus Censorinus war ein römischer Autor. Er lebte im 3. Jahrhundert n. Chr. und schrieb sein Werk „100 Jahre nach der Zeit“, als Kaiser Antoninus Pius und Bruttius Praesens Konsuln waren (139/140 n. Chr.) In der Abhandlung „De Die Natali Liber“ nennt Censorinus bezüglich des Sothis-Zyklus das Datum des heliakischen Aufgangs: