mini|hochkant=1.3|Tor (torana) am Großen Stupa von Sanchi (Madhya Pradesh, Zentralindien) mini|hochkant=1.3|Detail am hinduistischen Surya-Tempel von Konark (Odisha, Ostindien) mini|hochkant=1.3|Badshahi-Moschee in Lahore (Punjab, Pakistan) mini|hochkant=1.3|Goldener Tempel von Amritsar, Punjab, Indien
Die indische Architektur umfasst die Architektur des indischen Subkontinents mit den Staaten Indien, Pakistan, Bangladesch, Nepal und Sri Lanka vom Beginn der Indus-Kultur im 3. Jahrtausend v. Chr. bis heute. Sie spiegelt sowohl die ethnische und religiöse Vielfalt des indischen Subkontinents als auch dessen historische Entwicklung wider.
Anfänge
Ihre Anfänge liegen in den Städten der frühgeschichtlichen Indus-Kultur, die sich durch beachtliche städteplanerische Leistungen und große Funktionalität auszeichnen. Monumentalbauten waren dieser frühesten Hochkultur auf indischem Boden noch gänzlich unbekannt. Aus bislang ungeklärten Gründen ging die Indus-Kultur im 2. Jahrtausend v. Chr. unter. Eine Kontinuität zur späteren kunsthistorischen Entwicklung ist nicht nachzuweisen.
Die indische Architektur der historischen Periode war bis in die frühe Neuzeit vor allem eine Sakralarchitektur. Der Buddhismus prägte den Beginn der Monumentalbaukunst, datiert in die Zeit des Maurya-Herrschers Ashoka im 3. Jahrhundert v. Chr. Auf den Stupa als frühesten Kultbau folgten buddhistische Tempel- und Klosterbauten. Mit der Wiederbelebung des Hinduismus in nachchristlicher Zeit begann die Phase der hinduistischen Tempelarchitektur, die je nach Region und Epoche verschiedenste stilistische Ausprägungen erfahren hat. Die hinduistische Architektur strahlte im Mittelalter nach Südostasien, die buddhistische bereits im Altertum auch nach Ostasien und Tibet aus, während die Baukunst des eng verwandten Jainismus stets auf den Subkontinent beschränkt blieb. Gemeinsam ist allen drei Architekturen eine strenge Geometrie, die sich aus kosmologischen und astrologischen Anschauungen herleitet. Buddhistische, hinduistische und jainistische Heiligtümer werden vor allem als Sinnbilder des Kosmos oder einzelner Teile davon aufgefasst. Der Hindutempel bildet, wie auch der buddhistische Stupa, den mythischen Weltenberg Meru als Sitz der Götter ab und kann somit als eine Art monumentaler Großplastik angesehen werden.Plaeschke / Plaeschke: Hinduistische Kunst, S. 39 Aus diesem Zusammenhang erklärt sich die der indischen Architektur wesenseigene Vorliebe für die plastische Darstellung und, bei den Buddhisten, Hindus und Jainas, der besondere Stellenwert der Ikonografie.
Aus dem Nahen Osten gelangte im 8. Jahrhundert die islamische Baukunst nach Indien, wo sie sich unter einheimischen sowie west- und zentralasiatischen Einflüssen zu einer eigenständigen indo-islamischen Architektur entwickelte. Die Moschee, als Ort des gemeinschaftlichen Gebets die wichtigste islamische Bauform, entbehrt der starken Symbolbehaftung der Bauwerke indischer Religionen. Im Detail ist jedoch der hinduistische Einfluss auf die plastische Steinbearbeitung nicht zu übersehen. Spätestens im Mogulreich verschmolzen islamische und indische Elemente zu einer von der Architektur des außerindischen Islam abgrenzbaren Einheit.
Der Kolonialismus brachte im 16. Jahrhundert europäische Kunstvorstellungen mit, die zunächst weitestgehend isoliert von einheimischen Traditionen blieben. Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert bildete sich ein unverkennbar britisch-indischer Kolonialstil heraus. In der Moderne wirken die zeitgenössische Architektur westlicher Prägung ebenso wie traditionelle Bauformen und innovative, eigenständige Entwicklungslinien.
Grundlagen und allgemeine Wesenszüge
Raumvorstellungen
mini|Das neun Felder (3²) umfassende Pitha-Mandala ist eines der einfachsten Mandalas der Architekturlehre Vaastu. Es verdeutlicht die ideale vedische Raumvorstellung: Das Zentrum ist der Gottheit Brahma geweiht, darum haben untergeordnete Götter ihren Sitz. Das Mandala ist erweiterbar auf bis zu 1024 (32²) Felder.Bernhard Peter: Vastu (1) – Mandalas und der Tempelplan. Als Grundlage für den Städtebau wird das Pitha-Mandala mit Gestirnen besetzt, wobei die Sonne das Zentrum einnimmt. Zweck ist die Schaffung eines Abbildes der kosmischen Ordnung.Bernhard Peter: Vastu (2) – Das Mandala und die Stadt: Jaipur.
Die indische Raumkonzeption ist eng mit astrologischen und kosmologischen Vorstellungen verknüpft, während ihre bildhafte Gliederung die Stellung von Personen und Dingen in der Welt widerspiegelt. Die vedische Architekturlehre Vastu erläutert idealisierte Stadtschemata mit folgendem Grundaufbau: Im Mittelpunkt der Stadt befindet sich ein dem wichtigsten vedischen Gott Brahma vorbehaltenes Heiligtum, das als „Allerheiligstes“ gilt. Darin kommt die im Hinduismus und Buddhismus bis heute vorhandene Vorstellung vom Weltenberg Meru als Mittelpunkt der Welt und Sitz der Götter zum Ausdruck. Um das zentrale Heiligtum sind in konzentrischen Ringen weniger bedeutende Heiligtümer, die jeweils einer bestimmten Gottheit bzw. einer bestimmten Form des Göttlichen geweiht sind, angeordnet. Die Gottheiten und damit die Heiligtümer sind Gestirnen (Sonne, Mond, Fixsterne) zugeordnet. Die konkrete Lage der kleineren Heiligtümer richtet sich nach der von Pilgern zu befolgenden Umrundungsrichtung des Zentralheiligtums (in der Regel im Uhrzeigersinn). Die Stadt wird von zwei Achsen durchzogen, denen astronomischen Beobachtungen zugrunde liegen: Die erste Achse verläuft in Ost-West-Richtung zwischen den Äquinoktialpunkten, die zweite in Nord-Süd-Richtung zwischen den Kulminationspunkten der Sonne. Aus der Mittelpunktlage und dem orientierten Achsenkreuz ergeben sich zwangsläufig die geometrischen Grundformen Quadrat und Kreis, die als Mandala dargestellt werden können, bzw. Würfel und Kugel. Das Quadrat besitzt besondere Symbolkraft, bilden doch die vier mythologischen „Eckpunkte“ Indiens – die Wallfahrtsorte Puri im Osten, Rameswaram im Süden, Dvaraka (Dwarka) im Westen und Badrinath im Norden – ein Quadrat.
Tatsächlich weisen einige Städte in Nord- und Zentralindien eine annähernd dem beschriebenen Idealfall vergleichbare Struktur mit nach den Himmelsrichtungen ausgerichtetem Achsenkreuz und markantem Mittelpunktsbau auf. Nahe am Ideal liegt Jaipur (Rajasthan, Nordwestindien), das im 18. Jahrhundert als Planstadt mit einer durchgehenden Ost-West-Achse, einer unvollständigen Parallelstraße, zwei Nord-Süd-Achsen, schachbrettartigen Nebenstraßen und dem Palast des Maharadschas als zentraler Dominante erbaut wurde. Allerdings ist das strenge Prinzip je nach den geografischen Gegebenheiten mehr oder weniger stark aufgeweicht. In den meisten Städten sind die Nebenstraßen der großen Achsen verwinkelt; sie unterliegen keinem strengen Ordnungsprinzip. Selbst islamische Gründungen haben einen ähnlichen Aufbau, der aber in den Paradiesvorstellungen dieser Religion begründet liegt. So ist das Achsenkreuz dem viergeteilten Paradiesgarten nachempfunden.
Auch südindische Tempelstädte sind durch ein Achsenkreuz gekennzeichnet; überdies sind sie annähernd quadratisch. Wuchs die Stadt an, wurde der ummauerte Stadtkern von einer größeren Mauer umschlossen. Diese folgt in Form und Ausrichtung dem inneren Mauerring, wobei Letzterer in der Regel erhalten blieb. Über Jahrhunderte entstanden so mehrere ineinanderliegende Mauerquadrate, die einen Anhaltspunkt für das Alter der Stadtteile bieten, vergleichbar den Jahresringen eines Baumes. Die Seiten der Quadrate verlaufen idealerweise in Ost-West- bzw. Nord-Süd-Richtung. Im innersten Quadrat erhebt sich der Haupttempel, in der Regel das älteste Bauwerk und Ausgangspunkt der Stadtentwicklung. Seine Architektur ist ebenfalls nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet und wird von rechteckigen Grundstrukturen beherrscht. Die Stadtviertel mit kleineren Tempeln ringsumher sind konzentrisch und hierarchisch angeordnet. Einige südindische Städte wie Tiruvannamalai kommen diesem Idealbild äußerst nahe.
Auch in kleinräumigen Strukturen lassen sich die Ordnungsprinzipien Quadratur und Orientierung wiedererkennen. Die Anordnung der Bestandteile eines Tempels ist ähnlich wie die Anlage einer Stadt in der Vastu-Lehre festgelegt. Auch traditionelle indische Wohnhäuser sind häufig quadratisch oder rechteckig. Der Haupteingang weist möglichst nach Osten. Die Innenräume sind hierarchisch um einen Hausschrein gruppiert. Es besteht allerdings eine beträchtliche regionale Variationsbreite.
Bauweisen und -stoffe
In vedischer Zeit war Holz das bevorzugte Baumaterial. Frühe monolithische Steinbauten, etwa die hinduistischen und buddhistischen Höhlentempel und -klöster, bilden daher in Holzbauweise errichtete große Hallen mit einheitlicher Decke nach. Ornamente, die vermutlich Holzschnitzereien nachempfunden waren, wurden in weichen Sandstein eingekerbt. Nach dem Übergang zu freistehenden, zusammengesetzten Steinbauten, teilweise bis in die frühe Neuzeit, dienten Holzkonstruktionen noch immer vielfach als Vorbilder. Immer wieder wurden lange Steinbalken nach Holzbauart verlegt, ohne die mangelhaften statischen Eigenschaften auf Grund des Eigengewichtes des schwereren Baustoffs auszugleichen. Einstürze und nachträgliche Korrekturen waren daher relativ häufig. Dennoch setzte sich der Steinbau dank der Haltbarkeit des Materials durch.
Für Trockenmauerwerk, das in an Naturstein reichen Regionen wie dem Dekkan und dessen Randgebirgen dominiert, wurden Steinblöcke so präzise zugehauen, dass sie ohne Mörtel aufeinandergeschichtet werden konnten und imstande waren, schwere Deckenplatten zu tragen. Mörtel aus Kalk oder Gips nutzte man vor allem im nördlichen und nordwestlichen Teil des Subkontinents, in denen Backstein als wichtigstes Baumaterial dient. Aber auch in Südindien bestehen die oberen Stockwerke hoch aufragender Tempeltürme aus leichterem Mörtelmauerwerk. In Bengalen und Sindh kommt bis heute auch Lehm als Baustoff und Bindemittel zum Einsatz. In islamischer Zeit sorgten nach persischem Vorbild angefertigte schnell abbindende, zementartige Mörtelmischungen für die nötige Stabilität beim Bau großer Kraggewölbe und -kuppeln. Deckenkonstruktionen – in der indischen Architektur sind keine aufgesetzten Dachstühle nach europäischem Muster üblich – und Außenmauern wurden zudem mit Mörtel abgedichtet, um das Durchdringen von Wasser in der regenreichen Monsunzeit zu verhindern. Besonders bei Kuppeln verleiht die von außen aufgebrachte Mörtelschicht zusätzliche Festigkeit.
Die verbreitetsten einheimischen Bautechniken der vorislamischen Zeit waren die Steinschichtung und das Überkragen. Obwohl Gewölbe- und Kuppelbau bereits im Altertum bekannt waren, fanden sie erst durch islamische Baumeister weitreichende Verbreitung. Viele herausragende indo-islamische Bauwerke sind Kuppelbauten. Der Übergang von der rechteckigen Grundfläche zum Fußkreis der Kuppel wurde in vorislamischer Zeit noch durch Eckplatten und Kragkonstruktionen, später durch Trompen, Pendentifs und türkische Dreiecke gelöst. Gewölbeschlusssteine und amalakas (Schlusssteine auf Tempelturmspitzen) übernehmen neben rein statischen Aufgaben fast immer auch symbolische und/oder dekorative Funktionen.
Als Hilfskonstruktionen dienen bei Bauwerken aus Haustein steinerne oder eiserne Klammern und Anker, welche die großen Steinblöcke oder ganze Gebäudeteile zusammenhalten. Backsteinkonstruktionen werden durch mit Ringankern verbundene Holzbalken, häufig aus Teak, stabilisiert. In viele Gewölbe sind eiserne oder hölzerne Zuganker eingelassen, um die Schubwirkung des Gewölbes aufzuheben. Konstruktive Bauglieder (Träger, Unterzüge usw.) liegen häufig unter Putz. Äußerlich sichtbare Rippen haben daher meist keine statische Funktion; besonders in islamischen Bauwerken sind sie in der Regel reine Schmuckelemente aus Stuck.