Der Gelbe Günsel oder Acker-Günsel (Ajuga chamaepitys) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Günsel (Ajuga) innerhalb der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Die Art ist in vielen Unterarten von Westeuropa über den Mittelmeerraum bis Zentralasien verbreitet.
Beschreibung mini|links|Blütenstand mini|Illustration aus Flora Batava, Volume 18 mini|links|Zygomorphe Blüten mini|Klausen
Vegetative Merkmale Der Gelbe Günsel wächst als einjährige, seltener zweijährige oder ausdauernde krautige Pflanze und erreicht meist nur Wuchshöhen von 5 bis 15, selten bis zu 25 Zentimetern. Sie duftet aromatisch. Der oft niederliegende oder aufsteigende Stängel kann stark verästelt sein. Er kann aber bis zu 40 cm tief wurzeln.
Im Unterschied zu den meisten Lippenblütlern sind die gegenständigen, 1 bis 3 Zentimeter langen, behaarten Laubblätter des Gelben Günsels jeweils in drei lange, linealische, 1 bis 1,5 Millimeter breite Zipfel gespalten.
Generative Merkmale Die Blütezeit reicht von Mai bis September. Die sehr kurz gestielten Blüten stehen einzeln, manchmal auch zu zweit in den Blattachseln und bilden 1 bis 1,5 Zentimeter lange Scheinähren.
Die zwittrigen Blüten sind zygomorph und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Der Kelch ist röhrig-glockig, später kugelig und mehr oder weniger zottig und drüsig behaart. Die zitronengelbe, häufig rotbraun gezeichnete Krone mit sehr kleiner, zweizipfliger Oberlippe und wesentlich längerer Unterlippe erreicht meist 7 bis 15 Millimeter Länge. Die Unterlippe ist gerade vorgestreckt, vierlappig und bräunlich oder rötlich gezeichnet. Die Staubblätter ragen unter der Oberlippe etwas hervor. Nektardrüsen fehlen.
Die Klausen sind etwa 3 Millimeter lang und stark netzig-grubig.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 28.
Vorkommen Der Gelbe Günsel ist im südlicheren Europa, im Mittelmeerraum, Südwestasien und Nordwestafrika verbreitet. In Europa fehlt der Gelbe Günsel nur in Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Island, Irland, im Baltikum und in Belarus. In den Niederlanden ist der Gelbe Günsel ausgestorben.
In Deutschland, wo er als Archäophyt eingewandert ist, wächst er vorwiegend in Äckern oder kurzlebigen Unkrautfluren auf kalkhaltigen, leicht erwärmbaren Böden zwischen Main und Donau sowie in Thüringen und Sachsen-Anhalt.
Der Gelbe Günsel ist eine Charakterart des Verbands der Mohnäcker (Caucalidion lappulae), kann aber auch in Pflanzengesellschaften des Verbands Alysso-Sedion-albi vorkommen. Insgesamt ist der Gelbe Günsel aber stark rückläufig und in der Roten Liste der gefährdeten Arten Deutschlands, insbesondere als Folge intensiven Ackerbaus und erhöhten Stickstoffeintrages, in Klasse 3 („gefährdet“) eingestuft. Im Mittelmeerraum ist er hingegen ungefährdet. Er steigt im Kanton Wallis bis in eine Höhenlage von etwa 1600 Meter auf.
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 2 (mäßig trocken), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 5 (basisch), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 2 (nährstoffarm), Kontinentalitätszahl K = 4 (subkontinental).
mini|Ajuga chamaepitys subsp. chia mini|Ajuga chamaepitys subsp. palaestina mini| mini| mini|
Systematik Der Gelbe Günsel wurde lateinisch im Mittelalter auch Iva arthetica genanntVgl. etwa Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon .Vgl. auch Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 144. Diese Bezeichnungen konnten im Süden auch den Mittelmeer-Günsel (Ajuga iva) meinen.Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 166. Der Gelbe Günsel wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum unter dem Basionym Teucrium chamaepitys erstveröffentlicht. 1773 stellte Johann Christian von Schreber diese Art als Ajuga chamaepitys in Plantarum Verticillatarum Unilabiatarum genera et species Seite XXIIII (24) in die Gattung Ajuga.
Unterarten Besonders im Osten des Verbreitungsgebietes ist der Gelbe Günsel sehr formenreich. Je nach Autor gibt es etwa 14 Unterarten: Ajuga chamaepitys subsp. chamaepitys: Heimat: West- und Zentraleuropa, Italien einschließlich Sizilien, Nordwest-Afrika. Ajuga chamaepitys subsp. chia (Syn.: Ajuga chia ): Heimat: Südosteuropa und Osteuropa und nördlich bis etwa 53° im östlichen Russland und östlich bis zum nordwestlichen und westlichen Iran. Das Epitheton "chia" bedeutet "von der Insel Chios". Ajuga chamaepitys subsp. cuneatifolia (Syn.: Ajuga cuneatifolia ): Heimat: westliche, südliche und südöstliche Türkei, nördlicher Irak. Ajuga chamaepitys subsp. cypria : Heimat: nördliches Zypern, südwestliche Türkei. Ajuga chamaepitys subsp. euphratica : Heimat: Östliche Türkei. Ajuga chamaepitys subsp. glareosa : Heimat: Anatolien, Libanon. Ajuga chamaepitys subsp. laevigata (Syn.: Ajuga laevigata ): Heimat: Östliche und südöstliche Türkei, Libanon, Syrien, Palästina, nördlicher Irak. Ajuga chamaepitys subsp. libanotica : Heimat: Libanon. Ajuga chamaepitys subsp. mardinensis : Heimat: südöstliche Türkei, Irak. Ajuga chamaepitys subsp. mesogitana (Syn.: Ajuga mesogitana ): Heimat: Anatolien, Libanon. Ajuga chamaepitys subsp. palaestina (Syn.: Ajuga palaestina ): Heimat: Ostägäische Inseln, Anatolien, Zypern, Libanon, Syrien, Israel/Jordanien. Ajuga chamaepitys subsp. rechingeri (Syn.: Ajuga rechingeri ): Heimat: Östliche Türkei, Syrien. Ajuga chamaepitys subsp. suffrutescens , Heimat: Südliches Spanien, Tunesien, vielleicht auch Algerien. Ajuga chamaepitys subsp. tridactylites (Syn.: Ajuga tridactylites ): Kommt im Sinai, in Saudi-Arabien, Jordanien, Irak und Iran vor.
Trivialnamen Weitere Bezeichnungen für den Gelben Günsel (in lateinischen Texten oft camaepitheos oder mittellateinisch camepitheos bzw.Vgl. etwa Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 138. chamaepitys – Bezeichnungen, die im Süden auch für den Mittelmeer-Günsel standen)Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 166 (dort auch „Camepitis“, „hamepitheos“ und „hamasitheos“ sowie „Quercula minor“). sind oder waren, zum Teil auch nur regional: Ackergamander, Birnskün, schwarz Cipres, Erdkyfer, Erdpin, Erdweihrauch, Feldzypresse, großer Gamander, klein Gamander (althochdeutsch), klein Gamanderlein (althochdeutsch), Gehtwurz (althochdeutsch), Gihtwurz (althochdeutsch), Gichtwurz (mittelhochdeutsch), Gichwurz (mittelhochdeutsch), Gichtword (mittelniederdeutsch), Gitword (mittelniederdeutsch), Horhave (althochdeutsch), Karse, klein Loig, Romischer Kole, Romes, Romesch, Rumesch, Schlafkräutlein, Schlafkraut, Schlagkräutlein, Schlagkraut, Wittkrud, Zeitheid und Zeitkraut sowie Jelängerjelieber und Gundram.Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 166 („Camepitheos – yelengeryelieber, […] gundram“).
Nutzung als Heilpflanze Ein Aufguss der oberirdischen Pflanzenteile soll harntreibend wirken. Aufgrund ihrer stimulierenden Wirkung wurde die Pflanze zur Behandlung von Schlaganfällen eingesetzt, was sich auch in ihren Trivialnamen „Schlagkraut“ oder „Schlagkrautgamander“ ausdrückt. Die Art war schon im Altertum als Mittel bei Schlangen- oder Skorpionsstichen, als schweißtreibendes Mittel und gegen manch andere Leiden im Gebrauch.
Literatur
Martin Hanf: Farbatlas Feldflora. Eugen Ulmer, Stuttgart 1990, ISBN 3-8001-4074-8. Andreas Kleinsteuber, Thomas Breunig (Mitarb.): Lamiaceae, Labiatae. In:
Einzelnachweise Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, S. 13, eingescannt. Carl von Linné: Species Plantarum. Band 2, Lars Salvius, Stockholm 1753, S. 562 (). P. H. Davis: Ajuga. In: Peter Hadland Davis (Hrsg.): Materials for a Flora of Turkey. XXVII. Labiatae, Plumbaginaceae, Plantaginaceae. In: Notes from the Royal Botanic Garden Edinburgh. Band 38, Nr. 1, S. 23–32 . Johann Christian von Schreber: Plantarum Verticillatarum Unilabiatarum genera et species. Sigfr. Leb. Crusius, Leipzig 1773, S. 24 eingescannt.
Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa. 1. Auflage, unveränderter Textnachdruck Band V, Teil 4. Verlag Carl Hanser, München 1964. S. 2539–2541.
Weblinks
Ajuga chamaepitys bei Botanik im Bild – Flora von Österreich. Angaben bei gartendatenbank.de Datenblatt bei Flora Vascular. Thomas Meyer: Datenblatt mit Bestimmungsschlüssel und Fotos bei Flora-de: Flora von Deutschland (alter Name der Webseite: Blumen in Schwaben).
Kategorie:Lippenblütler