Der Große Brand Roms war der größte aller Stadtbrände von Rom in antiker Zeit. Er ereignete sich vom 19. bis 26. Juli 64 zur Regierungszeit des Kaisers Nero. Nach einer Angabe von TacitusTacitus, Annalen 15, 40. wurden von den 14 Stadtbezirken Roms drei völlig zerstört, in sieben Bezirken standen von den Gebäuden nur noch wenige halbverbrannte Trümmer und nur vier Bezirke seien unversehrt geblieben. mini|Großer Brand Roms (Hubert Robert)

Die Quellenlage Die zeitgenössischen Quellen zum Brand sind spärlich. Dies könnte verschiedene Gründe haben. Ein so großes Unglück stellte einerseits sicher eine Art Tabu dar. Andere betonen, dass man sich durch klare Stellungnahmen in Gefahr gebracht hätte.„Es ist auffallend, dass Seneca diesen Brand der Hauptstadt des Imperiums nirgends ausdrücklich erwähnt. Von den Gründen für dieses Schweigen, die Grimal, l. c., S. 167, andeutet, ist am überzeugendsten die Überlegung, dass die geringste Anspielung auf die Katastrophe, an der die öffentliche Meinung Nero die Schuld gegeben habe, erhebliche Gefahren mit sich gebracht hätte.’ (so auch Préchac, Bd. 4, S. 47, Anm. 2).“ (Franz Loretto (Stuttgart, 1996) 93, Anm. 16 zu Brief 91). Senecas Vorsicht war nur zu berechtigt: Kurz nach dem Brand Roms entging er angeblich einem Giftanschlag Neros (Tacitus, Annalen 15, 45).

Seneca († 65) übergeht den Brand in seinen zeitgleich geschriebenen Epistulae morales praktisch völlig, dafür lässt er sich im August 64 ausführlich über einen verheerenden Stadtbrand in Lugdunum aus.Seneca, epistulae 91. In dem nur kurz darauf (Mitte August 64) geschriebenen Brief 94 findet sich immerhin, wie nebenbei hingestreut, die aufschlussreiche Anmerkung: „Viele lassen sich finden, die Städte in Brand stecken, die das, was jahrhundertelang uneinnehmbar und durch etliche Generationen gesichert war, dem Erdboden gleichmachen […].“Multi inveniuntur qui ignem inferant urbibus, qui inexpugnabilia saeculis et per aliquot aetates tuta prosternant […]. (Seneca, epistulae 94, 61; deutsche Übersetzung Fr. Loretto 1996). Es scheint also, dass Seneca, nur wenige Wochen nach dem Feuer, der Hypothese Brandstiftung zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit zubilligte.Das allgemeine Erwähnen von Brandstiftern unter Fortlassen des Namens findet sich auch bei Cassius Dio (62, 18, 3): „Kein Fluch aber lässt sich ausdenken, den die Bevölkerung damals nicht gegen Nero geschleudert hätte, wobei sie freilich seinen Namen nicht nannte, sondern nur allgemein die Menschen verwünschte, welche die Stadt angezündet hatten.“ (deutsche Übersetzung Otto Veh, Zürich u. München 1987).

Senecas Neffe Lucan schrieb kurz nach dem Brand De incendio urbis („Von der Brandstiftung der Stadt [Rom]“ oder „Von der Feuersbrunst der Stadt“).Vacca, Vita Lucani. Von diesem wohl in Prosa geschriebenen Werk ist nur der Titel selbst erhalten. Manche Forscher sehen in dieser Schrift den eigentlichen Anlass für das Veröffentlichungsverbot, das Nero Lucan erteilte.So z. B. Frederick M. Ahl: Lucan. An Introduction. Ithaca, London 1976, S. 341f. Zur Unterdrückung von Lucans Gedichten siehe schon Tacitus, Annalen 15, 49. Lucan starb im April 65 als Teilnehmer der Pisonischen Verschwörung.

Als im April 65 der Tribun Subrius Flavus ebenfalls wegen Teilnahme an der Pisonischen Verschwörung verhaftet wurde, soll er gemäß Tacitus bei seiner Vernehmung Nero die Brandstiftung vorgeworfen haben: „Zu hassen begann ich dich, seitdem du Mörder deiner Mutter und Gemahlin, Wagenlenker, Schauspieler und Brandstifter wurdest.“odisse coepi, postquam parricida matris et uxoris, auriga et histrio et incendiarius extitisti. (Tacitus, Annalen 15, 67; deutsche Übersetzung W. Bötticher/A. Schaefer). „Subrius Flavus was not a man to act on popular rumor. He had spent much of his life at or near the emperor’s side, and he was actually, with Nero, when Rome was burning. The accusation of Subrius Flavus might be explained away by those who would prefer Nero’s innocence, as just the sort of thing that a conspirator would say, but it still looks very much like a lone fact in a debate based on opinions about probabilities. Guilty or not, it assures us that the accusation against Nero was contemporary and not posthumous.“ (Edward Champlin: Nero (Cambridge, 2003) 186).

Der Erste Petrusbrief (April 65?J. A. T. Robinson: Wann entstand das Neue Testament? Wuppertal (1996), S. 149–179. oder 90–95?W. G. Kümmel: Einführung in das Neue Testament.), geschrieben vermutlich in Rom, berichtet von übler Nachrede gegen die Christen,. der Forderung von Rechenschaft. und von der Prüfung durch das Feuer;; vgl. . er ruft zum Gehorsam gegen die weltliche Obrigkeit. und gesetzestreuem und züchtigem Handelnff.; ; . sowie zum Bekenntnis „des Namens“ [Christi] auf.. Wenn dieser Brief in die Nerozeit gehört, was aber umstritten ist, sollte er in der Zeit zwischen dem Brand und der eigentlichen Verfolgung verfasst worden sein.J. A. T. Robinson: Wann entstand das Neue Testament? Wuppertal (1996), S. 149–179.

Der Dichter des Dramas Octavia (Seneca zugeschrieben, jedoch aus flavischer Zeit, 69–96)Christine Walde: Octavia, in: Kindlers Neues Literatur Lexikon, Bd. 19 (1988) 186. gibt Nero die Schuld am Brand.mox tecta flammis concidant urbis meis, / ignes ruinae noxium populum premant / turpisque egestas, saeva cum luctu fames. (Pseudo-Seneca Octavia 831–833).

Auch für den Naturforscher Plinius den Älteren († 79) steht es fest, dass Nero die Stadt angezündet hat, spricht er doch ganz unverblümt davon, dass der Kaiser mit dem Anzünden der Stadt sogar die Bäume habe sterben lassen.haec fuere lotoe patula ramorum opacitate lascivae, Caecina Largo e proceribus crebro iuventa nostra eas in domo sua ostentante, duraveruntque — quoniam et de longissimo aevo arborum diximus — ad Neronis principis incendia cultu virides iuvenesque, ni princeps ille adcelerasset etiam arborum mortem. (Plinius der Ältere, Naturalis historia 17, 5).

Nach einer Inschrift aus der Zeit Domitians soll das Feuer neun Tage gewütet haben., Z. 10–11: quando urbs per novem dies arsit Neronianis temporibus.

Der Dichter Statius († um 96) spielt in seinem Geburtstagsgedicht zum Gedenken an Lucan († 65) (Genethliacon Lucani ad Pollam) ebenfalls kurz auf die Brandstiftung Neros an,Statius, silvae 2, 7, 60f.: dices culminibus Remi vagantis / infandos domini nocentis ignes. was als Zustimmung zur Meinung Lucans gewertet werden kann.Frederick M. Ahl: Lucan. An Introduction. Ithaca, London 1976, S. 342: “This suggests not only that Lucan accused Nero of setting fire to Rome but also that Statius agreed with him”.

Der Bischof Clemens von Rom († 97?) berichtet in seinem Brief an die Korinther von den Verurteilungen der Christen bzw. den ihnen auferlegten Strafen und Hinrichtungsarten, schreibt aber kein Wort über den Brand und erwähnt nicht, wann, wo und auf wessen Veranlassung sich diese Ereignisse zugetragen haben sollen.Alexander Bätz: Nero. Wahnsinn und Wirklichkeit. Rowohlt, Hamburg 2023, S. 354

Hauptquelle für den genauen Ablauf der Ereignisse ist Tacitus († nach 116), der den Brand (oder Berichte darüber) als etwa zehnjähriger Knabe miterlebt haben könnte und der ihn in seinen AnnalenTacitus, Annalen 15, 38–45. ausführlich schildert.Die Hauptquelle des Tacitus für die neronische Zeit ist vermutlich der zeitgenössische Historiker Cluvius Rufus, siehe Theodor Mommsen: Cornelius Tacitus und Cluvius Rufus. In: Hermes 4 (1870), S. 295–325; vgl. auch D. Wardle: Cluvius Rufus and Suetonius. In: Hermes 120 (1992), S. 466–482.

Der Satiriker Juvenal († nach 127) nennt den Brand Roms zwar nicht direkt, aber er spielt deutlich genug auf Nero als Brandstifter an. In der achten Satire behandelt er die Schandtaten Neros,Iuv. 8, 211ff. die für ihn in Neros Gesang (!) über Orest und im Lied vom Untergang Trojas gipfeln.in scena numquam cantavit Orestes, / Troica non scripsit. quid enim Verginius armis / debuit ulcisci magis aut cum Vindice Galba, / quod Nero tam saeva crudaque tyrannide fecit? (Iuv. 8, 220–223). Diese beiden Lieder stehen natürlich nur sinnbildlich für Muttermord und Brandstiftung.Kurz darauf spielt Iuvenal auf den Brand von 390 v. Chr. und die tunica molesta (das Brandkleid) an, das „unbequeme Hemd“ aus Pech und Harz, in dem Mordbrenner zur Strafe angezündet wurden: quid, Catilina, tuis natalibus atque Cethegi / inveniet quisquam sublimius? arma tamen vos / nocturna et flammas domibus templisque paratis, / ut bracatorum pueri Senonumque minores, / ausi quod liceat tunica punire molesta. / sed vigilat consul vexillaque vestra coercet. (Iuv. 8, 231–236) Juvenal kennt auch Neros berüchtigte Menschenfackeln: „Nimm Dir einen Tigellinus vor [als Gegenstand Deiner Wahrheitsliebe], und du wirst als lebende Fackel auf dem Scheiterhaufen stehen, lichterloh brennend wie die, die man mit der Gurgel am Pfahl festhakt, und einen breiten Streifen wirst du im Sand [der Arena] hinterlassen.“pone Tigillinum, taeda lucebis in illa / qua stantes ardent qui fixo gutture fumant, / et latum media sulcum deducit harena. (Iuv. 1, 155–157; deutsche Übersetzung Harry C. Schnur (Stuttgart, 1969)). Demnach dürfte der berüchtigte Prätorianerpräfekt Tigellinus auch für die Ausgestaltung dieser „Festlichkeit“ Neros verantwortlich gewesen sein.vgl. Tacitus Annalen 15, 37.

Sueton († um 130/140) behandelt in seiner Nero-Vita (Kap. 38 u. 16) im Prinzip dieselben Gegenstände wie Tacitus, nur geht er im Gegensatz zu diesem nicht chronologisch, sondern thematisch vor und teilt Neros Taten in gute und schlechte auf.Sueton: Nero 19, 1. In Kapitel 38 berichtet er über die Brandstiftung Neros,vgl. Tacitus, Annalen 15, 38. den Trojagesang,vgl. Tacitus Annalen 15, 39. die Schuttbeseitigungvgl. Tacitus Annalen 15, 43. und die Ausplünderung der Provinzen.vgl. Tacitus Annalen 15, 45. Die Themen Wiederaufbau und Christenverfolgung, die bei Tacitus chronologisch eingeordnet sind, fehlen hier, denn Sueton hatte hierüber bereits 22 Kapitel zuvor berichtet, als er die positiven Taten Neros erwähnte.Sueton: Nero 16.

In den apokryphen Paulusakten (wohl um 185/195)W. Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen Bd. 2 (1997), S. 214. wird von einem Edikt Neros gegen die Christen,Vgl. Sueton Nero 16,3. ihrer Verbrennung (!) und dem Protest der Römer gegen die WillkürVgl. Tacitus, Annalen 15, 44: „Daher wurden […] Mitleiden rege, als würden sie nicht dem allgemeinen Besten, sondern der Mordlust eines einzigen geopfert.“ berichtet.Paulus, kurz vor seiner Hinrichtung, warnt Nero vor dem Weltenbrand: „Denn nicht der Reichtum oder das, was in diesem Leben glänzt, wird dich retten, sondern wenn du dich ihm unterwirfst und ihn bittest, wirst du gerettet werden. Denn er wird an einem Tage die Welt im Feuer vernichten. Als aber der Kaiser das gehört hatte, gab er den Befehl, alle Gefangenen mit Feuer zu verbrennen.“ (Acta Pauli 11.2f; deutsche Übersetzung W. Schneemelcher, in ders. Bd. 2, 238f.) „Er aber ließ sie gefangensetzen, nachdem er sie schrecklich gefoltert hatte […] und gab Befehl, die Soldaten des großen Königs zu suchen und erließ ein Edikt des Inhalts, dass alle, die als Christen und Soldaten Christi ausfindig gemacht würden, hingerichtet werden sollten.“ (Acta Pauli 11.2). „In Rom war also Nero auf Betreiben des Bösen (am Wüten), indem viele Christen ohne Urteil hingerichtet wurden, so daß die Römer sich bei dem Palast aufstellten und schrien: ‚Es ist genug, Kaiser! Diese Menschen gehören ja auch zu uns; du vernichtest die Kraft der Römer!’ Da machte er ein Ende (der Verfolgung), woraufhin niemand von den Christen angerührt werden sollte, bis er selbst ihren Fall untersucht habe.“ (Acta Pauli 11.3).