alternativtext=KNDS Besuchereingang in München-Allach|mini|KNDS Besuchereingang in München-Allach Die Rüstungsindustrie – in Deutschland auch offiziell Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) genannt – ist ein spezieller Wirtschaftszweig. Er besteht aus Instituten, Organisationen und Unternehmen (Rüstungsunternehmen), die militärische Erzeugnisse, Ausrüstung und Wehrmaterial für Streitkräfte herstellen. Rüstung soll die Streitkräfte zur Verteidigung bzw. Kriegsführung befähigen oder das militärische Potenzial eines Staats verstärken. Für die wirtschaftlichen Zusammenhänge in dieser speziellen Industrie, siehe die Rüstungswirtschaft oder Militärökonomie.
Diese Industrie besteht aus expliziten Unternehmen, die als Komponenten- oder Systemhersteller im Sinne von Zulieferern agieren, sowie aus vollintegrierten Unternehmen, die auch andere Branchen bedienen. Beispiele sind Erstausrüster der Luftfahrtindustrie wie Boeing oder Airbus.
Weitere bekanntgewordenen Bezeichnungen sind Wehrtechnikindustrie (kurz: Wehrindustrie) oder Heeresindustrie und im Ausland die , .
Struktur, Produkte und Märkte Die Rüstungsindustrie umfasst im Kern die Entwicklung und Herstellung von konventionellen militärischen Geräten, Produkten, Systemen oder Anlagen (Infrastruktur) im Rahmen der Wehrtechnik. Dies umfasst eine Vielzahl mobiler und/oder stationärer Waffen, Waffensysteme sowie Munition zur staatlichen Sicherheit und zur Landesverteidigung für die Domänen Land, See, Luft, Weltraum und Cyberspace. Ebenfalls finden in Zusammenarbeit mit militärischen Einrichtungen spezialisierte Forschung und Entwicklung statt.
Ein Teil der speziellen Technologie aus dieser Industrie findet sich jedoch auch in der Zivil- bzw. Privatwirtschaft wieder, beispielsweise in Form von Kommunikationstechnik, Sicherheitstechnik, Überwachungstechnik, Schutzausrüstung und vielem mehr. Wenn Rüstungsgüter für zivile und militärische Zwecke ausgelegt sind, spricht man auch von einer „Dual-Use“ („Doppelnutzung“), wobei auch zivile Unternehmen mitunter Technologie für militärische Zwecke bereitstellen.
Zu den bekannten Messen zählen die Defence & Security Equipment International (DSEI) und Eurosatory, aber auch bei den Luft- und Raumfahrtausstellungen der Luftfahrtindustrie wie die Paris Air Show und die Farnborough International Airshow. In den USA ist eine der größten Messen die AUSA Annual Meeting & Exposition der Association of the United States Army (AUSA).
Wird die Beschaffung verstärkt umgesetzt, spricht man von Aufrüstung; das Gegenteil ist Abrüstung. Rüstung unterliegt oft Rüstungs- und Exportkontrollen. Der internationale Handel mit Waffen wird als Waffenexport bezeichnet. Die Rüstungsdynamik beschreibt die Wechselwirkungen dieser Prozesse. Aufgrund der engen Verflechtung mit staatlicher Sicherheitspolitik spricht man häufig vom militärisch-industriellen Komplex (MIK).
Beschaffung und Bereitstellung von Rüstungsgütern mini|Einblick in den Scranton Army Ammunition Plant (SCAAP), eine Fabrik der US-Armee für Artilleriegeschosse in Scranton. Die Produktion wurde 2024 vom Präsidenten der Ukraine Wolodymyr Selenskyj besucht.
Rüstungsgüter werden hergestellt, um die Landesverteidigung und nationale Sicherheit zu gewährleisten.
Beschaffung in Deutschland
In Deutschland besteht seit der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland und dem Erlangen ihrer Souveränität im Jahr 1955 ein partnerschaftliches Modell zwischen Staat und Industrie, da die Beschaffung der Ausrüstung durch eine entsprechende Politik erfolgt.
Die Beschaffung ist die Grundlage des Rüstungswesen und der Auftrag zur Rüstung ergibt sich aus dem Grundgesetz (GG) im Kapitel VIII. Die Ausführung der Bundesgesetze und die Bundesverwaltung, dort:
und weiter:
Die Beschaffung von Rüstung (Ausrüstung und Wehrmaterial) erfolgte in Deutschland ehemals über das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung, heute das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw). Die Finanzierung der Streitkräfte erfolgt über den Bundeshaushalt, vgl. auch Einzelplan 14, auch bekannt als Verteidigungshaushalt. Die Einnahmen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Der Verteidigungsetat wird hingegen fast vollständig aus Steuermitteln finanziert. Einzelne Rüstungsunternehmen sind allerdings auch börsennotiert.
Beschaffung in der Schweiz
Beschaffung in den USA In den Vereinigten Staaten ist das United States Army Materiel Command (AMC) für die Beschaffung zuständig.
Internationale Beschaffung Die Beschaffung findet jedoch nicht nur auf nationaler Ebene, sondern weltweit statt. In diesem Kontext sei das US-amerikanische Rüstungsgüterprogramm Foreign Military Sales (FMS) erwähnt. Für die verlängerte nukleare Abschreckung der NATO wird beispielsweise von Deutschland bzw. der Bundeswehr der F-35-Kampfjet beschafft, der als ein wichtiges technisches Element des transatlantischen Bündnisses und darüber hinaus gilt. Die USA verkaufen den Mehrzweckkampfjet der fünften Generation beispielsweise auch zu Sicherheitszwecken an seine Partner wie Saudi-Arabien. Hintergrund sind die langjährigen Handelsbeziehungen der beiden Länder. Ein anderes Beispiel sind deutsche U-Boote der Dolphin-Klasse, die beispielsweise an Israel geliefert wurden, sowie die Bestellung von deutschen U-Booten durch Kanada im Zuge einer sich rapide verändernden geopolitischen Ordnung. Hintergrund sind die andauernden Krisen des Russisch-Ukrainischen Kriegs, des Irankriegs 2026 und der Wirtschafts- und Außenpolitik der Regierung Trump II sowie der Handelsstreit zwischen Kanada und den USA.
Rüstungsgüter Im Folgenden werden einige Rüstungsgüter der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) aufgezählt. +Kategorien von RüstungsgüternKernrüstungsgüterErweiterte RüstungsgüterGüter für Interdiktion und Wirkung: Waffen- und Trägersysteme, Waffen und MunitionGüter für Prävention und Einsatzmanagement: Einsatzbereitschaft (z. B. Analysesoftware) Einsatzmobilität (z. B. Boote der Küstenwache) Überwachung, Aufklärung, Alarmierung (z. B. Videoüberwachung) Schutz (z. B. Körperschutz vor Feuer) Führung, Kontrolle, Kommunikation (z. B. Navigationstechnik) Schadensminimierung (z. B. Überschwemmungsbekämpfung) Produziert werden Rüstungsgüter (im Auftrag der Bundesregierung) von etlichen privatwirtschaftlichen Unternehmen. Es lassen sich keine vollständigen Zahlen und Namen von Firmen finden, die erkennen lassen, wer alles zur deutschen Rüstungsindustrie gehört.
Atomare Rüstung Die „nukleare“ Rüstungsindustrie, auch umgangssprachlich Kernwaffenkomplex genannt, verantwortlich für Entwicklung, Herstellung und Entsorgung strategischer Waffen, besteht zu großen Teilen aus separaten Institutionen und Organisationen eines jeweiligen Kernwaffenstaates bzw. eines Landes im Besitz von Atomwaffen, unter der Leitung einer Dachorganisation, z. B. der National Nuclear Security Administration (NNSA) in den USA oder Rosatom in Russland.
Rüstungsmarkt mini|Besuch des israelischen Präsidenten Isaac Herzog mit Führungskräften des in Nordisrael ansässigen Rüstungsunternehmens Rafael Advanced Defense Systems. Ihm wurden verschiedene Waffensysteme gezeigt, darunter Iron Dome. (2022)
„Der Markt für Rüstungsgüter unterscheidet sich von anderen Märkten vor allem dadurch, daß in den meisten Industrieländern der Staat Monopsonist auf diesem Markt ist; allenfalls kommt es vor, daß ausländische Nachfrager – meist wiederum Regierungen – zugelassen sind.“
Nachfrager Um die Nachfrageseite der Rüstungsindustrie zu betrachten, muss zwischen dem deutschen Staat und den „restlichen“ Nachfragern unterschieden werden. Dabei schließen sich die Bezeichnungen Monopson, also Nachfrage-Monopol und ein Auftreten auf dem Weltmarkt nicht zwingend aus. Denn durch das Kriegswaffenkontrollgesetz könnte die Öffentliche Hand generell als alleiniger Nachfrager am Markt auftreten, da dieses vorgibt, welche Rüstungsgüter hergestellt, befördert und in Verkehr gebracht werden dürfen. Dennoch hat auch der Staat ein Interesse daran, dass diese Güter – unter bestimmten Voraussetzungen – weltweit verkauft werden. Es besteht demnach eine gegenseitige Abhängigkeit. Beispielsweise durch die Sicherung mehrerer zehntausend Arbeitsplätze, das Erhalten von Know-how bei der Entwicklung und Produktion und den Verkauf jener Güter.
Anbieter Alle Unternehmen die Rüstungsgüter produzieren, sind marktwirtschaftlich organisiert. Trotzdem muss die Angebotsseite des Rüstungsmarktes mit einigen Besonderheiten leben. Je nachdem, wie diversifiziert die Produktpalette des Unternehmens ist, sind diese mehr oder weniger vom Staat abhängig – da nur dieser einen Auftrag über Rüstungsgüter ausschreiben darf (siehe: Bereitstellung von Rüstungsgüter). Stellt ein Unternehmen ausschließlich Rüstungsgüter für den militärischen Einsatz her, so ist die Auftragslage des Unternehmens stark abhängig von der jeweiligen Regierung; ob diese viel oder wenig Steuergeld für Rüstungsgüter ausgeben möchte.
Regulierung Es gibt Gesetze und Regularien, die klar definieren, in welchem Handlungsfeld sich die Rüstungsindustrie bewegen darf. So besagt das Kriegswaffenkontrollgesetz, dass bestimmte Waffen nur mit Genehmigung der Bundesregierung hergestellt, befördert und in den Verkehr gebracht werden dürfen.Ausführungsgesetz zu Artikel 26 Abs. 2 des Grundgesetzes. Außerdem gibt es seitens der Regierung Maßnahmen um Korruption zu verhindern, deutsche Rüstungsexporte zu regulieren oder zur Kontrolle, falls ehemalige Beamte in die Rüstungsindustrie wechseln möchten.
Geschichte
Deutschland
mini|Herstellung von Panzerfahrzeugen bei Rheinmetall für die NS-KriegsrüstungDie Rüstungsindustrie entwickelte sich im Laufe der Industrialisierung in Westeuropa im 19. Jahrhundert stetig weiter. Am Anfang standen einzelne Betriebe, traditionell meist in staatlicher Regie, die Feuerwaffen produzierten. Allmählich entwickelten sich große und sehr vielseitige private Großbetriebe wie zum Beispiel Rheinmetall und Krupp in Deutschland, Schneider in Frankreich, Škoda in Österreich-Ungarn, Bethlehem Steel in den Vereinigten Staaten. Neben der Produktion von Handfeuerwaffen gewann die Herstellung von Geschützmaterial immer mehr an Bedeutung.
Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zeigte sich die Bedeutung moderner Waffen: Die stählernen Hinterlader-Geschütze von Alfred Krupp erwiesen sich als ausschlaggebende Artillerie. Sie konnten über 4 km weit schießen (mehr als das Doppelte der bis dahin möglichen Reichweite). Das damals neueste dieser Geschütze hieß C/64/67; es hatte zahlreiche Vorteile. Speziell bei der Schlacht bei Sedan zeigte sich, dass eine hohe Kadenz (bis zu zehn Schuss pro Minute) zusammen mit einer großen Reichweite bei guter Trefferleistung eine verheerende Wirkung erzeugte. Die Franzosen hatten Vorteile bei Reichweite und Kadenz mit dem neuen Chassepot-Gewehr und dem Mitrailleuse-Maschinengewehr. Ersteres war dem preußischen Hinterlader-Zündnadelgewehr überlegen.
Die Erfindung und Weiterentwicklung der Brisanzgranate um 1890 brachte große Umwälzungen in der Kriegsführung:
Klassische Festungsanlagen mit Wällen aus Mauerwerk und Erde konnten den neuen Granaten nicht widerstehen. Die Forts (teilweise erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut, z. B. die französische Barrière de fer) wurden aufgrund dieser Brisanzgranatenkrise teils mit Beton verstärkt; sie verloren ihre Bedeutung spätestens gegen Ende des Ersten Weltkriegs praktisch vollständig. So hatte beispielsweise die französische Festung Maubeuge bereits einen Monat nach Kriegsbeginn kapitulieren müssen, nachdem sie während einer zweiwöchigen Belagerung von der deutschen Artillerie mit Brisanzgranaten zusammengeschossen worden war. Brisanzgranaten konnten auf kurze bis mittlere Gefechtsentfernungen an den ungepanzerten Teilen von Kriegsschiffen große Zerstörungen erzielen.