Eine Handtransplantation ist eine Operation zur Übertragung einer oder beider Hände von einem toten auf einen lebenden Menschen. Es handelt sich dabei konkret um eine Composite Tissue Allotransplantation – die Übertragung eines körperfremden Teils, welches aus verschiedenen Geweben zusammengesetzt ist. Der Unterschied zur Armtransplantation besteht darin, dass bei der Armtransplantation der Stumpf des Empfängerarmes über dem Ellenbogen liegt und deshalb mehr Gewebe transplantiert wird. Meist wird solch eine strenge Unterscheidung jedoch nicht vorgenommen.Brian Gander, Charles S. Brown, Dalibor Vasilic, Allen Furr, Joseph C. Banis Jr, Michael Cunningham, Osborne Wiggins, Claudio Maldonado, Iain Whitaker, Gustavo Perez-Abadia, Johannes M. Frank, John H. Barker: Composite tissue allotransplantation of the hand and face: a new frontier in transplant and reconstructive surgery, 18. August 2006, In: Transplant International. November 2006. doi:10.1111/j.1432-2277.2006.00371.x
Eine Besonderheit der Handtransplantation im Vergleich zu anderen Transplantationsformen, wie etwa einer Nierentransplantation, ist, dass sie keine lebenserhaltende Maßnahme darstellt. Ihr primärer Zweck ist es, die verloren gegangene Funktionalität beim Patienten wiederherzustellen. Einerseits kann sie deshalb für Betroffene mit einer traumatisch bedingten Amputation der Hände oder Unterarme eine echte Perspektive bieten. Andererseits steht sie jedoch in der Kritik: Sie macht eine lebenslange Einnahme von Immunsuppressiva (Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken und dabei eine Vielzahl von Nebenwirkungen aufweisen) erforderlich, obgleich die Maßnahme nicht von vitaler Notwendigkeit ist. Deswegen wird eine Handtransplantation nur bei wenigen, nach strengen Kriterien ausgewählten Patienten angewandt.Esther Vögelin: Handtransplantation – Fiktion oder Realität? In: Therapeutische Umschau, Verlag Hans Huber, Bern 2011, doi:10.1024/0040-5930/a000237
Geschichte der Handtransplantationen Bereits um 1900 gelangen dem französischen Chirurg Alexis Carrel erste Verpflanzungen von Gliedmaßen an Hunden. Allerdings stieß er auf massive Probleme mit der Abstoßung des fremden Gewebes und alle Tiere starben. Unterstützt durch die Entwicklung von Immunsuppressiva wurde die erste Transplantation einer menschlichen Hand unter Verwendung von Azathioprin und Steroiden 1964 in Ecuador durchgeführt. Bereits nach zwei Wochen jedoch erfolgte deren Abstoßung, und sie musste wieder abgenommen werden.Stefan Schneeberger, Luis Landin, Jerzy Jableki, Peter Butler, Christoph Hoehnke, Gerald Brandacher, Emmanuel Morelon and for the ESOT CTA Working Group: Achiements and challenges in composite tissue allotransplantation. In: Transplant International. Band 24, Nr. 8, August 2011. doi:10.1111/j.1432-2277.2011.01261.x In den 1980er und 1990er Jahren wurden zwar wirksamere Immunsuppressiva, wie Ciclosporin, entwickelt, jedoch ließen auch diese noch keine Handtransplantation zu. 1997 erschienen Berichte über eine erfolgreich verhinderte Abstoßungsreaktion bei einer Composite Tissue Allograft durch eine kombinierte Therapie aus den Arzneistoffen Tacrolimus, Mycophenolat-Mofetil (MMF) und Prednison.
Diese ebneten schließlich den Weg zur ersten, kurzzeitig erfolgreichen Handtransplantation: Dem Neuseeländer Clint Hallam wurde am 23. September 1998 im französischen Lyon eine neue rechte Hand verpflanzt. Hallam allerdings litt körperlich und seelisch unter seiner neuen Gliedmaße. Er kämpfte mit den Nebenwirkungen der Medikamente und empfand das Transplantat als Fremdkörper. Zudem vernachlässigte er sein Physiotherapieprogramm und verweigerte schließlich auch die Medikamenteneinnahme. Dies führte zu Abstoßungsreaktionen der Hand, die schließlich auf seinen Wunsch am 2. Februar 2001 wieder entfernt wurde.Transplanted Hand Amputated. In: The New York Times. 4. Februar 2001, abgerufen am 27. Juli 2015.Lawrence K. Altman: THE DOCTOR’S WORLD; A Short, Speckled History of a Transplanted Hand. In: The New York Times. 27. Februar 2001, abgerufen am 27. Juli 2015.
Die erste Handtransplantation mit anhaltendem Erfolg trotz Einschränkungen der Fingerbeweglichkeit wurde am 24. Januar 1999 von Ärzten der Universität von Louisville in Kooperation mit dem „Kleinert, Kutz and Associates Hand Care Center“ und dem „Jewish Hospital & St. Mary’s HealthCare“ in Louisville (Kentucky) durchgeführt.Volker Stollorz in einem Interview mit Matthew Scott: Jetzt gehört sie eben mir. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 3. August 2008, abgerufen am 27. Juli 2015. Der Patient hatte im Alter von 24 Jahren seine Hand bei einem Unfall mit Feuerwerkskörpern verloren. Die Mediziner der Universität von Louisville führten darüber hinaus zwei Jahre später eine erfolgreiche Handtransplantation bei Jerry Fisher durch. handtransplant.com; abgerufen am 27. Juli 2015. handtransplant.com; abgerufen am 27. Juli 2015.
Bereits 1999 waren zwei weitere Handtransplantationen in Guangzhou (China) durchgeführt worden.
Der nächste Schritt war eine Transplantation zweier Hände an einem beidseitig amputierten Mann am 14. Januar 2000 in Lyon durch den französischen Chirurgen Jean-Michel Dubernard,H[ildegunde] Piza-Katzer: Handtransplantation – Chancen und Risiken. In: Orthopädie-Technik, Jg. 67 (2016), Heft 7, S. 50–55, / gefolgt von einer weiteren beidseitigen Handtransplantation in Innsbruck unter der Leitung von Raimund Margreiter und Hildegunde Piza-Katzer im März desselben Jahres.Helping Hands 2014: Theo Kelz’ neue Hände. In: WorldPress.com. Abgerufen am 27. Juli 2015. Bei dem Empfänger Theo Kelz handelte es sich um einen österreichischen Polizisten, der beide Hände durch eine Rohrbombe verloren hatte.20 Jahre nach Rohrbombe: Theo Kelz ist zufrieden. In: Kleine Zeitung, 20. August 2014; abgerufen am 27. Juli 2015. Kelz’ Handverpflanzung dauerte 29 Stunden.Michael Zimpfer: Zum 80. Geburtstag von Dr. med. univ., DDDr. med. h.c. Otto Mayerhofer-Krammel. In: Anästhesiologie – Intensivmedizin – Notfallmedizin – Schmerztherapie. Jahrgang 36, Nr. 5, Mai 2001, S. 259–261, hier: S. 261.
Die weltweit erste beidseitige Armtransplantation gelang am 26. Juli 2008 am Klinikum rechts der Isar in München. Der Empfänger, der damals 54-jährige Karl Merk, hatte 5 Jahre zuvor beide Arme bei einem landwirtschaftlichen Unfall verloren. Unter der Leitung von Christoph Höhnke und Edgar Biemer wurden ihm in einer 15-stündigen Operation zwei neue Arme verpflanzt.Nicola Siegmund-Schultze: Transplantationsmedizin: Erstmals komplette Arme verpflanzt. In: Deutsches Ärzteblatt. 105, Nr. 33, 2008, abgerufen am 27. Juli 2015. Berichten zufolge kommt der Patient bis heute gut mit seinen Transplantaten zurecht (Stand: 2014). Technische Universität München, 24. Juli 2013; abgerufen am 27. Juli 2015.Ingo Jensen: Unfall mit dem Maishäcksler: Der Mann mit den fremden Armen. In: Augsburger Allgemeine. 24. Juli 2013; abgerufen am 27. Juli 2015.Deutscher Landwirt bekam neue Arme. In: Salzburger Nachrichten. 7. September 2014; abgerufen am 27. Juli 2015.
Bis zum Jahr 2014 wurden insgesamt etwa 85 Handtransplantationen durchgeführt.Emily Underwood: People with hand transplants can gain near-normal sense of touch. In: Science. American Association for the Advancement of Science, 19. November 2014, abgerufen am 27. Juli 2015. Über aktuelle Daten und Zahlen über die Handtransplantation verfügt die im Mai 2002 gegründete International Registry on Hand and Composite Tissue Transplantation (IRHCTT).International Registry on Hand and Composite Tissue Transplantation abgerufen am 27. Juli 2015.
Patientenauswahl und Untersuchungen mini|Die hier durchgeführte Angiographie zeigt einen normalen Aufbau der Arteria brachialis, der Arteria radialis und der Arteria ulnaris, der keine Probleme erwarten lässt. mini|Die Sonographie dient dazu, den Zustand der Blutgefäße zu bestimmen. Wie bei jeder Operation muss bei der Handtransplantation der potenzielle Nutzen gegen die möglichen Risiken abgewogen werden. Diese sind neben Komplikationen bei der Operation vor allem eine Abstoßungsreaktion und die Nebenwirkungen der Immunsuppression. Um alle Risiken bei einer Transplantation möglichst gering halten zu können, müssen sich mögliche Kandidaten einem strengen Auswahlprozess unterwerfen.
Zunächst einmal überlegen die Ärzte, ob dem Patienten nicht durch konservative Methoden wie eine Prothese geholfen werden kann und ihm so die Risiken einer Operation erspart bleiben.M. Kumnig, G. Rumpold, A. Weissenbacher, J. Pratschke, G. Brandacher, St. Schneeberger, Th. Hautz: In: Wiener Klinisches Magazin. März 2011, Springer Verlag, SpringerMedizin.at Moderne Prothesen ermöglichen heute sehr gute funktionale Ergebnisse, und können von daher mit der Handtransplantation konkurrieren, wie eine Studie offenbarte, die im Rahmen des jährlichen Treffens der American Association for Handsurgery vorgestellt wurde. So weichen die Ergebnisse in verschiedenen Tests der Gruppe mit einer transplantierten Hand nur um wenige Punkte von der Gruppe mit einer Handprothese ab. Allerdings wurde die Studie mit nur 13 Teilnehmern durchgeführt.Stefan Salminger, Agnes Sturma, Aidan Roche, Marina Ninkovic, Gerhard Pierer, Adam Chelmonski, Jerzy Jablecki, Oskar C. Aszmann: Functional Comparison of Hand Transplantation and Prosthetic Fitting in Below-Elbow Amputees. In: handsurgery.org. American Association for Hand Surgery, abgerufen am 27. Juli 2015 (vorgestellt auf dem Jahrestreffen der American Association for Handsurgery. in Kooperation mit der British Society for Surgery of the Hand. vom 21. bis zum 24. Januar 2015.) Für die Handtransplantation dagegen spricht, dass eine Prothese über keinerlei Tastsinn verfügt – jegliche Empfindungen sind unmöglich, was viele Handgriffe nur unter Sichtkontrolle möglich macht. Es ist einigen Wissenschaftlern zwar gelungen, dieses Problem teilweise zu lösen und ein gewisses Maß an Tastsinn herzustellen, jedoch sind diese Entwicklungen bislang nur experimentell.Lena Stallmach: (PDF) In: Neue Zürcher Zeitung, 15. Oktober 2014, Teil 1, S. 51; abgerufen am 27. Juli 2015. Für die Prothese sprechen ihre geringeren Kosten. Die meisten der wichtigsten Handgriffe sind auch mit nur einer Hand durchzuführen. Wegen dieser Punkte wäre die Prothese beim Verlust „nur“ einer Hand der Transplantation vorzuziehen. Beim Verlust beider Hände muss dagegen über eine Handtransplantation schon eher nachgedacht werden.
Damit ein möglicher Kandidat überhaupt akzeptiert wird, muss er eine Reihe allgemeiner Kriterien erfüllen, die je nach Klinik, in der eine Handtransplantation angeboten wird, auch abweichen können. Allgemein muss ein Kandidat jedoch krankenversichert, nicht jünger als 18 und nicht älter als 60 oder 65 Jahre alt sein, er muss motiviert und gesund sein und der Verlust der Hand muss traumatisch oder chirurgisch bedingt sein. handtransplant.com; abgerufen am 27. Juli 2015. Der Zeitraum zwischen Amputation und Transplantation kann ebenfalls ein Ausschlusskriterium sein. Ist dieser länger als beispielsweise 15 Jahre, kann der Kandidat ausgeschlossen werden., Brigham and Women’s Hospital, 17. März 2014, abgerufen am 27. Juli 2015.
Sind diese allgemeinen Kriterien erfüllt, wird die psychologische Eignung untersucht. Die Hand ist ein sichtbares Organ, das die Selbstwahrnehmung eines Menschen entscheidend beeinflussen kann. Der Empfänger muss mit seiner neuen Hand aber leben können und sie als einen Teil von sich annehmen. Vorab nimmt er deswegen an einem intensiven psychologischen Screening und Gesprächen mit einem Psychiater teil. handtransplant.com; abgerufen am 27. Juli 2015.Martin M. Klapheke, Carrie Marcell, Greg Taliaferro, Beth Creamer: Psychiatric Assessment of cadidats for hand transplantation. In: Microsurgery. 20, Nr. 8, 2000, S. 453–457.