mini|Porträt Jeanne de Saint-Rémys auf einem 1786 veröffentlichten Farbdruck

Jeanne de Saint-Rémy (* 22. Juli 1756 auf Schloss Fontette in der Champagne im heutigen Département Aube; † 23. August 1791 in London) war eine französische Adlige und Drahtzieherin der sogenannten Halsbandaffäre.

Sie stammte von einem unehelichen Sohn des französischen Königs Heinrich II. ab und war damit eine entfernte Angehörige des Hauses Valois. Als Kind eines völlig verarmten Adligen im Elend aufgewachsen, erhielt sie nur dank einer reichen Wohltäterin, der Marquise von Boulainvilliers, eine fundierte Ausbildung. Da sie sich mit dem für sie vorgesehenen Leben im Kloster nicht abfinden wollte, flüchtete sie aus der Abtei Longchamp und heiratete kurze Zeit später einen armen Landadeligen. Das Paar hatte ständig Geldsorgen, sodass die beiden vergeblich versuchten, mit Jeannes königlichem Stammbaum in Paris zu Geld zu kommen. Durch Lügen und gefälschte Briefe konnte die listige Jeanne aber den Kardinal und Großalmosenier von Frankreich, Louis René Édouard de Rohan, in einen Betrug – die sogenannte Halsbandaffäre – verwickeln, der ihr zunächst viel Geld einbrachte. Als dieser entdeckt wurde, landete Jeanne de Saint-Rémy schließlich in der Salpêtrière, wo sie nach rund einem Jahr ausbrechen konnte. Sie flüchtete nach London und schrieb aus dem Exil ihre Memoiren sowie eine Autobiografie.

Leben Kindheit und Jugend

Jeanne kam als zweites Kind Henry de Saint-Rémys, baron de Luz, und seiner Frau Marie Jossel in Fontette zur Welt. Ihr Vater kam aus altem französischen, aber verarmtem Adel, denn er stammte in achter Generation von Henry de Saint-Rémy, dem unehelichen Sohn Heinrichs II. und dessen Mätresse Nicole de Savigny, ab. Jeannes Mutter aber war eine Bürgerliche, die Tochter von einem Bediensteten Henry de Saint-Rémys. Auf der Flucht vor Gläubigern zogen ihre Eltern 1760 mit den beiden ältesten ihrer drei Kinder, Jacques (1751–1785) und Jeanne, von Fontette nach Boulogne (heute Boulogne-Billancourt), einen Vorort von Paris. Ihre Jüngste, Marie-Anne (1757–1786), ließen die Eltern bei einem Bauern des Ortes zurück. Der Tod der Mutter im Jahr 1762 machte die Geschwister zu Waisen, denn der Vater war bereits im Februar 1761 verstorben, kurz vor der Geburt seiner dritten Tochter, Marguerite. Die drei Geschwister hielten sich anschließend durch Betteln über Wasser.

Aufgrund ihrer Abstammung aus dem Haus Valois erweckte Jeanne, als sie acht Jahre alt war, die Aufmerksamkeit von Adrienne-Marie-Madeleine d’Hallencourt, der Marquise von Boulainvilliers. Jeanne überlieferte in ihren Memoiren eine herzerweichende Geschichte, in der sie als bettelndes Waisenkind die Marquise durch Zufall auf der Straße traf, doch die Wahrheit war wesentlich weniger schicksalhaft: Die drei notleidenden Geschwister wurden Madame d’Hallencourt durch den Pfarrer von Boulogne anempfohlen. Sie nahm sich der verwahrlosten Kinder an und erwirkte am 9. Dezember 1776 – nachdem der Nachweis ihres königlichen Stammbaums erbracht und die Kinder im gleichen Jahr legitimiert worden waren – beim Präsidenten des königlichen Finanzrats Ludwigs XV. eine Pension für die Saint-Rémy-Waisen, denn es gab zu jener Zeit Bestimmungen, die vorgaben, dass Nachkommen adliger, aber verarmter Familien eine finanzielle Unterstützung zustehe. Jacques erhielt zudem eine Freistelle in der Schule für Marineoffiziere, während Jeanne und ihre Schwester Marie-Anne auf Kosten Madame de Boulainvilliers’ ab 1763 in das Ursulinenkloster von Ligny-en-Barrois geschickt wurden. Dort starb Marguerite an den Pocken. Die Marquise ließ daraufhin Jeannes zweite Schwester Marie-Anne von Fontette nach Ligny holen. Im Alter von 14 Jahren begann Jeanne eine Ausbildung zur Schneiderin in einem Pariser Modesalon, doch schloss sie die Lehre nicht ab. Als sie 16 Jahre alt war, wurde sie gemeinsam mit ihrer Schwester in die Abtei Notre-Dame d’Yerres geschickt, denn die beiden Mädchen sollten Nonnen werden. Nach zwei Jahren wechselten sie in die Abtei Longchamp. In ihren später veröffentlichten Memoiren behauptet Jeanne, sie sei freiwillig ins Kloster gegangen, um sich den sexuellen Aufdringlichkeiten durch Anne Gabriel Henri Bernard de Boulainvilliers, dem Mann ihrer Gönnerin, zu entziehen. Als die Oberin von Longchamp die zwei Schwestern dazu drängte, ihr Gelübde als Nonnen abzulegen, flüchteten die beiden 1779 nach vier Jahren Aufenthalt aus dem Konvent nach Bar-sur-Aube, wo sie – nach einem kurzen Aufenthalt in einer heruntergekommenen Herberge – bei ihrer Tante Madame Clausse de Suremont, der Frau des örtlichen Vogts, unterkamen. Dort traf Jeanne den jungen Jacques Claude Beugnot, den späteren französischen Staatsminister, der sich Hals über Kopf in die 22-jährige verliebte, doch Jacques’ Vater schickte ihn zwecks Vermeidung von möglichen Komplikation fort nach Paris. Im Haus der Tante lernte Jeanne auch den Neffen der Familie kennen, Marc Antoine Nicolas de La Motte, einen Gendarmerie-Offizier und kleinen Landedelmann, den Jeanne am 6. Juni 1780 heiratete. Ihre jüngere Schwester zog sich daraufhin in die Abtei Jarcy in der Nähe von Brie-Comte-Robert zurück.

Gräfin de La Motte

mini|hochkant|Jeanne heiratete 1780 Marc Antoine Nicolas de La Motte

An Jeannes schlechter finanzieller Situation änderte auch die Heirat nichts, denn der frisch gebackene Ehemann war ebenso arm wie seine Frau. Einen Monat nach der Heirat brachte sie Zwillinge zur Welt, doch die beiden Jungen starben nur wenige Tage nach der Geburt. Das Paar nahm den Titel eines Grafen und einer Gräfin de La Motte an und ging nach Lunéville, wo Nicolas de La Motte wieder zu seinem Regiment stieß. Jeannes Pension reichte jedoch vorne und hinten nicht für sie und ihren Mann aus, und so hielt sich das Pärchen mit Gaunereien und Krediten über Wasser.

Im September 1781 traf Jeanne ihre frühere Gönnerin, die Marquise de Boulainvilliers, in Saverne wieder. Sie stellte die junge Frau dem im dortigen Schloss residierenden Kardinal Louis René Édouard de Rohan vor. Diese Begegnung sollte sich später für Jeanne noch als überaus lukrativ herausstellen. Doch auch kurzfristig nützte dem Pärchen diese Bekanntschaft, denn durch Rohans Empfehlung erhielt Jeannes Mann im Oktober 1781 eine Anstellung in der Garde des Grafen Artois. In Nicolas de La Mottes Ernennungsurkunde war versehentlich der Titel eines Grafen eingetragen worden, sodass er und seine Frau sich fortan Graf und Gräfin de La Motte nannten.

Das Paar ging Ende Oktober 1781 nach Paris und mietete sich zunächst im in der ein, um dort sein Glück zu versuchen. Jeanne wollte aus ihrer königlichen Abstammung in Versailles Kapital schlagen und mietete deshalb dort zusätzlich noch ein Zimmer an der . Sie bemühte sich mehrfach um Audienzen bei Mitgliedern der Königsfamilie, weil sie eine Erhöhung ihrer Pension erreichen wollte. Ihr Stammbaum sollte Jeanne dabei die Türen öffnen, doch sie wurde niemals vorgelassen. Die Herzogin von Polignac zum Beispiel weigerte sich trotz schriftlicher Bitte Jeannes, ihr eine Audienz bei der Königin zu verschaffen. Selbst ein vorgetäuschter Ohnmachtsanfall im Beisein der Königin konnte ihr nicht zu einem Treffen mit Marie-Antoinette verhelfen. Anstatt dessen lebte das Paar in überaus ärmlichen Verhältnissen und machte immer mehr Schulden. Aus Angst vor seinen Gläubigern flüchtete Nicolas zeitweilig sogar nach Brie-Comte-Robert, und 1783 brachten die beiden ihre Möbel vorsichtshalber in Sicherheit, weil sie eine Pfändung befürchten mussten. Bereits im November 1782 hatten Graf und Gräfin de La Motte ihrem Vermieter derart viel Geld geschuldet, dass sie nach einem heftigen Streit aus dem aus- und in eine andere Bleibe in der umziehen mussten. Obwohl Jeannes Pension auf Fürsprache der Gräfin von Provence am 18. Januar 1784 auf 1500 Livres erhöht worden war, blieben die Geldsorgen allgegenwärtig. Jeanne verkaufte deshalb im April des gleichen Jahres ihre Ansprüche auf die jährliche, vom König gewährte Pension für 6000 Livres.

Unterdessen hatte sie Kardinal Rohan wiedergetroffen. Obwohl sie es nicht vermocht hatte, ihn gleich bei der ersten Begegnung in Saverne für sich einzunehmen, gelang ihr dies 1782 in Paris. Am Ende des Jahres war sie seine Mätresse. Nach dem Tod der Marquise de Boulainvilliers half Rohan der vollkommen mittellosen Jeanne manchmal mit kleineren Geldsummen aus. Schon bald war sie nicht nur seine Geliebte, sondern auch seine enge Vertraute.

Die Halsbandaffäre

mini|hochkant|Nachbildung des Diamantencolliers im Schloss Breteuil