mini|hochkant|Elizabeth Tower als Teil des Palace of Westminster in London mit dem Big Ben. Ein Uhrturm, auch Uhrenturm, ist ein meist freistehender oder auf einem Gebäude aufgestellter Turm, in den eine von weitem lesbare Turmuhr eingebaut ist. Kirchtürme, Wehrtürme und andere Türme, deren Hauptfunktion nicht die Zeitanzeige ist, werden in der Regel nicht Uhrturm genannt.

Sahat-kula (von saat kulesi, dem türkischen Wort für „Uhrturm“) heißen in den südslawischen Sprachen Uhrtürme, die während der Zeit des Osmanischen Reiches auf dem Balkan errichtet wurden. Stundturm ist eine Bezeichnung, die hauptsächlich für den Uhrturm in Schäßburg in Siebenbürgen gebraucht wird.

Uhrtürme tragen üblicherweise an allen vier Seiten Zifferblätter. Früher hatten sie in den Städten, als noch keine oder nur wenige Einwohner eine eigene Uhr besaßen, die Funktion als verbindliche Zeitanzeiger. In Europa wurden in markante Türme oft nachträglich Uhren eingebaut. In osmanischen Städten stellten Uhrtürme Zeichen staatlicher Herrschaft an zentralen Plätzen dar.

Bedeutung mini|links|Französische Planung einer Hafenmetropole im Orient nach Pariser Vorbild: Auf den in den 1930er Jahren angelegten Place de l’Étoile („Sternplatz“) im Zentrum von Beirut laufen mehrere Straßen sternförmig zu. Für mittelalterliche Bauern in Europa bestand der Tag aus den drei Zeitabschnitten Morgen, Mittag und Abend. In der frühen Neuzeit waren Uhren und Glockengeläute eine Notwendigkeit für die Mönche, um die Gebetszeiten einzuhalten, ebenso für die Bürger, um ihre Verpflichtungen zu beachten. Besonders die einem strengen Reglement unterworfenen Mönche der Benediktiner benötigten ein starres Zeitgerüst für ihre Gebete und sonstigen Verrichtungen im Tagesverlauf. Sie brauchten eine mechanische Uhr, die regelmäßig zur Einhaltung des Stundenplans die Glocken schlug. Die im 14. Jahrhundert entwickelten großen Räderuhren steuerten bald die Kirchenglocken der Kirchtürme. Zuerst in den Klosterhöfen verwendet, gelangte die Uhr in den weltlichen Bereich der Städte. Ende des 15. Jahrhunderts wurden Uhrtürme zu einem Mittelpunkt der Städte.Jeremy Rifkin: Der Europäische Traum: Die Vision einer leisen Supermacht. Campus, Frankfurt 2004, S. 123 Einher ging ein häufiger Streit unter den Verantwortlichen der religiösen und der weltlichen Zwecken dienenden Zeitanzeige.

Anfangs besaßen diese Uhren keine Zifferblätter, sondern läuteten zu jeder Stunde. Bis zum 16. Jahrhundert wurde das Läuten zu jeder Viertelstunde eingeführt. Die ersten Uhren mit Zifferblättern besaßen nur einen großen Stundenzeiger. Christiaan Huygens perfektionierte um die Mitte des 17. Jahrhunderts das Prinzip des Uhrpendels, das eine höhere Ganggenauigkeit ermöglichte. Ende des 17. Jahrhunderts reichte die Genauigkeit zur Einführung des kleineren Minutenzeigers, was in erster Linie für die Navigation und Astronomie von Vorteil war. Im 18. Jahrhundert erhielten auch Turmuhren Minutenzeiger. „Die Uhr, nicht die Dampfmaschine, ist die wichtigste Maschine des Industriezeitalters.“ Dieser viel zitierte Satz des amerikanischen Soziologen und technikkritischen Philosophen Lewis Mumford in seinem Werk Technics and Civilization von 1934 spielt auf die gesellschaftlichen Veränderungen an, welche nach der Turmuhr die spätere Einführung der tragbaren Uhr für jedermann bewirkt hat.

Der Uhrturm ist wie jeder entsprechend große Turm an einem zentralen Ort ein Wahrzeichen, dessen symbolische Bedeutung die einer in den Himmel wachsenden Weltachse annehmen kann. Hierin und in seiner Funktion, die Zeit mitzuteilen, ist der städtische Uhrturm dem akustische Signale aussendenden Kirchturm und dem ebensolchen Minarett in islamischen Ländern vergleichbar.John Durham Peters: Calendar, Clock, Tower. S. 8 f., 15

Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Aus dem Skizzenbuch des Villard de Honnecourt, um 1230. Die erste Schriftzeile lautet: cest li masons don orologe („dies ist das Haus einer Uhr“). Möglicherweise die früheste erhaltene europäische Darstellung eines Uhrturms. Als ältester Uhrturm kann das Horologion (in der Antike „Uhr“) des Andronikos, bekannt als „Turm der Winde“ in Athen gelten, das um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. erstmals erwähnt wird. Der griechische Astronom Andronikos von Kyrrhos entwarf einen 13,5 Meter hohen oktogonalen Turm aus Marmorquadern, zu dem unter anderem eine Sonnenuhr, eine Wasseruhr und eine Wetterfahne gehörte. Das im 19. Jahrhundert freigelegte und restaurierte Bauwerk ist sehr gut erhalten.

Europa Der Grazer Uhrturm wurde im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt. Seine heutige Form erhielt er 1560. Anfangs drehte sich nur ein großer Stundenzeiger über den Zifferblättern an allen vier Seiten des Turms. Die später angebrachten Minutenzeiger mussten zur Unterscheidung kürzer sein. Weil es bis heute bei dieser Anordnung blieb, wird beim Wahrzeichen der Stadt Graz stets hinzugefügt, dass die Uhrzeiger in ihrer Größe „vertauscht“ sind.

Nach literarischen Quellen gab es die ersten Uhrwerke in Europa Anfang des 14. Jahrhunderts in Kirchtürmen und städtischen Uhrtürmen. Im italienischen Modena wurde um 1309 eine 900 Kilogramm schwere Glocke gegossen, um mit ihr die Stunden zu schlagen. Das angegebene Gewicht deutet an, dass es sich um eine öffentliche Glockenuhr gehandelt haben dürfte. 1343 wurde in dieser Stadt eine Glocke in der Kathedrale aufgehängt. Eindeutig von einer Glocke in einem städtischen Uhrturm in Parma wird 1336 berichtet. Sie läutete demnach Tag und Nacht. Im selben Jahr gab es nachweislich in Mailand die erste jede Stunde schlagende Turmuhrglocke. Die zur Republik Venedig gehörende Stadt Ragusa beschäftigte im Jahr 1322 einen italienischen Glockenwärter. Über die erste öffentliche Glocke, die in einem Uhrturm in Genua schlug, wird im Jahr 1353 berichtet. In diesem Jahr soll die Turmuhr auf dem Palazzo Vecchio in ganz Florenz zu hören gewesen sein. Von 1351 bis 1353 arbeitete ein italienischer Glockenbauer mit seinen Gehilfen an der Glocke des Uhrturms im südenglischen Windsor Castle.Gerhard Dorn-van Rossum: History of the Hour: Clocks and Modern Temporal Orders. University of Chicago Press, Chicago 1998, S. 129–131

mini|hochkant|Torre dell’Orologio auf dem Markusplatz in Venedig Der Torre dell’Orologio war eine der bedeutendsten Bauleistungen in Venedig Ende des 15. Jahrhunderts. Der Uhrturm auf dem Markusplatz wurde zwischen 1493 und 1499 vom Baumeister Carlo Ranieri aus Reggio Calabria errichtet.Richard John Goy: Building Renaissance Venice: Patrons, Architects and Builders, C. 1430–1500. Yale University Press, New Haven (Connecticut) 2006, S. 232–235 Er ist in vier Etagen gegliedert und in eine 1502–1506 angebaute Hausfassade integriert. Den unteren Teil bildet ein hoher Torbogen, der sich über zwei Stockwerke des Wohnhauses erstreckt und den Zugang zur Via Merceria darstellt. Das astronomische Zifferblatt darüber zeigt das geozentrische Weltbild des Claudius Ptolemäus mit Sonne, Mond, und Planeten, die um die Erde kreisen. In der dritten Etage befindet sich ein Balkon mit einem Figurenspiel, das nur in der Woche der Himmelfahrt in Bewegung versetzt wird. Dann erscheinen die Heiligen Drei Könige mit zwei Engeln und verneigen sich vor einer Marienfigur. In der übrigen Jahreszeit sind in den beiden seitlichen Fenstern die Stunde und Minuten als Ziffern zu sehen. Vor der vierten Etage ist ein vollplastischer, geflügelter Markuslöwe zu sehen. Auf dem Dach stehen zwei 2,7 Meter große Mohren aus Bronze, die zu jeder Viertelstunde die Glocke anschlagen.Jürgen Abeler: Ullstein Uhrenbuch. Eine Kulturgeschichte der Zeitmessung. Ullstein, Frankfurt/M. 1975, S. 46

Orient Der älteste Uhrturm im Osmanischen Reich befindet sich in Prizren im Kosovo. Er wurde 1610 errichtet und gehört zu einem Badehaus (Hamam).Richard Busch-Zantner: Zur Kenntnis der osmanischen Stadt. In: Geographische Zeitschrift, 38. Jahrgang, 1. Heft, 1932, S. 1–13, hier S. 11 Im Osmanischen Reich gab es vor Einführung des Uhrturms die islamische Institution des muvakkit (von türkisch vakit, „Zeit“). Der muvakkit bekleidete einen verantwortungsvollen Posten und wurde daher vom Scheichülislam ernannt. Er musste über Kenntnisse in Astronomie verfügen und in der Lage sein, die täglichen Gebetszeiten (Salāt) anzusagen sowie seine Kenntnisse in den Madrasas an Schüler weiterzugeben.

mini|Uhrturm, 1902/1903 zum 25. Thronjubiläum Abdülhamids II., vor Neuem Serail und Baladiyya, Tel Aviv-Jaffa 2012 Das Gebäude, in dem der Astronom lebte und seiner Tätigkeit nachging, war das muvakkithane, das zu einem Gebäudekomplex mit der Moschee und anderen religiösen Einrichtungen gehörte. Gegenüber dieser islamischen Einrichtung bedeutete die Einführung des Uhrturms eine Säkularisierung der Zeit, die sich zu einem von der Bevölkerung wahrgenommenen Konflikt zwischen der traditionellen und der modernen Zeitauffassung entwickelte. Was der muvakkit bestimmte, waren die saisonalen Stunden und nicht die europäische abstrakte Zeiteinteilung.

Es dauerte, bis die Alaturka-Uhrzeit der europäischen alafranga-Zeit (persisch frangi, „Europäer“, „europäisiert“) gewichen war. Dieser Prozess ging mit politisch-sozialen Veränderungen einher, er vollzog sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und war Anfang des 20. Jahrhunderts abgeschlossen. In der Übergangszeit gab es während der Regierung von Sultan Abdülhamid II. (reg. 1876–1908) Uhrtürme, die den alltäglichen Erfordernissen entsprechend, sowohl die alaturka-Stunden als auch die alafranga-Stunden anzeigten.

Ende des 19. Jahrhunderts standen über 120 Uhrtürme in den Städten des Osmanischen Reiches, davon die meisten in Anatolien und auf dem Balkan. Sie sind stilistisch uneinheitlich. Der Uhrturm von Adana aus dem Jahr 1865 entspricht in seinem dreistufigen Wechsel von quadratischer Basis, rundem Schaft und quadratischer Spitze einem Minarett. Der 1882 in Adana vom Gouverneur der Stadt errichtete Uhrturm, wegen seiner Höhe von 32 Metern Büyük Saat („Große Uhr“) genannt, wurde als ein Zeichen der Moderne einem italienischen Campanile nachempfunden. Der 25 Meter hohe, 1901 fertiggestellte Uhrturm von Izmir erinnert dagegen an die indo-islamische Architektur der vorangegangenen Jahrhunderte. Die unter Abdülhamid II. im gesamten Reich erbauten Uhrtürme und Brunnenanlagen dienten wesentlich der Glorifizierung seiner Herrschaft.

Die Mehrzahl der 35 Uhrtürme in Anatolien wurden in Abdülhamids Regierungszeit entweder neu errichtet oder restauriert. Der osmanische Uhrturm von Beirut wurde 1898 vor dem Grand Serail von 1853 (al-Sarāy al-Kabir, „Großer Palast/Herrschersitz“), dem heutigen Regierungssitz des libanesischen Premierministers, erbaut. Der Architekt war Youssef Effendi Aftimus (1866–1952). Zuvor gab es in der Stadt, die um 1900 geschätzte 120.000 Einwohner hatte, keine öffentliche Uhr, um die Gebetszeiten anzuzeigen. Die Fertigstellung war vermutlich auf den lange geplanten Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. in diesem Jahr terminiert. Mit seiner vom Meer aus sichtbaren Position auf dem Serail-Hügel (Qantari-Hügel) – als höchste Erhebung im Stadtzentrum eine Art Capitol Hill – sollte der Uhrturm (Hamidiyeh-Uhrturm) ein Zeichen der Herrschaft setzen. Dem Bau des Uhrturms war die Umgestaltung und Erweiterung des Hafens 1893 vorausgegangen.

mini|Der Uhrturm auf Jerusalems Jaffator bestand 1908–1922