Das Pariser Maison de la culture yiddish („Haus der jiddischen Kultur“) entstand im Jahr 2002 aus einer Initiative der Medem-Bibliothek, gegründet 1929, und der „Association pour l'enseignement et la diffusion de la culture yiddish“ (Assoziation für den Unterricht und Verbreitung der jiddischen Kultur). Im Herbst 2003 fusionierten die beiden Organisationen und befinden sich heute zusammen in der Adresse der Institution, Rue du Château d’eau Nr. 29, Paris, unter dem Sammelnamen „Maison de la culture yiddish — Bibliothèque Medem“ bzw. „Parizer yidish-tsenter — Medem-bibliotek“ (פּאַריזער ייִדיש־צענטער — מעדעם־ביבליאָטעק). mini|Bibliothèque Medem In der Institution werden, bedingt durch den Zusammenschluss, zwei Kernaufgaben bearbeitet: zum einen die Verbreitung der Jiddischen Sprache in Sprachkursen und kulturellen Veranstaltungen und zum anderen die Bereitstellung der größten nichtuniversitären Sammlung jiddischer Werke Europas. Die Medem-Bibliothek zählt heute über 30.000 Bücher, darunter etwa 5.000 Exemplare, die vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten gerettet wurden. Sie repräsentiert eine wichtige Quelle jiddisch-französischer Kultur vor 1940.

Geschichte der Medem-Bibliothek Jüdische Arbeitervereine Von 1880 an wanderten immer zahlreicher osteuropäische Juden nach Frankreich ein. Sie flohen vor den im Zarenreich einsetzenden Pogromen, Antisemitismus und Armut, dem Boykott des jüdischen Handwerks in Polen, der Zwangsverpflichtung zum Militärdienst u. ä. Die eintreffenden Juden waren schlecht „in der Moderne instruiert“, stellt Bernard Vaisbrot in seiner Einführung in die Geschichte der Bibliothèque Medem fest.Historique de la Bibliothèque Medem – Carrefour des littératures européennes, Bernard Vaisbrot, S. 3. Die Flüchtlinge verfügten selten über die erforderlichen Sprachkenntnisse und eine ausreichende weltliche Schulbildung, die ihnen einen gesellschaftlichen Aufstieg in Frankreich ermöglicht hätte. So entstand ein osteuropäisch-jüdisches Proletariat, das lange Zeit an überkommenen Lebensformen festhielt und zunächst schwer in die französische Gesellschaft integrierbar schien. Insbesondere in Paris bildete sich ein sozio-politisches Milieu mit zahlreichen kulturellen und politischen Organisationen, dessen hauptsächliche Sprache das osteuropäische Jiddisch war und das spätere jüdische Migranten aus Osteuropa aufnahm.

Der „Jüdische Arbeiterbildungsverein in Paris“ (Parizer yidisher arbeter-bildungs-fareyn) wird 1900 als das erste Organ der Bundisten, die zentrale Organisation jüdischer Sozialisten, ins Leben gerufen. Vier Jahre später entsteht der „Arbeiterverein Kämpfer“ (Arbeter-fareyn kemfer), konzipiert als Organisation für gegenseitige Hilfe. Er unterhält eine kleine Bibliothek, die in keiner Verbindung zur Medem-Bibliothek steht, sowie eine Theatertruppe. In der vereinseigenen Kantine werden bedürftigen Familien beköstigt.

Der Arbeiterklub Vladimir Medem 1922 wird die „Kultur-Liga“ (Kultur-lige) von linken jüdischen Gruppierungen – Kommunisten, Bundisten und Poale Zion, sozialistischen Zionisten – gegründet. Schon bald zeichnet sich die Vorherrschaft der Kommunisten in der im Grunde paritätisch organisierten Kultur-Liga ab. Andere Fraktionen suchen deren Einfluss zu entgehen. Die Bundisten ihrerseits gründen den „Wladimir Medem-Arbeiterklub“ (Arbeter-klub afn nomen Vladimir Medem), benannt nach dem zentralen Ideologen der Bundistischen Bewegung, oft einfach „Medemverband“ (Medem-farband) genannt.

Die Nomberg-Bibliothek Im Februar 1928 beschließen acht osteuropäische Immigranten, Mitglieder des Medem-Verbandes, zu Ehren des Journalisten und Literaten Hersh-David Nombergs eine neue Bibliothek zu gründen – die „Nomberg Bibliothek im Medemverband“ (Nomberg-bibliotek baym Medem-farband). Das Photo vom 16. Februar 1929 zeigt die acht „Gründungsväter“ der Bibliothek, die sich bis heute in ihren Grundformen erhalten hat.

Die Nomberg-Bibliothek wird in der Rue des Francs-Bourgeois Nr. 50Rue des Francs-Bourgeois Nr. 50 untergebracht – im Marais – zu diesem Zeitpunkt bereits ein Knotenpunkt des jüdischen Kulturlebens. Das Startkapital beläuft sich gerade einmal auf 300 Francs. Um erste Exemplare für die Bibliothek zu finanzieren, wird Ende 1928 eine Soiree veranstaltet, bei dem die vier intellektuellen Gründer, Sholem Asch, Perez Hirschbein, David Einhorn und Zalmen Shneour, gleichsam als jiddische Literaten auftreten. Die Einnahmen werden in erste Bücher und Vitrinen investiert. Die Nomberg-Sammlung erhält Spenden von Sholem Asch, 200 Bücher, und von Baruch Charney Vladeck,Baruch Charney Vladeck in der englischsprachigen Wikipedia :en:Baruch Charney Vladeck dem Manager der New Yorker jiddischen Tageszeitung The Forward, 300 Stück.

mini|hochkant|Gründer der Nomberg-Bibliothek, Vorgänger der Medem-Bibliothek (16. Februar 1929) – Kiwa Vaisbrot, Yitskhok Blumenstein, Meir Mendelson, Haim Golub, Leyb Tabacznik, Av. Zusman, Eli Sviranski und David Leber mini|links|Hersh-Dovid Nomberg (1867–1927), Literat, Namensgeber der Nomberg-Bibliothek

1929 beginnt sich die Gewerkschaft der Kappenmacher („Syndicat des Casquettiers“) aufzulösen, als die Nachfrage nachlässt und sich große Teile in andere Branchen absetzen; Sie vertrauen ihren Besitz, rund 800 Werke, publiziert ab 1895, der Nomberg-Bibliothek an.Historique de la Bibliothèque Medem – Carrefour des littératures européennes, Bernard Vaisbrot, S. 6. Weitere Buchspenden, vorwiegend aus den USA, bereichern die Bibliothek kontinuierlich.

Die französischen Bundisten etablieren 1932 den Arbeter-Ring, der seinen Sitz ebenfalls im Marais, in der Vieille-du-Temple Nr. 110, hat. Über Jahrzehnte hinweg wird dieses Gebäude das Zentrum des Bundes in Frankreich sein, der sein Büro im dritten Stock des Gebäudes eingerichtet hat. Auch die Nomberg-Bibliothek richtet sich dort ein, besetzt jedoch gerade einmal zwei Räume – ein Empfangsareal sowie einen Leseraum. Die Bücher werden in schweren Schränken gelagert, was Jahre später das Schicksal der Bibliothek entscheidend beeinflussen wird.

1939 zählt Paris sechs jiddische Bibliotheken in Verbindung mit politischen und kulturellen Bewegungen und zwei private Bibliotheken. Mit 6.200 Büchern ist die Bibliotek unterm nomen Yefim Perniko die größte unter ihnen. Sie wird von der Federatsye fun yidishe landsmanshaftn in Frankraykh geleitet. Das Erbe der nunmehr verblassten Kultur-lige stellt die Yidishe folks-bibliothek untern nomen Sholem-Aleykhem mit 3.800 Exemplaren dar. Die größere der beiden privaten Bibliotheken ist die 1903 gegründete Bibliothèque Kouliche.

Deutsche Besatzung 1940–1944 Nach dem Statut über die Judenhttp://perso.orange.fr/d-d.natanson/statut1.htm im Oktober 1940 verschlechtert sich das Leben der französisch-jüdischen Gemeinde schlagartig. „Die dringendste Aktivität dieser Bibliotheken war nicht länger, zum Lesen zu animieren, sondern grundlegend Notwendiges zu leisten.“The Medem-Bibliotek: The Yiddish Library of Paris von Gilles Rozier, in: Shofar, An Interdisciplinary Journal of Jewish Studies, Hg. Purdue University Jewish Studies Program, West Lafayette (Indiana) S. 140. In allen öffentlichen jüdischen Institutionen entstehen Kantinen und Unterkünfte für Bedürftige.

Nach den großen Massenverhaftungen, darunter die „Rafle du Vél' d'Hiv'“, emigriert bald die Mehrheit der Bundisten aus der unsicheren und bedrohenden Hauptstadt in die unbesetzten südlichen Gebiete Frankreichs (Zone libre).

Im Herbst 1942 betreten Männer der Gestapo die Räumlichkeiten in der Rue Vieille-du-Temple mit dem Ziel, die Bibliothek zu inspizieren und gegebenenfalls Bücher zu beschlagnahmen. Die Kantine wird zu diesem Zeitpunkt noch betrieben, Konservendosen versperren deshalb hüfthoch die 2 Meter hohen Schränke, in denen die Bücher der Nomberg-Bibliothek gelagert werden. Die Männer der Gestapo beschließen, am nächsten Tag zurückzukehren. Nathan Shakhnovski, einer der wenigen in Paris gebliebenen Bundisten, und seine Frau Marguerite,Marguerite wurde in Yad Vashem in die 'hassidey 'oummoth ha'Olam (חסיד אומות העולם), die Gerechten unter den Völkern, aufgenommen eine in Deutschland geborene Nicht-Jüdin, beschließen, die Bücher in den zweiten Keller, zwei Stockwerke unter der Erde gelegen, zu tragen. Concierge Rozier sowie eine weitere Bundistin, Ika Richter, helfen ihnen dabei. In hölzernen Kisten verstaut, entgehen etwa 3.000 Bücher, einer anderen Quelle zufolge 5.000, der Vernichtung. Diese Exemplare bilden die Basis für ein Fortbestehen der Bibliothek nach 1945. Zwei der sieben Gründer, Leyb Tabacznik und Eli Shvirinski, fallen der Shoah zu Opfer.

Nach der Besatzung mini|Die Verwaltung der im Jahr 1944 ins Leben gerufenen Bibliothek Medem, (Photo: 1946)

Der Medem-Farband schließt sich nach dem Krieg nicht wieder zusammen, der Arbeter-Ring aber überlebt die Okkupation. Er rückt zunehmend von seiner ursprünglichen radikal-ideologischen Linie ab und widmet sich verstärkt solidarischen Aktivitäten. Die Übersetzung des Namens Cercle amical de secours mutuel („Freundschaftlicher Kreis für gegenseitige Hilfe“) hält diese neue Orientierung, aus der vorangegangenen Verfolgung erwachsen, fest.

Bereits am 4. Oktober 1944 erscheint die Pariser Tageszeitung der Bundisten, Undzer Shtime, wieder. Ein Artikel vom 7. Oktober 1944 mit dem Titel Vegn undzere kultur-oyfgabn erzählt von der geretteten Sammlung, ihrer kulturellen Mission und der Eröffnung einer neuen Bibliothek.

In einem Gremium wird beschlossen, den Namen der Bibliothek zu ändern. Die bundistische Fraktion, angeführt von Chil Naiman, sucht zu verhindern, dass der ohnehin wenig gebrauchte Name Medems endgültig verschwindet. Sie setzen sich durch – die Sammlung erhält den neuen Namen Medem-bibliothek (baym Arbeter-Ring), den sie bis heute trägt. Am 14. Oktober 1944, einer Woche nach der Ankündigung in Undzer shtime, wird die Bibliothek eröffnet.

Unter dem Einfluss der eintreffenden Überlebenden aus Osteuropa beginnt sich das jüdische Kulturleben in Paris zu erholen, Mitte der 50er Jahre kann ein regelrechter Ausbruch an Interesse verzeichnet werden. Vor allem im Osten Europas gibt sich die Situation anders. „Das YIVO-Institut in Kiew wurde von Stalin außer Kraft gesetzt, das YIVO in Wilnius war glücklicherweise 1938 in die USA ausgezogen. Die königliche Bibliothek in Dänemark und die Bibliotheca Rosenthaliana in Amsterdam sind noch intakt. Aber nichts mehr in Lublin, in Warschau, in Brody, in Kowno.“Historique de la Bibliothèque Medem – Carrefour des littératures européennes, Bernard Vaisbrot, S. 7.

Die Bibliothek Medem wächst aber stetig und zieht im Sommer 1965 wegen Platzmangels in das neue Büro des Cercle Amical, in der Rue René-Boulanger, Nr. 52.maps.google.de Dort müssen inzwischen mehr als 10.000 Bücher untergebracht werden.

Prozess der Transformation mini|Komitee der Bibliothek(1970er Jahre, genaues Datum unbekannt)

In den 1970er Jahren tritt einer Phase des Wandels ein. Es wird erkannt, dass sich aufgrund sprachlicher Assimilierung und Abnehmens des jüdischen Unterrichts die Stammkundschaft nicht durch sich selbst ersetzten wird. Die zweite Generation der Immigranten kommt ab 1968–1969 verstärkt, um sich dem jüdischen Erbe zu widmen, vorwiegend Studenten. Die Bibliothek weitet ihr Inventar auf französische Werke aus und öffnet sich so einer breiteren Öffentlichkeit.

Eine noch stärkere öffentliche Resonanz erhält die Bibliothek im Jahr 1978, als Isaac Bashevis Singer als erster und bis dato einziger jiddischer Literat den Nobelpreis für sein Lebenswerk entgegennimmt. Jiddische Zentren beginnen überall in Europa zu sprießen, so z. B. in Belfast, London, Cambridge, Potsdam. Die Bibliothek Medem widmet sich in vollem Ausmaß diesem Boom, stellt Materialien für die jungen Institutionen zur Verfügung und baut somit ihr Netzwerk an Verbindungen aus. Als das Centre Pompidou im selben Jahre dem Jiddischen eine Themenwoche widmen will, kommt ihm die Bibliothek zu Hilfe.