Die HK XM29 ist eine im Rahmen des Small Arms Master Plan (SAMP) von Heckler & Koch, ATK und Brashear LP entwickelte Handfeuerwaffe, die die zukünftige Ordonnanzwaffe der US Army hätte werden sollen. Da das Waffensystem im Small Arms Master Plan als Objective Individual Combat Weapon (OICW) (dt.: „Zielsetzung persönliche Gefechtswaffe“) bezeichnet wird, wird die XM29 als Resultat des OICW-Programms üblicherweise auch als OICW bezeichnet. Die Entwicklung des HK XM29 wurde in drei Teilprojekte aufgespalten, die im Laufe der Jahre alle eingestellt wurden, zuletzt das XM25 CDTE.

Geschichte Bereits Ende der 1980er Jahre kamen die US-Streitkräfte zu dem Schluss, dass die Entwicklung von Schusswaffen mit herkömmlichen Projektilen, die ihre Energie aus der Masse und der Geschwindigkeit des Geschosses beziehen, ihren Zenit erreicht hatte. Das neue Konzept sollte daher als Hauptkampfmittel auf luftzündenden Granaten basieren, deren Effektivität aus der Explosion und der Splitterwirkung des Geschosses resultiert, und deren Kampfkraft somit nicht mit der Entfernung abnimmt. Außerdem eröffnen sich dadurch weitere Möglichkeiten, etwa die Bekämpfung von Gegnern hinter Deckungen oder in Gebäuden.Globalsecurity: XM29 Es wurde eine Kampfentfernung von 1000 m gefordert, daneben komplette Nachtkampffähigkeit, geringes Gewicht, gute Ergonomie und die Verwendung modernster Computertechnik und kabelloser Datenübertragung sowie die Möglichkeit, sowohl Granaten als auch herkömmliche Munition verschießen zu können.Federation of American Scientists: Objective Individual Combat Weapon (OICW)

Phase 1 der Studie begann im Dezember 1994. Dabei sollte ein Advanced Technology Demonstrator (ATD) gebaut werden, um die Realisierbarkeit eines solchen Waffenkonzeptes zu prüfen. Die Waffe, damals noch als Selectable Assault Battle Rifle (SABR) bezeichnet, sollte in das Land-Warrior-System integriert werden. Mit der Realisierung wurden zwei Firmenkonsortien beauftragt, welche jeweils 95 Mio. US-Dollar und 48 Monate Zeit bekamen, ihre Konzepte zu verwirklichen. In der Phase 2 begann das detaillierte System-Design und die Demonstration von Subsystemen, sie wurde im Februar 1996 mit der Demonstration kritischer Technologien bei Munition, Feuerleitung und der Waffe selbst abgeschlossen. Hier kristallisierten sich schon die unterschiedlichen Ansätze der beiden Firmengruppen heraus. In Phase 3, die zwischen Januar 1997 und 1998 stattfand, wurden beide Konzepte getestet. Beide Waffen demonstrierten die Fähigkeit Ziele in bis zu 1000 Metern Entfernung zu bekämpfen. Die Lösungsansätze der beteiligten Firmenkonsortien waren:sistemasdearmas: XM-29 – SABR

ATK/HK/Brashear LP: Ihre Waffe war größer und sperrig, da sie ursprünglich beide Läufe nebeneinander setzte und auf eine Bullpup-Bauweise verzichtete. Der kinetische Part hatte ein Stangenmagazin vor dem Abzug, die 20-mm-Granaten wurden aus einer Revolvertrommel daneben abgefeuert. Der Ballistikcomputer der Waffe verfügte über ein integriertes Wärmebildgerät mit steuerbarem Laser, die intelligente Bildverarbeitung markierte die Ziele. Die Granaten mit Zylinderhülsen besaßen eine Zündeinheit in der Mitte, und zwei kleine Gefechtsköpfe aus Stahl vorne und hinten.

AAI/FN/Raytheon: Ihre Waffe war kleiner und kompakter und mit 5,45 kg Leergewicht vergleichsweise leicht. Der kinetische Part, ein M4, und die Granatwaffe steckten in einem Gehäuse, wobei die Granatwaffe als Bullpup über und hinter dem Sturmgewehr angebracht war. Der Ballistikcomputer der Waffe verfügte für den Nachtkampf nicht über ein integriertes Wärmebildgerät – dieses musste separat aufgesetzt werden – aber ebenfalls über einen steuerbaren Laser, die intelligente Bildverarbeitung markierte die Ziele. Die 20-mm-Granaten wurden durch ein Hochdruck-Niederdrucksystem angetrieben, und aus einem Rückstoßlader verschossen. Die Zündeinheit war im Heck der Granate untergebracht, der vordere Gefechtskopf bestand aus einer Wolframlegierung. (PDF; 1,8 MB) mini|links|Entwicklungsschema der HK XM29 Beide Hersteller, HK und FN, traten zur etwa gleichen Zeit auch um den Auftrag für eine Objective Personal Defence Weapon (OPDW) gegeneinander an. Das Joint Service Small Arms Programm entschied sich im April 1998 für den Entwurf von Heckler & Koch, Brashear und ATK, zum einen wegen der höheren Leistungsfähigkeit in Bezug auf Reichweite und Präzision, zum anderen weil der Entwurf über ein integriertes Wärmebildgerät verfügte. ATK erhielt für den Bau von sieben Prototypen und 4700 Schuss 20-mm-Munition 8,5 Millionen Dollar, um die Phase 4 und 5 des Projektes zu erreichen. Am 4. August 2000 erhielt die Firmengruppe weitere 6,946 Mio. US-Dollar, um mit der Vorserienproduktion zu beginnen. Die nun als XM29 bezeichnete Waffe wurde 2002 in der amerikanischen Infanterieschule in Fort Benning gezeigt.

Die Waffe hatte sich bis dahin stark verändert und war dem Modell von FN, Raytheon und AAI sehr ähnlich geworden. Das ursprüngliche Konzept, ein Trommelmagazin für die Granatwaffe zu verwenden, wurde Ende 1995 fallen gelassen, obwohl auch ein schussfertiges Modell mit Trommelmagazin gefertigt wurde. Nach dem Gewinn der Ausschreibung Anfang 1998 stand eine Gewichtsreduzierung im Vordergrund, wobei der Ballistikcomputer abspecken musste, und die Läufe von Sturmgewehr und Granatwaffe gekürzt wurden.

Da letztlich das Zielgewicht von maximal 6,35 kg für eine geladene Waffe nicht erreicht werden konnte, und der Bedarfsträger Zweifel an der Effektivität der XM1018-Granate anmeldete, wurde das OICW-Programm 2004 in drei Teile aufgeteilt. OICW Increment I sollte ein modernes Sturmgewehr in die Truppe einführen (HK XM8), und OICW Increment II sollte einen Airburst-Granatwerfer hervorbringen (HK XM25). Die Zusammenführung beider Komponenten sollte dann als OICW Increment III erfolgen, welche perspektivisch als Integrated Air Burst Weapon bezeichnet wird. In der zukünftigen Finanzplanung taucht das integrierte System jedoch nicht mehr auf.

Technik Ballistikcomputer mini|TA/FCS mit den vier Drehschaltern

Der Ballistikcomputer, welcher nur als Target Acquisition / Fire Control System (TA/FCS) bezeichnet wurde und keine XM-Nummer erhielt, war die mit Abstand teuerste Komponente des Systems.MODERN FIREARMS SERIES VOLUME 3 Die Zieleinrichtung, die sowohl für die 20-mm-Granaten als auch den kinetischen Part weltweit einzigartig ist, ist mit einem leistungsfähigen Computerprozessor ausgestattet. Das von Contraves Brashear Systems (heute L-3 Communications) hergestellte System besitzt die Fähigkeit bewegte und unbewegte Ziele bei Tag und Nacht zu erkennen. Die integrierte Video- und Infrarotkamera sieht bewegte Ziele und markiert diese mit einem Rechteck, das sich mit dem Ziel bewegt. Wenn das Ziel anhält, sich hinlegt oder verschwindet, zum Beispiel hinter einem Hindernis, bleibt das Rechteck auf der zuletzt bekannten Position stehen. (PDF; 372 kB)

Es gibt verschiedene durchschaltbare Sichtmodi des Feuerleitcomputers, die dem Soldaten einen Rotpunkt variabler Helligkeit als Absehen bieten. Dieser Punkt ist gleichzeitig der normale Zielpunkt des eingebauten Laserentfernungsmessers. Tagsüber werden die Ziele über ein 3-fach optisches Zielfernrohr mit 11° Sichtwinkel erfasst (DAY). Als „fail safe“ Modus steht dieses Sichtfeld ebenfalls zur Verfügung wenn die Batterie leer ist, allerdings ohne Ballistikberechnung und Zielerkennung (OFF). Der Nachtsichtkanal (NIGHT) besitzt alle Möglichkeiten der Tagsicht, stellt aber ein Infrarotbild im Frequenzbereich von 8–14 µm zur Verfügung, um die Wärmestrahlung von Menschen oder anderen Objekten sichtbar zu machen.Eric Brindley; Jack Lillie; Peter Plocki; Robert T. Volz: Selection of the thermal imaging approach for the XM29 combat rifle fire control system. Proc. SPIE 5074, Infrared Technology and Applications XXIX, 380 (September 30, 2003) Der Ausgang des Videosignals des Feuerleitcomputers kann auch in das Helmdisplay des Soldaten eingeblendet werden (TV). Dies erlaubt dem Schützen das Gewehr über (oder neben) eine Deckung zu halten, zu zielen und zu schießen ohne dabei selbst getroffen zu werden. Der MAG-Modus aktiviert eine interne CCD-Kamera mit 2-fachem Pixelzoom, um die effektive Vergrößerung auf 6-fach zu erhöhen. Vier Drehschalter, die an der linken Seite des Ballistikcomputers eingebaut sind, ermöglichen es, die Optionen der Waffe zu verändern. Von vorne nach hinten:

Channel (Sichtkanal): OFF, DAY, TV, NIGHT FUZE (Granatzünder): BURSTING, PD, PDD, WINDOW MAG (elektronische 2-fach Vergrößerung): OFF, ON Helligkeit der Rotpunktes: BRIGHT, DIM mini|Zielen mit Videovisier um Baum Zur Errechnung einer Feuerleitlösung wird die Entfernung zum Ziel mit einem Laserentfernungsmesser bestimmt, dessen Strahl vom Computer geschwenkt werden kann. Dabei handelt es sich um einen Erbiumlaser mit einem sehr dünnen Strahl, der in einem Millisekunden-Puls ausgesendet wird. Dazu wird der Rotpunkt in der Mitte des Visiers auf das Ziel gerichtet und die gelbe LEM-Taste vor dem Abzugsschacht mit dem gestreckten Abzugsfinger gedrückt. Um das Wackeln des Schützen zu kompensieren, wird der Laser von TA/FCS exakt auf das entdeckte Ziel geschwenkt, und mehrere Laserpulse ausgesendet. Ein Algorithmus schätzt dann auf Basis einer Modalanalyse die wahre Entfernung zum Ziel. Ein weiterer Algorithmus berechnet und korrigiert mit Hilfe der Entfernung des Ziels, dem Elevations- und Verkantungswinkel der Waffe, der Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit, dem Detonationsmodus und der Flugbahn der Granaten den Vorhaltepunkt in weniger als 100 Millisekunden. Nach erfolgter Kalkulation wandert der Vorhaltepunkt automatisch in die korrekte Position auf dem Display, um, wenn er vom Schützen auf das anvisierte Ziel gerichtet wird, eine hohe Trefferquote beim ersten Schuss zu garantieren. Der Laser bleibt automatisch auf das Ziel gerichtet und die Entfernung wird permanent gemessen, selbst wenn sich das Ziel oder der Schütze bewegt. Der kompensierte Zielpunkt wird in Echtzeit errechnet und eingeblendet. Es können bis zu vier Ziele gleichzeitig vom System verfolgt werden, aber nur von jeweils einem die Entfernung gemessen werden. Wenn der Abzug betätigt wird überträgt das TA/FCS die notwendigen Informationen an die 20-mm-Granaten.

Der Benutzer kann die Informationen, die er dem Zielcomputer gibt und von ihm bekommt, mit Tasten und Schaltern für seine Wünsche anpassen. Drei Tasten für den Zeigefinger befinden sich zwischen Magazinschacht und Abzug. Die Oberste, gelbe aktiviert den Laserentfernungsmesser, darunter befindet sich eine „+“ und darunter eine „-“ Taste. Diese beiden Tasten ermöglichen es dem Schützen die vom Laserentfernungsmesser gemessene Entfernung in 1-Meter-Schritten zu verändern oder im „Menu“ Einstellungen zu verändern. Die „Menu“ Taste befindet sich am hinteren Ende des Zielcomputers, links unten neben dem Okular des Schützen, um das Computermenü aufzurufen und persönliche Einstellungen vorzunehmen:

TRACKER: Jedes mögliche Ziel kann im Absehen mit einem eingeblendeten Rechteck versehen werden RANGE DISPLAY: Entfernungsdaten werden mit oder ohne manuelle Veränderung im Absehen angezeigt COMPASS DATA: Kompassdaten (Süd = 180) werden im Absehen ein- oder ausgeblendet AMMO SELECT: Munitionswahl (TP; HEAB; HEDP)