mini|hochkant|Original-Broschur des Erstdrucks 1913 Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker ist eine Schrift Sigmund Freuds aus dem Jahr 1913. Sie besteht aus vier Aufsätzen, die in den Jahren 1912 und 1913 zuerst in der Zeitschrift Imago erschienen.
Freud versuchte in diesen Essays, Fragen der Völkerpsychologie mit den Mitteln der Psychoanalyse zu beantworten. Primitive Gesellschaften stehen, Freud zufolge, auf einer niedrigen Entwicklungsstufe der Menschheit; diese Stufe entspricht den frühen Entwicklungsphasen der Individuen. Fragen zum Totemismus, zur Exogamie, zum Tabu und zur Magie können deshalb durch Rückgriff auf die psychische Entwicklung des Kindes aufgeklärt werden. Die Exogamie beruht auf inzestuösen Objektbeziehungen, das Tabu auf der Ambivalenz von Verbot und Begehren, die Magie auf der narzisstischen Überbesetzung der eigenen Gedanken, und Totemismus und Exogamie haben ihren gemeinsamen Ursprung in der ambivalenten Beziehung zum Vater. Eine weitere These des Buchs ist die vom Mord der Brüderhorde am Urvater als Quelle der Kultur.
Inhalt Übersicht In jedem der vier Teile von Totem und Tabu versucht Freud, ein Problem zu lösen, das die Ethnologen seiner Zeit beschäftigte.
Wie ist es zu erklären, dass im Totemismus durch die Exogamie das Inzestverbot weit über den Kreis der Blutsverwandten hinaus ausgedehnt wird? Anders gefragt: Warum haben die „primitiven“ Gesellschaften eine so ausgeprägte Inzestscheu? (Teil I, Die Inzestscheu) Freuds Antwort lautet: Weil sie auf einer frühen Entwicklungsstufe der Libido stehen, auf der Stufe der inzestuösen Objektbesetzungen.
Was sind die Grundlagen der Tabus? (Teil II, Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen) Freud orientiert sich bei seiner Antwort an der Zwangsneurose. Bei dieser Form der Neurose spielen Verbote eine zentrale Rolle, sie wird deshalb von Freud als eine Art Tabukrankheit begriffen. Den Verboten des Zwangsneurotikers liegt ein Begehren zugrunde; dies führt zur Ambivalenz zwischen dem unbewussten Wunsch und dem bewussten Verbot. Also beruhen auch die beiden Haupttabus in „primitiven“ Gesellschaften, das Mordverbot und das Inzestverbot, auf dem Begehren. Die stärksten Gelüste des Menschen sind demnach die nach Mord und nach Inzest, sie bilden die Grundlagen der Tabus.
Wie ist der Animismus zu erklären und wie die für ihn charakteristische Technik, die Magie? (Teil III, Animismus, Magie und die Allmacht der Gedanken) In der Magie schreibt sich der Mensch die Fähigkeit zu, durch bloßes Denken die Wirklichkeit zu verändern. Dem entspricht beim Individuum die früheste Entwicklungsphase der Libido, das Stadium des Narzissmus. Der Animismus beruht also auf der narzisstischen Überbesetzung des eigenen Denkens.
Welche Grundlage hat der Totemismus und in welchem Verhältnis steht er zur Exogamie? (Teil IV, Die infantile Wiederkehr des Totemismus) Freud versucht diese Frage durch Rückgriff auf die Tierphobie bei Kindern zu klären, die er als einen „negativen Totemismus“ begreift; das Totemtier wird hier nicht verehrt, sondern gefürchtet. Kern der Tierphobie ist die ambivalente Einstellung gegenüber dem Vater, die Verbindung von Zärtlichkeit und Aggressivität. Diese Ambivalenz liegt auch dem Totemismus zugrunde. Am Anfang der Kultur steht der Mord der verstoßenen Söhne am Urvater, der ihnen den Zugang zu den Frauen untersagt hatte; durch den Mord kommt es zu einem Wechsel von der einen Seite der ambivalenten Beziehung zum Vater zur anderen, die zärtliche Strömung gewinnt die Oberhand gegenüber der aggressiven. Dies bringt die Söhne dazu, in einem Akt des nachträglichen Gehorsams den Totemismus zu begründen: sie verehren im Totemtier den Vater, überwinden hierdurch ihre Rivalität und erlassen die beiden grundlegenden Verbote der Kultur, das Mordverbot und das Inzestverbot und damit das Gebot der Exogamie.
Die Inzestscheu Freud erläutert die Inzestscheu zunächst am Beispiel der Ureinwohner Australiens. An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen findet sich dort der Totemismus. Die Stämme sind in eine Reihe von Clans aufgeteilt, die nach Tieren- oder Pflanzenarten benannt werden und deren Verzehr verboten ist. Die namengebenden und verbotenen Tier- oder Pflanzengattungen bilden den Totem. Freuds Hauptquelle zum Totemismus ist James Frazer, Totemism and Exogamy, 1910.
„Fast überall wo der Totem gilt, besteht auch das Gesetz, dass Mitglieder desselben Totem nicht in geschlechtliche Beziehungen zueinander treten, also auch einander nicht heiraten dürfen. Das ist die mit dem Totem verbundene Exogamie.“ (297Die Zahlen in runden Klammern sind hier und im Folgenden Seitenangaben nach: Freud: Totem und Tabu. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. S. Fischer, Frankfurt am Main 2000, S. 287–444.). Manche Forscher, so Freud, halten das Zusammentreffen des Totemkultes mit der Exogamie für zufällig. Freud hält fest, der Zusammenhang von Totemismus und Exogamie jedenfalls besteht, und dass er sehr stark ist.
Die Übertretung des Exogamie-Gebots wird außerordentlich streng geahndet, als wäre die Existenz des ganzen Stammes bedroht. Dieselbe harte Bestrafung gilt auch gegenüber flüchtigen Liebschaften, was, laut Freud, die reine Einschränkung auf biologische Funktionen des Verbotes (Vermeidung von Erbkrankheiten) unwahrscheinlich macht. Besonders auffällig ist, dass die mit dem Totem verbundene Exogamie auch sexuelle Vereinigungen von Personen verbietet, die untereinander nicht blutsverwandt sind. Alle Personen eines Totemclans werden wie Blutsverwandte behandelt, auch wenn sie es nicht sind.
Die Zahl der sexuell verbotenen Stammesmitglieder wird weiter dadurch ausgeweitet, dass der Totemismus mit einem System von Heiratsklassen verbunden ist, was dazu führt, dass für einen bestimmten Totemclan nur einige wenige der übrigen Clans Heiratskandidaten liefern. Überdies gibt es zahlreiche Vermeidungsverbote, die den Umgang verwandter Personen miteinander einschränken sollen, etwa Sprechverbote oder Regeln über den räumlichen Abstand, der bei einer Begegnung einzuhalten ist.
In der Gesamtdeutung dieses Phänomenbereichs schließt Freud sich der Auffassung der Ethnologen an: „diese Wilden sind inzestempfindlicher als wir“ (302 f.).
Aber wie kommt es zur starken Ausprägung der Inzestscheu bei den „Primitiven“?
Freud beantwortet die Frage durch einen Vergleich mit dem Seelenleben des Neurotikers. Die Psychoanalyse lehrt, dass die ersten sexuellen Objekte des Knaben inzestuöser Natur sind (Mutter, Schwester), und sie beschreibt, wie sich ein Individuum bei normaler Entwicklung davon befreit. Dem Neurotiker gelingt dies jedoch nicht. Das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern bildet den „Kernkomplex der Neurose“ (310). Der Neurotiker hat sich entweder niemals von seinen inzestuösen Objekten gelöst (Entwicklungshemmung), oder er ist zu ihnen zurückgekehrt (Regression). Die stark entwickelte Inzestscheu der „Primitiven“ erklärt sich demnach daraus, dass sie, als Gesellschaften insgesamt, auf einer frühen Entwicklungsstufe stehen, auf der Stufe der inzestuösen Objektbesetzungen.
Mit der inzestuösen Fixierung erklärt Freud insbesondere die Vermeidungsverbote, die bei vielen „Primitiven“ die Beziehungen zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter regeln. Diese Tabus lassen sich aufklären, wenn man ihr Gegenstück in unserer Kultur hinzuzieht, die Feindseligkeit zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter. Die Schwiegermutter kompensiert ihr sexuelles Unbefriedigtsein in der Ehe dadurch, dass sie sich in den von der Tochter geliebten Mann mitverliebt. Diese Liebesbeziehung ist, wie alle Beziehungen dieser Art, ambivalent: zugleich zärtlich und aggressiv. Die zärtliche Strebung gegenüber dem Schwiegersohn ist verpönt; sie wird von der Schwiegermutter unterdrückt, und zwar dadurch, dass sie dem Schwiegersohn ausschließlich die sadistische Komponente ihrer Liebeserregung zuwendet. Beim Schwiegersohn läuft es ähnlich ab: die Begegnung mit der Schwiegermutter reaktiviert bei ihm die inzestuöse Fixierung auf die Mutter, und auch er verwendet die aggressive Tendenz dazu, die zärtliche Strebung in Schach zu halten.
Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen Der älteste ungeschriebene Gesetzeskodex der Menschheit sind die Tabus, sie bilden die Wurzel unserer Sittengebote und Gesetze. Diese These übernimmt Freud von Wilhelm Wundt (Wundt, Elemente der Völkerpsychologie, 1912). Tabus sind Verbote, deren Grund unbekannt ist, die also beispielsweise nicht auf einen Ahnen zurückgeführt werden, denen man sich durch eine innere Nötigung wie selbstverständlich unterwirft, deren Objekte verschiebbar sind, von denen gewisse zeremonielle Handlungen ausgehen.
Besonders wirksam werden Tabus von Häuptlingen, Königen und Priestern ausgeübt, von Personen, die zugleich selbst strengen Tabuvorschriften – etwa einem einschnürenden System von Zeremoniellen – ausgesetzt sind.
Anders als der Totemismus ist das Tabu, so erklärt Freud, nicht untergegangen, es besteht bis heute fort und hat sich nur auf andere Inhalte gerichtet. Seiner psychologischen Natur nach ist es „nichts anderes als der ‚kategorische Imperativ‘ Kants, der zwangsartig wirken will und jede bewusste Motivierung ablehnt“ (292).
Einen psychoanalytischen Zugang zur Aufklärung des Tabus sieht Freud in der Zwangsneurose, die er als eine Art „Tabukrankheit“ (318) begreift. Auch in der Zwangsneurose geht es um Verbote, vor allem um Berührungsverbote, deren Herkunft dem Kranken rätselhaft sind, die vom Kranken ohne äußere Strafandrohung befolgt werden, einzig weil er überzeugt ist, dass eine Übertretung automatisch ein Unheil herbeiführen wird, die sich auf immer neue Objekte ausweiten, „verschieben“, die mit bestimmten zeremoniellen Handlungen verbunden sind, den „Zwangshandlungen“, etwa einem Waschzwang.
Grundlage der Zwangsneurose ist der Gegensatz von Trieblust und Verbot. Der Lust, vor allem der Berührungslust an den Geschlechtsorganen, trat von außen das Verbot gegenüber, die Berührung auszuführen. Dem Verbot gelang es jedoch nicht, den Trieb aufzuheben; der Erfolg des Verbots bestand nur darin, die Lust ins Unbewusste zu verdrängen. Der Gegensatz von Lust und Verbot besteht also fort, und dies führt dazu, dass die Handlungen gegenüber dem Objekt ambivalent sind. Eine bestimmte Aktion, etwa eine bestimmte Berührung, bietet den höchsten Genuss und soll deshalb immer wieder ausgeführt werden; aufgrund des Verbots wird diese Handlung jedoch zugleich verabscheut. Das Verbot ist bewusst, die fortgesetzte Lust hingegen unbewusst. Seine Stärke – seinen Zwangscharakter – verdankt das Verbot gerade der Beziehung zur unbewussten Lust. „Wo ein Verbot vorliegt, muß ein Begehren dahinter sein“ (360).
Um der Absperrung durch das Verbot zu entgehen, verschiebt sich die Trieblust beständig auf neue Objekte „und sucht Surrogate für das Verbotene – Ersatzobjekte und Ersatzhandlungen – zu gewinnen. Darum wandert auch das Verbot und dehnt sich auf die neuen Ziele der verpönten Regung aus.“ (322)
Die gegenseitige Hemmung von Trieb und Verbot erzeugt ein Bedürfnis nach Abfuhr, und dieses wird in den Symptomen befriedigt, den Zwangshandlungen. Sie sind „Kompromissaktionen“ (322): einerseits wird in ihnen Reue bezeugt, und insofern stehen sie im Dienste des Verbots; zugleich sind sie „Ersatzhandlungen“ (322), Formen der Ersatzbefriedigung, und entschädigen den Trieb für das Verbotene.
Was besagt das für die Tabuvorschriften der „Primitiven“? „Grundlage des Tabu ist ein verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewussten besteht.“ (323) Die ältesten und wichtigsten Verbote sind die beiden Grundgesetze des Totemismus: das Totemtier darf nicht getötet werden, und der sexuelle Verkehr unter den Totemmitgliedern ist untersagt. Psychoanalytisch gedeutet müssten dies die beiden ältesten und stärksten Gelüste des Menschen sein: Mord und Inzest.