Alfonso und Estrella (D 732) ist eine dreiaktige „Große heroisch-romantische“ Oper von Franz Schubert auf ein Libretto von Franz von Schober. Sie entstand in den Jahren 1821/1822 und wurde unter der musikalischen Leitung von Franz Liszt am 24. Juni 1854 im Hoftheater Weimar uraufgeführt.
Handlung
Schauplatz und Zeit der Handlung sind im Libretto nicht direkt angegeben, lassen sich aber daraus rekonstruieren. Demnach spielt die Oper zur Zeit der Reconquista um 790 in Oviedo, der Residenzstadt des Königreichs Asturien, das hier mit dem historisch späteren Namen León bezeichnet wird, sowie einem nahegelegenen Gebirge.
Der alte König Froila (Bariton) wurde ins Exil getrieben, nachdem ihn Mauregato (Bariton) und dessen Feldherr Adolfo (Bass) entthront haben. Dem Feldherrn ist Estrella (Sopran) versprochen, die Tochter des neuen Herrschers. Diese wiederum lernt, nach der Jagd herumirrend in Fels und Wald, Froilas Sohn Alfonso (Tenor) kennen und lieben. Nach der Niederschlagung eines Aufstands Adolfos, der selbst Estrella begehrt, kommt es zur Versöhnung zwischen den Königen und zur Thronbesteigung Alfonsos.
Erster Akt
Ein idyllisches Felsental mit der Hütte Froilas
Am frühen Morgen schmücken Landleute die Hütte des alten entmachteten Königs Froila mit Blumen und Kränzen (Introduktion: „Still noch decket uns die Nacht“). Hier im Exil hat Froila seine Ruhe wiedergefunden, hofft aber, dass sein Sohn Alfonso dereinst den Thron zurückerhalte (Arie: „Sei mir gegrüsst, o Sonne“). Die Landleute preisen seine Güte und versichern ihm ihre Treue (Chor und Ensemble: „Versammelt euch, Brüder“). Froila dankt ihnen. Als ein Jüngling ihn auffordert, die Insignien seiner Herrschaft für das folgende Jahr seinem Sohn zu übergeben, da dieser in allen Spielen gesiegt habe, reicht er Alfonso das „Schwert des Führers“. Alfonso nimmt es nur unmutig entgegen. Nach dem Grund gefragt, entgegnet er, dass ihm „dieses Glück“ nie genügen werde, da er das Tal nicht verlassen dürfe (Duett: „Geschmückt von Glanz und Siegen“). Er sehnt sich danach, in die Welt zu ziehen (Arie: „Schon, wenn es beginnt zu tagen“). Froila erklärt ihm, dass im Nachbarland ein grausamer Tyrann herrsche und ihr stilles Leben durch den Gebirgszug geschützt werde. Die Ketten werden aber bald fallen (Duett: „Schon schleichen meine Späher“). Er überreicht Alfonso als Pfand für dieses Versprechen eine Kette, die später als „Kette Eurichs“ eine besondere Bedeutung erhalten wird.
Mauregatos Schloss
Estrella, die Tochter des Königs Mauregato, der seinerzeit Froila vom Thron vertrieben hatte, wird von ihren Freundinnen zur Jagd aufgefordert (Chor: „Zur Jagd, zur Jagd!“). Doch trotz der sie umgebenden Reichtümer und der frohen Stimmung der anderen ist Estrellas Stimmung gedämpft (Arie mit Chor: „Es schmückt die weiten Säle“). Mauregatos Feldherr Adolfo erscheint nach einer siegreichen Schlacht. Er versichert Estrella, dass nur der Gedanke an sie ihm den nötigen Mut gegeben habe (Arie: „Doch im Getümmel der Schlacht“). Er bittet sie um ihre Gegenliebe. Estrella weist ihn ab und erklärt, dass sie ihm lediglich Achtung entgegenbringen könne. Daraufhin droht Mauregato ihr mit Gewalt (Duett: „Ja gib, vernimm mein Flehen“). Nach einem kämpferischen Chor der Krieger (Finale: „Glänzende Waffe den Krieger erfreut“) huldigt Adolfo König Mauregato. Der verspricht ihm für seine Treue eine Belohnung, die sich Adolfo selbst aussuchen dürfe, und schwört, seinen Wunsch zu erfüllen. Adolfo bittet ihn um die Hand seiner Tochter Estrella. Diese fleht ihren Vater an, sie vor diesem kaltherzigen Mann zu verschonen. Mauregato will seine Tochter nicht gegen ihren Willen verheiraten und beruft sich auf eine alte Prophezeiung: „Nur wer die Kette Eurichs wiederbringt, die noch vom alten Königsstamme fehlt, wird mit Estrellen feierlich vermählt.“ Alfonso will sich damit nicht abfinden. Er schwört Rache. Der Akt endet mit Schlachtrufen Adolfos und der Krieger, die sich mit den Jagdrufen Estrellas und ihrer Freundinnen mischen, während Mauregato hofft, dass Estrella ihre Ruhe wiederfinden kann.
Zweiter Akt
Gebirge in der Nähe von Froilas Tal
Auf Bitte seines Sohnes singt Froila das „Lied vom Wolkenmädchen“, in dem es um eine tragische Liebesgeschichte geht (Arie: „Der Jäger ruhte hingegossen“). Während Froila darauf zur Hütte zurückkehrt, möchte sich Alfonso noch eine Weile im Freien seinen durch das Lied geweckten romantischen Gefühlen hingeben. Er trifft auf Estrella, die sich während der Jagd verirrt hatte (Duett: „Von Fels und Wald umrungen“). Alfonso fühlt sich an das Wolkenmädchen erinnert und verliebt sich auf der Stelle in sie (Arie: „Wenn ich dich Holde sehe“). Auch Estrella ist angetan und dankbar (Duett: „Freundlich bist du mir erschienen“). Sie würde gerne noch länger bei ihm bleiben, muss aber zurück zu ihrem Vater, der sich sicher schon um sie sorgt (Arie: „Könnt ich ewig hier verweilen“). Alfonso schenkt ihr zum Abschied die von seinem Vater erhaltene Kette (Duett: „Lass dir als Erinnerungszeichen“).
Ruinenhof in Oviedo
Adolfo hat seine Anhänger zu einer Verschwörung gegen den König zusammengerufen (Chor und Ensemble: „Stille, Freunde, seht euch vor“). Sein Ziel ist die Privatrache an Mauregato, der Raub der Krone und die Heirat mit Estrella, aber vor seinen Freunden behauptet er, den vertriebenen König Froila rächen zu wollen (Arie: „Ja, meine Rache will ich kühlen“).
Mauregatos Schloss
Mauregatos Leute kehren erfolglos von der Suche nach der noch immer vermissten Estrella zurück (Chor: „Wo ist sie, was kommt ihr zu künden?“). Mauregato leidet unter der Last der Krone und kann niemandem wirklich vertrauen. Sein einziger Trost war die Liebe zu seiner Tochter Estrella (Arie: „Nur bewundert von dem Neide“). Endlich wird ihre Rückkehr gemeldet (Ensemble: „Die Prinzessin ist erschienen!“), und er kann sie wieder in die Arme schließen (Duett und Chor: „Darf dich dein Kind umarmen?“). Dabei erblickt Mauregato an ihrem Hals „Eurichs heilige Kette“, die der Prophezeiung nach von ihrem zukünftigen Gatten gebracht werden sollte. Estrella hofft, dass dieser Spruch wahr würde. Sie kennt zwar noch nicht Alfonsos Namen, sieht aber sein Bild lebhaft vor sich (Arie: „Herrlich auf des Berges Höhen“). Der Anführer von Mauregatos Leibwache unterbricht das Gespräch mit der Nachricht, dass sich Aufständische unter der Führung Adolfos dem Palast nähern. Mauregato kann diesen Verrat seines Günstlings kaum glauben. Estrella besteht darauf, an der Seite ihres Vaters zu bleiben, um ihm beizustehen, und alle rüsten sich zum Kampf.
Dritter Akt
Froilas Tal mit seiner Hütte im Hintergrund
Eine Orchestereinleitung stellt die Schlacht zwischen Mauregatos und Adolfos Truppen dar (Introduktion: Allegro). Ein Jüngling und ein Mädchen beklagen das hereinbrechende Unheil und die vielen Toten (Duett und Chor: „Hörst du rufen, hörst du lärmen?“). Adolfo hat Estrella in seine Hand gebracht und fordert sie auf, seine Liebe anzunehmen und ihn zu heiraten (Duett: „Du wirst mir nicht entrinnen!“). Als Estrella sein Ansinnen entschieden ablehnt, zieht er seinen Dolch und stellt ihr ein Ultimatum: „Wähle Leben oder Tod!“ Estrella ruft um Hilfe. Ihre Schreie führen Alfonso und seine Jäger herbei, denen es gelingt, Adolfo zu überwältigen und in Ketten zu schlagen (Terzett und Chor: „Hilfe“ – „Welche Stimme!“). Nun erwartet Alfonso freudigen Dank von Estrella – doch sie sorgt sich um ihren Vater, den König von León, von dessen Seite sie während der Schlacht gerissen wurde (Duett: „Doch nun werde deinem Retter“). Alfonso verspricht ihr dessen Rettung. Er will sich ihrer Liebe als würdig erweisen (Duett: „Schön und herrlich seh ich's tagen“). Da kommen ihnen die fliehenden Krieger Mauregatos entgegen (Duett mit Chor: „Wehe, meines Vaters Scharen“). Alfonso hält sie auf und macht ihnen Mut, den Kampf unter seiner Führung fortzusetzen. Dazu zeigt er ihnen den gefangenen feindlichen Anführer und stößt ins Horn, um seine Gefährten herbeizurufen. Die Jäger antworten mit weiteren Hornrufen, kommen herbei und schwören ihm gemeinsam mit den Kriegern Gefolgschaft (Ensemble: „Sie haben das Rufen vernommen“).
Als auch Froila erscheint, bittet Alfonso ihn, auf Estrella, die er ihm als Prinzessin von León und seine Geliebte vorstellt, achtzugeben, bis ihr Vater gerettet sei. Froila ist überrascht, in ihr der Tochter seines alten Feindes Mauregato zu begegnen. Doch hegt er keinen Groll mehr und ist im Gegenteil erfreut über diese Wendung des Schicksals. Alfonso, die Jäger und Krieger begeben sich zum Kampf gegen die übrigen Verschwörer.
Da nähert sich der von Gewissensbissen geplagte Mauregato. Er hält Froila zunächst für einen Geist, bittet ihn um Gnade und überreicht ihm die seinerzeit geraubte Krone (Arie: „Wo find ich nur den Ort“). Froila versichert ihm, dass er noch lebe und ihm vergebe (Duett: „Kein Geist, ich bin am Leben“). Die beiden versöhnen sich. Froila führt Mauregato mit seiner geretteten Tochter zusammen (Terzett: „Hab ich dich, Vater, wieder!“). Kurz darauf kehrt auch Alfonso mit den Jägern und Kriegern siegreich zurück (Finale: „Die Schwerter hoch geschwungen“). Alfonso legt sein Schwert Mauregato zu Füßen – doch der verweist auf Froila, der jetzt König sei. Alle einschließlich des besiegten Adolfo versichern ihm ihre Gefolgschaft. Froila überlässt das Urteil über Adolfo Mauregato, der diesem gnädig die Freiheit schenkt. Estella teilt ihrem Vater mit, dass Alfonso derjenige war, von dem sie die Kette erhalten hatte. Daraufhin verspricht Mauregato ihm ihre Hand als Siegeslohn. Zudem tritt Froila ihm die Königswürde ab. Auch Adolfo schwört ihm seine Treue. Alle preisen das junge Paar und den neuen König (Schlusschor: „Liebe hat den Friedensbogen“).
Gestaltung
Alfonso und Estrella ist Schuberts einzige durchkomponierte vollständige Oper. Für Kurt Pahlen stellt sie damit eine „wichtige Etappe auf dem Weg von der deutschen Spieloper zum Musikdrama“ dar. Es gibt keine gesprochenen Texte mehr. Stattdessen entstehen längere „dramatisch-musikalischer Bildungen“, die bereits auf die Technik Wagners hinführen. Die Arien sind liedhaft gestaltet und verzichten auf jegliche Virtuosität. Die verschiedenen Personen werden durch die Instrumentation und die Melodik charakterisiert. Auch mit diesen Vorläufern von Leitmotiven nimmt Schubert bereits Wagner vorweg. Auffällig ist zudem die große Bedeutung des Chores, der in 15 der 34 Nummern mitwirkt. Die orchesterbegleiteten Rezitative lehnen sich eng an die Sprache an. Hier nutzt Schubert häufig einen größeren Tonumfang und größere Intervalle als in den Rezitativen des vorangegangenen Jahrhunderts. Möglicherweise orientierte er sich dabei an den Finali von Mozarts Zauberflöte oder an Webers Freischütz.