mini|„Der Mythus des 20. Jahrhunderts“. Einband der 143.–146. Auflage von 1939 Der Mythus des 20. Jahrhunderts ist der Titel eines antisemitischen Buches, das der NSDAP-Parteiideologe Alfred Rosenberg verfasste und gegen Ende der Weimarer Republik 1930 im Hoheneichen-Verlag veröffentlichte. Die als sein Hauptwerk betrachtete Schrift ist von den Ideen Houston Stewart Chamberlains beeinflusst, umfasst mehrere hundert Seiten und trägt den Untertitel „Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit“. Rosenberg arbeitet mit Ansätzen einer Rassentheorie, um die Vorstellung von einer „Rassenseele“ sowie einer „Religion des Blutes“ zu einem politischen und religiösen Glaubenskonzept zu verbinden.

Die drei Hauptkapitel heißen Das Ringen der Werte, Wesen der germanischen Kunst und Das kommende Reich. Bis 1944 betrug die „Volksauflage“ 1.075.000 Exemplare; hinzu kamen im Zweiten Weltkrieg 260.000 Bücher der „Dünndruck-Ausgabe“.Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers „Mein Kampf“ 1922–1945. Oldenbourg, München 2006, S. 187, ISBN 3-486-57956-8. Die Bedeutung des Werks in der Zeit des Nationalsozialismus lässt sich trotzdem schwer abschätzen.Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. München 1970, S. 26. DNB Es wird als das anspruchsvollste Werk eines führenden Nationalsozialisten angesehen und gilt – neben Hitlers Mein Kampf – als das einflussreichste.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, ISBN 3-89667-148-0, S. 200. Seit Kriegsende ist Rosenbergs Buch noch als Dokument zu seiner Person und zum Phänomen Nationalsozialismus von geschichtswissenschaftlichem und ideologiekritischem Interesse.

Inhalt des Buches

Geschichtsphilosophie Beim Mythus handelt es sich um den Versuch, in einer geschichtsphilosophischen Darstellung die nationalsozialistische Ideologie zum Ziel der Menschheit zu erklären. Nach Rosenberg ist die Weltgeschichte geprägt durch den ewig tobenden Kampf zwischen den nordisch-atlantischen und den jüdisch-semitischen Völkern. Einzig das nordische Volk bringe Kultur hervor. Ausgehend von einer kurzen und vage gehaltenen Spekulation bezüglich des von Platon erwähnten mythischen Inselreichs AtlantisSiehe: Arn Stromeyer, Atlantis ist nicht Troja – Über den Umgang mit einem Mythos, Bremen, 1997, S. 115. erklärt er, das nordische Volk sei zunächst über die Inder und Perser in Erscheinung getreten. Das klassische Griechenland wurde so zum „nordischen Hellas“ und das alte Rom zum „nordisch-republikanischen Latinertum“ vereinnahmt. Nach ihm ist der einzig legitime Nachfahre dieses nordischen Volkes das deutsche Volk.

Rassismus Dieses nordische Volk verstand Rosenberg als Rasse, wobei diese kein biologisches, sondern ein geistiges Phänomen darstelle. In dieser Ablehnung eines „Rassematerialismus“ war er sich einig mit seinem Erzrivalen Joseph Goebbels, der wie er den ideologischen Kurs der NSDAP prägen wollte.

Die Rasse wiederum stilisierte Rosenberg zum eigenständigen Organismus, indem er ihr eine allen Angehörigen gemeinsame Seele zuordnete – die „Rassenseele“. Diese Rassenseele sei Trägerin und Ausdruck der jeweilige Rasse. Somit sei das Handeln des einzelnen Rassenangehörigen nur Ausdruck der dem Kollektiv innewohnenden treibenden Kraft. Um das eigentliche Ziel zu erreichen, sei es nötig, jegliche Form der Individualisierung zu unterdrücken, weil diese die Einheit der Rasse an sich gefährde. Ausprägungen dieser Rassenseele würden sich in Kultur, Politik, Rechtssystem, Technik und Kunst ausdrücken. Auf diese Weise ließen sich am Verlauf der Weltgeschichte die Rassenzugehörigkeit der jeweiligen Völker an ihren kulturellen Leistungen ablesen. Diese Leistungen hätten also nicht Individuen geschaffen, sondern seien Ausdruck der kollektiven Seele der jeweiligen Rasse, welche das ihr innewohnende Ideal schaffen möchte. Die kulturellen Leistungen von Immanuel Kant, Richard Wagner, Meister Eckhart und anderen Schaffenden dienten Rosenberg als unumstößlicher Beweis der Überlegenheit der nordischen Rasse.

Antisemitismus Schon als Jugendlicher war Rosenberg fasziniert von der Schrift Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts von Houston Stewart Chamberlain. Das Werk habe ihm die Bedeutung des „jüdischen Problems“ vermittelt. 1928, ein Jahr nach dem Tod Chamberlains, veröffentlichte Rosenberg ein Buch unter dem Titel Houston Stewart Chamberlain als Verkünder und Begründer einer deutschen Zukunft. Im Dezember 1938 schrieb er, dass die Juden sich darauf vorbereiteten, Europa „in einem Blutrausch [zu] vernichten“.

Im Mythus stellte er das Judentum der „nordischen Rassenseele“ gegenüber und polarisierte beide Ebenen mit nicht näher begründeten Feindbildern. Die jüdische Religion wurde als teuflisch bezeichnet, während die nordische Rassenseele eine neue Art von Göttlichkeit in sich trage. Hitler arbeitete mit derselben Technik durch Behauptungen; so seien die Arier „Gotteskinder“ und ein Jude wiederum die „Personifikation des Teufels“ oder gar „Widersacher jeden Menschentums“. Jesus Christus wiederum sei kein Jude, sondern eine Verkörperung der nordischen Rassenseele gewesen. Dieser vermeintliche Sachverhalt sei zunächst vom Judentum selbst, später von Paulus und dann auch von der römisch-katholischen Kirche falsch dargestellt worden, um der nordischen Rassenseele zu schaden („römisch-syrisches Prinzip“). Diese und mehrere andere Stellen (etwa die Behauptung, es sei der 1914 in Frankreich angeblich herrschende Rothschild gewesen, der den Ersten Weltkrieg unvermeidlich gemacht hätte) zeigen, dass die Grundlage des rosenbergschen Denkens weiterhin die rassistische Verschwörungstheorie blieb, auch wenn er versuchte, diese mit seinen intellektuell-geschichtsphilosophischen Spekulationen zu verbrämen.

Im Mythus forderte Rosenberg, Geschlechtsverkehr zwischen Deutschen und Juden, Notzucht u. a. je nach Schwere des Falles mit Vermögensbeschlagnahme, Ausweisung, Zuchthaus und Tod zu bestrafen.Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit. Hoheneichen, München 1941 (Dünndruckausgabe) S. 579. Dieser Vorschlag führte bereits im März 1930 zu einem Gesetzesvorschlag der Nationalsozialisten im Reichstag.

Rosenberg ließ 1939 in einer Denkschrift des Außenamtes zur „Judenfrage“ erklären:

Der formende Wille Angelpunkt der Rosenbergschen Theorie war sein Glaube an einen der „Rassenseele“ wesenhaften Willen. Dazu definiert er den nicht weiter abgeleiteten Willen als formende Kraft:

„Und auf alle Zweifel und Fragen kennt der neue Mensch des kommenden Ersten Deutschen Reiches nur eine Antwort: ‚Ich will‘.“ Diese formende Kraft werde zuerst der Natur und später auch fremden Völkern eine erwünschte Gestaltung aufbürden. Dieses Merkmal nennt Rosenberg auch „dynamisch-willenhaft“ oder „geistig-architektonisch“.

Die „edelste Form“ der nationalsozialistischen Ethik wiederum würde sich in genau diesem bloßen Wollen ausdrücken, welches sich selbst ein Ziel setzt. Darauf baute Rosenberg nun eine Kunsttheorie auf, deren Kernaussage es war, dass ein Kunstwerk umso ästhetischer wirke, je mehr sich darin ein starker formender Wille zu erkennen gäbe. Dies erinnert wiederum an Hitlers Aussage bezüglich der Architektur des Reichsparteitages in Nürnberg, es handele sich um „steinerne Weltanschauung“.

Der Wille selbst war nach Rosenberg keiner Moral untergeordnet. Die Rosenbergsche Metaphysik des Willens legitimierte also letzten Endes fast alles Handeln – soweit dieses von einem starken Führer gewollt und angeordnet werde: „Das ist die Aufgabe unseres Jahrhunderts: Aus einem neuen Lebens-Mythus einen neuen Menschentypus zu schaffen.“ Damit wird der Weg bereitet für die Unterwerfung fremder Völker, für Menschenzüchtung in Lebensbornen, Zwangssterilisation von genetisch Kranken sowie für die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“.

Siehe auch die Geschichte der Euthanasie: „Euthanasie“ als Bezeichnung für nationalsozialistische Krankenmorde.

Wirkungsgeschichte Innerhalb der NSDAP Rosenbergs Buch erreichte zwar eine Millionenauflage und galt nach Hitlers Bekenntnisbuch Mein Kampf als zweites Standardwerk der NS-Ideologie. In Wirklichkeit kam die Veröffentlichung Hitler jedoch sehr ungelegen: Bereits Ende der zwanziger Jahre war Weisung an alle Propaganda-Stellen der Partei ergangen, den Antisemitismus zurückzuschrauben und stattdessen mehr auf Agrar- und Außenpolitik zu setzen. Rosenbergs radikal antisemitisches und obendrein als „antichristlich“ interpretiertes Buch bot nun neue Angriffsflächen, weshalb Hitler es als völlig inoffizielle Privatarbeit abtat. Als solche wurde es dann auch parteioffiziell erklärt. Die Bezeichnung „Chefideologe“ der NSDAP ist also mit Blick auf den Mythus unzutreffend. Hitler empfand zudem das Werk als „zu schwer“ zu lesen, Goebbels tat es gar als „intellektuellen Rülpser“ ab, denn die Nationalsozialisten definierten sich ja bewusst als Tat- und Gewaltmenschen, denen jede Art des Intellektualismus fremd war. Daher kam Joachim Fest 1963 zu dem Urteil, Rosenberg sei zum „Philosophen“ einer Bewegung [geworden], „deren Philosophie am Ende nahezu immer die Macht war. Rosenberg selbst habe das freilich nie erkannt oder gar anerkannt und sei gerade deshalb im Verlauf der Jahre, als der Machtgedanke die ideologischen Drapierungen zusehends überspielte, zum vergessenen Gefolgsmann geworden: kaum noch ernst genommen, mutwillig übersehen und herumgestoßen, ein Requisit aus der ideologisch gestimmten Frühzeit, der Werbephase der Partei.“

Folgt man Rosenbergs Eigendarstellung von 1945, war das Verhältnis Hitlers zu Rosenberg und dem von ihm repräsentierten Neuheidentum keine Konstante in Hitlers Politik, sondern Hitler nahm diesbezüglich immer Rücksicht auf seine außenpolitischen Beziehungen zu Benito Mussolini, der wiederum Rücksichten auf den Vatikan zu nehmen hatte. Mit der großen deutschen Kirchenaustrittsbewegung, die 1937 begann, standen Rosenbergs Mythus sowie seine Dunkelmänner- und die Protestantische Rompilger-Schriften (1937) in engem Zusammenhang. Alle diese Schriften wurden damals in hohen Auflagen verkauft und breit in der Öffentlichkeit diskutiert.Zur Übersicht über Rezensionen und Diskussionen um diese Rosenberg-Schriften zwischen 1930 und 1939 siehe: Dietrich Müller: Buchbesprechung im politischen Kontext des Nationalsozialismus. Entwicklungslinien im Rezensionswesen in Deutschland vor und nach 1933. Dissertation, Universität Mainz 2008 ( PDF; 4,3 MB), S. 212–220.

Rosenberg nahm die Wirkung seines Mythus sehr genau wahr. 1939 gestand er sich ein, dass die „nationalsozialistische Weltanschauung noch nicht ihre endgültigen Formen ausgebildet“ habe. Allerdings war er unter der Bedingung zuversichtlich gestimmt, „wenn in dieser entscheidenden Epoche eine einheitliche weltanschauliche Haltung für die Zukunft gesichert“ werde.Zitiert in: Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. München 1970, S. 131. Die Verunsicherung bei ihm folgte indessen Ende Januar 1940, weil Hitler ihm erklärt habe, dass „unsere Weltanschauung“ der „exakten Forschung nicht vorschreiben, sondern aus ihrer Arbeit die abstrakten Gesetze folgern“ solle. Rosenberg beruhigte sich indessen, indem er den bei Hitler wahrgenommenen Positivismus gleichsam relativierte: „Die positivistische Note des Führers war mir etwas neu. Da er aber den sicheren Glauben an Vorsehung hat, sind eben beide Welten bei ihm zu Hause.“Zitiert in: Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem, München 1970, S. 133. (Quelle: Rosenbergs Tagebuch, Eintrag vom 7. Februar 1940, bezogen auf den 29. Januar 1940).

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