Der Terminus Cheville ist ein Gegenstand der Literaturwissenschaft. Er bezeichnete in der französischen Literatur in der Versifikation besonders des 17. und 18. Jahrhunderts ein verpöntes Füllwort, das weder Zuwachs an Sinn noch Euphonie bewirke und daher als überflüssig und fehlerhaft angesehen wurde.
Innerhalb eines Verses erscheint es aus metrischen Gründen, am Versende aus Verlegenheit um den passenden Reim. François de Malherbe, selbst nicht frei von diesem Fehler, kritisiert ihn gleichwohl unnachsichtig an Philippe Desportes (Commentaire sur Desportes, 1. Drittel des 17. Jahrhunderts, eine genauere Datierung gelang der Forschung bislang nicht). Auch bei Corneille, Racine und Molière lässt er sich nachweisen, doch ist vor einer Verurteilung stets der Kontext und zeitgenössische Sprachgebrauch sorgfältig zu prüfen. Darauf verweist Voltaire bei dem Ausdruck „Le bonheur sans pareil...“ (deutsch: das Glück ohnegleichen) von Corneille, der damals noch nicht so lächerlich gewesen sei wie heute, im 18. Jahrhundert; aber:
Voltaire zitiert ebenfalls das folgende Beispiel für eine cheville:
Eine veränderte Bewertung der Cheville erfolgte seit der Romantik. Nach Théodore de Banville ist sie ebenso unvermeidlich wie unerheblich, denn es komme allein auf die Gedankenkraft und ihren adäquaten Ausdruck durch Bilderketten und Klangwerte an, wie es das Beispiel von Victor Hugo belege (S. 54 f., 73–76).
Literatur
Voltaire: Commentaire sur Corneille I, II. In: Œuvres. ed. Beuchot, Bd. 35 und 36, Paris 1829. Théodore de Banville: Petit traité de poésie française. 2. Auflage. G. Charpentier, Paris 1872. Maurice Souriau: L’Évolution du vers français au dix-septième siècle. Hachette, Paris 1893, S. 69–71, 172–175, 312–316, 385.
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