mini|Kupferstatue des Herkules mini|Der Herkules auf dem Oktogon im Bergpark Wilhelmshöhe Kassel, 2018 mini|Der Herkules von oben Der Herkules ist eine im frühen 18. Jahrhundert entstandene Kupferstatue des griechischen Halbgottes Herakles (, eingedeutscht Herkules) im Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel (Nordhessen, Deutschland). Die Statue, die als ein Wahrzeichen der Stadt Kassel gilt, befindet sich an der Spitze einer Pyramide, die auf dem Oktogon, dem Riesenschloss, steht. Heute steht der Name „Herkules“ nicht nur für das Standbild, sondern das gesamte Bauwerk, das auch den Ausgangspunkt der sommerlichen Wasserspiele im Bergpark bildet. Das Oktogon und der Herkules gehen auf verschiedene Bauphasen zurück. Seit dem 23. Juni 2013 steht der Herkules – als Teil des Bergparks Wilhelmshöhe – als Beispiel absolutistischer Architektur in der Weltkulturerbeliste der UNESCO.

Das Bauwerk steht im Stadtteil Bad Wilhelmshöhe, auf dem östlichen Bergkamm des Habichtswaldes. Es wurde in einer leichten, künstlich ausgeformten Mulde des Karlsberges () errichtet. Das Herkules-Bauwerk bildet den westlichen und höchstgelegenen Punkt () einer barocken Sichtachse, die über das Schloss Wilhelmshöhe und die Wilhelmshöher Allee bis in die Kasseler Innenstadt reicht.

Geschichte mini|Der Herkules ist eines der ältesten Bauwerke im Bergpark, Zeichnung von Müntz mit Schloss Weißenstein im Vordergrund.

Entstanden ist der schlossartige Herkules in den Jahren 1701 bis 1717 nach Entwürfen des Italieners Giovanni Francesco Guerniero. Die Gesamtanlage trägt inklusive der dem Herkules vorgelagerten Kaskaden nach dem Bauherren, Landgraf Karl von Hessen-Kassel, auch die Bezeichnung Karlsberg und ist unter diesem Begriff sowohl räumlich als auch baugeschichtlich ein barocker Teilaspekt und westlicher Abschluss des Bergparks Wilhelmshöhe.

Bereits 1696 wurde unter Landgraf Karl mit dem Bau für eine Mittelachse des damals bescheidenen Parks begonnen. Parallel dazu wurden auf dem Ostkamm des Habichtswaldes etwa 500 m südsüdöstlich des heutigen Herkules und wenige Meter unterhalb des Gipfels vom Hüttenberg () erste Gebäudeteile für ein Riesenschloss errichtet – Kleiner Herkules bzw. Alter Winterkasten genannt. Man beschloss aber, den Hüttenberg nicht als künftigen Blickpunkt der Parkanlage zu betrachten. Der Bauort wurde aufgegeben und die dortigen Arbeiten wurden eingestellt. An der Bauruine, die seit langer Zeit vom Wald überwuchert wird, sind noch einige Mauer- und Fundamentreste von etwa 7 m Höhe vorhanden.

Erst 1699 lernte Landgraf Karl in Italien Giovanni Francesco Guerniero kennen. Mit dem Bau des barocken Riesenschlosses wurde 1701 begonnen, die Herkules-Statue auf dessen Dachpyramide wurde am 30. November 1717 aufgestellt, womit das Bauwerk fertiggestellt wurde. Wegen des im November für Kassel typischen ungastlichen Wetters wird in Anlehnung an das Fertigstellungsjahr der „Geburtstag“ des Bauwerkes am 17. Juli begangen.

Der von Landgraf und Architekt gemeinsam entwickelte Entwurf wurde mehrfach abgeändert, so wird die Pyramide mit dem Herkules-Standbild einer späteren Idee des Herrschers zugeschrieben. Im Jahr 1706 gefertigte Stiche zeigen, dass viel weitergehende Baumaßnahmen geplant waren, als letztendlich ausgeführt wurden. Guerniero wollte die hangabwärts vorgelagerten Kaskaden den gesamten Berghang hinunter, bis zum heutigen Schloss Wilhelmshöhe führen. Realisiert wurde davon nur etwa ein Viertel der Länge, was weniger am Willen des Landgrafen gelegen haben dürfte als an seinen beschränkten finanziellen Möglichkeiten. Der verbliebene Raum zwischen Kaskaden und dem Schloss wurde letztendlich 70 Jahre später – durch im Grunde völlig konträre Planungen – gefüllt und bildet heute den Kern des Englischen Landschaftsgartens – dem Bergpark Wilhelmshöhe.

Am 31. August 2011 wurde von Kulturministerin Eva Kühne-Hörmann der Antrag unterschrieben, um den Bergpark Wilhelmshöhe mit dem Herkules zum UNESCO-Welterbe vorzuschlagen. Im Januar 2012 übergab das Land Hessen den Antrag auf Eintragung der „Wasserspiele und Herkules im Bergpark Wilhelmshöhe“ der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der UNESCO in Paris. Diese leitete den Antrag an das Welterbezentrum der UNESCO weiter, die im Juni 2013 positiv über den Antrag entschied.

Herkulesstatue Die kupferne Herkulesstatue steht auf der Spitze einer steinernen Pyramide, die an der Ostseite der Decke des Oktogons errichtet wurde.

Die Pyramide, die auf einem quadratischen Sockel steht, entstand 1714/1715 und ist 26 m hoch. Die Herkulesstatue auf ihrer Spitze besteht aus einem schmiedeeisernen Skelett, das mit 2–3 mm dicken, handgetriebenen Platten aus Kupferblech überspannt wurde. Die Figur hat eine Höhe von 8,30 m und steht auf einem Sockel von 3,00 m Höhe.Maße im Absatz nach Siegfried Hoß: Welterbe Bergparkpark Wilhelmshöhe. Die Wasserkünste, Parkbroschüren MHK Band 2, 2014, Daten und Fakten aus dem Welterbeantrag, S. 105 Das Gesamtgewicht der 11,30 m hohen Statue beträgt 7,8 t. Dabei entfallen 5,3 t auf die schmiedeeiserne Innenkonstruktion und 2,5 t auf die kupferne Haut incl. deren inneren Bänder aus Eisen/Stahl.Gewichte nach Franziska Franke und Astrid Schlegel: Welterbe Bergparkpark Wilhelmshöhe - Der Herkules, Parkbroschüren MHK Band 4, 2017, Maße und Gewichte, S. 88

Die kupferne Herkulesstatue entstand zwischen 1713 und 1717 als Arbeit des aus Augsburg stammenden Goldschmieds Johann Jacob Anthoni. Das tragende Innengerüst wurde von dem Kasseler Bauschmied Johann Balthasar Klocke gefertigt. Das Rohkupfer stammte aus den Kupfererzbergwerken im Richelsdorfer Gebirge. Bereits dort wurden die vier Halbschalen, aus denen der Kopf besteht, in einem Hammerwerk ausgeformt. Das restliche Rohkupfer wurde in Form von Barren an den Kasseler Messinghof geliefert. Dort wurden diese Barren mithilfe durch Wasser angetriebener Schwanzhämmer zu Kupferblechen von 3 mm Dicke ausgetrieben und diese Bleche wurden vorgeformt. Die vorgeformten Bleche hatten Größen von bis zu einem Quadratmeter. Diese waren die Grundlage für die nachfolgenden, aufwendigen Treibarbeiten durch Anthoni. Kompliziert war die Ausbildung von Details (Kopf, Hände mit Äpfeln) die deshalb aus deutlich kleineren Einzelblechen zusammengesetzt sind. An ihren Rändern wurden die fertigen Bleche verzahnt, verlötet und mit kleinen Nieten gesichert. Es entstanden nahezu unsichtbare Verbindungen. Um den Transport von der Werkstatt zum Bauwerk zu ermöglichen, wurden 21 Segmente vorgefertigt, aus denen die 8,30 m hohe Herkules-Figur zusammengesetzt ist. Die Niet-Verbindung dieser Segmente untereinander ist sichtbar und reversibel – Teilsegmente der Figur können abgenommen werden. Die Urheberschaft Anthonis wurde erst 1900 bekannt, als eine von ihm 1717 angefertigte kupferne Gedenkplakette unter der Schädeldecke der Herkules-Figur entdeckt wurde.Absatz zur Fertigung nach Franziska Franke und Astrid Schlegel: Welterbe Bergparkpark Wilhelmshöhe - Der Herkules, Parkbroschüren MHK Band 4, 2017, S. 39–45

Kunstgeschichtlich gehört die Statue zum Typus des Herkules Farnese, des sich ausruhenden, über seine Taten nachdenkenden Herakles. Der Held ist in nachsinnender, leicht nach vorn gebeugter und mit dem Oberkörper nach links gedrehter Haltung. Die typischen Attribute sind die auf einem Felsen aufgelagerte, senkrecht stehende Keule, die mit dem Fell des Nemeischen Löwen behängt ist (1. Tat) und der Figur als Stütze unter der linken Achsel dient. Seine rechte Hand liegt auf dem Rücken und hält die Äpfel der Hesperiden (11. Tat). Sie stehen für Liebe, Fruchtbarkeit und ewige Jugend, das Löwenfell z. B. für Kraft. Herkules war ein Herrscherideal, besonders im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert, das Apollon in der Aufklärung bzw. Klassik ablöste. Beide Ideale, die (auch) die Landgrafen von Hessen-Kassel in verschiedenen Zeiten für sich beanspruchten, sind exemplarisch im Bergpark, mit der Herkulesstatue und dem Kasseler Apollon im Schloss Wilhelmshöhe präsent. Maße der Statue:Daten nach Franziska Franke und Astrid Schlegel: Welterbe Bergparkpark Wilhelmshöhe - Der Herkules, Parkbroschüren MHK Band 4, 2017, Maße und Gewichte, S. 88 Herkules-Figur 8,30 Meter Sockel 3,00 Meter Kopfhöhe 1,45 Meter Schulterbreite 2,70 Meter Brustumfang 5,50 Meter Fußlänge 1,20 Meter Länge der Keule 3,50 Meter Durchmesser der Äpfel der Hesperiden 0,20 Meter

Oktogon mini|Oktogon des Herkules von Westen, 2017

Das achteckige Gebäude, auch Riesenschloss, ist ein offenes, unverglastes Bauwerk mit 70 m Durchmesser und einer Höhe von 33 m.Maße im Satz nach Siegfried Hoß: Welterbe Bergparkpark Wilhelmshöhe. Die Wasserkünste, Parkbroschüren MHK Band 2, 2014, Daten und Fakten aus dem Welterbeantrag, S. 105

Das Oktogon des Herkules kann im Rahmen der Wasserspiele als ein ins riesenhafte vergrößertes Quellbauwerk verstanden werden.vgl. Siegfried Hoß: Welterbe Bergparkpark Wilhelmshöhe. Die Wasserkünste, Parkbroschüren MHK Band 2, 2014, S. 25 Noch heute ist das Bauwerk der Ausgangspunkt für die barocke Wasserachse nach Osten, die ursprünglich viel länger geplant war.

Die dreistöckige Gliederung des Oktogons geht aufsteigend von naturhaft übereinander aufgerichtetem Felsgestein als tragendes Fundament, in geometrisch angeordnete Architektur über. An seinen Außenseiten führen Freitreppen zu den oberen Stockwerken. Das untere Stockwerk wurde mit vier felsigen Rundbögen versehen, über deren östlichsten man in das Bauwerk gelangen kann. In seinem Inneren befindet sich ein achteckiger Innenhof, in dessen Boden ein Wasserreservoir eingelassen ist. Die wesentlich kleineren Rundbögen des zweiten Stockwerks wurden bereits in geometrischeren Formen ausgeführt. Auf dem obersten Stockwerk, in dem gemauerte Streben und Rundbögen aus glatten Werksteinfassaden bestehen, ruht die riesige Aussichtsplattform, das Belvedere. Dem achteckigen Belvedere sind vier Risalite angesetzt, welche dem Gesamtbauwerk die charakterisierende Silhouette verleihen.

Vexierwassergrotte und Artischockenbassin mini|Vexierwassergrotte mit Artischockenbassin (November 2019) mini|Spritzendes Vexierwasser und sprudelnder Brunnentisch im Inneren der Grotte (Mai 2020) Unterhalb des Oktogons ist östlich die hufeisenförmige Vexierwassergrotte vorgelagert. In ihrem Innenhof liegt das Artischockenbassin. Im Inneren der Vexierwassergrotte finden sich Figuren, die mythologische Motive zitieren. Es sind Erneuerungen der historischen, barocken Arbeiten. Die zentrale Figur war ursprünglich eine des Zyklopen Polyphem und wurde im 19. Jahrhundert ausgetauscht.Zuordnung der Figuren und Absatz zur Geschichte nach Franziska Franke und Astrid Schlegel: Welterbe Bergparkpark Wilhelmshöhe - Der Herkules, Parkbroschüren MHK Band 4, 2017, S. 57–58 in der zentralen Wandnische: Pan. links davon, in der südlichen Nische, Eris als die weibliche Allegorie des Neides. rechts, in der nördlichen Nische, Chronos als Versinnbildlichung der Zeit und des Todes. Daneben gibt es zwei seitliche Wandnischen, in denen sich Rundbassins mit Brunnentischen befinden. Die Skulpturen im Inneren von links nach rechts:

Verborgen hinter der Figur des Polyphem bzw. des Pan befand sich eine wasserbetriebene Drehorgel, die sogenannte Wasserorgel, deren Musik aus der Hirtenflöte zu kommen schien. Die Klänge sollten Besucher anlocken, die dann in der Grotte mit Wasser aus kleinen, im Boden eingelassenen Düsen – dem sog. Vexierwasser – nass gespritzt wurden. Das Vexierwasser ist nicht ständig in Betrieb, sondern soll Besucher überraschen und necken. Die Wasserorgel wurde 2014 restauriert und wird seit 2017 im Schloss Wilhelmshöhe ausgestellt. Eine 2017 angefertigte originalgetreue Nachbildung sollte ab 2021, nach Beendigung der Restaurierungsarbeiten am Oktogon, wieder an alter Stelle aufgestellt werden. Die im Boden eingelassenen Vexierwasserdüsen sind wieder in Betrieb. Durch einen Münzautomaten in der Grotte können sie und die Brunnentische für einen kurzen Zeitraum gestartet werden.