mini|Josef Stalin (28. November 1943, Teheran)zentriert|rahmenlos|hochkant=0.6|klasse=skin-invert-image

Josef Wissarionowitsch Stalin (, wissenschaftliche Transliteration ; geboren als Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, , russisch , wissenschaftliche Transliteration ,  – * Iossif Dschugaschwili wird in den Aufzeichnungen der Uspenski-Kirche in Gori als am 6. Dezember 1878 geboren aufgeführt. Dieses Datum wird auch in seinem Schulzeugnis, seiner umfassenden zaristischen Polizeikarteikarte und allen anderen erhaltenen Dokumenten der vorrevolutionären Ära genannt. Stalin selbst gab noch 1920 handschriftlich den 18. Dezember 1878 als Geburtsdatum an. Im Jahr 1922, als er das Amt des Generalsekretärs übernahm, änderte er das Datum ohne Erklärung zum 21. Dezember (alter Kalender: 9. Dezember) 1879; dieses war der fortan in der Sowjetunion verwendete und gefeierte Geburtstag. in Gori, Gouvernement Tiflis, Russisches Kaiserreich, heute Georgien; † 5. März 1953 in Kunzewo, Russische SFSR, Sowjetunion, heute Russland) war ein sowjet-kommunistischer Politiker georgischer Herkunft und Diktator der Sowjetunion von 1927 bis 1953.Bernd Marquardt: Universalgeschichte des Staates. LIT Verlag, Wien 2009, S. 500; Ute Becker: Die Chronik. Geschichte des 20. Jahrhunderts bis heute. Wissen Media Verlag, München 2006, S. 125. Den Kampfnamen Stalin, der nach verschiedenen Deutungen Igal Halfin: Terror in My Soul: Communist Autobiographies on Trial. Harvard University Press, 2003, ISBN 0-674-01032-9, S. 15 (). für „der Stählerne“ steht, nahm er 1912 an.

Von 1899 bis 1917 war Dschughaschwili (ab 1912 Stalin) ein im Untergrund agierender Berufsrevolutionär der Bolschewiken, der wegen seiner politisch-kriminellen Aktivitäten mehrfach in abgelegene Teile des Russischen Reiches verbannt wurde. Er stieg in dieser Zeit in den Führungszirkel der Partei Lenins auf. Hier war Stalin in der Folge an der Vorbereitung und Durchführung der Oktoberrevolution beteiligt und nahm an den Kämpfen des Russischen Bürgerkriegs auf der Seite der KPR(B) und der Roten Armee teil. Nach Lenins Ausscheiden aus der Führungsriege der KPR(B) gelang es Stalin schrittweise, die alleinige Macht in der Sowjetunion (UdSSR) zu erlangen. Vom 30. Dezember 1922 bis zu seinem Tod 1953 war er Generalsekretär des ZK der kommunistischen Partei, ab 1941 Vorsitzender des Rates der Volkskommissare (Regierungschef), ab 1946 Vorsitzender des Ministerrats der UdSSR und in den Jahren 1941 bis 1947 Oberster Befehlshaber der Roten Armee.

Während seiner Regierungszeit errichtete Stalin eine totalitäre Diktatur, ließ im Rahmen politischer und rassistischer Säuberungen mehrere Millionen Sowjetbürger verhaften, in Schau- und Geheimprozessen zu Zwangsarbeit verurteilen oder hinrichten sowie Millionen weiterer Sowjetbürger und ganze Volksgruppen besetzter Gebiete in Gulag-Strafarbeitslager und Sondersiedlungen deportieren. Viele wurden dort ermordet oder kamen durch die unmenschlichen Bedingungen ums Leben.

Unter Stalins Führung wurde das Konzept des Sozialismus in einem Land zum zentralen Grundsatz der neuen sowjetischen Gesellschaft. Die frühere, im Jahr 1921 eingeführte, Neue Ökonomische Politik wurde ab 1928 durch eine stark zentralisierte Kommandowirtschaft ersetzt. Zudem begann eine Phase der Industrialisierung sowie Kollektivierung in Verbindung mit einer Entkulakisierung, was zu einer rapiden Transformation der UdSSR von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft führte. Entkulakisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft verursachten insbesondere in der Ukrainischen SSR (Holodomor), in russischen Gebieten an der Wolga, im Kuban-Gebiet und in anderen landwirtschaftlich geprägten Teilen der Sowjetunion eine landesweite Hungersnot, der ungefähr sechs Millionen Menschen zum Opfer fielen.Nicolas Werth: Ein Staat gegen sein Volk. In: Stéphane Courtois u. a. (Hrsg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus. 4. Auflage. München 1998, S. 178–188. In der Kasachischen SSR kam die erzwungene Sesshaftmachung der nomadischen Bevölkerung hinzu. Die daraus resultierende Hungerkatastrophe von 1930–33 kostete circa 1,3 bis 1,5 Millionen Menschenleben.Simon Ertz: The Kazakh Catastrophe and Stalin’s Order of Priorities, 1929–1933: Evidence from the Soviet Secret Archives. In: Stanford’s Student Journal of Russian, East European, and Eurasian Studies. Volume 1, Spring 2005, S. 1–14, hier S. 1 (). Andere Stellen sprechen von 1,5 bis 1,7 Millionen Todesopfern sowie bis zu 42 % der Bevölkerung, die dem Hunger zum Opfer fielen. Siehe Boris Barth: Genozid. Völkermord im 20. Jahrhundert. Geschichte, Theorien, Kontroversen. Beck, München 2006, (Beck’sche Reihe, Band 1672), ISBN 3-406-52865-1, S. 143 (Google Books: ).

Als wichtiger Partner zuerst des nationalsozialistischen Deutschen Reiches im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts und später der Alliierten hatte Stalin starken Einfluss auf den Verlauf des Zweiten Weltkrieges sowie auf die Nachkriegsgestaltung Europas und Asiens.

Sein Regime und seine Interpretationen des Marxismus und des Leninismus werden als Stalinismus bezeichnet. In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion wirkt die jahrzehntelange Glorifizierung Stalins durch einen in der sowjetischen Geschichte einzigartigen Personenkult bis heute nach.

Nach Stalins Tod leitete sein Nachfolger Nikita Chruschtschow mit der Entstalinisierung eine öffentliche Abrechnung mit Stalins Person und Wirken ein, die von späteren Regierungen nicht fortgeführt und teilweise zurückgenommen wurde. Eine Umfragereihe des Lewada-Zentrums zur Einstellung russischer Einwohner zu Stalin ergab im April 2001 38 Prozent „positiv“, 12 Prozent „gleichgültig“, 6 Prozent „schwer zu beantworten“ und 43 Prozent „negativ“; im März 2016 werteten nur noch 17 Prozent „negativ“, aber 32 Prozent „gleichgültig“ und 14 Prozent „schwer zu beantworten“, während der „positiv“-Anteil mit 37 Prozent fast unverändert blieb.

Leben Herkunft und Familie mini|Schüler und Lehrer der Kirchenschule von Gori, Russisches Kaiserreich (1892). Iosseb Dschughaschwili befindet sich als Vierter von links in der oberen Reihe. Es handelt sich um die älteste öffentlich bekannte Fotografie von Stalin.

Stalin wurde am als Iosseb Bessarionowitsch Dschughaschwili in der kaukasischen Kleinstadt Gori geboren, die damals zum Russischen Reich gehörte (heute Georgien). Durch den Tod seiner beiden älteren Brüder im Säuglingsalter war er das einzige überlebende Kind aus der Ehe des Bessarion Dschugaschwili (1853/54–1909) und dessen Ehefrau Ketewan Geladse (1855–1937). Die Eltern gehörten zur Volksgruppe der Georgier und waren die Nachkommen Leibeigener.

Kindheit Obwohl das Familienleben zunächst von Wohlstand geprägt war, wuchs der junge Dschughaschwili in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater war selbstständiger Schuster und beschäftigte zeitweise zehn Arbeiter sowie verschiedene Lehrlinge. In den frühen 1880er Jahren soll er sich zu einem streitsüchtigen, gewaltbereiten Alkoholiker entwickelt haben, der Frau und Sohn regelmäßig verprügelte und sein Geschäft vernachlässigte. 1883 floh Ketewan mit ihrem Sohn vor der häuslichen Gewalt zu Bekannten und verließ ihren Ehemann. 1884 musste der Vater seinen Betrieb aufgeben und fand eine Anstellung als Fabrikarbeiter in Tiflis, während seine Familie in Gori zurückblieb. Fortan stand der junge Stalin unter dem Einfluss seiner streng religiösen Mutter, die den gemeinsamen Lebensunterhalt als Wäscherin und Haushaltshilfe bestritt.

Schulzeit mini|hochkant|Kopie der Ausschlussbescheinigung Iosseb Dschughaschwilis aus dem Tiflisser Priesterseminar (29. Mai 1899)

Die ehrgeizige Ketewan war entschlossen, ihrem Sohn eine umfassende Schulbildung zukommen zu lassen. Ihre guten Beziehungen zum orthodoxen Klerus ermöglichten Iosseb ab September 1888 den Besuch der kirchlichen Schule in Gori. Trotz verschiedener Ethnien in der Schulklasse war Russisch, das Stalin erst hatte erlernen müssen, als Unterrichtssprache vorgeschrieben. Obwohl Stalin regelmäßig durch Schlägereien negativ auffiel, galt er als außerordentlich intelligenter Schüler mit hervorragenden Noten, und er konnte bald die Führungsrolle in der Klasse übernehmen.

Als Kind erlitt Dschughaschwili, von Freunden und Bekannten damals mit dem Spitznamen „Sosso“ (einer Diminutivform von „Iosseb“) gerufen, eine Reihe gesundheitlicher Probleme. Mit sechs Jahren erkrankte er an Pocken, die zahlreiche Vernarbungen in seinem Gesicht hinterließen. Im Alter von zwölf Jahren war Stalin an einem Unfall mit einer Kutsche beteiligt. Der mehrfach gebrochene linke Arm wuchs aufgrund einer Osteomyelitis nur verkürzt und verkrümmt zusammen, was eine lebenslange Behinderung verursachte.Ernst G. Jung: Kleine Kulturgeschichte der Haut. Steinkopff-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-7985-1757-8, S. 88–89 (Google Books: ). Obwohl er keine leichte Kindheit erlebte, sind die Berichte und Zeugnisse über diese Zeit selten verlässlich. Als Erwachsener sprach Stalin selbst ohne Groll über seine Eltern und Kindheit. Er verließ die Schule 1894 als bester Schüler und wurde für den Besuch des orthodoxen Priesterseminars in Tiflis vorgeschlagen, damals die bedeutendste höhere Bildungsanstalt Georgiens und ein Zentrum der Opposition gegen den Zarismus.

Nachdem Dschughaschwili im Alter von 17 Jahren das zweite Studienjahr des Seminars absolviert hatte, nahm er Kontakt zu geheimen marxistischen Zirkeln auf. Er besuchte eine Buchhandlung, in der er Zugang zu revolutionärer Literatur hatte. 1897 ließ ihn der Rektor des Seminars Hermogen einsperren, weil er verbotene Bücher, unter anderem Charles Letourneaus Die literarische Entwicklung der NationenCharles Jean Marie Letourneau (1831–1902): L’évolution littéraire dans les diverses races humaines (1894, französisch). und Victor Hugos Die Arbeiter des Meeres und 1793, gelesen hatte.Gerhard Prause: Genies in der Schule. Legende und Wahrheit über den Erfolg im Leben. S. 141 f.: Gerhard Prause: Genies in der Schule. LIT Verlag Münster, 2007, ISBN 978-3-8258-0105-2, S. 141 (Google Books: ).Douglas Smith: Rasputin, The First Test. S. 134 (englisch).

Revolutionäre Tätigkeit vor der Oktoberrevolution mini|hochkant|Iosseb Dschughaschwili im Jahr 1902 mini|Stalin (4. von links stehend) in der Verbannung mit Kamenew (6. von links stehend) im Dorf Monastyrskoje in der Nähe von Turuchansk im Jahr 1915

Stalins Leben bis zur Oktoberrevolution kann zweigeteilt werden: in eine ereignisreiche Zeit bis 1908 und in die Zeit von 1909 bis zum März 1917, in der wenig Bemerkenswertes geschah. In diese Zeit fielen die wichtigen politischen Entscheidungen, die in Russland zum Untergang der zaristischen Autokratie führten.

1897 wurde der 18-Jährige in die erste sozialistische Partei Georgiens aufgenommen, die Messame Dassi (deutsch Die dritte Gruppe), geführt von Noe Schordania, Nikolos Tschcheidse und Irakli Zereteli, die sich später den Menschewiki anschlossen. Im folgenden Jahr leitete Stalin einen Studienzirkel für Arbeiter. Zu dieser Zeit las er schon Werke von Georgi Plechanow und die ersten Schriften Lenins. Nachdem er 1898 offiziell in die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) eingetreten war, verpasste er wegen dieser politischen Tätigkeit mehrere wichtige Prüfungen und wurde 1899 aus dem Priesterseminar ausgeschlossen. Trotzdem erhielt er in seinem Abgangszeugnis insgesamt gute bis sehr gute Noten, zum Beispiel „sehr gut“ für sein Betragen und im Fach Logik, „gut“ in fast allen weiteren Fächern, unter anderem auch Psychologie.