Die politische Bildung hat ihre Wurzeln in der Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft und der Pädagogik. Ihr Ziel ist, Zusammenhänge im politischen Geschehen zu erkennen, Toleranz und Kritikfähigkeit zu vermitteln und zu stärken, damit zur Herausbildung und Weiterentwicklung von aktiver Bürgerschaft, gesellschaftlicher Partizipation und politischer Beteiligung beizutragen.
In den Schulen hieß oder heißt das betreffende Unterrichtsfach Politik, Gemeinschaftskunde, Staatsbürgerkunde, Sozialkunde, Sozialwissenschaften (in Nordrhein-Westfalen) oder Politische Bildung (in Brandenburg), die fachdidaktische Bezugsdisziplin ist die Politikdidaktik.
Ziele politischer Bildung in der Geschichte mini|Ein Neubauer in der DDR liest zur politischen Bildung das Weißbuch über die amerikanisch-englische Interventionspolitik in Westdeutschland und das Wiedererstehen des deutschen Imperialismus (Propagandafoto 1952).
Historisch trat politische Bildung als „ideologisches Fach“ laut Wolfgang Sander in zwei idealtypischen Denkmustern auf; einerseits im Muster der Herrschaftslegitimation (wie etwa in der Staatsbürgerkunde im Kaiserreich), andererseits im Muster der Mission, die mit politischer Bildung das Ziel einer Veränderung oder eines Umsturzes der gesellschaftlichen Verhältnisse verfolgt. Für die politische Bildung der Neuzeit nennt er ein drittes Grundmuster, die „Erziehung zur Freiheit“, die Reflexion und Mündigkeit fördern soll.
Schriften zur politischen Bildung gibt es in Europa seit dem 5. Jh. v. Chr. – so die Kyrupädie („Erziehung des Kyros“) des griechischen Autors Xenophon. Philosophen wie Isokrates, Platon, Aristoteles und Cicero betonen die Notwendigkeit politischer Erziehung für den Bestand des Staates.Aristoteles, Politik V 1310b: , Cicero: In Verrem II 3, 161. Oft wird die Form der Darstellung eines musterhaften Herrschers genutzt, etwa bei Einhards Karlsvita. Zielgruppe waren die kommenden Monarchen („Fürstenspiegel“, „politisches Testament“), doch gab es damit auch den Untertanen eine Möglichkeit der Kritik an ihren aktuellen Herren. Die Entstehung einer öffentlichen Meinung über Zeitungen, Theater und Klubs, die Diskussion politischer Fragen unter Bürgern, der Wille zu politischer Emanzipation durch Vernunft und Bildung kennzeichnen die Epoche der Aufklärung.Vgl. auch die Erzählung Der goldene Spiegel von Christoph Martin Wieland (1772), in der die Unerziehbarkeit eines schwankend-wohlwollenden jungen Herrschers zum Thema wird und die öffentliche Meinung direkt angezielt wird.
Mit dem Aufkommen der modernen politischen Richtungen und Weltanschauungen seit der Französischen Revolution entstanden typische Ziele politischer Bildung, die bis in die Gegenwart wirken.
Für Konservative ist das oberste Ziel die Aufrechterhaltung von Ordnung und Hierarchie durch die Staatsautorität und anerkannte Tradition. Verständnis für politische Zusammenhänge und die Notwendigkeit der Ordnung soll geweckt werden – Institutionenkunde, Rechtsprinzipien – und die Staatsbürger sollen Gemeinsinn für ihre Umgebung (Gemeinde, Kreis, Land, Gesamtstaat) entwickeln.
Für Liberale ist das oberste Ziel die Wahrung der rechtsstaatlichen und parlamentarischen Verantwortlichkeiten. Wissen über die Gesellschaftsordnung und Wertebewusstsein, besonders für Menschen- und Grundrechte, sowie das Einüben von sozialen Tugenden sind wichtige Ziele.
Für liberal-sozialdemokratische Positionen ist das oberste Ziel eine vielfältige Pluralität, um Stabilität und Effizienz zu erreichen. Politische Bildung soll Urteilsvermögen schärfen und eine kritische Loyalität zu allen gesellschaftlichen Akteuren und Institutionen schaffen. Politische Partizipation, Integration und Verteidigung demokratischer Errungenschaften sind hier wichtige Ziele.
Für linksdemokratische Sozialisten ist das oberste Ziel der Abbau von Herrschaft in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Prioritäten liegen auf Herrschafts- und Ideologiekritik. Benachteiligte Bürger sollen sich bewusst werden, dass sie kollektiv handeln müssen, um sich zu emanzipieren. Dieses Ziel wurde im Kreis der Kritischen Theorie als zentral bestimmt. Im Kontext der Kritischen politischen Bildung wird dieses Bildungsziel gegenwärtig reaktualisiert.
Für Marxisten ist oder war das Ziel die revolutionäre Aufhebung der politisch-ökonomischen Grundstruktur des kapitalistischen Systems. Die Bürger sollen ein Klassenbewusstsein entwickeln. Für die Aufhebung der Ordnung ist es wichtig, solidarische Handlungsformen zu fördern. Dafür trat das Schulfach Staatsbürgerkunde in der DDR und in anderen Ostblockstaaten ein.
Politische Bildung in Deutschland Geschichte der politischen Bildung in Deutschland Politische Bildung im heutigen Sinn ist untrennbar mit demokratischen Verhältnissen und offenen Debatten verknüpft. Oskar Negt geht davon aus, dass die Demokratie „die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung [ist], die gelernt werden muss“.Oskar Negt: Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, Steidl Verlag, Göttingen, 2010, S. 515. Politische Bildung fand aber auch unter undemokratischen Zuständen statt: die „staatsbürgerliche Erziehung“, wie von Georg Kerschensteiner gefördert, im Kaiserreich, die nationalsozialistische Erziehung oder die Staatsbürgerkunde der DDR. Der nationalliberale Lehrer Paul Rühlmann hat 1908 zuerst den Begriff der politischen Bildung benutzt und ein eigenes Unterrichtsfach gefordert. 1919 hat er in der besseren politischen Schulung der Franzosen einen Grund für die deutsche Niederlage im Weltkrieg gesehen.
Weimarer Republik 1918–1933 Mit der Novemberrevolution entstand in Deutschland nicht nur eine demokratisch verfasste Republik, sondern es kamen auch neue Initiativen im Bildungswesen zum Zuge. Die Volkshochschulen erlebten einen gewaltigen Gründungsboom, aber auch andere Bildungsinstitutionen nahmen einen Aufschwung. Im Umkreis der (damals noch in verschiedene Strömungen zersplitterten) Gewerkschaften mussten Tausende von Funktionären für die neuen Formen der Mitbestimmung und Selbstverwaltung geschult werden, die Parteien bemühten sich verstärkt um die Aufklärung ihrer Mitglieder, und eine ganze Reihe unabhängiger Institutionen wandte sich an andere Gruppen oder an alle Staatsbürger. Die Heimvolkshochschulen (nach dänischem Vorbild) versuchten in längeren, oft mehrmonatigen Kursen die politische Erziehung mit der Persönlichkeitsbildung zu verbinden. Die „Reichszentrale für Heimatdienst“, deren Anfänge schon im Ersten Weltkrieg lagen, versuchte sich in der Schulung von Rednern und der Unterstützung republikfreundlicher Kräfte. Das neue Schulfach „Staatsbürgerkunde“ erhielt in der Weimarer Verfassung einen Verfassungsauftrag in Art. 148, der aber weitestgehend ignoriert wurde, sodass es außerhalb von Fortbildungsschulen kaum eingerichtet wurde. Aufgrund der politischen Stimmung in der Republik konnte die Staatsbürgerkunde auch wenig zur Festigung der Demokratie beitragen; in den 1923 für das Fach verabschiedeten Richtlinien wurde von Schülern unter anderem die „Opferwilligkeit für den Staat“ und die Vorbereitung auf eine „kommende geistige Führerschaft“ gefordert. In anderen Fächern wie Geschichte oder Deutsch wurde de facto antidemokratische politische Bildung betrieben.
Nationalsozialismus 1933–1945 Im Nationalsozialismus wurde Pädagogik primär als politische Erziehung verstanden, sodass politische Bildung im eigenen Schulfach nicht mehr nötig erschien. Alle Fächer trugen zur Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie bei. Der nationalsozialistische Staat verstand sich als Erziehungsstaat, der Erziehung vor allem als totalitäre Menschenformung begriff. Im Zentrum der politischen Erziehung im Nationalsozialismus stand der Rassegedanken und Antisemitismus, die Förderung eines völkischen Nationalbewusstseins und das Führerprinzip. Besonders fand die stark militarisierte Erziehungspraxis des NS in der Hitlerjugend ihren Ausdruck.
Alliierte Kontrolle 1945–1949 Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die politische Bildung im Auftrag der Alliierten darauf ausgerichtet, die Deutschen zu entnazifizieren (Entnazifizierung, Reeducation). Es ging darum, die Deutschen überhaupt zu demokratisieren. Der Alliierte Kontrollrat beschloss in seiner Direktive 54 vom 25. Juni 1947, dass die Schulen „die Entwicklung eines bürgerlichen Verantwortungsgefühls“ und „die Auffassung einer demokratischen Lebensweise“ fördern sollen. Die Alliierten (besonders die britische Besatzungsmacht) unterstützten aber auch die Entstehung neuer Lernorte und Bildungsprogramme, besonders für Frauen und Jugendliche. Die Alliierten suchten dafür Unterstützung bei Deutschen, die aus älteren demokratischen Traditionen Deutschlands vor dem Nationalsozialismus stammten.
Bundesrepublik 1949–1989 Die Bundesländer, denen in der Bundesrepublik Deutschland die ausschließliche Zuständigkeit für die politische Bildung zustand, taten sich schwer damit. Anstöße kamen aus der Pädagogik (z. B. Erich Weniger, NS-belasteter Theodor Wilhelm 1951) und der neu etablierten Politikwissenschaft an den Universitäten, z. B. der Freiburger Schule. Die Diskussionen um die „Aufarbeitung der Vergangenheit“, besonders nach neuen antisemitischen Vorfällen, verstärkten ab Ende der 1950er Jahre die Ansätze einer wissenschaftlichen Begründung und professionellen Arbeit. Das Fach „Gemeinschaftskunde“ oder „Sozialkunde“ wurde neben dem Geschichtsunterricht etabliert. In den 1960er Jahren fand ein Übergang von älteren eher erziehungsphilosophischen Theorien zu konkreten fachdidaktischen Konzeptionen der politischen Bildung statt. Anlass war die Einrichtung von vielen Lehrstühlen für Politikdidaktik an den Hochschulen. Außerhalb der Schulen verbanden sich einflussreiche Kräfte der politischen Bildung mit den Impulsen der 1968er-Bewegung („Mehr Demokratie wagen!“).
In der Phase nach dem Regierungswechsel 1969 differenzierten sich die politikdidaktischen Ansätze aus, und es begann eine Systematisierung didaktischer und methodischer Ansätze. Politische Kontroversen um tatsächliche oder vermeintliche Einseitigkeiten der politischen Bildung prägten die Szene innerhalb (Hessische RahmenrichtlinienDer hessische Kultusminister Ludwig von Friedeburg ließ 1972/73 Rahmenrichtlinien für ein neues Fach Gesellschaftslehre erarbeiten, die auf heftigen Widerstand stießen.) und außerhalb der Schulen.
In der politischen Erwachsenenbildung bildete sich eine Vielzahl neuer Institutionen heraus – einerseits geprägt vom politischen Gestaltungsoptimismus dieser Jahre, andererseits mit angestoßen von einer neuen Gesetzgebung vieler Bundesländer zur Weiterbildung der Arbeitnehmer.
Im so genannten „Beutelsbacher Konsens“ schlugen in den 1970er Jahren wichtige Politikdidaktiker – zunächst für den schulischen Bereich – einige Grundprinzipien dafür vor, was politische Bildung darf bzw. beachten muss. Die drei Grundsätze beinhalten
das Überwältigungsverbot, d. h., dass Lehrkräfte ihre Meinung den Lernenden nicht aufnötigen dürfen; das Kontroversitätsgebot: Es muss kontrovers im Unterricht diskutiert werden, was auch in der Öffentlichkeit kontrovers erscheint; Politische Bildung muss die Schüler in die Lage versetzen, die politische Situation und ihre eigene Position zu analysieren und daraus Konsequenzen zu ziehen.
Diese Normen sind inzwischen auch weitgehend akzeptiert für die außerschulische Jugend- und Erwachsenenbildung, die sich in vielem vom Schulunterricht unterscheidet.
Vereinigtes Deutschland ab 1990 Eine neue Herausforderung für die politische Bildung war die Vereinigung Deutschlands, weil mit der ostdeutschen Bevölkerung eine anders geprägte und sozialisierte Gruppe zur Zielgruppe politischer Bildung wurde. Gleichzeitig trat ein verstärkter Rechtsextremismus in Ost und West auf.