mini|300px|Die Rostocker Stadtbefestigung im Dreißigjährigen Krieg mini|300px|Der Zustand der Stadtbefestigung um 1624/25 (Aufsicht von Norden; Radierung von Wenzel Hollar)
Die Rostocker Stadtbefestigung umschloss die Stadt Rostock seit der Mitte des 13. Jahrhunderts. Nachdem sich die ursprünglichen Stadtkerne der drei Rostocker Teilstädte 1265 offiziell zu einer Stadt vereint hatten, wurde die gemeinsame, etwa drei Kilometer lange Stadtmauer gebaut, die über mehr als 20 Stadttore verfügte. Unterschieden wurden diese in „Land-“ und „Strandtore“, je nachdem, ob sie in das mecklenburgische Hinterland oder in den Stadthafen an der Unterwarnow führten.
Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) wurde die Anlage vor allem unter Wallenstein zur Festung ausgebaut. Als die Stadt im 19. Jahrhundert erstmals über die Grenzen der Stadtmauer hinauswuchs, wurde diese entfestet und teilweise in der Höhe stark reduziert. Teile der Stadtbefestigung wurden infolge der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zerstört oder in der Nachkriegszeit abgetragen. Dennoch sind bis heute drei der massiven Landtore aus Backstein (Steintor, Kuhtor, Kröpeliner Tor) und ein Strandtor aus klassizistischer Zeit (Mönchentor), ein Mauerturm (Lagebuschturm), große Teile der Stadtmauer auf einer Länge von insgesamt etwa 1300 Metern sowie Teile des Festungswalls erhalten. In einigen Passagen wurde die Befestigungsanlage in den 1930er Jahren rekonstruiert.
Geschichte der Rostocker Stadtbefestigung
Siehe auch: Geschichte Rostocks
Die Befestigung im Mittelalter
mini|hochkant|Stadtmauer östlich der Petrikirche mini|hochkant|Stadtmauer südlich der Nikolaikirche Die Anfänge der Rostocker Befestigungsanlage reichen in die Gründungszeit der Stadt im 12. Jahrhundert zurück. Sie umschloss zunächst wahrscheinlich nur die Petrikirche und den Alten Markt auf einer Anhöhe, die sich etwa acht Meter über dem Warnowufer erhebt. Kurze Zeit später wird unterhalb dieser Anhöhe das Petritor gebaut und auch die „Flöhburg“ dazwischen errichtet worden sein, um Kirche und Stadt weiteren Schutz zu bieten. Wie in dieser Zeit üblich, bestand die Befestigungsanlage in der Anfangszeit lediglich aus einer einfachen Wallanlage, trockenen und wasserführenden Gräben, sowie Palisaden aus Holz.Gerd Baier: Das Stadtbild als Spiegel der Geschichte. In: Denkmale in Mecklenburg. Weimar 1977, S. 106. Mit dem Aufschwung der Ziegelbrennerei um 1200 konnten zunächst die sensiblen Stellen der Befestigung durch Tore und Mauerteile aus Feld- und Backsteinen gestärkt und so auf Weiterentwicklungen der Waffentechnik reagiert werden.
mini|hochkant|links|In der Höhe reduzierte Stadtmauer vor dem Kloster zum Heiligen Kreuz
1218 wurde der ersten Teilstadt um die Petrikirche das lübische Stadtrecht bestätigt. Durch Erweiterungen nach Süden entstand um die Nikolaikirche ein zweites Zentrum, das kein eigenes Rathaus erhielt. Dass im Süden dieses Stadtkerns die spätere, alle Teilstädte umschließende Mauer an der Grube (heute Grubenstraße) einen deutlichen Knick aufwies, deutet darauf hin, dass auch diese Siedlung bereits über eine Befestigung verfügte. Auch der spätere Schweinehirtenturm war dort am Verlauf dieses Mauerteils ausgerichtet, auf Höhe der heutigen Viergelindenbrücke ist deshalb ein Westtor zu erschließen.Vgl.: A. F. Lorenz: Zur Geschichte der Rostocker Stadtbefestigung. In: Beiträge zur Geschichte der Stadt Rostock. Band 20. Rostock 1935, S. 30. Westlich der Altstadt entstanden mit der Mittelstadt um die Marienkirche und die Neustadt um die Jakobikirche zwei weitere befestigte Siedlungen, die jeweils über eigene Rathäuser verfügten. Möglicherweise bildeten die Umfriedungen der vier Siedlungskerne bereits eine geschlossene Anlage.
mini|hochkant|Stadtmauer mit rekonstruiertem Wehrgang
Nachdem sich die drei Teilstädte 1265 zusammengeschlossen hatten, wurde die Stadtbefestigung systematisch ausgebaut. Die Stadtmauer war rund drei Kilometer lang, umschloss eine Fläche von ungefähr einem Quadratkilometer und war bis zu 1,20 Meter dick. Sie bestand zum größten Teil aus Backsteinziegeln, auf einem Granitfundament von erratischen Blöcken. Die Mauer hatte eine schräge Ziegelbedachung und schmale, nach innen erweiterte Schießscharten, wie sie an Teilen der Mauer im Nordosten rekonstruiert wurden. Halbrunde Wiekhäuser, vor allem im Südwesten, verstärkten sie in regelmäßigen Abständen, später wurden einige davon zu Türmen erweitert. Seit 1400 waren der Stadtmauer zwei Wälle und zwei Gräben vorgelagert, von denen der äußere Wasser führte.Gerd Baier: Das Stadtbild als Spiegel der Geschichte. In: Denkmale in Mecklenburg. Weimar 1977, S. 106. In etwa drei Metern Höhe konnten unterhalb der Mauerkrone im Bedarfsfall hölzerne Wehrgänge angelegt werden. Im Bereich des Klosters zum Heiligen Kreuz und beim Lagebuschturm wurden solche Wehrgänge 1982/83 wiederhergestellt.
mini|links|hochkant|Das Kuhtor bewahrt noch die Gestalt der Rostocker Stadttore im 13. Jahrhundert.
Die Stadttore entstanden im 13. Jahrhundert als schlichte, weitgehend schmucklose Baublöcke mit einfachen backsteingotischen Formen, wie sie das Kuhtor bis heute bewahrt. Wuchtige Stadtportale wie das Holstentor in Lübeck oder das Krantor in Danzig gab es in Rostock nicht. Als Mittel der architektonischen Repräsentation waren die Stadttore Rostocks auch insgesamt zurückhaltender als diejenigen kleinerer Hansestädte wie Salzwedel, Stendal, Demmin, Anklam oder Tangermünde. Die bedeutenderen Hansestädte Mecklenburgs und Pommerns, Wismar, Stralsund und Greifswald, teilten dagegen die relative Schlichtheit der Stadteingänge. Im 14. und 15. Jahrhundert wurden jedoch sechs Land- und neun Strandtore zu Tortürmen erweitert.Rogge: Wallenstein und die Stadt Rostock. 1886, S. 342. Seit Ende des 14. Jahrhunderts demonstrierte Rostock seine Bedeutung vor allem durch die Höhe des Kröpeliner Tores. Vor dem Steintor kam dazu der 1526 begonnene Zwinger, ein runder Turmbau, als zusätzlicher Schutz eines der wichtigsten Zugänge zur Stadt.
Zum Schutz der Grundstücke außerhalb der Stadtmauer dienten die natürlichen Wasserläufe, Gräben, Wälle und Dornenverhaue als Landwehr. Diese Zingel waren teilweise durch Block- oder Fachwerkhäuser und Pforten zusätzlich gesichert. Seit Ende des 15. Jahrhunderts finden sich in Rostock auch Schanzen zur Verteidigung. Diese wurden jeweils von bestimmten Zünften besetzt, nach denen sie auch ihre Namen erhielten. 1494 entstand der wall vppe deme Küterbroke, Anfang des 16. Jahrhunderts der Wullenwewer-Wall. 1559 beschloss der Rat der Stadt, Rostock mit Rondellen und Wällen zu befestigen, die jeweils einen eigenen Kommandanten bzw. Hauptmann erhielten.
Auseinandersetzungen mit den Fürsten im 16. Jahrhundert mini|Bauschmuck auf der Stadtseite des Steintors
Andauernde Konflikte mit den Landesherren gipfelten darin, dass Johann Albrecht I. 1565 während der Arbeiten an den Rondellen und Wällen mit 500 Reitern in die Stadt einmarschierte. Im folgenden Jahr ließ er das Steintor, dessen Vortor, den Zwingerhof mit seinem Tor, den Teil der Stadtmauer vom Wiekhaus am Dominikanerkloster bis zum Kuhtor und den „Turm auf dem Rammelsberg“ mit Wällen, Gräben und Brücken sowie Teile der Ost- und Südseite des Klosters schleifen. Damit war die Stadt an einer wichtigen Stelle offen und somit empfindlich geschwächt. Aus den Steinen der abgerissenen Bauten ließ er mit Hilfe von 500 Bauern aus der Region eine eigene landesherrliche Festung im heutigen Rosengarten bauen, die in die Stadt hineinragte. Herzog Johann Albrecht selbst war am 25. Februar vom Pferd gestiegen, um den ersten Spaten Erde zur Schanze aufzuwerfen. Er beabsichtigte, seine Festung sprichwörtlich „so fest wie Ziegenhain“ auszubauen. Die städtischen Geschütze wurden in der Festung aufgestellt und auf Rostock selbst gerichtet. So hatte der Landesherr jederzeit freien Zutritt in die Hansestadt und konnte diese besser kontrollieren. Der Bau wurde in den nächsten Jahren fortgesetzt. Gegen Überfälle in dieser Zeit schützten sich die Rostocker mit Ketten, Schlagbäumen und Wachen.
Erst mit dem Ersten Rostocker Erbvertrag vom 21. September 1573, konnte die Stadt unter Preisgabe wichtiger Privilegien, denen die Stadt ihre Unabhängigkeit gegenüber dem Landesherrn verdankt hatte, den Konflikt zunächst beenden. Sie musste dem Fürstenhaus die Erbherrschaft sowie die hohe Gerichtsbarkeit über die Stadt zugestehen.
Nachdem die Bürger sich vom Herzog das Recht dazu hatten erkaufen müssen, schleiften sie im folgenden Frühjahr dessen Festung und schritten 1574 bis 1577 zum teuren Wiederaufbau der Mauer. Baumeister Anton Bawald wurde beauftragt, Wall und Mauer anstelle der Festung zu errichten. Am 10. Mai 1574 begann man mit dem Wiederaufbau der Mauer vom Kuhtor aus und mit den Arbeiten am Wall vom Zwinger Richtung Mühlentor. Am 17. Juni wurde an der Stelle des ehemaligen Gefangenenturms auf dem Rammelsberg das Fundament des Lagebuschturms gelegt, und noch im Sommer 1574 begannen die Arbeiten am Steintor. Erst dieser Neubau legte deutlich mehr Wert auf Bauschmuck im zeitgenössischen Renaissancestil als die früheren gotischen Torbauten. Die Schaufront lag dabei auf der Stadtseite, während die Feldseite von großer Schlichtheit geprägt war. 1576 wurde dann der Bau der Mauer bis zum Kloster St. Johannis fortgesetzt. Auch danach gingen die Arbeiten weiter. Vor allem an den Wällen, die allerdings sehr beschwerlich waren und 1582 unterbrochen wurden, weil die Arbeiter an anderen Stellen gebraucht wurden. 1586/87 sind aber wieder Klagen über diese Arbeit zu finden.
Die Fortifikation im Dreißigjährigen Krieg
mini|350px|Johan van Valckenburghs Plan zur Fortifikation Rostocks von 1624 mini|350px|Caspar Merian: Plan der Stadt Rostock aus dem Jahr 1653 (unten der Stadthafen im Norden der Stadt)
Politisch versuchten sich die Hansestädte in der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) gegen die Fürsten zu stärken, indem sie engere Bündnisse eingingen. 1605 schlossen sich bereits fünf Städte, darunter Lübeck, Hamburg und Bremen zu einem engeren Bündnis zusammen. Andere Städte wie Rostock folgten später über den Umweg des Vertrags mit den Niederlanden. Diese Städte stellten 1608 einen Generalobersten ein, den Grafen Friedrich zu Solms, der nun u. a. auch einen Ingenieur für die Festungen halten sollte. Da der Handel durch die Ereignisse im Vorfeld des Krieges bereits schwer in Mitleidenschaft gezogen war, suchten die Städte nach einer Macht, welche ihnen den nötigen Rückhalt bot. Lübeck unter dem Bürgermeister Heinrich Brockes sah hierzu nur die Generalstaaten in der Lage, sowie deren Statthalter Moritz von Oranien. Am 17. Mai 1613 vollzog erst nur Lübeck diesen Schritt, unter den anhaltenden Missständen folgten die anderen Städte allerdings bald. Rostock im Juni 1616.Vgl.: Bachmann: Ein Plan der Belagerung Rostocks. S. 10 ff.
Rostock hatte schon im Vorfeld einige notwendige Veränderungen der Befestigung vorgenommen. Am 7. März 1608 wurde der Bau der Fischerbastion begonnen, eines Rondells am blauen Turm. Am 29. April 1611 der einer steinernen Brücke am Steintor, am 15. März 1613 wurde beschlossen, den neuen Zingel als Tor zu verfertigen, sowie die Zugbrücke zu restaurieren, am 26. April, mit Bauungen am Wall fortzufahren und diesen mit Holz zu verbauen, dass das Wasser nicht durch die Brücke kommen konnte. 1617 nun, als erste Aktion nach dem Vertrag, wurde das äußerste Tor vor dem Kröpeliner Tor, das bislang aus Holz gewesen war, mit Backsteinen aufgeführt. Auch wurde 1618 der einfache, hölzerne Schlagbaum vor dem Steintor durch ein äußeres Tor ersetzt.Vgl.: Rogge: Wallenstein und die Stadt Rostock. 1886, S. 344.