mini|Deutsches Tor, Ansicht um 1900 Das Deutsche Tor (französisch Porte des Allemands) befindet sich in der französischen Stadt Metz, Lothringen. Die Toranlage, die als einzige von 17 mittelalterlichen Stadttoren der Metzer Stadtmauer erhalten geblieben ist,Jean Thiriot: Portes, tours et murailles de la cité de Metz, Metz 1971, S. 45f. wurde nach dem benachbarten ehemaligen Hospital des Deutschen Ordens benannt, das um das Jahr 1210 in der Nähe der Kirche St. Eucharius (Saint-Eucaire) eingerichtet worden war. Der Name wäre daher auch mit Deutschherrentor zu übersetzen. Die Torburg bildete von Osten her den Hauptzugang zur Stadt Metz.
Geschichtlicher Überblick mini|hochkant|Deutsches Tor, Stadtseite Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts wurde die Stadt Metz nur von der Stadtmauer aus der Spätantike umschlossen, die Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts erneuert und geringfügig erweitert worden war. Als sich im 12. Jahrhundert mehrere Vororte außerhalb der Stadtmauern entwickelten, beschlossen die Metzer Obrigkeiten, die wirtschaftlichen Interessen der Stadt durch den Bau einer neuen Mauer zu schützen. Die Arbeiten wurden um 1230 abgeschlossen. Auf insgesamt 5500 Metern Länge schützte die neue Stadtmauer nun 20.000 Einwohner auf einem Stadtgebiet von 160 Hektar. In den folgenden Jahrhunderten veränderten zahlreiche Arbeiten und Erweiterungen die Befestigungsanlage, insbesondere Ende des 15. Jahrhunderts, als die ursprüngliche Hauptmauer aus dem 13. Jahrhundert durch einen vorgelagerten Niederwall verstärkt wurde.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts umfasste die Stadtmauer zwölf Tore und 76 Türme, die von der Stadtverwaltung und den Metzer Zünften unterhalten wurden. Die Hälfte der Türme erinnert an die Zünfte der Stadt, die auch mit der Bewachung und Versorgung beauftragt waren, wie etwa die Barbiere, die Bäcker, die Metzger, die Börsenmacher (Täschner), die Sattler, die Talkkerzenhersteller, die Wachskerzenzieher, die Kesselschmiede, die Zimmerer, die Wagner, die Sämischgerber, die Rotgerber, die Weißgerber, die Nagelschmiede, die Zinngießer, die Schuster, die Messerschmiede, die Dachdecker, die Tuchweber, die Hersteller von Schnallenschuhen, die Fischer, die Heringshändler, die Wollhändler, die Hufschmiede, die Maurer, die Kurzwarenhändler, die Kürschner, die Maler, die Zinngießer, die Zwischenhändler, die Schneider, die Küfer, die Weber, die Lumpenhändler, die Winzer u. a. Die übrigen Türme wurden von der Stadt finanziert und von Soldempfängern bewacht.Pierre-Édouard Wagner: Das mittelalterliche Metz, Eine Patrizierrepublik, dt. Übertragung von Margarete Ruck-Vinson (Èditions du patrimoine, Centre des monuments nationaux), Paris 2014, S. 39.Niels Wilcken: Vom Drachen Graully zum Centre Pompidou-Metz, Metz, ein Kulturführer, Merzig 2011, S. 139–145.
Die Mauer bewies in zahlreichen Belagerungen und Kriegen zwischen dem 13. und der Mitte des 16. Jahrhunderts ihre Widerstandsfähigkeit. Danach verschlechterte sich die Bausubstanz der Verteidigungsanlagen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Metzer Stadtmauer von Vauban und Louis de Cormontaigne verändert. Sie wurde in die neuen Befestigungsanlagen mit ihren Bastionen integriert und an einigen Stellen wurde sie zugunsten der neuen Verteidigungsbauten geschleift. Während der Reichslandszeit (1871–1918) wurden im Zeitraum zwischen 1899 und 1905 weitere Elemente der Stadtmauer niedergerissen. Schließlich blieben nur noch 1000 Meter Mauer (ein Sechstel der ursprünglichen mittelalterlichen Mauerlänge) nordöstlich des historischen Stadtkerns von Metz, die ehemalige Seillefront, in reduzierter Höhe und ohne die ursprüngliche Zinnenbekrönung erhalten.Julien Trapp: Metz, Die mittelalterliche Stadtmauer, Informationsschrift hrsg. von der Stadt Metz (Service Patrimoine Culturel/Städtische Stelle für Kulturerbe), o. J. und o. O.
Bau des Stadttores
Das Deutsche Tor wurde um 1230 als von zwei schlanken Rundtürmen mit Kegeldächern bewachter Durchgang erbaut. Dieser ältere Torbau wurde mit Mörtel verputzt. Zwei weitere, bedeutend größere Befestigungstürme mit Zinnenkränzen sowie die spitzbogige Brücke über die Seille mit mauergeschützter Zufahrt wurden 1445 durch den Stadtbaumeister Henri de Ranconval hinzugefügt und im Jahr 1480 durch einen weitgespannten Laubengang an der Westseite der Brücke erweitert. Der stadtauswärts gelegene Teil der Torburg wurde angewinkelt zur Brücke errichtet, um eine direkte Schusslinie von Seiten eventueller Angreifer zu vermeiden. Dieses jüngere Bollwerk besteht an seinen Außenseiten aus einer aufwändigen Quaderung aus Jaumont-Stein. An den Türmen erkennt man noch Einschlagspuren von Schüssen, die bei der Belagerung der Stadt durch Kaiser Karl V. im Jahr 1552 entstanden sind.Niels Wilcken: Vom Drachen Graully zum Centre Pompidou-Metz, Metz, ein Kulturführer, Merzig 2011, S. 141. Jüngster Bauteil der Torburg ist der in den Jahren 1526 bis 1529 von Philipp Dex als dreieckiges Bollwerk errichtete Brückenkopf, zwei neue Schießkammern wurden 1550 ergänzt.
Bei den Umbauten der Metzer Stadtbefestigung durch die königlichen französischen Festungsbaumeister Vauban (um 1680) und Cormontaigne (in den Jahren 1744–1752) wurde das Deutsche Tor als einziges mittelalterliches Stadttor jeweils unverändert in das neue Verteidigungskonzept einbezogen. Die Torburg wurde in den Jahren 1859–1862 von der Direction du Génie Militaire und der Metzer Akademie restauriert. Eine weitere Restaurierung erfuhr die Toranlage durch den Metzer Dombaumeister und lothringischen Denkmalpfleger Paul TornowNiels Wilcken: Architektur im Grenzraum, Das öffentliche Bauwesen in Elsaß-Lothringen 1871–1918 (Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Band 38), Saarbrücken, 2000, S. 366–367. sowie dessen Assistenten Wilhelm Schmitz ab dem Jahr 1892. Dabei wurden auch die Zinnenkränze wiederhergestellt. Im November 1900 erwarb die Stadt Metz das Bauwerk und richtete darin 1907 ein Museum ein. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Deutsche Tor im Oktober 1944 durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt. Am 18. November machte man die zerstörte Brücke durch einen provisorischen Holzsteg wieder gangbar.Christian Fauvel: Metz 1940–1950, De la tourmente au renouveau, Metz 2017, S. 152. Die ersten Wiederherstellungsarbeiten begannen 1946; seit der umfassenden Renovierung im Jahr 1968 ist das Tor für Fußgänger wieder begehbar. Am 3. Dezember 1966 wurde das Deutsche Tor offiziell unter Denkmalschutz gestellt. Die bisher letzten Sanierungen wurden im Jahr 1996 vorgenommen. Nach den im Jahr 2013 durchgeführten Umbauarbeiten wird die Toranlage als kultureller Veranstaltungsort genutzt.Pierre-Édouard Wagner: Das mittelalterliche Metz, Eine Patrizierrepublik, dt. Übertragung von Margarete Ruck-Vinson (Èditions du patrimoine, Centre des monuments nationaux), Paris 2014, S. 46.
Viertel Outre-Seille mini|Befestigungsanlagen der Stadt Metz, Plan der Stadt Metz aus dem Jahr 1652 Das Deutsche Tor kontrollierte die Straße von Mainz nach Metz, eine alte Römerstraße, die als „Rue des Allemands“ durch das Viertel „Outre-Seille“ ins Stadtzentrum und zum Metzer Stefansdom führt. Das Viertel hat seinen Namen von der Tatsache, dass bis zum Jahr 1903 an der Stelle der heutigen Straße „Rue Haute-Seille“ ein Seitenarm der Seille floss, der damals aus hygienischen Gründen zugeschüttet wurde. Das Viertel lag also, aus Sicht des Stadtzentrums aus, „jenseits der Seille“. Outre-Seille war als Insel zwischen dem Nebenarm und dem Hauptarm der Seille eingeschlossen und lag bis zum 13. Jahrhundert außerhalb der ummauerten Innenstadt. Das Viertel war eine ländlich geprägte Vorstadt des mittelalterlichen Metz. So erinnert noch der Straßenname „Rue du Champé“ an die Felder (Champ = Feld), die bis zum 13. Jahrhundert hier bewirtschaftet wurden. Erst mit dem Bau der neuen Stadtmauer wurde die Vorstadt Outre-Seille Teil von Metz.
Die „Rue des Allemands“ (Deutsche Straße) hat ihren Namen von dem dort seit Beginn des 13. Jahrhunderts gelegenen Hospitals der Deutschordensritter. Die Häuser der Straße weisen niedrige Dächer auf und sind aus gelbem Jaumont-Stein errichtet. Die Ursprünge zahlreicher Häuser der Straße liegen im Mittelalter. Die an der Straße gelegene St. Euchariuskirche (St. Eucaire) wurde urkundlich erstmals für das Jahr 942 erwähnt. Hier wird eine Reliquie des heiligen Blasius von Sebaste aufbewahrt, zu dessen Ehren an jedem 3. Februar eine Wallfahrt stattfindet, in deren Verlauf kleine Brote und Gebäck gesegnet und dann von den Gläubigen zur Verhinderung von Halsschmerzen verzehrt werden.
Neben der alten Römerstraße von Metz nach Mainz (Rue des Allemands) war das Viertel Outre-Seille ab der Porte Mazelle (Mazellentor) noch von der Rue Mazelle (Mazellenstraße) als Verkehrsachse durchzogen. Sie stellte die Verbindung zwischen Metz und Straßburg her. Die Mazellenstraße hat ihren Namen von der römischen Markthalle (Macellum = Markthalle), denn am Mazellenplatz fand seit der römischen Zeit bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts der Metzer Viehmarkt statt. Das Viertel verfügte also über zwei stadtauswärtige Toranlagen, das Deutsche Tor sowie das Mazellentor, die beide über die Seille führten. Die Seille, ein rechter Zufluss der Mosel, fließt vom Salzland (Saulnois) 138 km lang bis nach Metz, wo sie am Teufelsturm (Tour du Diable) in die Mosel mündet. Auf dem Fluss, der vom 9. bis zum 16. Jahrhundert schiffbar war, wurde auf flachen Kähnen Salz aus dem Salzgau nach Metz transportiert und hier in den Salzgewölben der „Rue Saulnerie“ gelagert. Auch der Name der Seille geht auf das Wort Salz (franz. „sel“) zurück. Ebenso wurde das Wasser des Flusses von den Gerbern der „Rue des Tanneurs“ (Gerberstraße) genutzt, die darüber hinaus ihre übelriechenden Abfälle im Fluss entsorgten. Die Tierhäute hängte man in den Dachstühlen und Galerien der Gerberhäuser zum Trocknen auf. Die alten Gerberhäuser wurden in den 1980er Jahren durch Neubauten ersetzt, die die alte Architektur annähernd nachahmen. Darüber hinaus wurde die Seille auch zu Verteidigungszwecken genutzt. So konnte unter Zuhilfenahme von Wehren das umliegende Gebiet des Deutschen Tores unter Wasser gesetzt werden.
Das Viertel Outre-Seille war im Mittelalter von den Werkstätten und Wohnhäusern der Handwerker geprägt, später ließen sich hier die Arbeiter nieder. Im 20. Jahrhundert galt das Areal als soziales und hygienisches Problemviertel, sodass der Metzer Bürgermeister Raymond Mondon es in den 1960er Jahren, ähnlich wie zuvor das westlich gelegene Pontiffroy-Viertel auf dem jenseitigen Moselufer, komplett dem Erdboden gleichmachen wollte. Nur die historischen Kirchen sollten erhalten bleiben. Unter Bürgermeister Jean-Marie Rausch wurde das Viertel mit seiner dichten historischen Bebauung jedoch einer Generalsanierung unterzogen. Heute befinden sich im Viertel zahlreiche Antiquitätengeschäfte, Kunstschreinereien, Restauratorenwerstätten und Buchbindereien.
Die „Rue des Allemands“ verläuft vom Deutschen Tor zur „Place des Pareiges“. Der Platz hat seinen Namen von den Pareigen, den Patrizierfamilien der freien Reichsstadt Metz, die die Mitglieder des Stadtmagistrats stellten, der von 1234 bis 1552 die Reichsstadt regierte.Niels Wilcken: Vom Drachen Graully zum Centre Pompidou-Metz, Metz, ein Kulturführer, Merzig 2011, S. 135–139, 145.
Niederwall mini|Metz, Deutsches Tor, Blick seilleabwärts, links die Kaponniere des Philippe Dex mini|links|Metz, Kaponniere mit der Darstellung des Philippe Dex/d’Esch