miniatur|Ort des Tanganyika Groundnut Scheme etwa 80 km nordöstlich von Dodoma Das Tanganyika Groundnut Scheme (engl. für „Tanganjika-Erdnuss-Plan“, teils auch bezeichnet als East African Groundnut Scheme „Ostafrikanischer Erdnuss-Plan“) war ein agrarindustrielles Großprojekt der britischen Regierung in Tanganjika in den Jahren 1946 bis 1951.

Ursprünglich plante das Ernährungsministerium, ab Mitte 1947 mit bis zu 40.000 Arbeitern durch die Urbarmachung und Bewirtschaftung einer Fläche von bis zu 3,25 Millionen Acres (13.200 km²) in Ostafrika im großen Stil Erdnüsse zur Gewinnung von Erdnussöl zu erzeugen. Gleichzeitig sollte sich damit die Kolonialpolitik unter der Labour-Regierung von Clement Attlee von der seines Tory-Vorgängers, Winston Churchill, abheben (New Colonialism). Es war das umfangreichste und teuerste Projekt dieser Art in der Kolonialgeschichte.

Aufgrund schwerwiegender Planungsmängel scheiterte das Projekt, nachdem 49 Millionen Britische Pfund ausgegeben worden waren, was nach aktueller Kaufkraft 2023 Euro entspricht. Der politische Skandal, die Groundnut Affair („Erdnuss-Skandal“), bestand darin, dass das Ministerium eine fahrlässige und unkorrekte Abrechnung der Projektgelder bereits ab Anfang 1948 toleriert hatte. Darüber hinaus hatte es bis Mitte 1949 aufgrund zunehmender Kritik vorsätzlich Falschmeldungen über angebliche Erfolge des Plans verbreitet.

Im Januar 1951 musste das Projekt beendet werden. Minister John Strachey wurde als Staatssekretär in das Kriegsministerium versetzt. Zusammen mit dem kostspieligen Engagement im Koreakrieg sank das Vertrauen der Bevölkerung in die amtierende Regierung, sodass Attlee die vorgezogenen Unterhaus-Wahlen 1951 verlor und Churchill wieder Premierminister des Vereinigten Königreichs wurde.

Bis heute ist der Begriff „Groundnut Scheme“ im allgemeinen britischen Sprachgebrauch und weltweit bei Experten für Entwicklungshilfe mit einer Vergeudung öffentlicher Gelder infolge fehlerhafter Planung bei Großprojekten verbunden.

Ausgangssituation miniatur|Attlee 1945

Noch während der Potsdamer Konferenz 1945 wurde Winston Churchill bei den Unterhauswahlen im Vereinigten Königreich durch Clement Attlee von der Labour-Partei abgelöst. Labour propagierte einen neuen Wohlfahrtsstaat, der – basierend auf einer umfangreichen Fürsorge für den Einzelnen – die Kriegsfolgen rasch überwinden und zur Verbesserung des allgemeinen Wohlstandes führen würde. In dieses Konzept sollten auch die Kolonien eng eingebunden werden. Wurden diese bislang nach dem Prinzip des indirect rule verwaltet, sollten insbesondere die afrikanischen Kolonien ihren Beitrag zur Versorgung des Mutterlandes leisten. Attlee bezeichnete dies als New Colonialism.Kelemen, Paul: Modernising colonialism: The British Labour movement and Africa. The Journal of Imperial and Commonwealth History34 (2), 2006.

In der Nachkriegszeit herrschte in Europa ein erheblicher Mangel an pflanzlichen Fetten. In Großbritannien lag die auf Lebensmittelmarken zugeteilte Ration von Pflanzenfett unter dem Bedarf, so dass sich für das Ernährungsministerium die Frage nach einer möglichen Erhöhung stellte. Aufgrund der Kriegsfolgen war eine kurzfristige Besserung nicht absehbar. Von allen Ölsaaten erschienen Erdnüsse besonders geeignet, da Kokosnüsse oder Oliven von der Aussaat bis zur ersten Ölproduktion mehrere Jahre benötigen. Raps, Baumwolle und Sonnenblumen wachsen schnell, benötigen allerdings erhebliche Niederschläge. Erdnüsse stellen nur geringe Ansprüche an die Fruchtbarkeit des Bodens und benötigen nur etwa 500 mm Niederschläge pro Jahr.

In dieser Situation schlug Frank Samuel, Direktor der United Africa Company (UAC), einer Tochtergesellschaft der Unilever, vor, durch die Anpflanzung von Erdnüssen in Afrika die Situation zu verbessern. Samuel, Frank: The East African Groundnuts Scheme; African Affairs, London 1947, S. 135–145. Der britisch-niederländische Mischkonzern Unilever produzierte damals wie heute Körperpflegemittel (z. B. Lux-Seife), Nahrungsmittel (vor allem Margarine) und weitere Produkte, für die Pflanzenfett als Grundstoff notwendig war bzw. ist. Samuel war für die Beschaffung dieser Grundstoffe verantwortlich, gleichzeitig für das Afrika-Geschäft des Mutterkonzerns. Er ging von einem weltweit weiter stark ansteigenden Bedarf aus. Nach Gesprächen mit R. W. R. Miller, dem Direktor der Landwirtschaftsabteilung der britischen Kolonialverwaltung in Dar es Salaam, entwarf er im Februar 1946 ein Konzept, das den Anbau von Erdnüssen in Tanganyika vorsah.

Am 22. März 1946 wurde Ernährungsminister Sir Ben Smith bei der Rückkehr von Gesprächen in den USA am Flughafen Heathrow von zahlreichen Journalisten erwartet. Diese wollten von ihm eine Stellungnahme zur geplanten Kürzung der Fettrationen bekommen, nachdem entsprechende Pläne des Ministeriums an die Öffentlichkeit gedrungen waren. Am 26. März musste Smith im Unterhaus bei einer Fragestunde der Opposition Probleme einräumen. Am Abend desselben Tages trug Samuel seinen Plan dem Minister vor.Wood, Alan: The Groundnut Affair. The Bodley Head, London 1950 S. 32.

Dieser bestand in einem Fünfjahresplan zur Gewinnung landwirtschaftlicher Flächen in Ostafrika zur Erdnussölproduktion. Da Samuel von unüberwindlichen Schwierigkeiten für ein Privatunternehmen bei der Beschaffung von Material und Gerät zur Zeit der Bewirtschaftung ausging, schlug er vor, die Regierung solle selbst die Verantwortung für das Projekt übernehmen. Das Konzept sah die Urbarmachung von 2.555.000 Acres (10.340 km²) innerhalb von fünf Jahren vor. Die daraus entstehenden Kosten sollten etwa acht Millionen Pfund betragen.

Smith und der Regierung Attlee kam der Vorschlag gelegen. In den Kolonien waren Tausende von Soldaten, die während des Zweiten Weltkrieges als Hilfstruppen oder als paramilitärische Baukolonnen eingesetzt worden waren, unbeschäftigt und mussten entlassen werden, weshalb Spannungen befürchtet wurden. Außerdem ging die Regierung davon aus, dass Transportmittel, Straßenbau- und Räumgerät noch aus Armeebeständen in großem Maße zur Verfügung ständen.

Planungsphase miniatur|Erdnusspflanzen Arachis hypogaea

Das Ernährungsministerium stellte eine Kommission zusammen, zu deren Vorsitzenden John Wakefield ernannt wurde. Dieser hatte bereits früher die Ansicht vertreten, dass die niedrigen Ernteerträge der indigenen Bevölkerung Afrikas im Wesentlichen auf ungenügende Anbaumethoden zurückzuführen seien. Darüber hinaus war er der Meinung, die ungenügende Nahrungsmittelproduktion auf dem Lande sei für die Landflucht und das Entstehen von Slums rund um die Großstädte verantwortlich.Watkins, Th.: The Tanganyikan Groundnuts Scheme Er sah in dem Groundnut Scheme eine Möglichkeit, mehrere Probleme gleichzeitig zu lösen.Wood,A.: The Groundnut Affair S. 34. Außerdem bestand die Kommission aus David Martin, Plantagendirektor der UAC, und dem Bankkaufmann John Rosa, der für das Colonial Office arbeitete.

Die Kommission verließ London am 20. Juni 1946, hielt sich etwa neun Wochen in Tanganyika auf und untersuchte dabei Böden und mögliche Infrastrukturmaßnahmen sowohl im Hinterland von Lindi im Süden, bei Tabora im Westen, als auch in der Region um Dodoma in der Mitte des Landes. Während im Süden die klimatischen Bedingungen besser erschienen, befand sich im Osten von Dodoma eine Region, in der Erdnüsse bereits mit traditionellen Methoden offensichtlich erfolgreich angebaut wurden. Nach den Erkenntnissen von A. L. Gladwell, Leiter eines Tiefbauunternehmens im Besitz der UAC, wurden die Kosten der Rodung und Urbarmachung der Dornbuschsteppe kalkuliert. Die Entfernung des Wurzelwerkes im Boden war darin nicht enthalten. Anhand dieser Beobachtungen wurde eine Berechnung erstellt, wonach mit etwa 24 Millionen Pfund Gebiete von insgesamt etwa 3,25 Millionen Acres (13.200 km²) zum Anbau von Erdnüssen vorbereitet werden könnten. Diese Gebiete sollten nicht nur in Tanganyika, sondern auch in Kenia und im damaligen Nordrhodesien, dem späteren Sambia, liegen. Die Wakefield-Kommission legte ihren Bericht am 20. September 1946 vor und empfahl, das Projekt im Süden Tanganyikas zu beginnen.

Am 27. Mai 1946 war John Strachey zum Ernährungsminister ernannt worden. Strachey stand unter dem Druck, schnelle Erfolge erzielen zu müssen. Er war darüber hinaus von der Bevölkerungstheorie von Thomas Robert Malthus beeinflusst.Wood,A.: The Groundnut Affair, S. 41. Führende Kolonialbeamte in Afrika waren überzeugt, dass mit den gegenwärtigen Methoden die Ernährungslage in den Kolonien sich nicht verbessern würde.Bericht von Sir Philip Mitchell, Gouverneur in Kenia, an das Colonial Office: „Primary production by African peasants is already on the decline. Populations working under that system are going to find it increasingly difficult in supporting themselves at their present level.“ Zit. nach Wood,A.: The Groundnut Affair, S. 42. Es erschien ihm daher dringend notwendig, im großen Maßstab neue Nahrungsquellen zu erschließen.

Strachey begeisterte sich für den Bericht der Wakefield-Kommission und veranlasste am 27. September 1946 eine weitere Prüfung durch entsprechende Experten. Hierbei äußerten sich einige Experten kritisch sowohl hinsichtlich der erforderlichen – und nach ihrer Einschätzung zu geringen – Niederschlagsmenge in den vorgesehenen Gebieten, als auch in Bezug auf die große Menge an schweren Maschinen, die zum Einsatzort transportiert und vor Ort gewartet werden müsse. Sie empfahlen, zunächst mit einigen kleineren Bereichen in verschiedenen Gebieten zu beginnen, und die dabei gewonnenen Erfahrungen in den weiteren Fortgang des Projektes einfließen zu lassen.Wood,A.: The Groundnut Affair, S. 48 f.

Nach der Veröffentlichung des Berichtes im Februar 1947A Plan for the Mechanised Production of Groundnuts in East and Central Africa, H.M.S.O., Cmd. 7030. entstand eine große öffentliche Begeisterung für das Projekt,Penrose, E.T.: A great African project, Scientific Monthly, April 1948, pp. 322-6 fast 100.000 Freiwillige, die meisten davon ehemalige Frontsoldaten, meldeten sich, um daran teilzunehmen.Wood,A.: The Groundnut Affair, S. 44.

Die Overseas Food Corporation (OFC) wurde als staatliches Unternehmen gegründet. Strachey ernannte Leslie Plummer, einen langjährigen Parteifreund, zu deren Vorstandsvorsitzenden. Mit der Durchführung des Groundnut Scheme wurde zunächst Unilevers UAC beauftragt, bis die OFC sich zur Übernahme der Aktivitäten in der Lage sehen würde. Ein Projektteam unter der Leitung des südafrikanischen Agrarwissenschaftlers Hugh Bunting wurde im Januar 1947 ausgesandt, um die Fruchtbarkeit der Böden zu prüfen, und kam in allen genannten Gebieten zu positiven Ergebnissen.

Daten über die durchschnittliche Niederschlagsmenge pro Jahr lagen damals für keines der genannten Gebiete vor und wurden erst später erfasst.Bunting schrieb in seinem Gutachten: Actual rainfall figures for the area are entirely lacking … Es hätte allerdings auffallen können – und war zum Zeitpunkt der Projektplanung bekannt – dass für erfolgreichen Erdnussanbau ein Minimum von 500 mm Niederschlägen pro Jahr erforderlich ist, wohingegen eindeutig bekannt war, dass in der Dornbuschsavanne – wie sie östlich von Dodoma vorherrschte – die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge deutlich unter 500 mm liegt (sonst wäre es eine Feucht- oder Trockensavanne mit vollkommen anderer Vegetation).In der Sprache der in der Region ansässigen Wagogo hieß das Gebiet um Kongwa „Das Land der andauernden Trockenheit“; zit. nach John Iliffe: A Modern History of Tanganyika, Cambridge, 1979 S. 442