Das Handbuch der deutschen Geschichte wird nach seinem Gründungsherausgeber Bruno Gebhardt auch „der Gebhardt“ genannt. 1891 begonnen, liegt das Werk mittlerweile in einer 10., völlig neuen Auflage vor, die zwischen 2001 und 2024 in 24 Bänden erschienen ist. Das anspruchsvolle Handbuch ist mit Einschränkungen auch für historische Laien verständlich; es richtet sich nicht zuletzt an Studierende der Geschichtswissenschaft für eine erste fachliche Orientierung.
Geschichte Bruno Gebhardt (1858–1905) war ein in Berlin wirkender deutsch-jüdischer Realschullehrer großpolnischer Herkunft. Seinen Kollegen wollte er ein praktisches Handbuch über die wichtigsten Daten und Entwicklungen der deutschen Geschichte an die Hand geben. Er wollte mit einer möglichst „vollständige[n], dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft entsprechende[n] deutsche[n] Geschichte […] mehr die Teilnahme der Gebildeten als der Fachgelehrten erringen […] und dazu beitragen, die Kenntnis der deutschen Geschichte zu verbreiten, aus der vaterländische Gesinnung und politische Reife erwächst.“Bruno Gebhardt (Hrsg.): Handbuch der Deutschen Geschichte, Band 1: Von der Urzeit bis zur Reformation. Stuttgart u. a. 1891, S. III–IV. Das zweibändige Handbuch erschien erstmals 1891/92 als Zusammenarbeit von elf Gymnasiallehrern, Bibliothekaren und Archivaren.
Die 2. Auflage wurde 1901 publiziert, herausgegeben von Ferdinand Hirsch (1843–1915), Aloys Meister (1866–1925) und Robert Holtzmann (1873–1946), die damals bereits damit begannen, mehr und mehr Universitätslehrer hinzuzuziehen. Die 3. Auflage stammt von 1906, die 4. von 1910 und die 5. von 1913.
Ab der 6. Auflage (1922/23 in drei Bänden) unter Aloys Meister wurden die Beiträge von Universitätsprofessoren verfasst, und die zuvor eher politische Geschichte wurde durch Sozialgeschichte bereichert. Die 7. Auflage von 1930 unter Robert Holtzmann bestand wieder aus zwei Bänden.Siehe: Karl Dietrich Erdmann: Der Erste Weltkrieg (= Gebhardt, 9. Auflage, Band 18), Stuttgart 1982 (1973), S. 242; Herbert Grundmann: Vorwort. In: Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte, 9. Auflage, Band 1, Stuttgart 1970, S. VII–VIII.
8. und 9. Auflage: der Gebhardt unter Herbert Grundmann 1954 bis 1970 Der Mediävist Herbert Grundmann strukturierte das Werk völlig neu. Die 8. Auflage kam 1954 bis 1960 in vier Bänden beim Stuttgarter Union-Verlag heraus.Siehe: Herbert Grundmann: Vorwort. In: Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte, 9. Auflage, Band 1, Stuttgart 1970, S. VIII.
Die 9. Auflage wurde bis zu den Ereignissen der Jahre 1949/50 fortgeführt. Sie erschien zwischen 1970 und 1976 in vier Bänden beim Union Verlag und im Klett Verlag. Der vierte Band war in zwei Teilbände gegliedert. Herausgeber war wiederum Herbert Grundmann. Zwischen 1973 und 1980 wurde auch eine 22-bändige Taschenbuchausgabe dieser Auflage bei dtv herausgebracht.1. Auflage 1974: Deutscher Taschenbuch Verlag, letzte (6.) Auflage 1986. Nachdrucke der 9. Auflage erschienen bis 1999.
Die 9. Auflage verdient als ereignisgeschichtliches Kompendium heute noch eine gewisse Beachtung, die 10. Auflage verfolgt einen anderen methodischen Ansatz.
Im Zusammenhang mit der 8. und 9. Auflage des Gebhardt wurden vom Union-Verlag und später Klett-Cotta ab den 1960er Jahren weitere Handbücher konzipiert, die bis in die frühen 90er Jahre erschienen: Handbuch der europäischen Geschichte, hrsg. von Theodor Schieder, 7 Bde. in 8 Teilbde.n, 1968–1979; Handbuch der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, hrsg. von Hermann Aubin und Wolfgang Zorn, 2 Bde., 1971–1976; Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 10 Bde., 1980–1993.
Einzelbände der 8. Auflage Die 8. Auflage bestand aus vier Teilbänden: Band 1: Herbert Grundmann, Friedrich Baethgen (Hrsg.): Frühzeit und Mittelalter, 1954. Band 2: Herbert Grundmann, Max Braubach (Hrsg.): Von der Reformation bis zum Ende des Absolutismus, 1955. Band 3: Herbert Grundmann, Karl Erich Born (Hrsg.): Von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg, 1960. Band 4: Karl Dietrich Erdmann (Hrsg.): Das Zeitalter der Weltkriege, 1959.
Einzelbände der 9. Auflage Die 9. Auflage (1970–1973) teilte den vierten Band auf: Teilband 1: Der Erste Weltkrieg, die Weimarer Republik, 1973. Teilband 2: Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus 1933–1939. Der Zweite Weltkrieg. Das Ende des Reiches und die Entstehung der Republik Österreich, der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, 1973.
Von dieser Ausgabe erschien bei dtv eine Taschenbuchausgabe: Band 1: Ernst Wahle: Ur- und Frühgeschichte im mitteleuropäischen Raum, 9. Auflage 1999. Band 2: Heinz Löwe: Deutschland im fränkischen Reich, 11. Auflage 1999. Band 3: Josef Fleckenstein, Marie Luise Bulst-Thiele: Begründung und Aufstieg des deutschen Reiches, 10. Auflage 1999. Band 4: Karl Jordan: Investiturstreit und frühe Stauferzeit 1056–1197, 10. Auflage 1999. Band 5: Herbert Grundmann: Wahlkönigtum, Territorialpolitik und Ostbewegung im 13. und 14. Jahrhundert : 1198–1378, 10. Auflage 1999. Band 6: Friedrich Baethgen: Schisma und Konzilszeit, Reichsreform und Habsburgs Aufstieg, 8. Auflage 1999. Band 7: Karl Bosl: Staat, Gesellschaft, Wirtschaft im deutschen Mittelalter, 10. Auflage 1999. Band 8: Walther Peter Fuchs: Das Zeitalter der Reformation, 10. Auflage 1999. Band 9: Ernst Walter Zeeden: Das Zeitalter der Glaubenskämpfe. 1555–1648, 9. Auflage 1999. Band 10: Max Braubach: Vom Westfälischen Frieden bis zur Französischen Revolution, 9. Auflage 1999. Band 11: Gerhard Oestreich: Verfassungsgeschichte vom Ende des Mittelalters bis zum Ende des alten Reiches, 8. Auflage 1999. Band 12: Wilhelm Treue: Wirtschaft, Gesellschaft und Technik in Deutschland vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, 7. Auflage 1999. Band 13: Walter Schlesinger, Friedrich Uhlhorn: Die deutschen Territorien, 7. Auflage 1999. Band 14: Max Braubach: Von der Französischen Revolution bis zum Wiener Kongreß, 11. Auflage 1999. Band 15: Theodor Schieder: Vom Deutschen Bund zum Deutschen Reich: 1815–1871, 16. Auflage 1999. Band 16: Karl Erich Born: Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg, 16. Auflage 1999. Band 17: Wilhelm Treue: Gesellschaft, Wirtschaft und Technik Deutschlands im 19. Jahrhundert, 11. Auflage 1999. Band 18: Karl Dietrich Erdmann: Der Erste Weltkrieg, 11. Auflage 1999. Band 19: Karl Dietrich Erdmann: Die Weimarer Republik, 13. Auflage 1999. Band 20: Karl Dietrich Erdmann: Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. 1933–1939, 11. Auflage 1999. Band 21: Karl Dietrich Erdmann: Der Zweite Weltkrieg, 9. Auflage 1999. Band 22: Karl Dietrich Erdmann: Das Ende des Reiches und die Entstehung der Republik Österreich, der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, 9. Auflage 1999.
Die 10. Auflage 2001 bis 2024 Die 10. Auflage, die im Klett-Cotta Verlag erschien, ist eine abermalige Neukonzeption mit anderen Autoren als bei der 8./9. Auflage. Herausgeber sind vier Professoren: der Mediävist Alfred Haverkamp, der Frühneuzeitler Wolfgang Reinhard, der Sozialhistoriker Jürgen Kocka und der Zeitgeschichtler Wolfgang Benz. Es wird zwischen vier Epochen unterschieden: Band 1 bis 8: Spätantike bis zum Ende des Mittelalters (Herausgeber Alfred Haverkamp). Band 9 bis 12: Frühe Neuzeit bis zum Ende des Alten Reiches 1495–1806 (Herausgeber Wolfgang Reinhard). Band 13 bis 17: 19. Jahrhundert 1806–1918 (Herausgeber Jürgen Kocka). Band 18 bis 24: 20. und 21. Jahrhundert 1918–2021 (Herausgeber Wolfgang Benz).Siehe zu den bibliografischen Angaben, auch der noch nicht veröffentlichten Bände, die Verlagsseite.
Im Vorwort heißt es, das Handbuch solle die deutsche Geschichte in ihrer regionalen Vielfalt und in den europäischen Zusammenhängen darstellen und dabei die Teildisziplinen integrieren. Für ein breites Publikum solle der Stand der deutschen Geschichtsforschung gezeigt werden. Weiter meinen die Herausgeber in ihrem Vorwort: „Anders als frühere Auflagen integriert der neue Gebhardt Politik-, Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte gleichgewichtig, statt die Geschichte der Politik erdrückend in den Mittelpunkt zu stellen. Der neue Gebhardt unterscheidet sich klarer als frühere Auflagen von einer bloßen Chronik deutscher Geschichte. Er ist analytischen Ansätzen verpflichtet, stellt explizit Fragen, macht Angebote für weiterführende Interpretation. Er versammelt das gesicherte Wissen und berichtet über gültige Interpretationen. Er bezeichnet aber auch Lücken im Forschungsstand, identifiziert das Fragwürdige, stellt sich Kontroversen und weist auf offene Probleme hin.“Siehe die Verlagsseite. Die 10. Auflage, deren erster Band 2001 erschien, fand im Oktober 2024 mit der Publikation eines Gesamtregisters ihren Abschluss. Nach Angaben des Verlages erschien der Gebhardt mit dieser Auflage "zum letzten Mal in der klassischen Buchform."https://www.beck-shop.de/haverkamp-reinhard-kocka-benz-gebhardt-handbuch-deutschen-geschichte/product/1055422
Band 1 Alfred Haverkamp: Perspektiven des Mittelalters; Friedrich Prinz: Europäische Grundlagen deutscher Geschichte, 4.–8. Jahrhundert. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, 672 Seiten, ISBN 3-608-60001-9.
Harm von Seggern rezensiert den ersten Band des neuen „Gebhardt“ für die Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Er konstatiert, dass die Geschichtswissenschaft sich seit der Publikation der 9. Auflage „tiefgreifend gewandelt“ habe, „das Primat der Staats-, Politik- und Ereignisgeschichte“ sei „dem Verständnis einer multidisziplinären Geschichte gewichen, bei dem die Entwicklung auf vielen Feldern der Gesellschaft nachzuzeichnen ist.“ Dieser Konzeption sei auch der vorliegende Band verpflichtet, der aus zwei Teilen besteht. Während Haverkamp im ersten Teil die „allgemeine Periodisierung des Mittelalters“ diskutiere, zentrale Begriffe problematisiere und schließlich einen „notgedrungen knappen quellenkundlichen Grundriss“ gebe, liefere Friedrich Prinz eine „Gesamtdarstellung“ der europäischen Grundlagen deutscher Geschichte zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert. Der Rezensent lobt das „ausgesprochen lesefreundliche“ Format des Bandes und urteilt: „Sowohl Haverkamps Einführung als auch Prinz’ Gesamtdarstellung bestechen durch ihre formale und inhaltliche Ausgewogenheit“.Rezension in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 93 (2006), H. 2, S. 205 f.
Band 2 Rudolf Schieffer: Die Zeit des karolingischen Großreichs, 714–887. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, 239 Seiten, ISBN 3-608-60002-7
In der Süddeutschen Zeitung schreibt Christian Jostmann über das Buch: „Der Student, der sich auf eine Prüfung vorbereiten will, der Doktorand, der den Stoff des Studiums wiederholen muss, gleichfalls der historisch interessierte Laie erhalten ein gut lesbares Handbuch, das knapp, aber zuverlässig in die Geschichte nicht nur des östlichen Karolingerreichs einführt.“Rezension von Christian Jostmann in: Süddeutsche Zeitung vom 9. August 2005.
Band 3 Hagen Keller, Gerd Althoff: Die Zeit der späten Karolinger und der Ottonen. Krisen und Konsolidierungen 888–1024. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, 475 Seiten, ISBN 978-3-608-60003-2.