mini|alt=Halbporträt von James Ensor vor bräunlichem Hintergrund. Er trägt einen Vollbart, ein dunkles Gewand und einen hellen Schlapphut, der mit bunten Blumen und einer rosa Feder geschmückt ist.|Selbstbildnis mit Blumenhut (1883–88), Öl auf Leinwand, 76,5 × 61,5 cm, Kunstmuseum aan Zee, Ostende (WVZ T 245Die Werkverzeichnisnummern beziehen sich auf den Catalogue raisonné von Xavier Tricot. In deutscher Ausgabe: James Ensor. Die Gemälde. Hatje Cantz, Ostfildern 2009, ISBN 978-3-7757-2464-7.). Hut und gezwirbelten Schnurrbart fügte Ensor dem Porträt erst fünf Jahre später hinzu.Ulrike Becks-Malorny: Ensor. Taschen, Köln 2016, ISBN 978-3-8365-6053-5, S. 8. James Sidney Édouard Ensor (* 13. April 1860 in Ostende; † 19. November 1949 ebenda) war ein belgischer Maler, Grafiker und Zeichner. Ensors Werk ist inhaltlich und stilistisch ausgesprochen vielseitig. Teile lassen sich dem Symbolismus zurechnen oder als Vorgriff von Expressionismus und Surrealismus verstehen. Über seine Karriere hinweg schuf er Landschaftsmalerei, Interieurmalerei, Stillleben und Selbstbildnisse. Religiöse Motive und Karikaturen verband er mit autobiografischen Bezügen. Bekannt wurde er insbesondere durch den Einsatz von fantastischen Elementen wie Masken und Skeletten, der ihm auch den Beinamen „Maler der Masken“ eintrug.

Ensor, der bis 1929 durch seinen Vater britischer Staatsbürger war, verbrachte, von einer kurzen Studienzeit in Brüssel abgesehen, sein ganzes Leben in Ostende, wo er in der Mansarde seines Elternhauses arbeitete. Er war Mitglied der belgischen Künstlervereinigung Société des Vingt und sah sich als Anführer einer künstlerischen Avantgarde. Sein Frühwerk war noch vom Impressionismus beeinflusst und bestand vor allem aus Seestücken sowie Interieurs in dunklem Kolorit. Später wurden die realistischen Sujets immer unwirklicher und fantastischer, die Farben heller und leuchtender. Die Bilder erzählten häufig Geschichten mit einer Wendung ins Groteske oder Makabre. Mit satirischen Zeichnungen etablierte er sich als Gesellschaftskritiker; sie thematisierten aber auch seine künstlerische Zurückweisung, unter der er lange litt. Erste Erfolge stellten sich um die Jahrhundertwende ein, doch erst spät in seiner Karriere fand Ensor breite öffentliche Anerkennung, die 1929 in der Ernennung zum Baron mündete.

Ensors Hauptwerk entstand zwischen 1885 und 1895. Dabei wechselten die künstlerischen Mittel von Werk zu Werk und lassen kaum Stileinheit oder chronologische Entwicklung erkennen. Als Opus magnum gilt das großformatige Gemälde Der Einzug Christi in Brüssel (1888/89). Das Spätwerk wiederholte frühere Themen und Motive und war nicht mehr von derselben künstlerischen Radikalität. Ensors Abkehr von der akademischen Ausbildung und seine freie Stil- und Themenwahl wurden von Zeitgenossen bewundert. Dennoch blieb er ein Außenseiter in der künstlerischen Moderne, der keine Schüler hatte und keine Stilrichtung prägte. Gleichwohl wirkten seine Ausdruckskraft und seine fantastischen Einfälle auf viele Künstler des 20. Jahrhunderts ein.

Leben

Familie und Prägungen

mini|alt=Eine Interieurszene im Licht einer Öllampe: Ein dunkel gekleideter Mann mit Hut sitzt an einem Tisch vor einer halb gefüllten Flasche. Eine Frau mit Haube, Sonnenbrille und einem Stock in der Hand steht in der Tür. Beide Figuren tragen Karnevalsmasken.|Die verärgerten Masken (1883), Öl auf Leinwand, 135 × 112 cm, Königliche Museen der Schönen Künste, Brüssel (WVZ T 247)

James Ensor verbrachte den Großteil seines Lebens in seiner Geburtsstadt Ostende, einer beschaulichen belgischen Fischer- und Hafenstadt mit 16.000 Einwohnern, die sich im Sommer in ein mondänes, vom belgischen Königshaus und der englischen Gesellschaft besuchtes Seebad verwandelte. Der Vater James Frederic Ensor entstammte einer wohlhabenden englischen Familie und ließ sich nach einem Amerikaaufenthalt in Belgien nieder, ohne jedoch beruflich Fuß fassen zu können. Er verbrachte den Tag in Cafés und seiner Bibliothek, förderte die künstlerischen Interessen seines Sohnes, wurde im kleinbürgerlichen Ostende aber bald als Müßiggänger und Versager verspottet und gab sich dem Alkohol hin. Die Trunksucht des Vaters bildete nach Meinung vieler Biografen den Hintergrund von Ensors erstem Maskenbild Die verärgerten Masken (1883).Ulrike Becks-Malorny: Ensor. Taschen, Köln 2016, ISBN 978-3-8365-6053-5, S. 8, 11, 34. Durch seinen Vater hatte auch Ensor die britische Staatsbürgerschaft, erst 1929 wurde er offiziell belgischer Staatsbürger.Herwig Todts: Biography. Auf der Internetseite James Ensor. An Online Museum.

Ensors Mutter Maria Catharina HaeghemanNach anderen Quellen: Marie Catherine Louise Haegheman. Siehe Xavier Tricot: James Ensor. Die Gemälde. Hatje Cantz, Ostfildern 2009, ISBN 978-3-7757-2464-7, S. 13. kam aus einfachen Verhältnissen. Ihre Eltern waren Analphabeten und handelten mit Brüsseler Spitzen, der Bruder war Muschelhändler, Catharina und ihre Schwester Mimi führten einen Laden für Andenken, Muscheln, Kuriositäten, Scherzartikel, Masken und Karnevalskostüme. Die Frauen in seiner Familie dominierten Ensors Kindheit und Jugend. Nach dem Tod des Vaters 1887 fühlte er sich als einzig verbliebener Mann besonders für seine jüngere Schwester Mariette, genannt Mitche, verantwortlich,Ulrike Becks-Malorny: Ensor. Taschen, Köln 2016, ISBN 978-3-8365-6053-5, S. 8–11. die er in seinen frühen Interieurs häufig als moderne Frau in modischen Kleidern porträtierte.Susan M. Canning: The Social Context of James Ensor’s Art Practice: „Vive La Sociale!“. Bloomsbury, London 2023, ISBN 978-1-5013-3922-6, S. 206. Ihre 1892 mit einem in Berlin lebenden Chinesen geschlossene Ehe scheiterte und sie kehrte bereits im Folgejahr mit ihrer Tochter Alexandra nach Ostende zurück.Joachim Heusinger von Waldegg: James Ensor. Legende vom Ich. DuMont, Köln 1999, ISBN 3-7701-5024-4, S. 163. Der Laden seiner Mutter prägte früh Ensors visuelles Interesse: „Ich habe meine Kindheit inmitten von glänzenden perlmuttfarbenen Muscheln mit tanzenden, schillernden Reflexen und den bizarren Skeletten von Meeresungeheuern und -pflanzen verbracht. Diese herrliche Welt voll Farben, diese Überfülle von Spiegelungen und Strahlen hat aus mir einen Maler gemacht, der in die Farbe verliebt und von der blendenden Glut des Lichtes entzückt ist.“Ulrike Becks-Malorny: Ensor. Taschen, Köln 2016, ISBN 978-3-8365-6053-5, S. 10.

mini|links|alt=Eine Strandszene unter einem bewölkten grauen Himmel. In der Mitte des Bildes steht ein kleiner Badewagen mit einem Satteldach, einem Fenster und vier Rädern auf dem ansonsten leeren Strand vor einem blaugrauen Meer.|Der Badewagen (1876), Öl auf Karton, 18 × 23 cm, Königliches Museum der Schönen Künste, Antwerpen (WVZ T 34)

Der zweite wichtige Einfluss auf Ensors Werk war das nahe Meer, dessen Farbe, Geruch und Geheimnis die Phantasie des Heranwachsenden beflügelten. Mit 16 Jahren malte er Der Badewagen, der wie die Verbildlichung eines Traums wirkt, den er 21 Jahre später niederschrieb: „Einen großen Badewagen bewohnen, dessen Inneres mit Perlmuttmuscheln tapeziert ist, um dort zu schlafen, gewiegt durch das Geräusch des Meeres und ein träges, blondes, schönes Mädchen mit salzigem Fleisch“.Ulrike Becks-Malorny: Ensor. Taschen, Köln 2016, ISBN 978-3-8365-6053-5, S. 11. Für den sein Leben lang unverheiratet bleibenden Ensor schwangen in der Melancholie und den Sehnsüchten, die das Meer in ihm weckte, auch erotische Wünsche.Joachim Heusinger von Waldegg: James Ensor. Legende vom Ich. DuMont, Köln 1999, ISBN 3-7701-5024-4, S. 17–18. Ensors Beziehung zu Frauen blieb ambivalent. In seiner Kunst sind sie häufig eine unerreichbare Verlockung, privat hatte er nur wenige Beziehungen. Mit der Ostender Wirtstochter Augusta Boogaerts war er lebenslang befreundet. Mariette Rousseau, die Frau des Brüsseler Physikers Ernest Rousseau, verehrte er, doch blieb sie zu ihm auf Distanz.Ulrike Becks-Malorny: Ensor. Taschen, Köln 2016, ISBN 978-3-8365-6053-5, S. 12.

Ausbildung und Freundschaften

mini|alt=Kolorierte Fotografie von vier Männern und zwei Frauen im Freien oder vor einem Fenster. Die Personen sind elegant gekleidet, die Frauen tragen Kleider, Handschuhe und Hüte, die Männer Anzug sowie Zylinder oder Melone. Einige rauchen oder haben ein Glas in der Hand.|Von links nach rechts: James Ensor, Ernest Rousseau, Willy Finch, Marie Ensor, Mariette Rousseau, Antonio Roiti. Kolorierte Fotografie aus dem Jahr 1888 von Ernest Rousseau junior mini|alt=Schwarz-Weiß-Fotografie von zwei Personen vor einem Gitter mit Kletterpflanze. Die Frau auf der linken Seite trägt ein Kleid und hochgesteckte Haare. Der Mann auf der rechten Seite Vollbart und einen Anzug. Sie sind einander zugewandt, halten aber Abstand. Die Frau lächelt.|Mariette Rousseau und James Ensor, Fotografie aus dem Jahr 1888 von Ernest Rousseau junior mini|alt=Sepia-Fotografie von zwei kostümierten Männern in einer Dünenlandschaft, die miteinander zu fechten scheinen. Der linke trägt einen karierten Mantel und einen Fez, der rechte einen hellen Kittel und eine Mütze. In den Händen halten sie Knochen und einen Totenschädel.|James Ensor und Ernest Rousseau junior in den Dünen, Fotografie von 1892

Ensor war kein guter Schüler, doch zeigte er eine künstlerische Begabung, die sein Vater förderte, indem er ihn bereits mit elf Jahren von den einheimischen Künstlern Edouard Dubar und Michel Van Cuyck unterrichten ließ. Mit sechzehn Jahren besuchte Ensor die Ostender Akademie, ein Jahr später die Académie royale des Beaux-Arts de Bruxelles. Diese verließ er nach zwei Jahren wieder, ernüchtert von dem trockenen Unterricht in dem, wie er es nannte, „Gehäuse für Kurzsichtige“. Dennoch waren die Brüsseler Jahre, die einzig längere Zeitperiode, die Ensor außerhalb Ostendes verbrachte, für ihn prägend. An der Akademie knüpfte er Freundschaften mit Willy Finch, Fernand Khnopff und Théo Hannon. Durch letzteren lernte er Ernest Rousseau kennen, Professor an der Université libre de Bruxelles, in dessen gemeinsam mit seiner neunzehn Jahre jüngeren Frau Marietta Rousseau geführten Haus die Brüsseler Avantgarde verkehrte und tagespolitische Ereignisse ebenso diskutiert wurden wie sozialistische oder anarchistische Gesellschaftsentwürfe. Mit dem Sohn Ernest Rousseau junior teilte er die Lust an Rollenspielen und Verkleidungen.Ulrike Becks-Malorny: Ensor. Taschen, Köln 2016, ISBN 978-3-8365-6053-5, S. 12–15.

Neben der akademischen Ausbildung setzte Ensor seine autodidaktischen Versuche fort, malte Seestücke und religiöse Historien. Er beschrieb: „Eingeschüchtert wie ich bin überanstrenge ich mich. Ich male morgens, nachmittags mache ich Kompositionsstudien. Abends zeichne ich und nachts skizziere ich meine Träume.“ In den Brüsseler Museen studierte er so gegensätzliche Künstler wie Rubens und Bosch, Delacroix und Ingres. Er las Poe, Balzac, Heine, Baudelaire, Cervantes und Rabelais, in deren Werken er seine eigenen Vorstellungen und Träume wiederfand: fantastische Einfälle und Maskeraden, Versuchung und Travestie.Joachim Heusinger von Waldegg: James Ensor. Legende vom Ich. DuMont, Köln 1999, ISBN 3-7701-5024-4, S. 19–22.