mini|Lage des Kastells am DIRL (Rheinlinie) mini|Solidus Valentinians I. mini|Befundplan nach W. Weber von 1909 mini|Darstellung des Kastells auf einer Gebäudefassade in Alzey
Das Kastell Alzey, antiker Name Alteium, ist ein ehemaliges römisches Grenzkastell des spätantiken Donau-Iller-Rhein-Limes (DIRL) und liegt auf dem Gebiet der verbandsfreien Stadt Alzey, Landkreis Alzey-Worms/Rheinhessen, im Südosten des Bundeslandes Rheinland-Pfalz in Deutschland. Es wurde vermutlich im Zuge der letzten Ausbaumaßnahmen am Rheinlimes zwischen 367 und 370 n. Chr. unter dem weströmischen Kaiser Valentinian I. errichtet. Vorher bestand hier eine römische Zivilsiedlung (Vicus), Altiaia, die im Jahr 352/353 von alamannischen Stämmen verheert wurde.
Das Kastell hatte massive, monumentale Außenmauern, an deren Innenseite mehrstöckige Kasernengebäude angebaut waren; der Innenbereich war dagegen überwiegend unbebaut. Im frühen 5. Jahrhundert wurde das Kastell bei Einfällen germanischer Stämme schwer beschädigt. In den Folgejahren bezog eine neue Garnison die Anlage, renovierte einige der beschädigten Bauten, riss andere ab und errichtete neue. In dieser zweiten Bauphase wurde der Innenhof mit Fachwerkhäusern bebaut, die jedoch nicht nach einem systematischen Grundriss angeordnet waren. Im mittleren 5. Jahrhundert wurde das Kastell ein zweites Mal zerstört und daraufhin wohl von der römischen Verwaltung endgültig aufgegeben. Das Kastell war anschließend aber noch für einige Zeit von Einheimischen und/oder germanischen Neusiedlern bewohnt.
Name Der antike Ortsname geht möglicherweise auf eine – schon vor der römischen Okkupation bestehende – keltische Niederlassung ab 400 v. Chr. (Altiaia) zurück. Die römische Bezeichnung fand sich erstmals auf der Weiheinschrift: In h(onorem) d(omus) d(ivinae) / d(eabus) Nymphis / vicani Al/tiaienses aram posuer(unt) / cura Octoni / Terti et Castoni / Cassi X K(alendas) Dec(embres) / Maximo et Aeliano co(n)s(ulibus). Übersetzung: „Zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses. Den göttlichen Nymphen haben die Bewohner von Altitaium diesen Altar aufgestellt. Unter Obhut des Octonius Tertius und des Castonius Cassius, zehn Tage vor den Kalenden des Dezembers (22. November) unter dem Konsulat des Maximus und Aelianus.“ Die beiden Konsuln hatten dieses Amt im Jahr 223 inne. eines Nymphenaltars (bei seiner Auffindung als Spolie in der Kastellmauer verbaut), die dort als vicani Altiaienses, vicus Altiaiensium bzw. vicus Altiaiensis (= Zivilbevölkerung/Siedlung von Altiaia), datierbar auf das Jahr 223, erstmals aufscheint. Die Bedeutung lässt sich aber heute nicht mehr ermitteln. Das spätantike Alteium (oder auch Altinum) wird nur im Codex Theodosianus erwähnt und leitet sich mit ziemlicher Sicherheit vom Namen der Zivilsiedlung ab. Im Codex wird der Ort einmal als Alteio und das andere Mal als Altino bezeichnet.Codex Theodosianus: 10,4,3 (online) und 11,31,5 (online); Jürgen Oldenstein: Kastell Alzey. Archäologische Untersuchungen im spätrömischen Lager und Studien zur Grenzverteidigung im Mainzer Dukat. Habilitationsschrift, Universität Mainz 1992, S. 12–13.
Lage und Funktion Alzey liegt in Rheinhessen am Westrand des Nordteils der Oberrheinischen Tiefebene auf der linken Seite des Rheins, etwa 30 km von ihm entfernt. Es ist vom Nordteil des Alzeyer Hügellands umgeben, an das sich nördlich das Rheinhessische Hügelland und westlich das Nordpfälzer Bergland anschließt. Die Stadt befindet sich etwa 30 km südwestlich von Mainz und etwa 22 km (je Luftlinie) nordwestlich von Worms. Durch Alzey fließt, teilweise unterirdisch, ein Abschnitt der Selz, ein linker Nebenfluss des Rheins. Das enge Selztal beginnt sich ab Alzey nach Norden hin zu erweitern. Die römische Zivilsiedlung gehörte zur Provinz Germania Superior und wurde von der Provinzhauptstadt Mogontiacum (Mainz) aus verwaltet. Das spätantike Castra Alteium stand nach der diokletianischen Reichsreform auf dem Gebiet der neuen Provinz Germania I und befand sich im südwestlichen Bereich des ehemaligen Vicus, auf einem nach Süden auslaufenden Sporn des Mehlberges direkt an einem zur Selz steil abfallenden Abhang. Von hier aus hatte man eine gute Sicht auf das Umland, insbesondere Richtung Norden.
Die Befestigung schützte und überwachte hier vermutlich einen Übergang über die Selz und die Kreuzung der Straßenverbindungen Mainz-Alzey-Metz und Bingen-Kreuznach-Alzey-Worms. Möglicherweise diente das Lager aber in erster Linie zur temporären Unterbringung von Einheiten des mobilen Feldheeres (Comitatenses), da es im Hinterland von Mogontiacum ansonsten nur wenig Unterbringungsmöglichkeiten für größere Truppenkontingente gab. Im Notfall konnte auch der Innenhof zusätzlich mit Zelten zur Unterbringung von Soldaten belegt werden.Jürgen Oldenstein: Kastell Alzey. Archäologische Untersuchungen im spätrömischen Lager und Studien zur Grenzverteidigung im Mainzer Dukat. Habilitationsschrift, Universität Mainz 1992, S. 15, 259 und 265.
Forschungsgeschichte Die ersten bekannten Berichte über römische Funde wurden 1783 vom Pfarrer von Dautenheim, Johann Philipp Walther verfasst, der auf einem kircheneigenen Acker alte Fundamente (vermutlich die Reste der Ostmauer des Kastells) ausgraben ließ und dabei auf drei römische Weiheinschriften stieß., und . 1869 wurden vom Mainzer Altertumsmuseum spätantike bzw. frühmittelalterliche Funde aus Alzey erworben. Es handelte sich um ein vergoldetes silbernes Bügelfibelpaar, eine silberne Nadel, Ohrringe, zwei kleine Scheibenfibeln mit Almandineinlagen und Anhänger, die jeweils reich mit goldenem Filigrandraht verziert waren. Solche Bügelfibeln wurden ausschließlich paarig an den Schultern getragen. Zusammen mit zwei Kleinfibeln, wie beispielsweise kleine Scheibenfibeln, bildeten sie die „Vierfibeltracht“, die typisch für die Frauenmode des 6. Jahrhunderts war. In den 1870er Jahren legte der Lehrer Gustav Schwabe eine Sammlung von römischen Funden an, die aber später verloren ging. 1871/1872 kam an der Nordmauer ein Weihealtar der Göttin Sul zum Vorschein. Ein anderer in Alzey aufgefundener Altar war der Fortuna gewidmet. Ein anderes Exemplar wurde der Minerva vom Tuchwalker Vitalianus Secundinus gestiftet. In den Fundamenten des spätantiken Kirchengebäudes im Kastell stieß man auf Fragmente (Spolien) eines Torbaues, der vermutlich ursprünglich an einer Kultstätte des Quellgottes Apollo-Grannus aufgestellt gewesen war, vermutlich eine Schwefelquelle beim heutigen Finanzamt.; Wolfgang Diehl: Landkreis Alzey-Worms. Kunstverlag Bühn, München 1981, S. 17–18.
Der Streckenkommissar der Reichs-Limeskommission (RLK), Karl Schuhmacher (1860–1934), und der Heimatforscher Jakob Curschmann (1874–1953) erkannten 1902 einen Teil der Mauer und die Fundamente eines Rundturmes an der Südwest-Ecke. Gärtnereibesitzer Jean Braun, der damalige Eigentümer des Kastellgeländes und späterer Mitbegründer des Museums Alzey, setzte die Nachforschungen fort und entdeckte weitere Mauerreste an der Westseite. Bis 1904 kamen bei Baumaßnahmen weitere Reste der Kastellmauer und beim Friedhof der ehemaligen St. Georgskirche antike Sandsteinplatten und Sarkophagbestandteile zum Vorschein. 1904 grub der Großherzogliche Denkmalpfleger Soltan große Teile der Ostmauer aus. Das Osttor war nur noch sehr schlecht erhalten, es konnte nur festgestellt werden, dass die Tortürme hinter und vor die Mauer vorsprangen. 1906 wurden weitere Fundamente des Kastells entdeckt und teilweise restauriert. 1909 übernahm der Prähistoriker Eduard Anthes (1859–1922) die Aufsicht über die vom Landkreis und Stadt Alzey, vom Historischen Verein des Großherzogtum Hessen und der Römisch-Germanischen Kommission unterstützten Grabungen. Im selben Jahr entdeckte Braun auch das Westtor, dessen Durchfahrt größtenteils mit Steinschutt ausgefüllt war. Der südöstliche Eckturm war von hoher baulicher Qualität und sein aufgehendes Mauerwerk noch in mehreren Schichten erhalten. An der Südmauer entdeckte Braun noch zwei gut erhaltene Räume einer an die Kastellmauer angebauten Kaserne. Die beiden Räume wurden bis auf eine Tiefe von 11,5 Meter ausgehoben. An der Sohle der östlichen Kammer fanden sich viele Tierknochen – vermutlich diente dieser Teil des Gebäudes als Schlachterei. In der westlichen befanden sich Eisenfragmente und Werkzeuge sowie zwei Steine, die möglicherweise als Ambosse gedient haben. Vor dem Gebäude lag ein Brunnenschacht, der mit Sandsteinplatten abgedeckt war. Bis 1909 waren etwa 62 Meter der Ringmauer aufgedeckt worden. An den meisten der untersuchten Stellen lag sie nur 20 bis 30 Zentimeter unter der Oberfläche. Ihr aufgehendes Mauerwerk war teilweise noch bis zu einer Höhe von 50 bis 60 Zentimeter erhalten.
1925 gelang dem Prähistoriker Wilhelm Unverzagt (1892–1971) die Auffindung der sogenannten „Alzeyer Brandschicht“ die das Ende der zweiten Besiedlungsphase des Kastells markierte. Aus dieser Brandschicht wurde vor allem Keramik des späten 4. Jahrhunderts n. Chr. geborgen.Wilhelm Unverzagt: Die Keramik des Kastells Alzei. Frankfurt am Main 1916. 2. Nachdruck Habelt, Bonn 1976, ISBN 3-7749-0686-6 (Materialien zur römisch-germanischen Keramik Heft 2). Die von Unverzagt publizierten Alzeyer Komplexe spätantiker Keramik werden in der Forschung heute noch als Hilfsmittel zur Datierung anderer Fundplätze dieser Epoche herangezogen. Mehrere Ausgrabungskampagnen im Kastellbereich wurden auch vom Institut für Vor- und Frühgeschichte der Universität Mainz vorgenommen.
Fundspektrum Datierbare Funde des vicus reichen bis in die Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. Für die Datierung des Kastells waren vor allem die Münzfunde und ein Ziegelstempel der Legio XXII Primigenia von Bedeutung. Die im Grabungsareal aufgefundenen Gegenstände (hauptsächlich römische Gläser, Keramik) geben teilweise Aufschluss über die Herkunft der Kastellbewohner. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang ein Kamm mit glockenförmigem Griff, der unter den ostgermanischen Völkern weitverbreitet war. Andere Kammtypen aus Alzey stammen aus elbgermanischen Regionen. Hier aufgefundene halbrunde, kerbschnittverzierte Gürtelschnallenplatten vom Typ Muthmannsdorf wurden vor allem an der Donau sowie bei den Elb- und Ostgermanen beobachtet, aber auch provinzialrömische Typen sind hier vertreten. Der Fund von Spiralfibeln vom Typ Mildenberg, die nicht vor 440 n. Chr. entstanden, markiert die alamannische Besiedlungsphase des Kastells.Claudia Theune: Germanen und Romanen in der Alamannia. Strukturveränderungen aufgrund der archäologischen Quellen vom 3. bis zum 7. Jahrhundert (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Band 45). de Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-017866-4, S. 412.
1929 wurde der Fund einer 5 × 11,5 cm großen Kalksteinplatte mit drei eingravierten Büsten und zwei Christusmonogrammen in der Südostecke des Kastells gemeldet. Der traditionellen Deutung zufolge handelt es sich um einen frühchristlichen Brotstempel aus dem 4. Jahrhundert, mit dem das Brot für die Abendmahlfeier markiert wurde; allerdings gibt es Argumente dafür, dass es sich um eine moderne Fälschung handelt.Mathilde Grünewald: Der vermeintliche frühchristliche Brotstempel aus Alzey. In: Patrick Jung, Nina Schücker (Hrsg.): Utere felix vivas. Festschrift für Jürgen Oldenstein (= Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie. Band 208). Habelt, Bonn 2012, S. 71–75.
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