mini|hochkant|John J. Mearsheimer (2007)

John Joseph Mearsheimer (* 14. Dezember 1947 in Brooklyn, New York City) ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler an der University of Chicago. Sein Schwerpunkt ist die Analyse internationaler Beziehungen aus der Perspektive des offensiven Neorealismus, den er erstmals 2001 in seiner Monografie The Tragedy of Great Power Politics darstellte.

Nach dieser Theorie, einer Richtung der neorealistischen Theorie in Internationalen Beziehungen, sind Staaten mit einem gegebenen Maß an Macht nicht zufrieden, sondern streben aus Sicherheitsgründen nach Hegemonie. Mearsheimers Erklärungsansatz und seine darauf gegründete Auffassung, für den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine sei vor allem die außenpolitische Strategie der USA verantwortlich, wurden besonders nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 kontrovers diskutiert.

Mearsheimer ist zusammen mit Stephen Walt Autor des New-York-Times-Bestsellers The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy (2007).

Leben Mearsheimer wurde im Dezember 1947 in Brooklyn, New York, geboren und wuchs bis zum achten Lebensjahr in New York City auf, bis seine Eltern nach Croton-on-Hudson umzogen.John Mearsheimer Interview: Conversations with History; Institute of International Studies, UC Berkeley

Im Alter von 17 Jahren ging Mearsheimer zur Armee. Nach einem Jahr entschied er sich, die Militärakademie in West Point zu besuchen, wo er von 1966 bis 1970 blieb. Im Sommer 1970 heiratete er Mary T. Cobb. Aus der Ehe stammen eine Tochter und zwei Söhne. Nach seinem Abschluss 1970 diente er fünf Jahre als Offizier in der Luftwaffe.Conversations in International Relations:Interview with John J. Mearsheimer (Part I)Conversations in International Relations: Interview with John J. Mearsheimer (Part II)

In dieser Zeit erwarb er den Master-Abschluss in Internationalen Beziehungen von der University of Southern California. Danach studierte er an der Cornell University und erwarb 1980 seinen Ph.D. in Regierungslehre mit besonderem Schwerpunkt auf Internationalen Beziehungen. Von 1978 bis 1979 arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Brookings Institution in Washington, D.C.; von 1980 bis 1982 war er Assistent am Center for International Affairs an der Harvard University. Von 1998 bis 1999 war er Mitarbeiter am Council on Foreign Relations in New York.

Seit 1982 ist Mearsheimer Mitglied der politikwissenschaftlichen Fakultät der University of Chicago. . Er wurde 1984 Privatdozent, 1987 Professor und 1996 zum „R. Wendell Harrison Distinguished Service Professor“ ernannt. Von 1989 bis 1992 war er Leiter der politikwissenschaftlichen Abteilung. Er ist auch Fakultätsmitglied des Graduiertenprogramms und zweiter Direktor des Programms für Internationale Sicherheitspolitik.

Im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen 2016 und 2020 unterstützte Mearsheimer den demokratischen Mitbewerber Bernie Sanders. Er begründete dies mit ökonomischer Ungleichheit als dringlichstem Problem westlicher Staaten.

Forschungsbeiträge und Publikationen Mearsheimers Publikationen umfassen Conventional Deterrence (1983), Nuclear Deterrence: Ethics and Strategy (co-editor, 1985); Liddell Hart and the Weight of History (1988); The Tragedy of Great Power Politics (2001), das den Lepgold Book Prize gewann; The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy (2007) und Why Leaders Lie: The Truth About Lying in International Politics (2011).Reid, Stuart (14. Januar 2011) Diplomacy and Duplicity, Slate.com Seine Artikel erscheinen in Fachzeitschriften wie International Security und Magazinen wie The London Review of Books.

Er schreibt Gastbeiträge für The New York Times, die Los Angeles Times, und die Chicago Tribune.

Conventional Deterrence, 1983 Mearsheimers erste Monografie befasst sich mit der Frage, inwiefern die Entscheidung, einen Krieg zu beginnen, vom vermuteten Ausgang des Konflikts abhängig ist. Sein Hauptargument hinsichtlich der Wirksamkeit der Abschreckungspolitik, die zu seiner Zeit die Außenpolitik bestimmte, ist, dass sie nur dann wirksam ist, wenn der mögliche Angreifer den Erfolg seines Angriffs für unwahrscheinlich oder zu kostenintensiv hält. Im gegenteiligen Fall ist die Abschreckung unwirksam. Diese Annahme seiner Theorie wird allgemein geteilt. Im Besonderen hängt der Erfolg des Angreifers von der Strategie seines Gegners ab. Die erste von drei möglichen Strategien ist die des Erschöpfungskrieges, der ein hohes Maß an Ungewissheit über den Ausgang und hohe Kosten für den Angreifer mit sich bringt.

Die zweite „Strategie der begrenzten Ziele“ ist risikoärmer und weniger aufwändig. Die dritte Strategie, die einen „Blitzkrieg“ plant, verspricht schnellen und entscheidenden Erfolg zu geringen Kosten.

Mearsheimer schreibt die Misserfolge auf modernen Kriegsschauplätzen dem Irrtum des Angreifers zu, einen Blitzkrieg führen zu können.John Mearsheimer, Why the Soviets Can't Win Quickly in Central Europe, early article version of Conventional Deterrence chapter, undated. Die anderen beiden Strategien führen kaum zum Versagen der Abschreckung, weil (beim Erschöpfungskrieg) die geringen Erfolgschancen und die hohen Kosten oder (bei der Strategie der begrenzten Ziele) die nur geringen Gewinne verbunden mit dem Risiko der Entstehung eines Erschöpfungskrieges dagegen stehen. Wenn der Angreifer jedoch eine schlüssige „Blitzkrieg“- Strategie besitze, sei ein Angriff wahrscheinlich, da die möglichen Vorteile die Kosten und Risiken überwögen.

Neben Analysen des Zweiten Weltkrieges und des arabisch-israelischen Konflikts leitet Mearsheimer daraus Schlussfolgerungen für Mitteleuropa im Kalten Krieg ab. Ein Angriff der Sowjetunion erschien ihm 1983 unwahrscheinlich, da eine Blitzkriegstrategie nicht angewandt werden konnte. Das Mächtegleichgewicht und die Schwierigkeiten eines raschen Vorstoßes durch Mitteleuropa angesichts der NATO-Streitkräfte machten den Ausbruch eines konventionellen Krieges unwahrscheinlich. Zum Zweiten Weltkrieg stellte er dar, dass der Feldzug Deutschlands gegen Polen 1939 kein Blitzkrieg gewesen sei, und dass der Blitzkrieg gegen Frankreich 1940 nach dem Sitzkrieg nur gegen erhebliche Widerstände und nach Strategieänderungen auch Adolf Hitlers durchgeführt wurde. Die Alliierten hätten eine für Polen unrealistische Garantie abgegeben und sich aus Furcht vor einem Erschöpfungskrieg und der momentanen Überlegenheit Deutschlands zurückgehalten. Die Abschreckung habe demnach versagt, Polen wurde in dieser Strategie dem Gegner überlassen. Auch sei 1940 auf Seiten Frankreichs weiterhin die Angst vor einem Stellungskrieg wie im Ersten Weltkrieg vorherrschend gewesen. Insofern habe nie eine französische Angriffsabsicht bestanden, die von der deutschen Seite teilweise angenommen wurde. Auch hier habe also die Abschreckung versagt.

Aufsätze zur atomaren Abschreckung, 1990 bis 2000 1990 veröffentlichte Mearsheimer einen Aufsatz, in dem er die These vertrat, dass Europa zu einer multipolaren Situation ähnlich der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückkehren könnte, wenn amerikanische und sowjetische Truppen sich nach dem Ende des Kalten Krieges zurückzögen. In einem anderen Artikel in The Atlantic vertrat er die These, dass diese multipolare Situation die Verbreitung von Atomwaffen fördern könnte, besonders in Deutschland.

In diesem Aufsatz und in einem Artikel in Foreign Affairs von 1993 „The case for a Ukrainian nuclear deterrent“,"The case for a Ukrainian nuclear deterrent", 1993. befürwortete er zur Verringerung der Kriegsgefahr, dass die USA Deutschland und die Ukraine ermutigen sollten, ein Nuklearwaffenarsenal aufzubauen, um der Gefahr durch einen extremen Nationalismus zu begegnen. Er stellte mehrere Szenarien für ein Europa ohne Anwesenheit amerikanischer und russischer Streitkräfte vor. Ein Europa mit Nuklearwaffen könne mit großer Wahrscheinlichkeit den Frieden bewahren; ohne eine nukleare Abschreckung würde Deutschland sicher wieder den Kontinent erobern (Seite 32–33). Für die Ukraine wäre es strategisch unklug, ihr nukleares Arsenal aufzugeben, was 1994 aber beschlossen und bis 1996 verwirklicht wurde. 2006 auf seine erste Annahme angesprochen, vertrat er weiterhin die Auffassung, seine Voraussagen würden sich bewahrheiten, wenn die USA sich aus Europa zurückzögen.

In Gastbeiträgen der Jahre 1998 und 2000 für The New York Times, verteidigte Mearsheimer das Recht Indiens, Nuklearwaffen zu erwerben, um Chinas und Pakistans Einfluss durch eine Abschreckungsstrategie auszugleichen und so den Frieden in der Region zu sichern. Er kritisierte die Nichtverbreitungspolitik der USA gegenüber Indien, weil er sie für unrealistisch und den amerikanischen Interessen in der Region zuwiderlaufend hielt.India Needs The Bomb, The New York Times, 24. März 2000.

The Tragedy of Great Power Politics, 2001 John Mearsheimer ist der führende Vertreter der Theorie des Offensiven Neorealismus. Diese Strukturtheorie legt anders als der klassische Realismus Hans Morgenthaus das Hauptgewicht der Analyse nicht mehr auf die Persönlichkeitsmerkmale von Politikern und politische Verlautbarungen von Diplomaten, sondern auf die fundamentale Konkurrenz aller Großmächte im Streben nach größtmöglicher Sicherheit innerhalb des anarchischen internationalen Systems. Im Unterschied zum defensiven Realismus von Kenneth Waltz betont Mearsheimers Ansatz, dass Staaten mit einem gegebenen Maß an Macht nicht zufrieden sind, sondern aus Sicherheitsgründen Hegemonie anstreben, weil die anarchische Struktur des internationalen Systems große Anreize für Staaten schaffe, Gelegenheiten zur Machterweiterung auf Kosten anderer zu suchen.John, J. Mearsheimer: The Tragedy of Great Power Politics. New York: W.W. Norton & Company, 2001. Mearsheimer fasste seine Vorstellungen 2001 in dem Buch The Tragedy of Great Power Politics wie folgt zusammen:

„Unter der Voraussetzung, dass es kaum zu bestimmen ist, wieviel Macht heute und morgen genügen wird, erkennen die Großmächte, dass der beste Weg, ihre Sicherheit zu gewährleisten, darin besteht, jetzt eine hegemoniale Stellung zu erreichen, womit sie jede Möglichkeit einer Herausforderung durch eine andere Großmacht ausschließen. Nur ein fehlgeleiteter Staat würde die Gelegenheit, Hegemonialmacht zu werden, an sich vorbeigehen lassen, weil er denkt, er habe schon genügend Macht um zu überleben.“

In dieser Welt gebe es keine Status-quo-Macht, da „eine Großmacht mit einem Machtvorteil sich gegenüber ihren Gegnern aggressiv verhält, weil sie die Fähigkeit und den Anreiz dazu hat.“ Er lehnt daher die demokratische Friedenstheorie ab, die postuliert, dass Demokratien nie oder nur selten Kriege miteinander führen.

Mearsheimer glaubt nicht an die Möglichkeit einer globalen Hegemonie. Staaten könnten grundsätzlich nur regionale Hegemonie erreichen und versuchten, andere davon abzuhalten, regionale Hegemonie zu erreichen, damit sie sich nicht in die staatlichen Angelegenheiten der Mitbewerber einmischen könnten. Staaten wie die USA, die regionale Hegemonie erreicht haben, wirken als Balancekräfte, die in anderen Regionen nur dann eingreifen, wenn die dortigen Mächte den Aufstieg eines Hegemons nicht verhindern können.

2004 lobte Mearsheimer den Historiker E. H. Carr für dessen Buch The Twenty Years’ Crisis, da dieser behauptet hatte, internationale Beziehungen seien ein „Krieg aller gegen alle“, in dem jeder Staat seine Interessen für erstrangig hält. Mearsheimer vertritt die Meinung, dass Carrs Argumente auch im Jahre 2004 noch genau wie 1939 gültig sind und bedauerte die vorherrschende idealistische Auffassung über internationale Politik in akademischen Kreisen Großbritanniens.

Die Israel-Lobby, 2007