mini|Sultan Abdülaziz mini|Tughra von Sultan Abdülaziz

mini|Karikatur von Sultan Abdülaziz im Vanity Fair, 1869

Abdülaziz (zeitgenössisch Abdul Aziz, ; geboren 8. Februar 1830 in Istanbul; gestorben 4. Juni 1876 im Istanbuler Feriye-Palast) war der 32. Sultan der Osmanen. Seine Herrschaftszeit fiel in die Zeit der Tanzimat-Reformen. Er war der erste osmanische Herrscher, der das europäische Ausland aufsuchte. In den ersten Jahren dominierte unter seiner Herrschaft (1861–1876) die Reformpolitik. In den letzten Jahren kam es zur Krise des Staates, die in Aufständen in den Balkan-Provinzen und im Staatsbankrott gipfelte. 1876 wurde der Sultan abgesetzt und starb entweder durch Selbsttötung oder Ermordung.

Leben Abdülaziz war der zweite Sohn des Sultans Mahmud II. Seine Mutter war Pertevniyal Valide Sultan, deren Herkunft umstritten ist. Sie war höchstwahrscheinlich tscherkessischer Abstammung, es heißt aber auch, sie sei Rumänin oder Kurdin gewesen. Ihr Geburtsname war Besime. Abdülaziz wurde im Sultanspalast erzogen und lebte wie für osmanische Thronerben üblich von der Öffentlichkeit isoliert. Die Partei der Alttürken war den Reformen der Tanzimat-Periode, die von Abdülaziz’ Bruder Abdülmecid I. mit der Verkündung des Hatt-ı Şerif von Gülhane (Edikt von Gülhane) 1839 eingeleitet worden war, abgeneigt und auch über die Annäherung des Sultans an die westeuropäische Kultur irritiert. Sie zettelte 1859 eine Verschwörung gegen Abdülmecid I. an, um an seiner Stelle Abdülaziz zum Sultan zu erheben. Das Komplott scheiterte, doch Abdülaziz konnte seinen Bruder überzeugen, dass er nicht darin verwickelt war, und wurde begnadigt.E. Dutemple: Abd-ul-Aziz. In: La Grande Encyclopédie, Bd. 1 (1886), S. 62.

Ära der Reformpolitik Regierungsantritt Am 25. Juni 1861 folgte Abdülaziz seinem Bruder Abdülmecid I. auf dem Thron. Entgegen den Erwartungen der alttürkischen Partei setzte er den innenpolitischen Reformkurs seines Vorgängers und die Annäherung an Europa fort. Am 1. Juli 1861 verkündete er den Westmächten in einer feierlichen Erklärung seine Absicht, seine Regierung nach dem Hatt-ı Şerif von Gülhane (1839) sowie jenem von 1856 auszurichten. Das Osmanische Reich war unter seinem Bruder in eine Finanzkrise geraten; auch hatte Abdülmecid I. hohe persönliche Schulden hinterlassen. Zu deren Bezahlung ließ Abdülaziz ostentativ Schmuck verkaufen; und die Staatsgläubiger suchte er durch die Herabsetzung seiner Zivilliste von 75 auf 12 Millionen Piaster zu beruhigen. Den wegen Verschwendung angeklagten Riaz Pascha ließ er inhaftieren.

Abdülaziz schickte 200 Frauen seines Harems heim und erklärte, sich mit einer Gemahlin begnügen zu wollen. Später holte er aber zahlreiche tscherkessische Sklavinnen in den Harem. Human verhielt er sich gegen die Söhne seines verstorbenen Bruders; auch ließ er entgegen altem Brauch die Söhne der verheirateten Prinzessinnen am Leben.Karl Süssheim: ʿAbd al-ʿAzīz. In: The Encyclopaedia of Islam, 1. Auflage, Bd. 1 (1913), S. 38.Abd-ul-Aziz 1), in: Pierer’s Konversations-Lexikon, 6. Auflage, 1875-79, Bd. 1, S. 34. Er hatte eine gewisse Bildung erlangt und beherrschte Englisch und Französisch; und eine gleichwertige Ausbildung wollte er dem ältesten Sohn von Abdülmecid I. und Thronerben, Murad, ermöglichen. Zu diesem Zweck ließ er Murad von herausragenden Lehrern unterrichten und die Militärakademie von Istanbul besuchen. Ein weiteres wichtiges Signal seines Reformwillens setzte er im November 1861 durch die Ernennung von Mehmed Fuad Pascha zum Großwesir. 1857 war sein Sohn Yusuf Izzettin Efendi auf die Welt gekommen; 1868 folgte sein Sohn Abdülmecid II. und 1874 sein Sohn Şehzade Mehmed Seyfeddin Efendi (Mutter: Gevherî Vâlide Sultan).

Aufstände Die Herrschaft von Abdülaziz blieb zwar von auswärtigen Kriegen verschont, doch in mehreren zum Osmanischen Reich gehörigen Ländern brachen Aufstände aus. 1862 erhob sich die Bevölkerung Montenegros zum Freiheitskampf, unterlag aber und musste kapitulieren. Bei einer im gleichen Jahr ausgebrochenen Revolte in Belgrad ordnete der türkische Festungskommandant im Juni 1862 die Bombardierung der Stadt an. 1863 wurde nach der Intervention der westlichen Mächte eine für Serben und Montenegriner akzeptable Friedensvereinbarung beschlossen. Dagegen unterhielt Abdülaziz gute Beziehungen mit Ägypten. 1863 kam Ismail Pascha nach Istanbul, um durch den Sultan die Investitur zu erhalten. Im gleichen Jahr reiste Abdülaziz im Zusammenhang mit dem Bau des Suezkanals nach Alexandria und erhielt die ihm als Souverän zustehenden Ehren. 1867 verlieh der Sultan wegen der Geldnot seines Staats Ismail Pascha gegen die Verdoppelung des Tributs den erblichen Titel eines Khediven; Ägypten wurde, wenn auch nicht formell, so doch faktisch unabhängig vom Osmanischen Reich.

Rumänien hatte schon früher die völlige Unabhängigkeit verlangt und entgegen dem Pariser Vertrag 1866 Karl von Hohenzollern zum Fürsten gewählt. Ein ähnlich nationales Empfinden gab es in Serbien. 1867 mussten die Osmanen nach langwierigen Verhandlungen die Zitadelle Belgrads und die übrigen Festungen räumen. Bereits 1866 war es zum Aufstand auf Kreta gekommen, da der Sultan geforderte radikale Veränderungen in der Verwaltung der Insel nicht bewilligt hatte. Die Kreter wollten den Anschluss ihrer Insel an das Königreich Griechenland. Ihr Aufstand scheiterte 1869; Kreta blieb beim Osmanischen Reich. 1875 kam es unter dem Einfluss Russlands in Bosnien und der Herzegowina zu blutigen Unruhen. 1876 fand in Bulgarien der rasch unterdrückte Aprilaufstand statt.

Innere Reformen; internationale Beziehungen Unter Abdülaziz hatten die Reformminister Mehmed Fuad Pascha und Mehmed Emin Ali Pascha zentralen Einfluss auf die Politik. Sie schränkten die reale Machtausübung des Sultans ein.Justin McCarthy: Abdülaziz, in: Encyclopedia of the Modern Middle East and North Africa, 2004, Bd. 1, S. 24. Im Gegensatz zu früheren Sultanen war Abdülaziz für seine Untertanen relativ leicht erreichbar und nahm sogar an von europäischen Residenten in Istanbul veranstalteten gesellschaftlichen Treffen teil. Ein Signal religiöser Toleranz setzte er, indem er 1862 dem griechisch-orthodoxen Bischof von Bursa eine bedeutende Geldsumme zum Bau einer Kirche zur Verfügung stellte. Im gleichen Jahr ließ er sein Reich auf der Weltausstellung in London vertreten und schloss Handelsverträge mit Russland, Schweden, Spanien, dem Deutschen Zollverein und Österreich. Ebenfalls 1862 fand eine Finanzreform statt; erstmals wurde ein vorläufiges Budget für die voraussichtlichen Einnahmen und Ausgaben des Reichs erstellt und eine Kommission zur Kontrolle der Staatsschulden eingesetzt. Im Februar 1863 firmierte die Ottomanische Bank in die Banque impériale ottomane mit Hauptsitz in Istanbul um und fungierte als wichtiger Kreditgeber der osmanischen Regierung. 1863 wurde auch ein Rechnungshof geschaffen. Indessen genügten diese Maßnahmen nicht, um die Finanzlage zu stabilisieren.E. Dutemple: Abd-ul-Aziz. In: La Grande Encyclopédie, Bd. 1 (1886), S. 62–63.

So belastete neben anderen Reformen vor allem die Modernisierung der osmanischen Armee und der Flotte das Budget. Das Heer wurde verstärkt und mit neuer Bekleidung und Bewaffnung versehen; die Soldaten hielten kostspielige große Manöver ab. Weitere bedeutende Geldsummen investierte der Sultan in Maßnahmen zur Verschönerung der Reichshauptstadt. Zur Finanzierung wurden fast jährlich Anleihen aufgelegt, von denen mehrere nur mühsam kontrahiert werden konnten. Die Regierung war damit, wie schon bisher seit der Zeit des Krimkriegs, auf europäische Kreditgeber angewiesen. Die Erwartung der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und erhöhter Steuereinnahmen infolge der Reformen erfüllte sich nicht.

Zu weiteren Reformen gehörten 1864 die Aufhebung der Vorzensur sowie die rechtliche Gleichstellung der Ausländer. Im gleichen Jahr kam es durch das Vilâyet-Gesetz zur Schaffung einer novellierten Provinzialordnung nach französischem Vorbild; das Vilâyet bildete nun die oberste administrative Einheit. Das osmanische Verwaltungssystem wurde durch das Vilâyet-Gesetz, das 1867 einer Reform unterzogen wurde, zentralisiert. Midhat Pascha regierte von 1864 bis 1872 im Donau-Vilâyet und in Bagdad, um hier gemäß der neuen Provinzialordnung Musterprovinzen einzurichten. 1867 gewährte Abdülaziz Ausländern den Erwerb von Grundbesitz.Hans-Jürgen Kornrumpf: Abdülaziz. In: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Band 1. München 1974, S. 2 f.

Während das Vereinigte Königreich im Allgemeinen eine protürkische Diplomatie betrieb, blieb Russland der Hauptfeind des Osmanischen Reichs und destabilisierte es. Nachdem Russland etwa 1864 das Gebiet der Tscherkessen im Nordkaukasus und 1867 Abchasien erobert hatte, wurden mehr als 1 Million dortige Muslime in Häfen des Schwarzen Meers zwangsverschifft und von den Osmanen in Anatolien sowie auf dem Balkan angesiedelt. Die Flüchtlinge erhielten aber wenig Unterstützung; in der Folge kam es zwischen ihnen und der ansässigen Bevölkerung zu Konflikten.Justin McCarthy: Abdülaziz, in: Encyclopedia of the Modern Middle East and North Africa, 2004, Bd. 1, S. 25.

Europareise; weitere Reformen mini|Empfang von Kalif-Sultan Abdülaziz auf dem Gare de Lyon in Paris durch Kaiser Napoleon III. am 30. Juni 1867 Abdülaziz pflegte gute Beziehungen zu Frankreich und dem Vereinigten Königreich. Ein Zeichen der Annäherung an Europa, als zwischen vielen von dessen Mächten und der Hohen Pforte Misshelligkeiten wegen der Pazifikation Kretas bestanden, war der Besuch des Sultans bei der Pariser Weltausstellung im Jahr 1867. Er war der erste osmanische Herrscher, der eine Europareise unternahm.Hoiberg, Dale H., ed. (2010). "Abdülaziz". Encyclopædia Britannica. Vol. I: A-ak Bayes (15th ed.). Chicago, IL: Encyclopædia Britannica Inc. pp. 21. ISBN 978-1-59339-837-8. Kaiser Napoleon III. hatte Abdülaziz zur Weltausstellung eingeladen, ebenso wie alle anderen europäischen Staatsoberhäupter. In seiner Begleitung befanden sich sein ältester Sohn Yusuf Izzettin Efendi, sein ältester Neffe und präsumtiver Thronfolger Murad und der Außenminister Fuad Pascha. Abdülaziz wurde am 30. Juni 1867 glänzend von Kaiser Napoleon III. in Paris empfangen. Vom 12. bis zum 23. Juli verweilte er in London und begegnete der britischen Königin Victoria. Am 24. Juli traf er in Koblenz den preußischen König Wilhelm I. und dessen Gattin Augusta. Anschließend hielt er sich fünf Tage in Wien auf, wurde von Kaiser Franz Joseph I. empfangen und traf am 7. August 1867 wieder in Istanbul ein."Die Türken kommen!": Exotik und Erotik: Mozart in Koblenz und die Orient-Sehnsucht in der Kunst; Katalog zur Ausstellung im Mittelrhein-Museum Koblenz, 2006, ISBN 3-931014-70-3

Die durch den direkten Kontakt mit der westeuropäischen Zivilisation gewonnenen Eindrücke bestimmten Abdülaziz zur Inangriffnahme weiterer Verbesserungen im Verwaltungs- und Justizwesen, wie er denn 1868 bei der Eröffnung des neu eingerichteten Staatsrats zusätzliche Reformen nach westeuropäischem Muster in Aussicht stellte. Im September 1868 ließ er etwa das Galatasaray-Gymnasium als Istanbuler Eliteschule nach französischem Vorbild reorganisieren, die allen Osmanen offenstand. Überhaupt ließ er das öffentliche Schulwesen nach jenem in Frankreich reformieren. In einem nationalen Curriculum waren auch Natur- und Ingenieurwissenschaften enthalten. Ferner wurde die Errichtung einer im europäischen Sinn organisierten Universität in Istanbul anvisiert und ein Kassationsgerichtshof eingerichtet. Des Weiteren gründete Abdülaziz eine Wetterwarte.Enver Ziya Karal: ʿAbd al-ʿAzīz. In: The Encyclopaedia of Islam., 2. Auflage Bd. 1 (1960), S. 56.