mini|Erotische Laktation Erotische Laktation () bezeichnet das Stillen eines erwachsenen Partners beziehungsweise eine Relaktation primär aus erotischen Gründen. Je nach Art und Ausrichtung der erotischen Beziehung finden auch andere, insbesondere englische Begriffe Verwendung, wie z. B. adult nursing, adult breastfeeding oder Adult Nursing Relationship (ANR).
Die ebenfalls vorkommenden Wortbildungen Milch-Fetischismus und Laktophilie sind umgangssprachliche Pseudo-Fachbegriffe, die nicht den Regeln der Wortbildung für Paraphilien im medizinisch-diagnostischen Kontext entsprechen. Insbesondere muss für das Vorliegen einer Paraphilie nach den Definitionen des ICD-10 und des DSM-IV ein Leidensdruck aus der betreffenden sexuellen Neigung hervorgehen. Zudem wird das Wort Fetisch im medizinisch-diagnostischen Kontext nicht für primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale verwendet und bezieht sich normalerweise auf unbelebte Gegenstände.Roland Schöbl: Erotische Laktation. Denkholz 2007, ISBN 978-3-9811894-1-4.
Laktation, Relaktation und Induzierte Laktation Die erotische Laktation kann sich aus dem normalen Stillen eines Kindes heraus entwickeln, und der Milchfluss wird durch kontinuierliche Stimulation erhalten.
Die Ursache für einen spontanen Milchfluss (Galactorrhoe) ist nicht selten eine Stimulation der Brustwarzen, und es ist möglich, den Milchfluss gezielt nur durch mechanische Stimulation der Brustwarzen hervorzurufen (Induzierte Laktation).Roy J. Levin: The breast/nipple/areola complex and human sexuality. In: Sexual & Relationship Therapy, Mai 2006, Ausgabe 21, S. 237–249.
Der Milchfluss kann aber auch gezielt und unabhängig von einer Schwangerschaft oder der Reproduktionsfähigkeit hervorgerufen werden. Dies wird induzierte Laktation genannt, während bei einer Frau, die den Milchfluss nach einer Stillpause wieder in Gang bringt, das Wort Relaktation zur Anwendung kommt. Dies kann erfolgen, indem regelmäßig mehrmals am Tag an den Brustwarzen gesaugt wird. Zusätzlich oder stattdessen kann auch gepumpt, massiert und „ausgemolken“ werden. Außerdem wird oft zeitweilig ein unterstützendes Medikament eingenommen, am bekanntesten ist der Dopaminantagonist Domperidon.Use of galactogogues in initiating or augmenting maternal milk supply. The Academy Of Breastfeeding Medicine, ABM Protocol #9; (PDF).Orlando P. Da Silva, David C. Knoppert: Health and drug alerts: Domperidone for lactating women. In: Canadian Medical Association Newsletter, 28. September 2004. cmaj.ca (PDF). Ein laktogener Effekt von pflanzlichen Mitteln konnte klinisch nicht nachgewiesen werden, obwohl zahlreiche Mittel seit langer Zeit als „milchfördernd“ empfohlen werden. Der Milchfluss bleibt erhalten, solange die Brust regelmäßig stimuliert wird.
Verbreitung Bei lesbischen Beziehungen hat das gegenseitige oder einseitige Stillen um 1930 Erwähnung in der Fachliteratur gefunden, jedoch sind genaue Zahlen nicht bekannt.Zitat: „[Das Stillen] … ist den Lesbierinnen wohl bekannt, die nicht nur aus erotischen Gründen sich gegenseitig an den Brustwarzen saugen, sondern hauptsächlich, um durch Milchflußerzielung den für sie nutzlosen und unangenehmen Monatsfluß zu verhindern.“ In: Institut für Sexualforschung: Universallexikon der Sittengeschichte und Sexualwissenschaft. Wien 1928–1932. Die Londoner Zeitschrift The Sunday Times berichtete am 13. März 2005 von einer wissenschaftlichen Untersuchung mit 1690 britischen Männern, die ergab, dass bei 25 bis 33 Prozent der Paare der Mann die Muttermilch aus der Brust seiner stillenden Frau getrunken hat. Die meisten taten dies mehrfach und gaben als Grund nicht Neugier, sondern ein emotionales Bedürfnis an.Lois Rogers: Earth dads give breast milk a try. In: The Sunday Times vom 13. März 2005. Verfügbar unter . Ein ausführlicher wissenschaftlicher Bericht wurde 2007 von Roland Schöbl veröffentlicht.Roland Schöbl: Erotische Laktation, Denkholz 2007, ISBN 978-3-9811894-1-4. Im Oktober 2007 wurde in Deutschland eine Untersuchung zum Stillen des erwachsenen Partners veröffentlicht, dabei gaben von den befragten 8500 Personen etwa 70 Prozent der Männer, knapp 60 Prozent der heterosexuellen Frauen und fast 80 Prozent der Lesben an, gerne die Milch des Partners trinken zu wollen oder ihn trinken zu lassen.Die meisten Männer würden gerne die Milch aus der Brust ihrer Frau trinken. Schlaunews. Darüber hinaus existieren nahezu keine Berichte oder Untersuchungen über das Stillen von Erwachsenen aus erotischen Gründen. 2014 meldeten mehrere größere Zeitungen, dass bei weltweiten Google-Suchen die Phrase "mein Mann möchte, dass ich ihn stille" ein viel beliebterer Suchbegriff ist, als "mein Mann möchte sich trennen" und "mein Mann möchte ein Baby" zusammen.TIME (Time magazine, USA), May 21, 2014, https://time.com/106571/male-breastfeeding-google/http://www.nytimes.com/2014/05/18/opinion/sunday/what-do-pregnant-women-want.html?_r=0 In den Jahren 2018/2019 war es in westafrikanischen Ländern wie Uganda und Tansania häufiger Medienthema, dass angeblich Ehemänner ihren Kindern die Brustmilch wegtrinken würden und Gesundheitsministerin Sarah Opendi machte das zum politischen Thema. Die Behauptungen gipfelten darin, dass dies eine wichtige Ursache von Unterernährung von Babys sein könnte.https://www.sde.co.ke/article/2001291015/ugandan-men-fight-for-breast-milk-with-babiesURL: https://www.theguardian.com/global-development/2020/jan/28/she-cant-say-no-the-men-who-take-breast-milk-from-babieshttps://www.tuko.co.ke/281735-minister-warns-men-competing-breast-milk-children.html
Empfindungen beim Stillen eines Kindes, ob sexueller oder asexuell-angenehmer Art, fallen normalerweise nicht unter den Begriff Erotische Laktation, solange nicht gezielt zum eigenen Lustgewinn gestillt wird. Je nach Studie geben zwischen 25 und 40 Prozent der Frauen an, durch das Stillen eines Kindes schon einmal sexuell erregt worden zu sein.Beispielsweise Masters, Johnson, Kolodny: Human Sexuality. 1982. Marvin S. Eiger, Sally Wendkos Olds: The complete book of Breastfeeding. Third edition. 1999. Ob solche Gefühle erlebt werden, hängt von vielen Faktoren ab, insbesondere auch kulturellen Normvorstellungen. Entwicklungsgeschichtlich entstehen angenehme Empfindungen, um zu einem bestimmten Verhalten zu motivieren.
Arten der erotischen Laktation Milchspiele: Jede Art sexueller Aktivitäten, die die Milch der Frau mit einbeziehen. Sehr weit verbreitet in der Zeit unmittelbar nach einer Geburt, da die sexuelle Erregung in dieser Zeit bei vielen Frauen den Milchspendereflex auslöst.Lois Rogers: Earth dads give breast milk a try. In: The Sunday Times, 13. März 2005; Adult Nursing Relationship (ANR): Deutsch: „Erwachsenen-Stillbeziehung“. Das Saugen der Milch aus der Brust als Ausdruck starker Intimität und gemeinsamer Zärtlichkeit, wobei die Beziehung der beiden Partner gleichrangig ist (z. B. kein Infantilismus). Erwachsenen-Stillbeziehungen beruhen auf einer stabilen Langzeitbeziehung, da es sonst auch kaum möglich ist, den Milchfluss aufrechtzuerhalten. Auf der anderen Seite wird sehr häufig berichtet, dass das Stillen einen stark bindenden und stabilisierenden Einfluss auf die Partnerschaft hat.Carl Buttenstedt: Die Glücksehe (Die Offenbarung im Weibe). Eine Naturstudie. Reform-Verlag, Berlin-Schöneberg 1910. Die Frau kann beim Stillen u. U. einen Orgasmus erleben oder einen angenehmen Milchspendereflex, aber beides muss nicht immer der Fall sein und ist auch nicht das Ziel des Stillens. Die meisten Paare berichten, dass ihr Grund für die Erwachsenen-Stillbeziehungen eher die intensive Intimität und gemeinsame Bindung ist. Pumpen: Einige Frauen pumpen ihre Milch aus sinnlichen Gründen ab oder streichen sie aus, unabhängig davon, ob sie gerade einen Partner haben oder nicht. Neben den sinnlichen Gefühlen geben viele Frauen als Grund an, dass sie sich als stillende Frauen sehr weiblich fühlen. Es kommt sowohl vor, dass sich Frauen nach dem Abstillen eines Kindes selbst die Milchbildung noch längere Zeit erhalten, als auch, dass Frauen die Milchbildung gezielt hervorrufen.Fiona Giles: Fresh Milk – The Secret Life of Breasts. Simon and Schuster, NY / Allen and Unwin, Sydney 2003. Es existieren auch mindestens drei BDSM-Varianten der erotischen Laktation: mini|Erotische Laktation im S/M-Kontext Infantilismus/Ageplay: Der Partner nimmt in einem Rollenspiel die Rolle eines Babys ein, das von der stillenden Frau gepflegt und gestillt wird. Das Stillen hat in dieser Variante eher einen sekundären Charakter. Stillen als Belohnung oder Ersatz: Das Stillen eines submissiven (BDSM) Partners kann als Belohnung für seine Unterordnung dienen oder als Surrogat für nicht erlaubte (andere) sexuelle Handlungen z. B. in einer Cuckold-Beziehung. Melken: Das „Melken“ (auch „forced lactation“) der submissiven Frau oder die Anweisung an sie, Milch für ihren dominanten Partner zu geben. Diese Variante ist auch als Petplay (z. B. HuCow) möglich. Das Auftreten einer BDSM-Spielart schließt andere Varianten nicht aus, wie z. B. umgekehrt das „Melken“ durchaus auch ein Spiel bei ganz normalen (Nicht-BDSM-) Paaren sein kann. Stillen eines Kindes: Sinnliche bis sexuelle Empfindungen beim Stillen eines Kindes kommen häufig vor,Alison Bartlett: Maternal sexuality and breastfeeding. University of Southern Queensland, Australia 2006.Lisa Mees-Liechti: Lust und Frust. In: Schweizer Hebamme, 3/2004.Michel Odent: Die Natur des Orgasmus. Verlag C.H.Beck, München 2010.Marvin S. Eiger, Sally Wendkos Olds: The complete book of Breastfeeding. Third edition. 1999. sollten aber erst dann zur Erotischen Laktation zugerechnet werden, wenn das Stillen primär zum eigenen Lustgewinn erfolgt.
Kulturelle und historische Aspekte Daoismus Vor dem Entstehen des Konfuzianismus wurden im chinesischen Daoismus verschiedene alchemistische Sexualpraktiken gelehrt, die im menschlichen Geschlechtsakt die Möglichkeit sahen, durch „Energieaustausch“ der beiden Geschlechter bzw. im einseitigen „Energie-Konsumieren“ des Mannes Stärkung, ein hohes Alter oder sogar Unsterblichkeit zu erlangen. Um sein Yang zu stärken, sollte der Mann während des Liebesspiels unter der Zunge und aus den Brüsten der Frau Yin-Essenzen trinken und sie außerdem mit dem Penis aus der Vagina der Frau aufnehmen, was sich stärkend auf seine eigene Energie auswirken sollte. Wenn ein Energieaustausch (Kreislauf) das Ziel der betreffenden Lehre war, dann sollte der Mann der Frau seine Energie durch seinen Samen zurückgeben. Meist gingen die Anforderungen jedoch über den Energieaustausch hinaus und die einseitige Anhäufung von Energie durch den Mann trat in den Vordergrund. Der betreffende daoistische Adept musste eine Ejakulation daher vermeiden, um sein gesamtes Qì („Lebensenergie“) im Körper zu bewahren. Die Anweisungen zu solchen sexuellen Praktiken hatten den Charakter einer Geheimlehre.Henri Maspero: Les Procédés de ‹Nourir le Principe Vitale› dans la Religion Taoiste Ancienne. In: Journal Asiatique, 229, 1937, S. 177–252, 353–430.Douglas Wile: Art of the Bedchamber: The Chinese Sexual Yoga Classics Including Women’s Solo Meditation Texts. SUNY Press, 1992. Die Energie, die aus den Brüsten gesaugt werden sollte, hatte Namen wie „Korallenessenz“, „Weißer Schnee“ oder „Saft des Apfels der Unsterblichkeit“. In China, Vietnam, Korea und Japan ist der Glaube an die besondere Wirkung der Frauenmilch auf Erwachsene, und ganz besonders wenn sie direkt aus der Brust getrunken wird, auch heute noch immer nicht ganz verschwunden.Hans Peter Duerr: Der Mythos vom Zivilisationsprozeß. Band 4: Der erotische Leib. 1997, S. 443.
Christentum mini|Lactatio des hl. Pedro Nolasco (1663 in Peru)